Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wichtig, adj.

wichtig, adj.,
schwer; schwerwiegend, bedeutsam. afries. wichtich; mnd. wichtich(t); mnl. wichtich, nl. wichtig; mhd. (md.) wihtec; dän., schwed. vigtig (a. d. nd. entlehnt, s. u.); vgl. auch engl. weighty. ableitung von ²wicht(e), f., n., das als präfixlose formvariante von gewicht neben präfigierten formen vor allem im ags., mnl. und mnd. begegnet, vgl. ags. wiht, mnl., mnd. wicht; da für das komp. besondere lautliche bedingungen bestehen, besagt mhd. wihteschal Heinrich v. Meissen 133, 13 E. demgegenüber wenig. der ursprung von wichtig ist daher in dem mnd., vor allem nordniedersächs. gebiet des präfixabfalls (bord, wald für gebord, gewald) zu suchen; dafür sprechen die frühesten belege (s. u. A 1 a) sowie die entlehnungen in den nordischen sprachen (mschwed. viktogher 1408 Söderwall 2, 2, 970; altdän. fulwichteghae 1419 Kalkar 4, 818), die nahelegen, dasz das wort zunächst in seiner eigentlichen bedeutung 'schwer, abgewogen' in der hansesprache üblich gewesen ist und von dort her schnelle verbreitung sowohl in die nordischen sprachen als auch ins ostmitteldeutsche gefunden hat. im 16. jh. erscheint es neben gewichtig — vor allem im übertragenen sinne 'schwerwiegend, bedeutsam' — schon über das ganze deutsche sprachgebiet verbreitet; auch für den übertragenen gebrauch weisen die frühesten belege ins norddeutsche sprachgebiet, s. u. B 2 b. der häufige gebrauch durch Luther mag zur verbreitung von wichtig beigetragen haben, obd. glossatoren ersetzen es aber noch an der einzigen stelle in seiner bibelübersetzung, s. u. B 2 b. die auffassung von wichtig als später rückbildung aus gewichtig (Kluge-Götze ¹⁷ 858) ist nicht haltbar, da letzteres nicht vor dem 15. jh. nachweisbar ist, doch hat das nebeneinander beider formen offenbar ihre bedeutungsdifferenzierung seit dem 18. jh. gefördert. frühe lexikalische nachweise: ponderosus wichtich lat.-nd. gl. (Halberstadt 1479) 108ᵃ (hs. Wolfenb. H. 864); wychtich gemm. (Magdeburg 1495) A 2ᵃ; voc. opt. (Leipzig 1501) X 3ᵇ; doch gewichtig gemm. (Köln 1512) Q 6ᵇ; gemm. (Hagenau 1510) t 5ᵇ; wichtig, wechtig (15. jh., md.) Diefenbach gl. 446ᶜ; equilibris est trutina wag o. wichtig (15. jh.) nov. gl. 154ᵃ. vereinzelt treten gerundete formen auf: wüchtig Rauwolf raisz (1582) 45; Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 182; Hahn staatshist. (1721) 5, 51.
A.
in beziehung auf das gewicht eines konkreten gegenstandes.
1)
von dingen, die eine gewisse schwere haben.
a)
im sinne von 'abgewogen, vollwichtig', insbesondere von münzen, seltener von anderen nach gewicht hergestellten bzw. verkauften gegenständen: di penningh schil alsoe wichtich wessa, dat men moghe hera clinnen in een lewyn (becken) bei Richthofen afries. wb. 1147; betalet heft myt ghoden olden ghuldenen in guden, wychteghen gholde (1376) meckl. urkundenb. 19, 59; we na desser tyt mer penninghe sleyt in unser stat, de scal se slan also lodich und also wichticht, also hir vore screven steit bei Schiller-Lübben 5, 706; dy hocken unde phrogener, waz dy von wichtigen dingen feyle haben, also von oley, unslet, smer unde pottern, daz sullen sy an rechten frongewichten wegen (ende d. 14. jhs.) rechtsb. nach distinct. 5, 20, 5 Ortloff; das gemüntzte gülden nach einem meyen regen an der sonnen schwer vnnd wichtiger werden Mathesius Sarepta (1571) 35ᵃ; was hilfft es demnach, wenn sie (die dukaten) noch so schwer und wichtig wären, wenn sie dennoch so leichte können ausgegeben werden? J. G. Schmidt gestriegelte rockenphilos. (1706) 2, 184. in neuerer sprache nur noch in der bedeutung 'das rechte gewicht habend': nummus justi ponderis ein pfenning der wichtig ist nomencl. lat.-germ. (1634) 319; siehe wohl zu, damit dir der kauffmann das geld richtig und wichtig auszzahlet schausp. engl. comöd. 108, 25 Creizenach; ist der ducaten auch wichtig? (antwort:) es ist abgewogen gold A. Gryphius lustsp. 94 lit. ver.; denn noch heutiges tages wieget man ... das geld, ... um ... sich vor dem betrug zu hüthen, wenn ein und ander stück nicht wichtig wäre Leibniz dt. schr. 2, 512 G.; ich ... lege dir ... zwanzig tausend ducaten, wohlgezählt und wichtig zu den füszen Klinger theater (1786) 3, 137;
nimm diesen säckel, jeder griff giebt dir des gold's
zehn wicht'ge stück
Tieck schr. (1828) 3, 133;
wirf es (das geld) weg als falschemünze, sei es wichtig oder leicht,
wenn es nicht in farb und glanze ihren lockenringen gleicht
W. Müller ged. (1906) 301.
b)
allgemein 'schwer, gewicht habend': mantelsnore, brazen unde guldene vingerne an iren handen unde mowen span, de nicht wichteger sin den wan enme lodeghen verdinge, moten se wal dragen (1343) urkb. v. Hameln 1, 573 Mein.-Finck; to wetene, dat neymand nenige wichtige gude vorslan noch wegen ensal dan opter stades wage, dat boven ix. punt weget (1427) stadtr. v. Unna 55 Lüdicke; so handeln wir auch nicht vergeblich noch leichtfertig mit den schlüsseln, denn sie bringen uns volle, wichtige, schwere beutel und kasten gnug Luther 30, 2, 479 W.; worzu nützet dir aber so viel vnd wichtig golt an dem halse, welchen du also damit behengest J. Barth weiberspiegel (1565) H 5ᵇ;
(die orgel)
ist von gebäu nicht wichtig, schwer,
sonder sehr lüfftig, leicht und lär
Fischart dichtg. 3, 19 Kurz;
ist sie (die krone) auch gut vnd wichtig gnug?
