Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gewickelt, participiales adjectiv

gewickelt, participiales adjectiv
zu dem verbum wickeln (s. d.), das sich verhältnismäszig spät in den verwendungskreis des älteren winden eindrängt. die gebrauchsformen des particips weisen nach zwei richtungen ansätze auf zu einer isolierung vom verbum. der eine (absolute) gebrauch geht von der grundbedeutung aus, die am verbum mehr und mehr verdunkelt wird; er haftet an der äuszeren form, in der die verbalthätigkeit verläuft, und reicht nicht bis zu dem zielpunkt, der sie begrenzt. gewickelt berührt sich hier enge mit gedreht, gewunden, vgl. auch wickel. die andere gebrauchsform entstammt den verbindungen des verbums mit einem näheren und ferneren object (einem object der zielrichtung), vgl. z. b.: und sie gebar iren ersten son und wickelt in in windeln. Luther Lucas 2, 7 (ebenso schon Augsburger bibel v. 1487 gegen bivand ina Ulfilas, biwant inan mit tuochum, pannis eum involvit. Tatian, ebenso cod. Tepl. u. a.). von hier aus gewinnt gewickelt geradezu die bedeutung eingewickelt (vgl. einwickeln theil 3 sp. 341) und berührt sich mit eingeschlagen, eingehüllt, participien, bei denen das schwergewicht der bedeutung auf dem ersten compositionstheil ruht. die wörterbücher nehmen meist nur von dieser zweiten gruppe kenntnis, die auch für den sprachgebrauch gröszere bedeutung gewinnt: gewickelt, involutus Henisch 1599; gewicklet, enveloppé, inviluppato, intricato Hulsius (1616) 138ᵇ; ebenso Duez (1664) 199ᵃ (vgl. jedoch im nachtr.); Rädlein 383ᵃ; Schwan 1 (1783), 745ᵇ; vereinzelt kommt auch die erste gruppe zu ihrem recht, so schon bei Duez im nachtrag: zusammen gewickelt, entortillé, convolutus, dazu vgl. gewickelt, volutus Steinbach 2, 991, ebenso Hederich 1, 1423.
1)
verwendungen, die vom absoluten gebrauch ausgehen: und folgete der vernommenen stimme nach, bisz so lange sie ein stümplein von einer brennenden wachs kertzē auff der erden gewahr ward; als sie es auffgehoben, fand sie unter demselbigen ein stücklein zusammen gewickeltes papiers, warauff diese wort geschrieben stunden ... Opitz übers. v. Sidney's Arkadia (3) (1638) 742; dasz die ... ermel tragen, welche auf den schultern zusammen gefalten stehen, als wie die Kochersberger baurenhosen um die knie. an den wämmessern musz nur ein einiger, und zwar gewickelter schosz sein, wie die weiber-hembder, die unten auf der seiten keine schlitze haben. Grimmelshausen wieder erstand. Simpl. (3, 7) 3, 586;
das liebe, zierliche, von weiszen weidenzweigen gewickelte,
gezwickelte von piependen, pickenden, trippelnden küchelchen
wimmelnde nest.
Brentano (Gockel u. Hinkel) 2, 36 Morris;
den ganzen tag sitzen sie in ihren läden (die frauenzimmer der gewerbtreibenden klassen), im nachtgewande und mit gewickelten haaren, und erst wenn es dunkel geworden ist, putzen sie sich und lassen sich frisiren. Börne (schild. aus Paris: industrie-ausstell. im Louvre) 5², 270; gewickelt nennt man die ganzen windelböden bisweilen, weil bei ihnen der strohlehm um die staken gewunden wird. aus gleichem grunde werden sie auch gewundene decken oder fuszböden genannt. Helfft wb. der landbaukunst 145ᵇ.
2)
die gebrauchsformen, die von der verbindung einer person oder sache mit einem ferneren objecte (dem object der zielrichtung) abzweigen, stellen andere träger des attributs in den mittelpunkt der verwendungen. während sich das particip in der ersten gruppe meist an weiche, bewegliche, biegsame stoffe heftet, die die äuszere form des wickels annehmen, wendet es sich in der zweiten gruppe den personen und festen körpern zu, die von den beweglichen stoffen umwunden werden. der fall, dasz sich auch hier das particip attributiv an die letzteren heftet, ist mehr vereinzelt und ohne weiteren einflusz: das um die kugel gewickelte papier. E. v. Mauritius beschreibung des neupreusz. infanteriegewehrs 14; so recht ins auge fiel nur das grosze, noch regelrecht auf ein brett gewickelte rote friesstück. Fontane (vor dem sturm 34) I, 1. äuszerlich nähern sich den formen der ersten gruppe die fälle, in denen das fernere object bei formelhafter wiederholung abgestreift wird; in wirklichkeit bedeuten diese typen den abschlusz der isolierung vom verbum.
a)
bei der engeren beziehung des particips auf eine person berühren sich anfang und ende des menschenlebens eigenartig in den verwendungen des particips. in beiden fällen giebt die bibel die ersten anhaltspunkte. andere entsprechende verbindungen lassen bestimmte typen hervortreten. besondere aufmerksamkeit beanspruchen einige verwendungen, die auf ellipse deuten.
α)
ein kind in windeln wickeln, einen leichnam in tücher wickeln.
1))
zum ersten vgl.: ir werdet finden das kind in windeln gewickelt und in einer krippe ligen. Luther Luc. 2, 12 (var.: eingewickelt, vgl. barn bivundan Ulfilas; kind mit tuochun biwuntanaz, pannis involutum. Tatian; gewunden in tuch cod. Tepl.; Beheim; gebunden Mentel und die ganze vorlutherische bibel); darumme sprach Jesaja: tu es deus absconditus, velut infans pannis involutus ... du bist uns ein verborgenne got in menslicher nature, rehte alse ein kint, daʒ da gewickelt und gewonden ist in sine duͤchere. Nicolaus v. Landau sermon bei Zuchhold 28;
do solchs wurd den hirten kundt,
kamen sie dar zur selbigen stund
und funden das kindelein
gewickelt in windelein.
Nicolaus Herman die sontags euangelia (8) 30 Wolkan;
zwar, auszer dasz ihm dann und wann
ein schwerer seufzer unwillkührlich
entfährt, verhält er sich im anfang so manierlich,
dasz ein gewickelt kind nicht stiller liegen kann.
Wieland (Klelia u. Sinibald 7, 10) 21, 327;
ein gewickelt oder gewindelt kind, un bambino fasciato. Kramer teutsch - ital. dict. (1702) 2, 1340ᶜ; ein gewickeltes, eingewindeltes kind, enfant emmailloté, bandé. Schwan a. a. o. 745ᵇ.
2))
zum zweiten vgl. corporale, in quo Christus fuit in gewichlot. glossen des 15. jahrh., anz. f. kunde d. d. vorzeit 6, 349; Joseph nam den leib, und wickelt in in ein rein linwand. Luther Matth. 27, 59 (ebenso schon Koburger u. a.; vgl. dagegen bivand ita Ulfilas; want in cod. Tepl., bei Beheim u. a.; vgl. auch Tatian 212, 7 zu Joh. 19, 40); dasz man die todten inn weisse tücher gewicklet, pfleget hinausz zutragen. Ryff übers. v. Artemidors traumbuch (4, 2) 166ᵃ (mortui in albis vestibus efferuntur); man mus mich für tod gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der bahre, und ins leichentuch gewickelt wie ein toder. Schiller (räuber schausp. 4, 5) 2, 168.
β)
sonstige verbindungen des relativ begrenzten particips mit einem persönlichen träger der verbalthätigkeit.
1))
just umgekehrt in meinem fall,
wenn eine immer und überall
in hüllen und häuten wie eine zwiebel
gewickelt erscheint.
Wieland (Gandalin 5, 319) 21, 52;
ich beschied ihn daher durch einen unbekannten nachts an einen gewissen platz, wo ich in meinen mantel gewickelt eher eintraf als er. Göthe (dicht. u. wahrh. 20) 48, 188; während das Martinchen nachdenklich in ihren mantel gewickelt ins weite starrte. P. Heyse (neue moral. nov.: die talentvolle mutter) II, 4 s. 92; ein junges mädchen von schlanker gestalt, dicht in einen dunklen schal gewickelt. 228; nur die beiden in ihre plaids gewickelten alten herren schritten auf deck auf und ab. Fontane (der stechlin 15) I, 10 s. 201.
2))
der alte sasz, die füsze in kissen gewickelt, im lehnstuhl und konnte vor freudigem schrecken nicht aufstehn, selbst wenn die gicht es erlaubt hätte. Mörike (maler Nolten 2) 5, 42 Krausz.
γ)
auf ellipse (abstreifung des objects der zielrichtung) deuten sprichwörtliche redensarten: wer vor gericht nicht gut gewieget und gewickelt ist, dem thut ein guter vormund vonnöthen. J. J. Otho evangel. krankentrost (1671) s. 401; er ist schief gewickelt, in groszem irrthum. Albrecht Leipziger mundart 199ᵇ (vgl. hei is scheiw wickelt Wander 4, 161). der zusammenhang, in dem diese letztere redensart in theil 8 sp. 2683 dargestellt ist, würde es rechtfertigen, bei der erklärung einseitig von schief auszugehen (vgl. er hat schief geladen). unser erstes beispiel jedoch zeigt, dasz hierbei auch die verbalthätigkeit voll berücksichtigt werden musz. auch andere erscheinungen (s. unter gewiegt) thun dar, wie enge die vorstellung des richtigen wickelns und wiegens als voraussetzung einer guten kinderstube mit den anforderungen verknüpft ist, die eine ältere zeit an die erziehung und bildung des nachwuchses stellte.
b)
verbindungen des relativen gebrauchten verbums mit einem object der sache.
α)
mit den oben unter β behandelten verwendungen berühren sich aufs engste die folgenden: zu solchem ende stellte ihr der hochzeiter etwas in ein tüchlein gewikeltes zu, mit anzeigung, wann sie solches bei sich haben würde, dasz sie alsdann einen guten marck (!) und schnellen abgang der wahren hätte. Grimmelshausen wiedererstandener Simplicissimus (3, 10: galgenmännlein) 3 (1713), 635;
in dieses tuch gewickelt ist ein brief.
gieb ihn an meinen sohn, er weisz darum.
Grillparzer (Ottokar 1) 5⁴, 37;
und da — sie zog etwas in papier gewickeltes aus der tasche und legte es auf den tisch — da ist auch der ring. Paul Heyse (moral. nov.: vetter Gabriel) II, 3 s. 148; ein in leinwand gewickeltes packetchen. G. Hauptmann biberpelz 4. akt; wie er dahinjagte, als wenn ihm die verfolger im nacken säszen, mit bloszem kopf, das in zeitungspapier gewickelte paket unterm arm haltend. W. Hegeler pastor Klinghammer² 390.
β)
der übertragene gebrauch: lange arbeitet sie (die sonne), den nebel zu zerstreuen, der vor ihr nicht weichen will. ... luft und erde liegen unkentlich in einer hülle gewickelt, und das auge irret mühsam von einer seite zur andern, ohne die gegenstände unterscheiden zu können. C. C. L. Hirschfeld der winter (1769) 41; meine buhlerei hat den arglistigen despoten betrogen, meine tollheit hat euerm fürwiz meine gefärliche weisheit verhüllt. in den windeln der üppigkeit lag das erstaunliche werk der verschwörung gewikelt. Schiller (Fiesko 2, 18) 3, 78 (var. gewickelt); es war die wohlbekannte kleine baderin aus der Weidengasse ... ein weib, weder schrecklich, noch rätselhaft; denn jeder Luckenbacher weisz, sie besteht blosz aus o und ach, in ein ewiges erröten gewickelt. Otto Ludwig (Heiterethei) 2, 89.
γ)
auf ellipse beruht hier: gewickeltes rindfleisch Nicolai reise 5 (österr. provinzialwörter); gewickelter braten vom rind-fleische wird also zugerichtet: man nimmt fleisch vom ziemer, schneidet es länglicht und dünne ... endlich wickelt man es über einander, leget es in eine bratpfanne ... Chomel 4, 1059. vgl. auch: meninges, cerebri in uolucra, das felin darinn das hirn gewickelt ligt. Hadrianus Junius nomenclator (1595) 12.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1907), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 5782, Z. 74.

