Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wickel1, n.

¹wickel, n.,
docht. s. wiechlein, n.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 841, Z. 12.

wickel2, m., f.

²wickel, m., f.,
faserbündel um den rocken; etwas gewickeltes. ahd., mhd. wickel. mnd. nicht belegt (auskunft von G. Cordes). parallelen aus andern germ. sprachen fehlen. ndl. wikkel, dän. vikkel, norw. vigl, schwed. dial. vigla (Schonen) sind aus dem dt. entlehnt.das wort beruht nach Paul dt. gramm. 2, 70 auf dem älter bezeugten ahd. wickili(n) (s. wiechlein 1) und ist als hochsprachlich gewordene form mit mundartl. hundel auf eine stufe zu stellen (Henzen dt. wortbildg. ²146). das zuerst bei Stieler stammb. (1691) 2531 gesicherte mask. ist an die gerätenamen auf -el angelehnt; seltener ist das fem. (gesichert zufrühest bei Steinbach dt. wb. [1734] 2, 991). wie wicke (s. wieche B 1) meint wickel zunächst den um den rocken gewickelten faserrohstoff (1). später wirkt das davon abgeleitete verb ⁴wickeln (s. d.) mit seiner bedeutung zurück, so dasz das wort seit dem 15. jh. unabhängig vom material jedes gewickelte (2) bezeichnet. z. t. liegt in ²wickel 2 wohl auch nominale rückbildung aus ⁴wickeln vor.
1)
faserbündel, wie es zum abspinnen um den rocken gewickelt wird (alle belege, die sich durch die form des suffixes oder durch das neutr. noch dem diminutiv zugehörig erweisen, s. unter wiechlein 1): wichel pensum (12. jh.) ahd. gl. 3, 627, 32 St.-S.; (13. jh.) ebda 306, 58 (mit obd. affrikata -kch-); wickel pensum (Schlesien 1340) Konrad v. Heinrichau voc. in: mitt. d. schles. ges. f. volkskde 13/14, 398ᵇ; wickel flachs oder wickel wolle oder hanfs pensum si alio modo rupsum voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 1ᵃ; 'so viel flachs als um den rocken gewickelt ist' Hübner zeitungs-lex. (1824) 4, 929ᵃ: er sach auch zu der frawen seitten ein wickel von einem rocken hangen, aber chainen rocken sach er nicht Joh. Hartlieb Caesarius v. Heisterbach 106 Drescher (dieser beleg vielleicht auch zu wiechlein 1); die gunckel ist nichts anders dann das creütz Jesu Christi des herren. die gunckel an jr selbs, der steck daran man den flachs binndet. ich waisz nit wie jrs nennen. ich hab nitt vil gunckeln zu spinnen gewonet. die gunnckel oder wückel die daran gebunden ist, ist Christus Jesus vnser herr Keisersberg gaistl. spinnerin (1510) a 3ᵃ; nach dem brechen musz ... das werck in wickel zusammen gerollet ... werden Marperger beschr. d. hanffes u. flachs (1710) 19; (ein keckes mädchen) holte einen wickel werrig und umwickelte damit geschäftig die leeren spuhlen (als täuschung statt des daraufgehörigen garns) Börner volkssagen aus dem Orlagau (1838) 160. von einem entsprechenden faserbündel in der modernen spinntechnik: die ... gut gelockerte wolle wird ... (von der schlag- oder wickelmaschine) in die gestalt eines wickels gebracht Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 326; jede baumwollsorte (ist) im einzelnen wickel mit gleichem volumen vertreten Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 2, 73. mundartlich ist wickel 'faserbündel um den rocken' im schwäb., bair.-österr., md. sowie preusz. verbreitet: wickel, m. Fischer schwäb. 6, 752 (auch f.); Schmeller-Fr. bair. 2, 847; Schatz Tirol 705; Bacher Lusern 229; Follmann Lothr. 540; Crecelius oberhess. 911; Frischbier preusz. 2, 467; a wickel wark (werg) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 662. vgl. die synonyma mnd. dîse(ne); docke 4 teil 2, sp. 1212; klank(e) 3 b teil 5, sp. 950; kunkel II 1 a teil 5, sp. 2655; rocken 2 teil 8, sp. 1102; wocken 1 b teil 14, 2, sp. 966 sowie als begrifflich nahestehend die maszbezeichnungen für bündel gehechelten flachses kaute 1, 2 teil 5, sp. 363; knocke 1 teil 5, sp. 1462; reiste 2 teil 8, sp. 751.
2)