im golt ist sonst der meinst betrug
Gilhusius grammatica (1597) 145;
gleich den kleinen pferdtlein, die in keinen wagen ... zu spannen, oder sonst eine wichtige schwere laszt zu tragen vermüglich Kirchhof, wendunmuth 2, 478 Ö.; er fuͤhrte herzu ... seine eiserne wolzugerichte werckzeuge ... wichtige pflugscharen, wolgefuͤtterte ochsen Nigrinus von zäuberern (1592) 238; die dritte (art der steinkohlen) ist fein wichtig und schwaͤr, an der haͤrte den gebackenen steinen nicht fast ungleich P. Uffenbach atlas minor (1609) 370; zudem so waren sie (die brandkugeln) nicht wichtig genung, die daͤcher und gewoͤlber einzuschmeissen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 69; eine grosze, wichtige uhr Herder 5, 57 S.; ein ... rosz ... trägt beneben seinen wicht'gen herrn noch eine ... goldlast Fouqué held. d. nordens (1810) 1, 93. noch mundartlich im sinne von 'schwer': he is ni so wichtig as se Mensing schlesw.-holst. 5, 616; das korn ist wichtig Crecelius oberhess. 911; ähnlich Schambach Gött. 296ᵇ.
2)
in bildlichem und übertragenem gebrauch, wobei der sinnliche vorstellungsgehalt noch erhalten ist: also alle feynd der warheyt wenn sie anfahen und ynn schwanck kummen, seyn sie wichtiger, schwerer und fester antzusehen denn der felsz Christus selbs Luther 8, 5 W.;
deine worte sind nicht wichtig,
funffzig wegen in gemein
einen scrupel, sind sie richtig,
hundert ein halb quentelein
E. Ch. Homburg Clio (1642) P 3ᵇ;
die welt-gunst ist ein see,
darinnen untergeh,
was wichtig ist und schwer;
das leichte schwimmt daher
Logau sinnged. 261 lit. ver.;
dem wandrer wiegt
der wicht'ge schlaf
auf dem sonst leichten augenlied
Fouqué held d. nordens (1810) 2, 147;
andre kunst ist nur grimasse
bei des schwindlers bankerott,
nur die sterbkunst stürzt die kasse
voll und wichtig aus vor gott
Brentano ges. schr. (1852) 1, 536.
B.
der sinnliche vorstellungsgehalt ist teilweise oder ganz verblaszt.wie das deutsche synonymon schwer und lateinisch gravis erlangt auch wichtig bald selbständige geltung auszerhalb des konkreten bereiches. dabei gilt es mit den bedeutungskomponenten 'ernst, schwerwiegend' zunächst vor allem noch als gegensatzwort zu leicht (im übertragenen sinne), erst in neuerer sprache steht es meist im gegensatz zu nebensächlich, unwichtig (letzteres nur vereinzelt im 16. u. 17. jh., geläufig seit dem 18. jh., s. teil 11, 3, sp. 2200). gleichzeitig vollzieht sich eine bedeutungsdifferenzierung zu gewichtig, das in älterer sprache noch als synonyme formvariante von wichtig gelten konnte (vgl. teil 4, 1, 3, sp. 5765). während wichtig im anschlusz an den sinnlichen vorstellungsgehalt noch einen sachverhalt an sich bewertete, dient es später als relationsbegriff vor allem dazu, das für den sprecher bedeutsame, die hauptsache unter den nebensachen hervorzuheben. dieser vorgang entzieht sich als bloszer aspektwechsel in manchen anwendungsbereichen, in denen das wort vom 16. jh. bis zur gegenwart gilt, einer bedeutungsinterpretation aus dem satzzusammenhang (s. 1 b—d), er wird jedoch deutlich an der veränderung der sinnstruktur des wortes. die bedeutungskomponente 'ernst, schwerwiegend' verblaszt in neuerer sprache (s. u. 2); erst seit dem 18. jh. wird die ausgesprochene beziehung zu einer person (wichtig m. dat. od. präp. u. ähnl., s. u. 3) und die anwendung auf physiognomie und verhalten (4) sprachüblich. der sinnliche vorstellungsgehalt kann jedoch in einzelfällen bis in die neuere sprache erhalten bleiben, wie andererseits die auffassung als relationsbegriff schon im 16. jh. möglich ist, vgl.: hiezu dienet gold, perlen, edelgestein, vnd was mehr grosz vnd wichtig in der welt an jm selber ist oder geachtet wird Mathesius Sarepta (1571) 48ᵃ. die umbildung der sinnstruktur zeichnet sich bereits um 1700 ab: wichtig ponderoso, di gran peso, cioè importante, rilevante, considerabile, momentoso, di importanza, di peso, di momento, di consideratione, di reflesso, di rilievo, rilevanza, di consequenza Kramer t.-ital. 2 (1702) 1234ᵇ. am ende des 18. jhs. wird der neue sinngehalt formuliert: wichtig heiszt, was in vergleichung und gleichsam abwiegung gegen andre dinge seiner art sichtbare vorzüge hat, sowohl in absicht auf die sache selbst, als besonders auf ihre folgen, wirkungen und einflüsse Heynatz synon. wb. (1795) 1, 184ᵃ.