wickel1, n.

¹wickel, n.,
docht. s. wiechlein, n.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 841, Z. 12.

wickel2, m., f.

²wickel, m., f.,
faserbündel um den rocken; etwas gewickeltes. ahd., mhd. wickel. mnd. nicht belegt (auskunft von G. Cordes). parallelen aus andern germ. sprachen fehlen. ndl. wikkel, dän. vikkel, norw. vigl, schwed. dial. vigla (Schonen) sind aus dem dt. entlehnt.das wort beruht nach Paul dt. gramm. 2, 70 auf dem älter bezeugten ahd. wickili(n) (s. wiechlein 1) und ist als hochsprachlich gewordene form mit mundartl. hundel auf eine stufe zu stellen (Henzen dt. wortbildg. ²146). das zuerst bei Stieler stammb. (1691) 2531 gesicherte mask. ist an die gerätenamen auf -el angelehnt; seltener ist das fem. (gesichert zufrühest bei Steinbach dt. wb. [1734] 2, 991). wie wicke (s. wieche B 1) meint wickel zunächst den um den rocken gewickelten faserrohstoff (1). später wirkt das davon abgeleitete verb ⁴wickeln (s. d.) mit seiner bedeutung zurück, so dasz das wort seit dem 15. jh. unabhängig vom material jedes gewickelte (2) bezeichnet. z. t. liegt in ²wickel 2 wohl auch nominale rückbildung aus ⁴wickeln vor.
1)
faserbündel, wie es zum abspinnen um den rocken gewickelt wird (alle belege, die sich durch die form des suffixes oder durch das neutr. noch dem diminutiv zugehörig erweisen, s. unter wiechlein 1): wichel pensum (12. jh.) ahd. gl. 3, 627, 32 St.-S.; (13. jh.) ebda 306, 58 (mit obd. affrikata -kch-); wickel pensum (Schlesien 1340) Konrad v. Heinrichau voc. in: mitt. d. schles. ges. f. volkskde 13/14, 398ᵇ; wickel flachs oder wickel wolle oder hanfs pensum si alio modo rupsum voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 1ᵃ; 'so viel flachs als um den rocken gewickelt ist' Hübner zeitungs-lex. (1824) 4, 929ᵃ: er sach auch zu der frawen seitten ein wickel von einem rocken hangen, aber chainen rocken sach er nicht Joh. Hartlieb Caesarius v. Heisterbach 106 Drescher (dieser beleg vielleicht auch zu wiechlein 1); die gunckel ist nichts anders dann das creütz Jesu Christi des herren. die gunckel an jr selbs, der steck daran man den flachs binndet. ich waisz nit wie jrs nennen. ich hab nitt vil gunckeln zu spinnen gewonet. die gunnckel oder wückel die daran gebunden ist, ist Christus Jesus vnser herr Keisersberg gaistl. spinnerin (1510) a 3ᵃ; nach dem brechen musz ... das werck in wickel zusammen gerollet ... werden Marperger beschr. d. hanffes u. flachs (1710) 19; (ein keckes mädchen) holte einen wickel werrig und umwickelte damit geschäftig die leeren spuhlen (als täuschung statt des daraufgehörigen garns) Börner volkssagen aus dem Orlagau (1838) 160. von einem entsprechenden faserbündel in der modernen spinntechnik: die ... gut gelockerte wolle wird ... (von der schlag- oder wickelmaschine) in die gestalt eines wickels gebracht Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 326; jede baumwollsorte (ist) im einzelnen wickel mit gleichem volumen vertreten Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 2, 73. mundartlich ist wickel 'faserbündel um den rocken' im schwäb., bair.-österr., md. sowie preusz. verbreitet: wickel, m. Fischer schwäb. 6, 752 (auch f.); Schmeller-Fr. bair. 2, 847; Schatz Tirol 705; Bacher Lusern 229; Follmann Lothr. 540; Crecelius oberhess. 911; Frischbier preusz. 2, 467; a wickel wark (werg) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 662. vgl. die synonyma mnd. dîse(ne); docke 4 teil 2, sp. 1212; klank(e) 3 b teil 5, sp. 950; kunkel II 1 a teil 5, sp. 2655; rocken 2 teil 8, sp. 1102; wocken 1 b teil 14, 2, sp. 966 sowie als begrifflich nahestehend die maszbezeichnungen für bündel gehechelten flachses kaute 1, 2 teil 5, sp. 363; knocke 1 teil 5, sp. 1462; reiste 2 teil 8, sp. 751.
2)
(biegsamer) körper, der zum wickeln gebraucht wird; er wird in sich zusammengewickelt (a, b), um ihn wird etwas gewickelt (c), er wird um etwas gewickelt (d—h): die wickel involucrum, volumen Steinbach dt. wb. (1734) 2, 991; 'der wickel ein gewickelter, d. i. mehrmahls um sich selbst zusammen gelegter körper; ein wort, welches wenig mehr gehört wird' Adelung 4 (1801) 1518. insbesondere angewandt auf:
a)
ein knäuel garn, wolle: pensum ein wickel o. spindel garns (15. jh., obd.) Diefenbach nov. gl. 286ᵃ; ein wickel wolle Campe 5 (1811) 697ᵇ; knaul Jecht Mansfeld 124ᵃ. als masz für baumwollgarn: der wiggel 'ein bund von 10 stränglenen' Hunziker Aargau 259.
b)
die in sich zusammengewickelten tabakblätter, die beim zigarrendrehen als einlage in das deckblatt gerollt werden: ein wickel taback Schrader dt.-frz. wb. 2 (1781) 1623; der wickel (wird) in schiefer lage auf das deckblatt gelegt Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 8, 731; weckel, m., tabackwickel Hönig Köln 199ᵇ.
c)
ein zusammengefaltetes stück papier, um garn, haare (zur lockenbildung) u. ä. darauf zu wickeln (vgl. wickelpapier 2; papierwickel teil 7, sp. 1441; lockenwickel teil 6, sp. 1100; haarwickel teil 4, 2, sp. 40):
mein klein magisterlein wird es (das trauerlied) so lange loben,
bis es sein granadier zu wickeln aufgehoben
Schönaich d. sieg des mischmasches (1755) 34;
(Wilhelm sah) seine arbeiten als sudelpapiere der schulübung an, die ... gewöhnlich zu wickeln verschnitten werden Göthe I 51, 115 W.; 'zuweilen nennt man auch noch ein mehrmahls zusammen gelegtes papier, z. b. zwirn darauf zu wickeln einen wickel' Adelung 4 (1801) 1518; wikkel ein rundliches zusammengerolltes oder zusammengedrehtes stück papier, worum man die haare wickelt, damit solche als krause locken herunterhängen; ein zusammengebogenes oder zusammengefaltetes stück papier, worum und worauf man garn wickelt Doornkaat Koolman ostfries. 3, 549.
d)
das tuch oder das band, in das säuglinge gewickelt werden (vgl. wickeltuch, wickelband 2), wofür allgemein windel, f. B (teil 14, 2, sp. 279): wie eyn kynt in den wickeln ligget Wigand Gerstenberg chron. 192 Diemar; die vielen sonnette mag ich nicht zählen, die er an ... die windeln und wickeln des neugebohrnen machen wird (1802) Caroline br. 2, 189 Waitz;
diesen zierlich und kräftig doch
kaum geborenen säugling
faltet in reinster windeln flaum
strenget in köstlicher wickeln schmuck
klatschender wärterinnen schaar
Göthe I 15, 1, 226 W.;
(der groszvater) bettet das Micherle in seinen wickel Rosegger wildlinge (1905) 410. mundartl. verzeichnen wickel 'windeltuch, -band' Mensing schlesw.-holst. 5, 617; m., f. Woeste-Nörrenberg westfäl. 322ᵃ; f. Vilmar-Pfister Hessen, 2. erg. 44; Follmann Lothr. 540; m. Meisinger Rappenau 231.
e)
ein (feuchtes) tuch, das dem kranken um den körper gewickelt wird: (Sancho Pansa:) die fraw sey gebeten, vnd mache es hiermit also, dasz etliche fasen vnd wickel vbrig bleiben mögen ... indem auch mir die seiten etwas wehe thun Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 163; sie sehen ja ganz frisch aus, jetzt aus der wickel Vischer auch einer (1879) 1, 80; (er trug) eine flanellene leibbinde, auch wohl sogar einen feuchten wickel mit guttapercha-bedeckung Th. Mann Faustus (1948) 548.
f)
den oberen teil des strumpfes, der im 18. jh. um die wade gewickelt wurde (vgl. wickelstrumpf):
der blanken kniee schwarzer sammt
steht durch zween wickel aufgedammt
anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 612 Gottsched;
wickel am strumpf rouleau des bas Schrader dt.-frz. wb. 2 (1781) 1623; 'ehedem, als die mannspersonen ihre strümpfe noch zu wickeln pflegten, hiesz dieser gewickelte theil ein wickel; wickel tragen' Adelung 4 (1801) 1518.
g)
die papierkapsel, in die früher gerolltes haar zur lockenbildung eingewickelt wurde (vgl.c), die papillote (teil 7, sp. 1442):
als ich am fenster sie sah, in papiernen wickeln die locken,
glaubt ich die Charis zu sehn, weiszliche rosen im haar
Grillparzer s. w. 3, 97 Sauer.
h)
α) das band, das um den (männer)zopf gewickelt wurde (vgl. wickelband 3). hier bildlich gebraucht: dem ministerium wäre darüber ... der juristische zopf in der wickel aufgegangen Heinrich König könig Jerome's karneval (1855) 2, 181. β) wohl von α übertragen: 'a wickel ... figürlich und zwar spottweise für perücke (Bayern)' Klein provinzialwb. (1792) 2, 232; Schmeller-Fr. bair. 2, 847. γ) von β übertragen: wickel perückenträger Schmeller-Fr. a. a. o. vgl.: 'dieses alte wickel wird scherzweise von einem alternden manne gesagt, der sich in seiner perücke eben nicht nett und überhaupt in seinem anzug nicht allzu reinlich trägt' Westenrieder gloss. germ.-lat. (1816) 672.
3)
die wendung beim, am wickel haben, kriegen, nehmen u. ä. hat wohl von wickel 2 h α ihren ausgang genommen (vgl. ähnlich rhein. geschichtsblätter 8, 64, wo von wickel 'band, mit dem man ende des 18. jhs., als der zopf abkam, die haare, die man lang wachsen liesz, zusammengebunden wurden' ausgegangen wird, wofür belege jedoch fehlen), ist dann aber bald im sinne von 'am haar, schopf, kragen fassen' verstanden worden. seit dem 19. jh. bezeugt, gehört sie der umgangssprache an: kommt ihr (der hoheit, dem prinzen in der schlacht) eine bande ausreiszer entgegen — hui, den flinksten hat sie beim wickel (1824) Immermann w. 14, 156 Hempel; als ich ... wieder in die wirthschaft hinaus wollte, kriegte mich der gute pflegepapa schweigend beim wickel B. Goltz ein jugendleben (1852) 3, 207; ich nehme sie beim wickel und werfe sie zur thür hinaus Reichenau aus unsern vier wänden (1861) 1, 35. reflexiv 'sich balgen': denn just über ihm haben sich die beiden sänger beim wickel H. Löns aus forst und flur (o. j.) 11. erweitert 'jemandes habhaft werden': wenn man sie beim wickel kriegt, mach ich mich davon und besorge die schreiben (1835) Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 441. übertragen 'jemanden in der falle haben': da triumphieren sie (die bauern) hin, dasz sie dich (den pastor) endlich einmal am wickel haben (1867) W. Raabe s. w. II 1, 431; du lässt dich zu grobheiten hinreissen und schon haben sie dich am wickel O. M. Graf unruhe (1948) 273. 'jemanden innerlich packen': was denn, ich zappele selbst, es hat mich verteufelt am wickel Th. Mann Faustus (1948) 724. bei nichtpersonalen objekten scherzhaft 'zur, in der hand haben': lesen sie denn den Horaz so eifrig, dasz sie die citate so am wickel haben? Ernsthausen erinn. (1854) 176; (ich) schenkte ihr kalt lächelnd die dritte tasse kaffee ein. als sie diese beim wickel hatte, fragte sie ... Stinde Buchholzens in Italien (¹²1885) 5. die nd. und md. mundartwbb. verzeichnen die wendung regelmäszig, die obd. dagegen nur vereinzelt: ich pack dich am wickel Martin-Lienhart elsäss. 2, 809; an, bein wickl nehma Jacob Wien 219.
4)
sonderbedeutungen.
a)
wickel füllsel von gehacktem fleisch etc. in einen dünnen überzug von mehlteig gewickelt und gesotten (Nürnberg) Schmeller-Fr. bair. 2, 847; wikᵉlᵉ f. gekneteter und zusammengerollter teig Bauer-Collitz Waldeck 114.
b)
in der gaunersprache: wickel das essen Fischer schwäb. 6, 753; auch ausserhalb der gaunersprache ebda 3411.
c)
mundartl. im alem. die wand- und deckenfüllungen aus stroh- und lehmgemenge Martin-Lienhart elsäss. 2, 809; Fischer schwäb. 6, 753; Hunziker Aargau 296. auch im lothringischen Follmann 540.
d)
wohl von 2 h γ aus: der wik'l ein dummer mensch Castelli Österr. unter d. Enns 266.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 841, Z. 13.