(biegsamer) körper, der zum wickeln gebraucht wird; er wird in sich zusammengewickelt (a, b), um ihn wird etwas gewickelt (c), er wird um etwas gewickelt (d—h): die wickel involucrum, volumen Steinbach dt. wb. (1734) 2, 991; 'der wickel ein gewickelter, d. i. mehrmahls um sich selbst zusammen gelegter körper; ein wort, welches wenig mehr gehört wird' Adelung 4 (1801) 1518. insbesondere angewandt auf:
a)
ein knäuel garn, wolle: pensum ein wickel o. spindel garns (15. jh., obd.) Diefenbach nov. gl. 286ᵃ; ein wickel wolle Campe 5 (1811) 697ᵇ; knaul Jecht Mansfeld 124ᵃ. als masz für baumwollgarn: der wiggel 'ein bund von 10 stränglenen' Hunziker Aargau 259.
b)
die in sich zusammengewickelten tabakblätter, die beim zigarrendrehen als einlage in das deckblatt gerollt werden: ein wickel taback Schrader dt.-frz. wb. 2 (1781) 1623; der wickel (wird) in schiefer lage auf das deckblatt gelegt Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 8, 731; weckel, m., tabackwickel Hönig Köln 199ᵇ.
c)
ein zusammengefaltetes stück papier, um garn, haare (zur lockenbildung) u. ä. darauf zu wickeln (vgl. wickelpapier 2; papierwickel teil 7, sp. 1441; lockenwickel teil 6, sp. 1100; haarwickel teil 4, 2, sp. 40):
mein klein magisterlein wird es (das trauerlied) so lange loben,
bis es sein granadier zu wickeln aufgehoben
Schönaich d. sieg des mischmasches (1755) 34;
(Wilhelm sah) seine arbeiten als sudelpapiere der schulübung an, die ... gewöhnlich zu wickeln verschnitten werden Göthe I 51, 115 W.; 'zuweilen nennt man auch noch ein mehrmahls zusammen gelegtes papier, z. b. zwirn darauf zu wickeln einen wickel' Adelung 4 (1801) 1518; wikkel ein rundliches zusammengerolltes oder zusammengedrehtes stück papier, worum man die haare wickelt, damit solche als krause locken herunterhängen; ein zusammengebogenes oder zusammengefaltetes stück papier, worum und worauf man garn wickelt Doornkaat Koolman ostfries. 3, 549.
d)
das tuch oder das band, in das säuglinge gewickelt werden (vgl. wickeltuch, wickelband 2), wofür allgemein windel, f. B (teil 14, 2, sp. 279): wie eyn kynt in den wickeln ligget Wigand Gerstenberg chron. 192 Diemar; die vielen sonnette mag ich nicht zählen, die er an ... die windeln und wickeln des neugebohrnen machen wird (1802) Caroline br. 2, 189 Waitz;
diesen zierlich und kräftig doch
kaum geborenen säugling
faltet in reinster windeln flaum
strenget in köstlicher wickeln schmuck
klatschender wärterinnen schaar
Göthe I 15, 1, 226 W.;
(der groszvater) bettet das Micherle in seinen wickel Rosegger wildlinge (1905) 410. mundartl. verzeichnen wickel 'windeltuch, -band' Mensing schlesw.-holst. 5, 617; m., f. Woeste-Nörrenberg westfäl. 322ᵃ; f. Vilmar-Pfister Hessen, 2. erg. 44; Follmann Lothr. 540; m. Meisinger Rappenau 231.
e)
ein (feuchtes) tuch, das dem kranken um den körper gewickelt wird: (Sancho Pansa:) die fraw sey gebeten, vnd mache es hiermit also, dasz etliche fasen vnd wickel vbrig bleiben mögen ... indem auch mir die seiten etwas wehe thun Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 163; sie sehen ja ganz frisch aus, jetzt aus der wickel Vischer auch einer (1879) 1, 80; (er trug) eine flanellene leibbinde, auch wohl sogar einen feuchten wickel mit guttapercha-bedeckung Th. Mann Faustus (1948) 548.
f)
den oberen teil des strumpfes, der im 18. jh. um die wade gewickelt wurde (vgl. wickelstrumpf):
der blanken kniee schwarzer sammt
steht durch zween wickel aufgedammt
anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 612 Gottsched;
wickel am strumpf rouleau des bas Schrader dt.-frz. wb. 2 (1781) 1623; 'ehedem, als die mannspersonen ihre strümpfe noch zu wickeln pflegten, hiesz dieser gewickelte theil ein wickel; wickel tragen' Adelung 4 (1801) 1518.
g)
die papierkapsel, in die früher gerolltes haar zur lockenbildung eingewickelt wurde (vgl.c), die papillote (teil 7, sp. 1442):