1)
'gewichtig, bedeutsam' im weitesten sinne, sowohl in hinsicht auf einen sachverhalt an sich als (vor allem seit dem 18. jh.) in hinsicht auf seine bedeutung für den sprechenden; bedeutungsschattierungen, die im einzelnen auftreten können, reichen von 'ernst, grosz, namhaft' bis zu 'entscheidend, inhaltsreich, folgenschwer': er muͤste jnen was wichtigs sagen volksb. v. dr. Faust 115 ndr.; alle die, so täglichs umb in waren, vermerkten, das im etwas wichtigs angelegen Zimmer. chron. (²1881) 1, 208 Barack; darvon finde ich nichts namhafftiges oder wichtiges zuverzeichnen Stumpf Schweizerchron. (1606) 410ᵃ; dan zuforderst waren sie zu einem so wichtigen wercke nicht instruiret Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 171; habe ich euch ausersehen, euch zu meinen vertrauten in diesem wichtigen geheimnis zu machen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 12; nun entsteht eine sowohl wichtige als witzige frage Abr. a s. Clara w. 2, 130 Strigl; dasz die beredsamkeit als kunst zum zweck habe, das wichtige zum nichts zu machen, zum spiel der worte Herder 22, 164 S.; wer will ... zweifeln, dasz nicht diejenigen der wahrheit und weiszheit einen wichtigen dienst leisten Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 12; so grosz und wichtig die gedanken waren, welche seine seele schwellten Wieland Agathon (1766) 2, 70; eine sehr wichtige verzichtleistung Schiller 6, 14 G.; sein glückliches blut, das alles wichtige leicht behandelt Göthe I 8, 191 W.; dass Julius und Michelangelo nicht mehr, wie vorher, munter und angenehm scherzten, sondern ernsthaft, wichtige und tiefsinnige betrachtungen anstellten ebda 43, 81; möge das in manchem sinne wichtige band gesegnet sein (von e. eheschlieszung) ders., IV 42, 65 W.; nun haben wir einen wichtigen weeg vor uns ebda 4, 117; der grosze diplomatische convent ging drey tage nach meiner ankunft völlig aus einander ... sinne jetzt mit ganz Deutschland über die wichtigen resultate dieses zusammenseyns ebda 32, 52; dazu kam, dass ihn auch hier die übrigen beschäftigungen so sehr zerstreuten, dass er das wichtige nebenher that Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 89; er hatte anfänglich manche seite ungelesen gelassen und rasch vorwärtsschreitend, unbewuszt und eilig nach der hauptsache, nach dem eigentlich wichtigen verlangend, sich nur diesen oder jenen abschnitt zu eigen gemacht, der ihn fesselte Th. Mann Buddenbrooks (1901) 2, 343; man wuszte nicht, welche wichtige arbeit er seit zwanzig jahren förderte H. Mann ausgew. w. 1, 437 Kantor. in zusammenhängen, in denen der grad der wichtigkeit zum ausdruck kommt, begegnet das wort gelegentlich schon früh, besonders häufig aber seit dem 18. jh. (in steigerungsformen, in verbindung mit steigerungsadverbien, im vergleich usw.); in neuerer sprache dient es in diesen verbindungen vor allem zur hervorhebung einer person, eines gegenstandes oder sachverhalts aus einer reihe von anderen, wobei der ursprüngliche sinnliche vorstellungsgehalt meist ganz verblaszt: ich dieselb (eure zeit) mit andren wichtigern geschefften wais beladen sein Wickram w. 3, 151 lit. ver.; in diser dunkeln zeit hat man nicht wichtigers oder mehrers uszurichten gehapt Zimmer. chron. (²1881) 1, 318 Barack; also bemühen sich einige (menschen), die einen gran wichtiger als die itz beschriebenen seyn sollen, nichts als unnöthige grübeleyen ... auf die bahn zu bringen Lohenstein Arminius (1689) 1, vorber. c 4ᵇ; k. Emanuel hat gemeiniglich in den wichtigsten und vornehmsten legationen geistliche gebrauchet Schupp schr. (1663) 37; die erste und wichtigste pflicht eines treuen vaters S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 70; jedermann erkennet das nächstvergangene jahrhundert als eins der wichtigsten in der menschlichen geschichte Herder 23, 3 S.; phlogiston und feuermaterie, wovon eine so nöthig und wichtig ist als die andere Lichtenberg br. (1901) 2, 181; ich habe die wichtigsten ruinen des alten Rom gesehen Göthe III 1, 331 W.; eure stimme ist vor vielen wichtig und geehrt M. Beer s. w. (1835) 313; so entstehen immer die wichtigsten folgen aus kleinigkeiten Heinse s. w. 4, 76 Sch.; die berufung auf den derzeit wichtigsten posten der preuszischen diplomatie Bismarck ged. u. erinn. 2, 17 volksausg.; kommen sie, meine damen, der rehrücken fängt an wichtiger zu werden als alles andre Fontane ges. w. (1905) I 5, 216; Cejon blieb ... herr über sieben armeekorps und die wichtigste provinz des reichs Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 53. redensartlich: faule, runde käferchen, die nichts wichtigeres zu thun zu haben scheinen als langsam hinaufspazieren an den halmen Kahlenberg Eva Sehring (1901) 2. im sinnbereich 'gewichtig, bedeutend' (im weitesten sinne) treten besonders folgende anwendungen hervor (a—d seit dem 16. jh. belegt, e—h erst seit dem 18. jh. geläufig).
a)
von streitfällen, rechtssachen u. dgl. (die bedeutung 'ernst, schwerwiegend' herrscht vor; in neuerer sprache in diesem sinne kaum noch geläufig): Br., der ist von natur ... der fürtrefflichst jurist, und in der practica erfahren, in groszen wichtigen händeln wol geübt und gewaltig Luther tischr. 4, 159 W.; ich raht, wir lassen diesen wichtigen handel an unsern junckern, dem doch die obrigkeit dieses dorffs zustendig, gelangen Kirchhof wendunmuth 1, 92 Öst.; denen alle wüchtige schwere appellations sachen zu urthailen fürkommen Rauwolff raisz (1582) 45; sie geben unns aber allzeit zur antwort, dises seyen hoehe, schwäre sachen, welche inen und iren regiments schuldthaiszen zu urthailen zu wichtig seyen (1643) in: Alemannia 44, 142; uber disz ist ... zwischen dem adel und gemeinen volcke ein wichtiger zwist erwachsen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1126ᵃ; vor solches directorium ... solten alle wichtige, so wol kriegssachen, als friedenstractaten ... gebracht (werden) Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 84;
nachdem nun der wichtige handel geschlichtet
ward der actus vom herrn pfarrer verrichtet
Kortum d. Jobsiade (1799) 1, 16;
da er's als eine entweihung des heiligen sakraments ansah, so wagte er nicht, über den wichtigen fall zu entscheiden Klinger w. (1809) 3, 8.