wicheln2, vb.

²wicheln, vb.,
weissagen, wahrsagen. zur herkunft und form s. ⁵wicken. belege: du ensalt nyet wicheln laissen, noch rait (rat) noch vollbairt (vollmacht) dair tzo gheven (1407) seelentroist (mscr. d. Oldenburg. bibliothek) 9ᵃ; got gebot, gy en sollen nicht wychelen off den dromen gelouen qu. v. j. 1473 bei Schiller-Lübben 5, 703; augurare wijchelen voc. gemma (Köln 1495) C 3ᵃ; wicken et wickelen augurari, vaticinari, praefagire, futura praedicere, prophetare, divinare Stieler stammb. (1691) 2473; wicheln gaukeln, wahrsagen Schrader dt.-frz. wb. 2 (1784) 1622. die angabe Grimms dt. myth. 2, 863 Meyer, wichelen sei heute noch in Niederdeutschland gebräuchlich, wird durch andere quellen nicht bestätigt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 809, Z. 14.

wickeln1, vb.

¹wickeln, vb.,
weissagen, wahrsagen. s. ²wicheln, vb.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 19.

wickeln2, vb.

²wickeln, vb.,
nebenform zu weckeln (teil 13, sp. 2795): welche doch im waffen fuhreten drey halbe rote gewickelte circkel im weissen felde Ammersbach churbrandenburg., markische u. halberstädt. chronica (1684) 44.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 20.

wickeln3, vb.

³wickeln, vb.,
wackeln. mnd., (m)nl. wiggelen, engl. wiggle, dän. vikle, norw. vigla. das wort ist wie gleichbedeutendes wackeln (s. teil 13, sp. 209) als intensiv- und iterativbildung zur sippe von ahd. wegan (s. wägen teil 13, sp. 422 f.; wiegen, st. vb.), nhd. wiege, f. (s. d.) zu stellen, wozu ohne l-suffix auch hess. wicken einen gegenstand rasch und kräftig hin und herziehen Vilmar Kurhessen 454; schaukeln, schwanken Heinzerling-Reuter Siegerl. 326 gehört. literarisch vereinzelt bezeugt: stig die seilleiter den mastbaum auff vnd ab, gieng auff den zehen auff dem rand, am bort, auff der spitze: wickelt vnd wackelt Fischart Garg. 283 ndr. sonst nur mundartlich: weⁱkelen wb. d. luxemb. ma. 482; nösn. weggəln Kisch vgl. wb. 244; wigəln Hofmann niederhess. 263. insbesondere nd.: wiggeln Lock pruss. (1759) 77; Frischbier preusz. 2, 469; Truchert neumärk. 250; meckl. wiggeln un waggeln ders. in: wiss. zeitschr. d. univ. Rostock 8 (1958/59), ges. u. sprachwiss. reihe 5.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 25.

wickeln4, vb.