als ich am fenster sie sah, in papiernen wickeln die locken,
glaubt ich die Charis zu sehn, weiszliche rosen im haar
Grillparzer s. w. 3, 97 Sauer.
h)
α) das band, das um den (männer)zopf gewickelt wurde (vgl. wickelband 3). hier bildlich gebraucht: dem ministerium wäre darüber ... der juristische zopf in der wickel aufgegangen Heinrich König könig Jerome's karneval (1855) 2, 181. β) wohl von α übertragen: 'a wickel ... figürlich und zwar spottweise für perücke (Bayern)' Klein provinzialwb. (1792) 2, 232; Schmeller-Fr. bair. 2, 847. γ) von β übertragen: wickel perückenträger Schmeller-Fr. a. a. o. vgl.: 'dieses alte wickel wird scherzweise von einem alternden manne gesagt, der sich in seiner perücke eben nicht nett und überhaupt in seinem anzug nicht allzu reinlich trägt' Westenrieder gloss. germ.-lat. (1816) 672.
3)
die wendung beim, am wickel haben, kriegen, nehmen u. ä. hat wohl von wickel 2 h α ihren ausgang genommen (vgl. ähnlich rhein. geschichtsblätter 8, 64, wo von wickel 'band, mit dem man ende des 18. jhs., als der zopf abkam, die haare, die man lang wachsen liesz, zusammengebunden wurden' ausgegangen wird, wofür belege jedoch fehlen), ist dann aber bald im sinne von 'am haar, schopf, kragen fassen' verstanden worden. seit dem 19. jh. bezeugt, gehört sie der umgangssprache an: kommt ihr (der hoheit, dem prinzen in der schlacht) eine bande ausreiszer entgegen — hui, den flinksten hat sie beim wickel (1824) Immermann w. 14, 156 Hempel; als ich ... wieder in die wirthschaft hinaus wollte, kriegte mich der gute pflegepapa schweigend beim wickel B. Goltz ein jugendleben (1852) 3, 207; ich nehme sie beim wickel und werfe sie zur thür hinaus Reichenau aus unsern vier wänden (1861) 1, 35. reflexiv 'sich balgen': denn just über ihm haben sich die beiden sänger beim wickel H. Löns aus forst und flur (o. j.) 11. erweitert 'jemandes habhaft werden': wenn man sie beim wickel kriegt, mach ich mich davon und besorge die schreiben (1835) Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 441. übertragen 'jemanden in der falle haben': da triumphieren sie (die bauern) hin, dasz sie dich (den pastor) endlich einmal am wickel haben (1867) W. Raabe s. w. II 1, 431; du lässt dich zu grobheiten hinreissen und schon haben sie dich am wickel O. M. Graf unruhe (1948) 273. 'jemanden innerlich packen': was denn, ich zappele selbst, es hat mich verteufelt am wickel Th. Mann Faustus (1948) 724. bei nichtpersonalen objekten scherzhaft 'zur, in der hand haben': lesen sie denn den Horaz so eifrig, dasz sie die citate so am wickel haben? Ernsthausen erinn. (1854) 176; (ich) schenkte ihr kalt lächelnd die dritte tasse kaffee ein. als sie diese beim wickel hatte, fragte sie ... Stinde Buchholzens in Italien (¹²1885) 5. die nd. und md. mundartwbb. verzeichnen die wendung regelmäszig, die obd. dagegen nur vereinzelt: ich pack dich am wickel Martin-Lienhart elsäss. 2, 809; an, bein wickl nehma Jacob Wien 219.
4)
sonderbedeutungen.
a)
wickel füllsel von gehacktem fleisch etc. in einen dünnen überzug von mehlteig gewickelt und gesotten (Nürnberg) Schmeller-Fr. bair. 2, 847; wikᵉlᵉ f. gekneteter und zusammengerollter teig Bauer-Collitz Waldeck 114.
b)
in der gaunersprache: wickel das essen Fischer schwäb. 6, 753; auch ausserhalb der gaunersprache ebda 3411.
c)
mundartl. im alem. die wand- und deckenfüllungen aus stroh- und lehmgemenge Martin-Lienhart elsäss. 2, 809; Fischer schwäb. 6, 753; Hunziker Aargau 296. auch im lothringischen Follmann 540.
d)
wohl von 2 h γ aus: der wik'l ein dummer mensch Castelli Österr. unter d. Enns 266.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 841, Z. 13.

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Zitationshilfe
„wickel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wickel>.

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