b)
von angelegenheiten und geschäften (der sinnliche vorstellungsgehalt ist auch in jüngeren belegen meist noch deutlich; bis in neuere sprache sehr geläufig): vnd da las man die bucher (auf dem reichstag zu Worms), da waren sie alle mein. da sprach ich: allergnedigster kaiser ... die sache ist wichtig vnd grosz, ich kan uff disz mal nicht antworten von den buchern bei Luther tischr. 5, 70 W.; vngeacht merer obliegenden wichtigen, vielfeltigen geschefften (1543) bei Luther br. 10, 410 W.; in so hoen wichtigen des heiligen reichs und gemeiner cristenheit betreffende nodsachen (1522) v. d. Planitz berichte 105 Wülcker; es bedancket sich gegen dir diese gantze versamlung der prelaten und fürsten, deiner bescheidenheit, das du eine so hohe und wiechtige sachen jhrem rath unnd guthdüncken heimgestellet hast B. Faber Saxonia (1563) 166ᵇ; neben jhren ampts- vnnd wichtigen regimentsgeschefften Schweigger reyszbeschr. (1619) e 2; am vergangenen mitwoch verfügt sich ... unser allerg. herr nebst dero frau gemahlin ... und dreyen staatsministers nach Charlottenburg, woselbst sie mit denen letztern über wichtige angelegenheiten wiederum sollen deliberiret haben (1713) Berliner geschr. zeitungen 51 Friedl.; alle liefen ... nach dem rathhause, liessen alle wichtige staatssachen liegen, und rathschlagten über die erscheinung Klinger w. (1809) 3, 66;
wie aber mag ich dich, mein herz, versöhnen,
dasz ich im wicht'gen fall dich nicht befrage?
Göthe I 2, 5 W.;
am andern tage sagte er zu ihr, er müsst auf einige tage sie verlassen, weil er wichtige affairen hätte, die so notwendig wären br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 341; madame rauchte immer, wenn wichtige, geschäftliche dinge zu bereden waren Feuchtwanger Simone (1950) 62.
c)
von gründen, ursachen, argumenten (auch in dieser seit dem 16. jh. belegten verwendung überwiegt die bedeutung 'gewichtig, schwerwiegend'): doch habe die oberherrschafft im fhal wichtiger vrsachen zu dispensiren (1538) bei Luther br. 8, 315 W.; vnd ist von got beschlossen nit on wichtig vrsach, das der mensch keyn ruͦ noch gut leben nie haben sol S. Franck sprüchw. (1541) 1, 150ᵃ; mit was wichtigem bedencken vnser held Grandgauchier zu der ehe hab gegriffen Fischart Garg. 87 ndr.; die ohne wichtige vrsachen ... aus lauter stoltz ... einen babylonischen thurn ... erbauen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, ):( 2ᵇ; hat ... mit den wichtigsten beweiszgründen ausgeführet Lohenstein Arminius (1689) 1, vorber. c 1ᵃ; es begegenet uns abermals ein wichtiger grundsatz der organisation Göthe II 6, 14 W.; grosze und wichtige einwendungen ebda 5, 1, 8; dennoch ist ein wichtiges argument in deiner antikritik Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 107.
d)
von äuszerungen in wort und schrift (in neuerer sprache auch im sinne 'von belang für, bedeutungsvoll, entscheidend'); wichtige und nachdenckliche worte des paroles considerables, paroles graves et emphatiques Duez germ.-gall.-lat. (1664) 672: eyn kurtz ep stel ist das, aber eyn wichtige und reyche lere des christlichen lebens (1522) Luther 10, 1, 2, 170 W.; was Ph. schreibet, das hat hände und füsze, autorität und gravität, ist wichtig, in wenig worten bei Luther tischr. 4, 309 W.; von sittigen reden, wichtiger disputatz vnnd mancherley opinion K. Scheidt Grobianus 65 ndr.; eine kurtze aber wichtige rede Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) n 1ᵃ; wenig geschwetz, wenig wort und dieselbigen rein und wichtig gebraucht Lorichius pädag. principum (1595) 396; anfänglich wollte man, dasz er ... nur eine erzählung machen sollte, worin die wichtigen bemerkungen eines jeden an ihrer stelle ... erscheinen sollten J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 4; wie das überhaupt der fluch der briefe ist, was man leicht hinwerfen will, ohne gewicht darauf zu legen, wird durch schreiben immer so ernst und wichtig (1843) L. Schücking s. br. 200 Muschler; sende ... den wichtigen mitgetheilten brief zurück Göthe IV 41, 14 W.; es sind gestern abend sehr spät wichtige nachrichten von der christlichen armee hier eingelaufen maler Müller w. (1811) 3, 29; schon an diesem tage gingen wichtige meldungen von der weit vorstreifenden 4. kavallerie-division ein Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 3, 68; Diederich war es, der ihm zu hilfe kam, denn er hatte dem herrn staatsanwalt leise eine wichtige mitteilung zu machen H. Mann d. untertan (1949) 236.