⁴wickeln, vb.,
das im mhd. seit ca. 1300 (s. Heinrich v. Neustadt unter A 1 b α) bezeugte sw. verb ist von ²wickel 1 abgeleitet wie das gleichbedeutende seltene ⁴wicken (s. d.) von wicke (s. wieche B 1). wie bei ²wickel fehlen parallelen in den andern germ. sprachen: ndl. wikkelen, dän. vikle, norw. vigla, schwed. veckla (zuerst 1634; früher oft vickla [zuerst 1325]) sind aus dem dt. entlehnt. das mnd., dem wickeln nach auskunft des mittelnd. wörterbucharchivs (G. Cordes) gleichfalls fremd ist, gebraucht dafür winden. diese mitteilung bekräftigt die Bugenhagen-bibel (Lübeck 1533), die 1. Sam. 21, 10; Hesekiel 16, 4; Matth. 27, 59; Lukas 2, 7 Luthers wickeln (das auch die Zürcher bibel [1531]; Dietenberger [Mainz 1534], Eck [Ingolstadt 1537] zeigen) regelmäszig durch winden ersetzt. aber auch dem hd. ist winden im sinne von 'wickeln' seit alters her geläufig (s. winden II A 1 b; B 3 a teil 14, 2, sp. 285 f.) und bis ins 15. jh. wohl sogar das gebräuchlichere wort, wie die reiche bezeugung im mhd. (mhd. wb. 3, 678; Lexer 3, 900 f.), der nur wenige wickeln-belege gegenüberstehen, vermuten läszt. vgl. auch die über hundert hd. und nd. bibelhandschriften und -drucke verarbeitende synoptische tabelle in: bibel u. dt. kultur 5 (1935) 141—147 Vollmer, nach der involvere (Lukas 2, 7) der vulgata bis ins 15. jh. allgemein durch (be)winden (daneben durch windeln) wiedergegeben und erst im 15. jh. im hd. teilweise durch wickeln (z. b.: gebickelt [1442] cgm. 743 aus Tegernsee; wicklet [15. jh.] cgm. 4698) abgelöst wird. — wickeln setzt sich im nhd. immer mehr gegenüber winden II B 3 a durch, bis es im 19. jh. für diesen bedeutungsbereich von winden fast vollständig eingetreten ist (vgl. winden II C 1 teil 14, 2, sp. 295). — mundartl. gilt wickeln heute im gesamten dt. sprachgebiet, auch im nd., vgl. Woeste-Nörr. westfäl. 322ᵃ; Doornkaat Koolman ostfries. 3, 549. im westmd. ist der stammvokal i z. t. zu e gesenkt: wekelen luxemb. ma. 482. frühnhd. ist gelegentlich rundung i ˃ ü eingetreten: gewückelt d. hl. leben, winterteil (1471) 163ᵇ; gewücklet Rauwolf raisz (1582) 81 ; mundartl. ist i ˃ u gerundet: wuckeln Hertel Thür. 260; Vilmar-Pfister kurhess. 340 (zu D 3). — l-einschub (vgl. Weinhold bair. gramm. § 159) ist vereinzelt: gewilckelt dt. geistl. liederb. a. d. 15. jh. 36 Bäumker.für sich steht das st. part. prät. gewigglen (1572) Th. Platter in: Th. u. Fel. Platter 27 Boos. entsprechend seiner ableitung aus ²wickel 1 (s. d.) wird wickeln ursprünglich 'das faserbündel um den rocken winden' bedeutet haben; hieraus ist dann frühnoch vor beginn der überlieferungdie noch heute gültige bedeutung (A) abstrahiert worden, die das herumwinden eines biegsamen körpers um einen andern (ebenso das herabwinden von ihm) oder um sich selbst bezeichnet. im übertragenen sinne (B) war wickeln frühnhd. und noch im 18. jh. sprachüblich, ist dann jedoch auszer gebrauch gekommen. s. auch die komposita ab-, an-, auf-, aus-, be-, durch-, ein-, ent-, herab-, heran-, heraus-, über-, um-, ver-, zu-, zusammenwickeln sowie gewickelt teil 4, 1, 3, sp. 5782.
A.
im eigentlichen sinne.
1)
mit affiziertem objekt.
a)
als akkusativobjekt steht der körper, der um einen andern; z. t. auch δ) oder um sich selbst (β—δ) gewunden wird.
α)
mit adverbialer bestimmung, die den körper bezeichnet, um den (von dem) etwas gewunden wird. wickeln um: (er) palde des pfaffen rock, cappen vnd korock an leget, die cappen vmb sein halsz gewickelt als dann gemeiniclichenn der priester gewonheyt ist Steinhöwel decameron 430 lit. ver.; wickle darnach (dem kranken) noch ein truckens warms tuch vmb das haupt Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 71; müste der zettel üm einen stab gewikkelt werden S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 88; der wickelt sich den strumpff nicht accurat ums knie Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 128; und wickelte sich ihr schürzchen um die kalten arme Th. Storm s. w. (1900) 4, 264. bildlich: die alte philosophische unsitte an irgend einer stelle der lehre die wahrheit gut und deutlich merken zu lassen, dann aber sogleich ein handwerksmäsziges verworrenes system darum zu wickeln, scheint einmal nicht aussterben zu wollen (1853) G. Keller br. u. tageb. 2, 316 Ermat. häufig reflexiv:
ein jede (schlange) wicklet sich nachmals
erschröcklich vmb der kinder halsz
Spreng Äneis (1610) 27ᵇ;
und der wein wickelte sich um äste und zweige bis oben hinauf Gaudy s. w. (1844) 2, 79. bildlich: ein dichter nebel hatte sich um die berge gewickelt Tieck schr. (1828) 6, 126. wickeln auf: das garn auf einen knauel wickeln auvolgere, aggomitolare il filato Kramer t.-ital. 2 (1702) 1340ᶜ; es wird ... der flachs ... auf eine banck, so breit als das wockenscheid hoch ist, auf einander gebreitet und locker darauf gewickelt Zincke allg. öcon. lex. (1744) 3278; es geht nämlich mit der fahrenden post eine kleine rolle ab, worauf ich jenen aufsatz über Proserpina gewickelt habe (1815) Göthe IV 25, 341 W. bildlich: gott wickelt aller menschen sünd auff ein klewelein Eyering proverb. copia (1601) 2, 698. reflexiv: sie spann nur mit der einen hand den glänzenden faden, der sich nicht auf die spule wickelte, sondern kreuz und quer an dem abhange herumzog G. Keller ges. w. (1899) 3, 111. wickeln von: er tritt zu ihr, indem er den trauerflor langsam von seinem arm wickelt Schiller 3, 38 G.; und als er mich nach einem dunkeln stübchen geführt, ... wickelte er ein schmutzig blaues papier von einem schon zerlesenen grünen büchlein H. Heine s. w. 3, 227 Elster.
β)
mit adverbialer bestimmung, die die beim wickeln des körpers um sich selbst entstehende form bezeichnet. wickeln in: der wyder hörner seind in ein krümme gewycklet Eppendorff Plinius (1543) 11, 202; an den seiten waren sie (die haare) in zwei rollen, gleich pistolenhalftern, gewickelt Hauff pros. u. poet. w. 9, 25 Hempel; wobei wir die wolle ins knäuel wickelten (1886) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 30.
γ)
mit adverb zusammen, auseinander u. ä. (vgl. zusammenwickeln teil 16, sp. 778):
dies duchlin fin und clar
die zart zesamen wickelt
drivaltiglich verswickelt
gar lieplich uff ein ander
meister Altswert 218 lit. ver.;
