Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wichs, wichse, m., f.

wichs(e), m., f.
vom verbum wichsen (s. u.) leiten sich folgende, unabhängig voneinander entstandene rückbildungen her (I—IV).
I.
wichse, f., putzmittel für ledersachen, insbes. schuhe, das nach dem auftragen blank gewichst wird (zu wichsen 1); wichse, f., cirure Frisch nouc. dict. (1730) 668; Lind t.-schwed. (1749) 1811: nichts von jener romantischen vermischung unsrer tage, wo sohle, leder, klappen, falten, püschel, wichse, alles dazu beitragen musz, um mannigfaltigkeit ... hervorzubringen Tieck schr. (1828) 5, 581; sogar aschgraue stiefeln! woher er wohl die wichse bezieht? Grabbe w. 4, 53 Blumenthal; diesen (pinsel) tauchte der träger voll geistesgegenwart in die schwarze wichse, sprang mutig den vordersten feinden entgegen und bestrich blitzschnell ihre gesichter G. Keller ges. w. (1889) 5, 184; die geliebte aber ihn auf jene welt vertröstet, in welcher er nicht mehr nach wichse riechen wird Immermann w. 1, 28 Hempel; (die leibriemen) waren sorgfältig mit wichse, hartwachs und spiritus behandelt worden Renn adel im untergang (1947) 177.
II.
wichse, auch wichs, f., prügel (zu wichsen 2 a); vorwiegend umgangssprachlich und mundartlich (oft pluralisch): näher komme ich ihnen nicht. kommen sie, so giebt es wixe, und das aus pfeffer und salz Hermes Sophiens reise (1769) 2, 406; Guntel, mein seel, 's gibt wix! maler Müller w. (1811) 1, 244; ob nun ein schaden oder keiner entstanden, so erhielt ich wix von der frau J. Gotthelf ges. schr. (1855) 1, 70; er wartete noch auf die richtigen wichse — da hörte er, dasz er sie schon habe, und erhielt den befehl, sich zu setzen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 5, 25. im wortspiel mit I: wenn des soldaten wäsche nicht immer weisz ist, seine schuhe nicht immer glänzend gewichst sind, so bekommt er die wichse mit dem stocke Wagner Kaukasus (1850) 2, 58. mundartl. allgemein üblich, vgl. u. a. Mensing schlesw.-holst. 5, 616; Brendicke Berlin 193ᵃ; Crecelius Oberhessen 911; Fischer schwäb. 6, 749. beachte: wichs, m., schlag, streich, wichse, f. züchtigung Lexer Kärnten 257.
III.
wichs, m., (f.), in der studentensprache: 'putz, staat'; dann auch umgangssprachlich für 'festgewand, bester anzug': en wix sehr geputzt Kindleben stud.-lex. (1781) 217; kommen sie, wenn sie im wichs sind, man ... wartet ... auf uns, wir sind gemeldet W. Raabe hungerpastor (1864) 2, 72; die meisten ritten ... in dem damaligen sogenannten 'wichs', d. h. in buntfarbigen, schnürebesetzten colletten, weisz gekollerten lederbeinkleidern, kanonenstiefeln, stürmer auf dem haupte Immermann w. 18, 139 Hempel; erst jetzt sah ich, dass er in seiner schwarzen sonntagskleidung vor mir stand. du bist ja in vollem wichs, fragte ich Storm s. w. (1899) 2, 130; ein senior als fahnenträger mit kanonen und prallen lederhosen und im sammetrock, ganz 'in voller wichs' Nordmann meine sonntage (1880) 237. auch mundartl. als fem.: in schwarzer wichs Fischer schwäb. 6, 749. in festen wendungen, sich in wichs werfen, setzen u. dgl.:
abends ruht der hobel, dann mache ich mich nobel,
werfe mich in wichs
Erlach volkslieder d. Deutschen (1834) 5, 604;
er hatte sich mächtig in wichs geworfen H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 181; entsprechend Albrecht Leipzig 236ᵇ; luxemb. ma. 489; sich in wichs schmeiszen sich schmücken Brendicke Berlin 193ᵃ; Mensing schlesw.-holst. 5, 616.
IV.
wichs(e), m., f., das auftischen, freihalten im gasthaus (zu wichsen 2 d): sie gaben dem architektenverein und etwa fünf oder sechs Schweizern im englischen café einen tüchtigen wichs, wobei es ungeheuer lärmend zuging (1841) G. Keller br. u. tageb. 2, 56 Ermatinger; die ganze wichs bezahlen (1859) in: zs. f. dt. wortf. 12, 293; wichse, f., freitrunk Fischer schwäb. 6, 749.
V.
wichse, f., übertragen von I in redensarten allgemein für 'sache':
wanns innre nicht alt wird — das äussre nutzt nix —
das sagt euch ein simpler — ich kenn schon die wix
Meisl theatral. quodlibet (1820) 1, 231;
z'letzt fragt er'n maler. — ah, 's is nix,
schreit der und z'reiszt die ganze wix
Karl Stieler ged. 1, 27 Reclam;
det is allens eene wichse alles gleich Brendicke Berlin 193ᵃ; ähnlich Vilmar-Pfister hess. 335; Martin-Lienhart elsäss. 2, 786; Fischer schwäb. 6, 749.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 809, Z. 41.

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Zitationshilfe
„wichs“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wichs>.

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