e)
von vorgängen und ereignissen (meist im sinne von 'bedeutungsvoll, entscheidend'): findet man daher diesen ersten theil zu arm an wichtigen begebenheiten, ... so erinnere man sich, dasz eben aus diesen geringen anfängen die ganze revolution allmählig hervorgieng Schiller 7, 4, G.; ich war diese tage sehr verlegen, als ich die wichtige handlung überdachte, die noch heute vorgehen soll Göthe I 17, 161 W.; die geschichte besteht nicht aus einzelnen wichtigen ereignissen, sondern das wesentliche ist der zusammenhang Ihering geist d. röm. rechts (1852) 53; angesichts so wichtiger vorgänge vergasz er seine leibschmerzen H. Mann d. untertan (1949) 289.
f)
von personen, die eine angesehene, einfluszreiche stellung innehaben, deren werk und tätigkeit bedeutsam ist (ältere varianten s. u. 2 b): ein satirisches lied, das ich ... auf einen wichtigen hofmann machte Schubart leben (1791) 1, 168; und ich, der ich dich zu einem wichtigen grosen manne machen wollte, ich ... werde tiefgebückt vor seiner thürschwelle Schiller 2, 62 G.; wir beklagen uns über den verlust mancher wichtigen schriftsteller, und sind deszfalls oft leicht ungehalten auf das mittelalter Fr. v. Schlegel s. w. (1846) 1, 199; die diebe haben das incognito mit wichtigen menschen gemein Brentano ges. schr. (1852) 7, 226; nicht jedem ist es gegeben, politisch wichtig zu werden Kölle aufzeichn. e. nachgeb. prinzen (1841) 6; denn Ole gehörte zwar zu den wichtigen, aber in deichsachen nicht zu den klugen Storm s. w. (1900) 7, 240; flieger seien jetzt doppelt wichtig, sagte er Feuchtwanger Simone (1950) 146.
g)
in räumlicher hinsicht; von städten, festungen, landschaften u. dgl., die in politik und kriegführung bedeutsam sind; wichtiger, importanter platz piazza reale, piazza d'importanza, di gelosia Kramer t.-ital. 2 (1702) 218ᵃ: mit den Franzosen ward ein Friede geschlossen, der ... so wichtige städte wie Rochelle und Calais den händen der Engländer überlieferte Ranke s. w. (1867) 14, 69; der einzige militärisch wichtige platz Luxemburgs, die bundesfestung, sollte deutsch bleiben Treitschke dt. gesch. (1897) 4, 317; die lage von Terni auf dieser hauptstrasse ist militärisch wichtig Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 162; bald nach Speier fiel auch das wichtige Nürnberg Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 1, 343; dem von uns anerkannten souverain eines wichtigen landes Bismarck ged. u. erinn. 1, 205 volksausg.; erst wenn man einige wochen in Kowno heimisch ist, versteht man die anlage dieser wichtigen festung A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 61.
h)
in zeitlicher hinsicht; von augenblicken, zeitabschnitten und epochen, die ereignisreich und entscheidend sind:
so selten kommt der augenblick im leben,
der wahrhaft wichtig ist und grosz
Schiller 12, 111 G.;
der augenblick einer neuen thronbesetzung ist immer ein wichtiger ziehungstag für die hoffnung ebda 8, 59; dabei finden sich noch sehr viele umstände, die auf wichtige epochen der damaligen zeitgeschichte bezug haben Göthe I 43, 4 W.;
zur wicht'gen stunde nehmen unsre mauern
dich fremden auf, um auch mit uns zu trauern
ebda 16, 175;
er ... war im auswärtigen amte durch seine, in wichtigen momenten an geisteskrankheit grenzende unfähigkeit ein hindernisz Bismarck ged. u. erinn. 2, 231 volksausg.; für Grabenhagen war heute ein wichtiger tag Polenz Grabenhäger (1897) 1, 1; Peter, an diesem wichtigen tag von mensch zu mensch ein paar worte O. M. Graf unruhe (1948) 403.
2)
im anschlusz an den in älterer sprache noch vorherrschenden sinnlichen vorstellungsgehalt ('gewichtig, ernst, schwerwiegend') entwickeln sich einzelne gebrauchsweisen, die nach der umbildung der sinnstruktur in neuerer zeit kaum noch geläufig sind.
a)
von vergehen, verbrechen, sünden, fehlern; 'schwer, schwerwiegend':
die sach (den leuten grobe sitten beibringen) ist wichtig, schwer vnd scharff
Scheidt Grobianus 44 ndr.;
das wir ... nichtes sagen von vielen vbertrefflichen, wichtigen hauptsuͤnden Musculus hosenteuffel 7 ndr.; vnter andern lastern aber, welche die zäuberin begehen, ist kein greuwlichers vnd wichtigers, denn dass sie die junge kindtlein noch vngetaufft dem teuffel opffern Nigrinus von zäuberern (1592) 83; dieweil kirchenberaubung eine groͤssere und wichtigere miszthat denn diebstal ist Beüther v. Carlstat praxis rer. criminalium (1565) 211ᵇ;
entschuldigt noch dein mund disz wichtige verbrechen?
Günther ged. (1735) 1012;
der stadt verbrechen wider den hauptmann war nicht so wichtig, dass er vrsach hette gehabt, sie mit einer so schweren ... leibesstraff zu belegen Rätel Curäi chron. (1607) 369;
wie unerträglich ist dein (Christi) leiden!
wie wichtig meiner sünden schuld!