(man hat) die fahnen aber zuhauff gewickelt, vnd zu beyden seiten im chor ... angelehnet Rätel Curäi chron. (1607) 500; wickelt das geklopfte (kalb)fleisch zusammen, steckts an ein spieszlein, betrieffs mit heisser butter und brats safftig ab Hohberg georg. cur. 3, 3 (1715) 60ᵃ (kochbuch); bald wieder wickelte sie die dürftigen hemdchen auseinander Th. Storm s. w. (1900) 5, 181. reflexiv: die regenwürm wicklen sich in einander Seutter hippiatria (1599) 187.
δ)
ohne adverbiale bestimmung: seyden wickeln deuuider de la soye, incannare de la seta Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 408ᵇ;
wie! sprichst du, soll, ihr haar zu wickeln
ein mägdchen so ein werk zerstückeln?
Schwabe belust. (1741) 1, 241;
der eine hielt den zwirn, der andre wickelte ihn Möser s. w. 1, 207 Abeken; zuvörderst liebkosete er seinen schädel, auf dem er die locken ordnete, drehte, wickelte Holtei erz. schr. (1861) 24, 98. reflexiv: gleich wie der epheu von natur sich gerne krümmet, wikkelt und windet Butschky Pathmos (1677) 706.
b)
als akkusativobjekt steht der körper, um den etwas gewunden wird.
α)
mit adverbialer bestimmung, die den um den (von dem) körper gewundenen gegenstand bezeichnet. wickeln in:
(die metzen) wicklen vil hudlen (lumpen) jn die zöpff,
grosz hörner machen vff die köpff
S. Brant narrenschiff 4 Zarncke;
nemmet die leber heraus, wickelt dieselb inn ein blat von kabiskraut Sebiz feldbau (1579) 71; damit er nicht über das ihm geschenckte geld könne vnnd es verthue, so wickelt sie es in ein pappier Albertinus hirnschleiffer (1664) 258; Leander hat auch oft solche bücher bekommen, worein er zucker und koffee wickelte Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 1, 286; die beyden nächte bracht ich, in meinen mantel gewickelt, auf dem verdeck zu Göthe III 1, 298 W.; er hatte seine trompete in ein schwarzes tuch gewickelt Th. Storm s. w. (1900) 3, 154; die in decken gewickelten herrschaften in ihren liegestühlen Kluge Kortüm (1938) 348; er wickelte ihn (den karpfen) in ein stück zeitung und übergab ihn einem fräulein Anna Seghers das siebte kreuz (1950) 94. bildlich: alle arbeiteten sie auch mit prosaischen thesen, die sie in rednerischen schmuck wickelten Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 388. insbesondere ein kind in windeln (u. ä.) wickeln:
die duchelin waren nit ze lang,
smal, kurtz und krang,
da du (das Jesuskindlein), die selden borde,
in gewikelt worde
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 2096 Singer;
von ersten wickelt man sy (neugeborene) in windel vnd in fätschen vnd legt sy gebunden in die wiegen Keisersberg granatapfel (1510) C 5ᵃ; hat er sich nicht ... in windeln wickeln ... lassen Schupp schr. (1663) 322; die hebamme ... reinigte die creatur und wickelte sie in das schönste weisse zeug Göthe I 43, 18 W. reflexiv: (der knecht) sich in den langen mantel wickelt nach des küniges gewonheit Arigo decameron 173 Keller; ich hätte das mädchen nicht erreicht, wenn nicht ein zackichter dornbusch sich in sein fliegend gewand gewickelt hätte S. Gessner schr. (1777) 1, 126: bildlich: die liebe sonne wickelt sich offt in die wolcken A. Taurer buszruffer (1596) F 2ᵇ. wickeln aus: eine von ihnen (den weibern) wickelte einen sou aus ihrer tasche, um sich diese lectüre zu kaufen H. Laube ges. schr. (1875) 4, 181; kaum dass Hoppenmarieken ... das postpaket aus ihrem kattuntuch wickelt Fontane ges. w. (1905) I 1, 25. reflexiv: sie hatten genug zu thun, sich wieder ... aus der zieche zu wickeln Zendorius teutsche winternächte (1682) 773; (der arzt) wickelte sich aus dem bärenpelz G. Freytag ges. w. 13 (1887) 82. bildlich:
wie wickelt Leibnitz sich, fragst du, aus diesen schlingen?
er wagt es, und ihm glückts, selbst Baylen zu verdringen
Wieland I 1, 67 akad.
β)
ohne adverbiale bestimmung. die feste verbindung ein kind wickeln 'ein kind in windeln winden' ist wohl durch fortlassen der adverbialen bestimmung aus ein kind in windeln wickeln (siehe α) entstanden:
die muͦtter bald jr kindlin nam,
vnd wicklets, als jr wol gezam
C. Scheit frölich heimfart (o. j.) B 1ᵃ;
ein kind wickeln ò windeln fasciare un bambino, auvolgerlo in fascie Kramer t.-ital. 2 (1702) 1340ᶜ; im nu war das (neugeborene) kind gereinigt und gewickelt, der brei gekocht Göthe I 33, 113 W.; sie wickelte das kind und sang dazu ihr 'eia popeia' Th. Storm s. w. (1900) 8, 99. in obd. mundarten und im rhein. wird statt (ein kind) wickeln auch fätschen teil 3, sp. 1363; Ochs bad. 2, 24; Fischer schwäb. 1, 1018; fäschen schweiz. id. 1, 1097; rhein. wb. 2, 300 gebraucht. andere verbindungen dieser art begegnen nur vereinzelt: wie die das sträuszchen mir wicklen ('mit einem band umwinden') lehrte, kam es mir so allerliebst vor Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 60; A. E. zwang mich nun ins bett ..., kam dann mit einem nassen ... leintuch, wickelte mich kunstgerecht ('wand mir ein tuch um den leib') Vischer auch einer (1879) 1, 82. bildlich: so lange sein glaubenszopf nicht genau nach dem muster des Riegerischen gewickelt war ..., hiesz er zur freiheit noch nicht reif Schubart br. in: Strausz w. 8, 237.
2)
mit effiziertem objekt: gomitolare il filo ein klingel wickeln Hulsius t.-ital. (1618) 2, 179ᵃ;
die geburt zeigt uns bei beiden, bei cigarren wie beim kind,
dass, weil man sie beide wickelt, beide wickelkinder sind
(vor 1845) Böhme volkstüml. lieder d. Deutschen (1895) 483;
man weisz doch, dasz eure vorgänger ... kugeln gossen und patronen wickelten Gutzkow ritter vom geiste (1850) 4, 122; sie ... fuhr fort, papierdüten zu wickeln Grillparzer s. w. 8, 79 Laube-Weilen; von ihrem nicht mehr dichten haar hatte sie an den schläfen possierliche schnecken gewickelt G. Keller ges. w. (1889) 4, 97.
3)
nur vereinzelt ohne objekt: sie hörte nur, wickelte an der zwirnrolle, las eine weile Gutzkow ritter v. geiste (1850) 9, 23; sie wandte nicht den kopf und wickelte noch immer fort mit der leine Th. Storm s. w. (1899) 2, 133; (beim umlegen der schärpe geht der helfende) ganz weit von ihm weg, dann aber, straff wickelnd, in immer engeren kreisen um ihn herum Carossa tag in Terracina (1947) 36.
B.
im übertragenen sinne.
1)