Pietsch ged. schr. (1740) 393;
mit wie grosser kunst wuszte sich der dichter für einem so wichtigen fehler zu hüten Dusch verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 181. so auch von der dem vergehen folgenden sühne: das gottes gerechtigkeit, zorn und straff so grosz, schwer und wichtig ist, uͤber unns arme suͤnder Huberinus form zu predigen (1557) 28ᵃ. ähnlich von geldschulden: also dat unse gnedige heren derwegen in wichtige schulde geraden (16. jh.) Schomaker Lüneburger chron. 39 Meyer.
b)
in verschiedenen, im gegensatz zum vorigen meist positiv gewerteten bedeutungsnuancen; in hinsicht auf die verteidigung 'stark, schlagkräftig, reich ausgestattet': beghere wir desses nicht to unwyllen to nemende, sunder dat gi mit unsen vrunden van Rostocke unde Stralesunde enes werden willen, juwe were wichtigher unde starker to makende in de see unde den copman to vorwarende (1422) hanserezesse 1, 7 nr. 456; ein schiff ..., welches jedoch nicht gar so grosz zu seyn schiene, als die 3 kriegsschiffe, aber etwas wichtiger wäre, als ihre fregatte Schnabel insel Felsenburg 4 (1743) 280. von personen 'vermögend, mächtig, angesehen'; so schon mnl.: dese VII gebroederen mit haeren vreenden ... wairen den anderen scipperen te wichtich, midts des graven bijstandt ende hulpe (15. jh.) bei Verwijs-Verdam 9, 2, 2425; im nd. und hd.: (wir hielten tagung) dorch uncze wichtigstenn gebeidigere, rittere unnd gudemanne (1499) livländ. urkb. 2, 1, 630; trachtet ... darauff, das jhr muͤget beide in zucht vnd lehr wol zunemen, auff das etwan zur zeit ein gelarter anseliger wichtiger man muͤg aus euch erwachssen vnd aufferzogen werden Thym Thedel v. Wallmoden 6 ndr.;
und handel mit yederman auffrichtig,
so wirdt dein nam erbar und wichtig
Hans Sachs 3, 43 Keller;
Ratwig, der wichtiger vnd wolbesinnter rather ist Schill teutscher sprach ehrenkranz (1644) 41; es habe ein herr einen wichtigen lehnsmann Chr. Weise drey klügsten leute (1675) 33;
er nimmt kein weib vor andre leute ...
ihr guten räthe, geht bey seite!
ihr sprecht zwar: nimm dir die! die wird schon wichtger seyn;
sie hat nach ihrer eltern sterben
ein ehrlich capital zu erben
Stoppe Parnasz (1735) 407;
ich habe ... vor andern einen anspruch auf eine feldherrnstelle ... und ich glaube auch dazu vollkommen wichtig genug zu seyn Heilmann Thukydides (1760) 799. 'von hoher instanz': dasz diese art von leuten vor ein wichtiger gerichte gehören, als wir tadlerinnen ihnen halten können vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 31 Gottsched. von gott 'allmächtig':
der herr ist grecht, auffrichtig,
in allem das er redt vnd thut,
gar ernst, tapffer vnd wichtig,
sein werck sind heylig vnd gantz gut
Burkard Waldis d. psalter (1553) 264ᵇ.
'ins gewicht fallend': sihe deine iblthaten in disem grossen buch registriert, sihe deine wichtige guete werk vil zu wenig Abr. a s. Clara n. pred. 51 lit. ver. 'umfangreich': als der selb die statt Sezza ... eingenommen und ein wichtigen raub erpeuttet Herold heydenweldt (1554) n 4ᵃ. 'schwierig, schwerwiegend':
länge, breite, höhe, tieffe vieler dinge kan man messen.
andre forschen, ist zu wichtig; selbst sich prüfen, bleibt vergessen
Logau sämtl. sinnged. 368 lit. ver.;
die edle poesie ermuntert sinn und geist,
dass er greifft an mit lust, was schwer und wichtig heist
ebda 98.
'sinnschwer': from sein ist inn deutscher sprach wichtig, denn es begreiffet den gantzen wandel vnd leben des menschen Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) a 2ᵇ. 'gültig, wirksam':
alweg die tugent nement an,
die ist der sünd im widerspan,
also wirt denn die busz gleich wichtig
J. Aal tragödia Joannis (Bern 1549) B 4ᵇ.
ähnlich (in engem anschlusz an A 2): dann vnser trubsal, die zeytlich vnd leycht ist, schafft eyn ewige vnd vber alle masz wichtige herlickeyt (αἰώνιον βάρος δόξης κατεργάζεται ἡμῖν, aeternum gloriae pondus operatur in nobis) Luther 2. Kor. 4, 17 W. (in Petris bibelgloss. durch schwere, lastig erklärt, s. Dauner obd. bibelgl. 112).
c)
z. t. mit abgeblasztem sinngehalt in der funktion eines steigerungsadverbs, meist im sinne von 'tüchtig, kräftig, sehr': derhalven ok dusse lande ... in dusdaner sorchliken befaringe nu sathen moten unde en darumb wichtigen van noden is ... hulpe unde trost to soeken (1500) livländ. urkb. 2, 1, 752; wüchtig — beschäfftigte augenstralen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 182; einsmals ..., als er gar wichtig beschäfftigt ware S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn. (1657) 208; aber die wir auff den postwagen sassen, wurden alle mit einander wichtig von dem sande bestoben Chr. Reuter Schelmuffsky 101 ndr.; endlich resolvirte ich mich, ich wolte ihn in öffentlicher compagnie die presche gedoppelt wiedergeben und mit einen spanischen rohre wichtig abschmeissen ebda 42; wenn wir nur einen artigen possen erdencken könten, damit die eingebildeten töchter wichtig prostituiret würden ders., ehrl. frau zu Plissine (1695) 27; wenn man gleich nicht gewust, dasz sie (die liebenden) einander die backen und mäuler wichtig gerieben, würde man es dennoch an den rothen flecken gesehen haben Menantes allern. art zu schreiben (1718) 519; brandewein häufig zu trinken, denn wichtig zu keiffen ehe eines mannes (1735) 367; auch Werner ... lebte damals hier in Könisgberg, von vielen menschen, die ihn nur oberflächlich kannten, besonders da er öfters wichtig verstiesz und manche sonderbarkeiten hatte, völlig verkannt Baczko gesch. m. lebens (1824) 2, 234; seine ungeduld den siebenjährigen krieg zu enden machte, dasz er die gelegenheit entwischen liesz, sich wichtig in Westphalen zu vergröszern Bülow blicke auf zukünft. begebenheiten (1803) 7; da sprang der knüppel heraus auf den wirth und prügelte ihn so wichtig, dass er auf die knie fiel und sehr um gnade schrie br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 171. ähnlich auch adjektivisch und substantiviert: einen wichtigen hieb nach meinem haupt zu thun ehe eines weibes (1735) 393; weswegen er ... einst ein paar wichtige ohrfeigen bekam Mencken-Jöcher gelehrten-lex. (³1733) 2, 685; nun hatte sich zwar mein vater ... auch wegen der besoldung um ein wichtiges verbessert Schnabel insel Felsenburg 2 (1772) 83. mit negativem wertakzent 'schlimm' (vgl.a): wir wollen die schelme gegen einander halten, und den wichtigsten wollen wir mitnehmen Hübner Christcomoedia 82 ndr.; nun vater Rupert, da bringen wir einen wichtigen flegel ebda 37.