jemanden in etwas wickeln (vgl. A 1 b α) 'hineinmischen, hineinziehen, verstricken, verwickeln' (meist in etwas unangenehmes): und wiewol sie villeicht wider etlich ungelerte und die eins schentlichen lebens waren ursach hetten nach zu reden, so wickelten sie doch darein auch die gelerten und frumen (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 173; sie sind gantz ynn zeytliche ehre und nutz gewickelt (1525) Luther 17, 2, 128 W.; nun will ich auch anzeigen, ... warumb gott zur zeiten die seinen mit den gottlosen ettwas lasse leiden, und in gemeine unfehl wicklen Gugger christl. heerpred. (1590) 1, 11; allein ich vermeide es, euch auf ein paar tage zu sehen, was mich gewaltig stören und selbst in eine menge lästiger dienstbesuche wickeln würde (1814) J. Grimm in: J. u. W. Grimm, briefwechsel (1881) 332. reflexiv: also thet Moses der wickelete sich mitten in die sünde desz volcks, da sie das kalb hatten angebetet W. Linck d. achtzehend capitel Mathei (1525) C 1ᵇ; auff solche weisz (wenn ein fürst neutral bleibt) wickelt er sich in keine gefahr Böckler neue kriegsschule (1665) 875. insbesondere:
a)
in eine (streit)sache, händel: hastu ie mit dem babst etwas ansprachen vnd andren mer, so wickle den frummen gemeinen christen nit darein, in sachen darin er in dem glauben irren möcht (1520) Murner christl. u. briederl. ermanung 82 Pfeiffer-Belli; dem will ich ein gute sau geben, dasz er mich in solche händel (eine ehesache) wickeln und mischen will (1532) Luther tischr. 3, 241 W.; darumb dasz es des Matthiasen kräfft daselb stärcker sein sahe, und das Teutschland nicht in krieg wicklen wolte C. Dietz annales (1621) 380. reflexiv: in diese zwytracht wickelte sich hertzog Wodan Lohenstein Arminius (1689) 1, 364ᵇ; ich will mich in dieselbe händel nicht wickeln Ludwig t.-engl. (1716) 2464.
b)
in eine gemütsbewegung. reflexiv: darum wickle dich in die geduld J. Böhme s. w. 1, 29 Schiebler. ähnlich: ich beichte dir deutsch und franz(ösisch) alles was ich auf der seele habe — du wickelst dich in geheimniss (1794) Caroline br. 1, 149 Waitz.
c)
jmdn in gottes wort, in gott, in Christus (u. ä.) wickeln 'jmdn. so mit gottes wort (u. ä.) umgeben, dasz es ihn schützend einhüllt, dasz er ganz von seinem geiste erfüllt ist'. diese wohl von Luther ausgehende übertragene verwendung entwickelt sich aus vergleichen wie: gott wil auff keinen heiligen noch person eines menschen uns weisen, sondern auff das blosse wort oder schrifft, darin Christus gewickelt ist wie in tüchlin oder windeln (1525) Luther 17, 2, 31 W. übertragen: Maria ... fasszett und wickellt das newgeporen kindt in eyn leiplich wortt des euangelii und der zcusagung ebda 9, 534; darumb so kan man keynenn gewiszen grundt habenn von der gotheyt Christi, dann das man daz hertz wickel und schliesse in die sprüche der schrifft (1526) ebda 10, 1, 2, 297 W.;
treuer freund bisz in den tod (Jesus),
wickle mich in deine wunden.
je so werd ich in der noth
tapffer und behertzt erfunden
Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 610.
reflexiv: (wir sollten) uns also gantz und gar jnn jhn (Christus) wickeln und verbergen, ja mit jhm jnn die selbigen windeln kriechen ..., auff das uns der teuffel nicht ubereile und erhassche (1528/29) Luther 28, 118 W.;
mensch wikle dich in gott, verbirg dich in sein licht:
ich schwehre dir beym jah, der teufel siht dich nicht
Angelus Silesius cherub. wandersmann 62 ndr.
2)
jmdn aus etwas wickeln (vgl. A 1 b α) 'herauswinden, herausarbeiten, befreien': dasz der arzt ... die menschen leicht und gern aus diesem schmerzhaften leben wickle und sie einem bessern gäbe Jean Paul w. 4, 80 Hempel. meist reflexiv: euoluo me omni turba ich wickel mich ausz allem vnglück Alberus nov. dict. (1540) P 1ᵃ; Augustinus hat ... mühe und arbeit gehabt, dasz er sich aus der väter schriften gewickelt und gerissen hat (1543) Luther tischr. 4, 536 W.; ich werde noch toll drüber werden, das ich mich aus solcher not nicht weis zu wickeln Neander sylloge locutionum (1598) 229ᵇ; haben sie vnters joch der dienstbarkeit gezogen, daraus sie sich doch allgemach wiederumb wickelten Micraelius altes Pommerland (1640) 1, 64; ich sehe mich unvermögend, durch andere gefälligkeiten mich aus meiner schuld zu wickeln Menantes allern. art höf. u. gal. zu schreiben (1718) 252; sich aus dem gedränge wickeln se turba evolvere Steinbach dt. wb. (1734) 2, 991; weil er sich glücklich aus der gefahr gewickelt hatte Heinse s. w. 2, 48 Sch. insbesondere:
a)
aus einer (streit)sache, aus händeln: das er ... nichts mehr suchte, als sein vaterland, nutz- vnd reputirlich aus dieser beschwerlichen sache zuwickeln Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 289; wollen sie mir trauen? ich will sie recht gut aus der ganzen sache wickeln slg. v. schausp. (1764) 3, 50 (probe d. zärtlichkeit). reflexiv: sich ausz eyner sach herausz wicklen, entledigen, ledig machen Emmelius sylva quinque ling. voc. (1630) Pp 8ᶜ; ein Breitinger hätte es den schön vernünftelnden Franzosen überlassen sollen, sich damit (mit dem wort) aus dem handel zu wickeln Lessing 7, 433 L.-M.; sich aus einer sache wickeln sich aus einer verlegenheit helfen Voigtel wb. (1793) 3, 631ᵇ.
b)
aus einer gemütsbewegung. reflexiv: suchet, wo jr könt, das jhr aus solcher vnrwh ... jhe lenger jhe mehr euch wickeln mügt (1543) Luther br. 10, 485 W.; damit er sich aus disem labirinth undt zweiffl mechte wiklen Abr. a S. Clara neue pred. 10 lit. ver.; wenn die menschen aus der verwirrung sich heraus wickeln Chr. v. Wolff vernünft. ged. v. gott (1720) 262.
3)
ineinander, gegeneinander wickeln (vgl. A 1 a γ).
a)
etwas ineinander wickeln 'etwas miteinander verbinden, verwirren': so wisse nu, das Mattheus hie ynn einander wickelt und zugleich fasset das ende, beide, des jüdischen volcks und der welt ... wiltu es aber verstehen, so mustu es aussondern und yglichs auff sein ende ziehen, wilchs eigentlich von Juden odder der gantzen welt geredt sey Luther 15, 742 W.; wollen wir auch sehen, wie sie (die zahlen) sich zusamen finden in einer summa, da sie sich in einander wickeln und mengen M. Stifel wortrechn. (1553) H 1ᵃ; jene abhandlung hat einen geistreichen, aber etwas in einander gewickelten stil (1812) J. Grimm in: Achim v. Arnim u. die ihm nahe standen 3, 222 Steig-H. Grimm.
b)
etwas auseinander wickeln 'etwas entwirren, klären': man wickle sie (die predigtworte) ausz ein ander, so wirdt man sehen, das sie uber die massen vil inn sich fassen (1544) Luther 52, 229 W.; verwechselungen ..., welche alle aus einander zu wikkeln zu mühsam ... für mich wäre Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 408.