3)
in syntaktischen verbindungen, in denen die beziehung auf eine person zum ausdruck kommt, für die etwas wichtig ist oder die etwas für wichtig hält. in dieser verwendung geläufig seit dem 18. jh.; ähnliche verbindungen in früherer zeit sind vereinzelt: disz nachgeend ist bey mir so wychtig (accedunt apud me certe efficacia), das ich ... glaube, das alle thyer im wasser athemen Eppendorff Plinius (1543) 103; item Lüitwig, der bey den leuten wichtig vnnd in angenämer achtung ist Stumpf Schweizerchron. (1606) 197ᵃ.
a)
in verbindung mit dem dativ, jemandem wichtig sein, werden, bleiben: den 19. november wurden sie getrauet; es waren auch etliche vornehme aus der stadt dabey, und wurde vielen unter uns die ehe wichtig dabey (1738) in: schr. f. schlesw.-holst. kirchengesch. 2, 2, 257; du weist, wie mir alles wichtig ist, was dich angeht Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 60; er (der schriftsteller) rechnet auf einige ... gleichgestimmte seelen, denen im labyrinth ihrer jahre diese oder ähnliche ideen wichtig wurden Herder 13, 5 S.; unsere deutsche literatur fängt an auch den ausländern wichtig zu werden Schubart br. in: Strausz w. 1, 40; durch den fördernden umgang mit B. waren mir die verhältnisse der pflanzenfamilien ... wichtig geworden Göthe II 6, 170 W.; aus demselben grunde ist unser leben in der kindheit so unendlich bedeutend, in jener zeit ist uns alles gleich wichtig Heine s. w. 3, 32 Elster; es war mir deshalb wichtig, solchen eventualitäten rechtzeitig vorzubeugen Bismarck ged. u. erinn. 2, 97 volksausg.; manches würde dem manne von fach vielleicht wichtig sein (1834) A. v. Droste - Hülshoff br. 1, 124 Schulte-K.
b)
in präpositionaler verbindung, wichtig für (vor); (die bedeutung 'schwerwiegend' klingt z. t. noch an, vor allem im frühesten beleg): diese beleidigung war nun schon wichtig und unverantwortlich genug vor diese letztere, um sie zu dem allerempfindlichsten zorne zu bewegen vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 244 Gottsched; den nutzen einer für die ganze geisterwelt wichtigen entdeckung Gerstenberg recensionen 152 lit.-denkm.; schon das ist für uns wichtig, mit einem zeitgenossen, den wir kannten, die weltgeschichte nach seiner art zu durchlaufen Göthe IV 21, 361 W.; heut ist für dich ein wichtiger tag Arnim s. w. (1853) 6, 141; ich habe in späteren jahren mit meinem vater über ein ereignisz gesprochen, welches für mich so wichtig war Steffens was ich erlebte (1840) 1, 45; wobei er sehr wohl fühlen kann und soll, wie wichtig die erfolge auch des kleinhandels für das gemeinwohl sind Riehl d. dt. arbeit (1861) 230.
c)
mehr im sinne einer bloszen relation in der verbindung (jemandem) wichtig scheinen, vorkommen u. dgl.: vor jetzo ist man zufrieden, dasz sie den lesern wichtig und reitzend genug scheint Lessing 7, 12 L.-M.; das was mir wichtig scheint, hältst du für kleinigkeiten Göthe I 9, 13 W.; so wichtig mir aber diese kleinigkeiten der sittenlehre an sich selbst vorkommen J. E. Schlegel w. (1751) 5, 443; wurde sie für jeden fehler, der den nonnen wichtig vorkam, mit ruthen gestrichen Pfeffel pros. versuche (1810) 2, 6; was mir noch ... wichtiger vorkommt, als die stichelreden, ist, wie dieser mann den wein braucht, um wunden und schaden zu heilen Pestalozzi s. schr. (1819) 12, 119; die kleinen gedichte ... waren nicht von der art, dasz sie den eltern wichtiger vorkommen konnten als die ärztliche tätigkeit Carossa d. tag. d. jungen arztes (1955) 104; aber auch E. bedünkte dieses veränderte wesen so ernsthaft und wichtig G. Keller ges. w. (1889) 4, 24.
d)
in verbalen verbindungen, die in verschiedener weise ein ermessen einer person in hinsicht auf einen sachverhalt bezeichnen; (für) wichtig halten: derogestalt wäre nunmehro allein die frage, wie disz werck, welches er für wichtiger als schwerer hielte, vorsichtig zu vollziehen wäre? Lohenstein Arminius (1689) 1, 21ᵃ;
die geschichtlichen svmbole —
thörig, wer sie wichtig hält
Göthe I 3, 354 W.
als wichtig ansehen: das russische darf ich als sehr wichtig ansehen. Russland ist jetzt das merkwürdigste land für Preussen, und seine sprache nur höchst wenigen bekannt Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 4, 29. wichtig achten:
dasz einfalt oder eitelkeit,
genies, mauleseln gleich, befrachtet,
und darob ihre wenigkeit,
wer weisz, wie grosz, wie wichtig achtet
Goekingk ged. (1780) 1, 16.