c)
personen gegeneinander wickeln 'sie gegeneinander treiben, so dasz sie sich bekämpfen': und so wickeln wir sie (aufrührer) unversehens gegen einander Göthe I 13, 1, 332 W. ähnlich: lüt umenander wickleⁿ hinter einander hetzen, aufwiegeln gegeneinander Martin-Lienhart elsäss. 2, 810.
C.
redewendungen.
1)
jmdn um den (kleinen) finger wickeln jmdn gefügig, willfärig machen (vgl.jmdn um den finger winden unter winden II B 3 a α teil 14, 2, sp. 289 sowie finger 20 teil 3, sp. 1656); jmd läszt sich um den finger wickeln, man kann ihn um den finger wickeln er ist nachgiebig, ein leicht zu lenkender mensch, gutartig: der gemeine pöfel wirds wol ausrichten, dasz er (ein aufrührer, der an die regierung kommt) so gelenck werde, das man in möchte umb einen finger wickeln Luther 16, 320 W.; (einen widersetzlichen menschen) den kan das podagram in einem tag so gelind vnd geschlacht machen, dasz er sich liesz umb einen finger wickeln Moscherosch gesichte (1650) 2, 492; ich wolte sie (meine wirtin) um einen finger wickeln, allein das ist meine sache nicht, weiber um finger zu wickeln (1772) Lichtenberg br. (1901) 1, 25; ich lass mich um einen kleinen finger wickeln Bäuerle kom. theater (1820) 4, 33 (d. untergang d. welt); wenn man ihn nicht reizt ..., dann ist er wie'n kind und man kann ihn um den finger wickeln Fontane ges. w. (1905) I 6, 23. als mundartl. verzeichnet bei Fischer schwäb. 6, 754; Martin-Lienhart elsäss. 2, 810; Ruckert unterfränk 196; (siebenb.-sächs.) d. dt. maa. 5, 34 Frommann; Mensing schlesw.-holst. 5, 617.
2)
(gewiegt und) gewickelt sein 'gewandt, tüchtig, klug, gerieben sein'. die partizipiale zwillingsformel, die an ein kind wickeln (A 1 b β) anschlieszt, geht von der vorstellung aus, dasz die fähigkeiten eines menschen durch gute pflege im säuglingsalter gefördert werden. meist haben sich die partizipien schon vom verb gelöst und sind zu adjektiven geworden (s. gewiegt teil 4, 1, 3, sp. 5790 f. und wiegen, sw. vb.).
a)
gewiegt und gewickelt: wer vor gericht nicht gut gewieget und gewickelt ist, dem thut ein guter vormund vonnöthen J. J. Otto evang. krankentrost (1671) 401; so du ihr (d. geometrie) deinen verstand anvertrauest, so macht sie denselben zu allen dingen gewickelt und gewiegt qu. v. 1741 bei Fischer schwäb. 6, 754. mundartl.: g'wicklet und gᵉwiegt ebda.
b)
in gleicher bedeutung begegnet auch gewickelt allein: es will dahero fast ein jeder gern ein gescheider, raffinirter, verschmitzter, gewickelter, und durchtriebener kopf seyn Pistorius thes. par. (1715) 29; er ist gewickelt, schlau est homo versatus versutusque Aler dict. (1727) 2, 2183ᵇ; gewëggild Crecelius oberhess. 912.
3)
die redewendung schief gewickelt sein, die burschikoser redeweise angehört, begegnet vereinzelt mit sachlichem subjekt und meint dann 'falsch angelegt, verkehrt eingefädelt sein': ich merkte, dasz die sache verkehrt eingefädelt oder (gut berlinisch zu reden) schief gewickelt war V. A. Huber reisebr. (1855) 1, 228. dem verbreiteten gebrauch mit personalem subjekt liegt wohl die vorstellung des verkehrt gewickelten kindes (A 1 b β) zugrunde. zunächst 'nicht richtig aufgezogen sein': du betrachtest die geistlichen als wickelkinder des lieben gottes, während wir andern wild aufwachsen oder schief gewickelt sind (1857) Fontane familienbr. 1, 82. dannund so heute allein — 'im irrtum sein, verschrobene ansichten haben': du bist gar sehr schief gewickelt ... mir sind keene diebe Gerhart Hauptmann die weber (1892) 111. auszer den nd. und md. mundartwbb. verzeichnen die wendung Fischer schwäb. 6, 754 und (auch in der form: krumm, letz gewickelt sein) Martin-Lienhart elsäss. 2, 810.
D.
sonderbedeutungen.
1)
absolutes verb 'viel und schnell essen' (vgl. ²wickel 4 b). im nordalem., bair. und westmd. gebräuchlich. vgl. Martin-Lienhart elsäss. 2, 810; Fischer schwäb. 6, 755; Schmeller-Fr. bair. 2, 846; Follmann Lothr. 540; Crecelius oberhess. 912. gaunersprachl. wickeln 'essen' ist kaum nebenform zu gaunerspr. picken 'essen', wie Wolf wb. d. rotwelschen (1956) 344 meint, sondern eher aus der mundart übernommen. literarische verwendung ist selten: die herren haben nicht schlecht gewickelt W. Weigand d. Frankenthaler (1901) 61.
2)
decken und wände mit stroh und lehm umwinden (vgl. ²wickel 4 c sowie Helfft unter gewickelt 1 teil 4, 1, 3, sp. 5783). auf alem. maa. beschränkt: Hunziker Aargau 296; Fischer schwäb. 6, 754; Martin-Lienhart elsäss. 2, 810. einen verwandten arbeitsgang bezeichnet lux. wekelen 'spriegeln; eine wand mit spriegeln bengeln, damit der putzbewurf besser halte' luxemb. ma. 482.
3)
als fachausdruck des malerhandwerks: 'wickeln dekorationstechnik, wobei lappen verschiedener art, waschleder und andere gewebe oder gewebeähnliche hilfsmittel anwendung finden. damit wickelt man entweder auf eine fläche die farbe auf oder man wickelt aus einer mit farbe bestrichenen fläche die farbe heraus, musz dann aber den lappen immer wieder auswaschen' F. Menzel-H. Winkels malerfibel (⁹1954) 261.
4)
trans. prügeln, durchhauen. aus dem nordalem., westmd., neumärk. und preusz. bezeugt s. Martin-Lienhart elsäss. 2, 810; Fischer schwäb. 6, 755; Follmann Lothr. 540; Hönig Köln 200ᵃ; Kehrein Nassau 444; Hofmann niederhess. 263; Hennig preuss. (1785) 300; Frischbier pr. 2, 467; gestern nachts ham vier soldat'n 'n rekruten sou gewick'lt, ass 'r auf'n platz lieg gebliem it Ruckert Unterfranken 196; doa hem we uns aə jəwuckelt (neumärk.) mündl. auskunft.
5)
meist reflexiv (auch absolut) in einer anscheinend auf das preusz. und hess. beschränkten verwendung, die wohl an B 2 anknüpft: wickeln, sich durchwickeln sich um sein brodt sauer werden lassen Bock pruss. (1759) 77; ich musz mich sehr wikkeln ..., dasz ich allen menschen gerecht werde ich musz mich sehr drehen und winden oder meine ausgaben sehr einschränken, dasz ich meine schulden bezahlen kann Hennig pr. (1785) 300; der versteht gut zu wickeln ... er hat durch geschickte reden sich aus einer kritischen lage herausgearbeitet Frischbier pr. 2, 467; sich wickeln klug und listig ausweichen Crecelius oberhess. 912.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 44.

wickle, f.

wickle, f.,
wickele, n., alem. bezeichnung verschiedener arten aus der familie der eulen (strigidae). vgl. Friedli bärndütsch 2, 215. zur herkunft s. wick, m.: nocticorax noctua multi bobonem esse contendunt nahkela nahtfokal, daz iz uuicla (so zu lesen nach Suolahti vogeln. 321) uuari (Keron. gl.; ende 8 jh.) ahd. gl. 1, 217, 31 St.-S.; strix wigla (14. jh.) voc. optimus 43 Wackernagel;
üwel und kutz du gheissen bist,
alles gfügel dir z'wider ist,
der tüben eyer vil usz trinckst,
der wigglen glych so grob du singst
(Zürich 1550) Ruff Adam u. Heva 912 Kottinger;
ein nachteülgesang, oder der wygglen gschrey, das dann ein tödtlich zeichen ist Frisius dict. (1556) 193ᵃ; auis, quae dicitur bubo, ist nach etlicher meinung ein eiszvogel, den man ein nachteull nennet, in Schweitz heist mans das wickele Thurneysser onomast. (1583) 8; über den eichen schwirrte mit ihrem gräulichen rufe die wiggle J. Gotthelf ges. schr. (1855) 8, 121; d'wiggle todtenvögelein, steineule Seiler Basel 315; wiklə f., eule Baumgartner Berner seeland 118; wikla steinkauz Henzen Freiburg 155; wickele n., steinkauz, nachteule Martin-Lienhart elsäss. 2, 810.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 859, Z. 52.

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Zitationshilfe
„wickeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wickeln>.

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