wichtig befinden: ward uns're stimme wichtig auch befunden Pocci lust. komödienbüchl. (1859) 216. wichtig heiszen: wir ... vermögen nicht die unschuld der dinge auszer uns zu fassen. leider heiszen wir sie wichtig, wenn sie gegenstände unserer leidenschaften sind, und unwichtig, wenn sie zu diesen in keinen beziehungen stehen, während es doch oft umgekehrt sein kann Stifer s. w. (1921) 6, 235. wichtig nehmen: auch den guten gab das abgeschlossene leben (in den klöstern) übergrosze reizbarkeit. kleinigkeiten wurden sehr wichtig genommen G. Freytag ges. w. (1887) 17, 366; das ärztliche gespräch hinderte sie nicht, nebenbei das kaffeekochen wichtig zu nehmen Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 97; Unrat nahm dies (die laune seiner frau) erschütternd wichtig H. Mann ausgew. w. 1, 602 Kantor.
e)
(jemandem) etwas wichtig machen: so zwang der körper den geist auf die erscheinungen um ihn her zu achten, so machte er ihm die welt interessant und wichtig Schiller 1, 155 G.; wenigstens hat er's recht wichtig gemacht, dass die königin von Saba ja gegeben werden sollt' H. Schmid ges. schr. 8 (1861) 383; mach es Meyern wichtig. bekomme ich nichts, so glaub ich nicht an deine gewalt über ihn (1786) Caroline br. 1, 146 Waitz-Schm.
4)
von personen, die in gebärde und verhalten besonderen eifer erkennen lassen, ihrem handeln und auftreten nachdrückliche oder gar übermäszige geltung zu geben (erst seit dem 18. jh. nachweisbar).
a)
in hinsicht auf die physiognomie, mit wichtiger miene, wichtigem gesicht u. dgl.: wenn (der reiche) seine wichtige amtsmiene annimmt, so sieht er wie ein narr; aber er ist reich Rabener schr. (1755) 4, 195; dasz man es doch nicht lassen kann, auch in unbekannter gesellschaft, und wäre sie noch so schal, sich eine wichtige miene zu geben Thümmel reise (1799) 6, 85; erzählen mit wichtiger miene Wackenroder herzensergiesz. (1797) 33; wir bauten ... wunderbare schlösser an entlegenen punkten, welche wir mit wichtiger geschäftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben G. Keller ges. w. (1889) 1, 120; Hans Jürgen macht ein wichtig gesicht: geb dem gast das geleit Alexis hosen (1846) 1, 1, 188; da kommt er eben mit der wichtigen pedantenmiene Platen s. w. 9, 231 Koch-P.; der mit wichtigem blick mich fragte O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 423; er ... machte unentwegt ein wichtiges gesicht, hatte die stirn gefurcht und sprach dabei sein stelziges amtsdeutsch O. M. Graf unruhe (1948) 79.
b)
in festen verbalverbindungen; sich wichtig machen: durch ränke, cabalen und verwegene streiche sich wichtig machen d. dt. Merkur (1773) 1, vorr. 13;
macht jener sich zu wichtig, drängt sich auf?
nenn's eifer seinen freunden sich gefällig
zu zeigen
(ineptus et jactantior hic paullo est?)
Wieland Horaz, sat. (1786) 1, 87;
am schrecklichten ist für mich der gedanke ..., dasz sie selbst vielleicht glauben, ich hätte diese unwahrheiten hervorgerufen, oder ich hätte sie mir gefallen lassen, um mich wichtig zu machen G. Freytag ges. w. (1887) 4, 221; macht euch nicht so wichtig, marsch, jetzt aus der stube P. Dörfler um d. komm. geschlecht (1932) 128; Unrat sah Wittkopp vor sich, wie er sich wichtig machte H. Mann professor Unrat, in: ausgew. werke 1, 431. mundartl.: sick wichtig maoken protzen Frederking Hahlen b. Minden 173. ähnlich substantivisch: den wichtigen machen Wieland Lucian (1788) 1, 172. wichtig tun: eine närrin, die wichtig thut Göthe I 45, 69 W.; weil sie ... sich ewig ziert und wichtig tut Fontane ges. w. (1905) I 5, 215; keine ursache ..., mit seiner arbeit so wichtig zu tun Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 45. mundartl.: wichtig doon sich aufspielen Mensing schlesw.-holst. 5, 617. sich wichtig vorkommen, fühlen: dasz man ... an den ästhetischen artikeln der jahrbücher für wissenschaftliche kritik ... mitarbeiten und dennoch sich wichtig vorkommen kann Immermann w. 1, 32 Hempel; und weil sie sich dabey so wichtig fühlen Kotzebue sämmtl. dram. w. (1827) 2, 34. es wichtig haben: sie hatte es ein bisschen wichtig wie immer Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 34. mundartl.: er hat es sehr wichtig ... spöttisch gebraucht, von einem, der sich mit seinen geschäften sehr wichtig macht, eine wichtige mine annimmt Anton Oberlausitz 6, 5.
c)
in freier adverbialer und attributiver verwendung im sinne von 'betont, nachdrücklich, bedeutungsvoll' (z. t. in anlehnung an 3): ein junger herr, der sich zu viel freyheiten heraus nahm, und sich ein wichtiger ansehn geben wollte, als sich für sein alter schickt Bode Yoricks empfinds. reise (1768) 1, VIII; hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig: ich dichte fort Jean Paul flegelj. (1804) 1, 78; spuckte wichtig aus O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 43; mitten in der debatte ... erschien Grumkow, wichtig, den finger am munde: frau von Barchwitz wird singen Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 51; in so lächerlich wichtiger weise sie sich aufeinander zu berufen pflegten Fontane ges. w. (1905) I 6, 172; erklärte er darauf, wichtig wie ein kleiner beamter H. Mann d. untertan (1949) 161; ja, dort sitzt eine biene auf der lippe der kleinen blauen blüte, wichtig zwängt sie den kopf hinein Fr. Wolff zwei an d. grenze (1948) 80. mundartl.: he is so'n wichtigen kirl von sich eingenommen Mensing schlesw.-holst. 5, 616.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 823, Z. 50.

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Zitationshilfe
„wichtig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wichtig>.

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