Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wicheln2, vb.

²wicheln, vb.,
weissagen, wahrsagen. zur herkunft und form s. ⁵wicken. belege: du ensalt nyet wicheln laissen, noch rait (rat) noch vollbairt (vollmacht) dair tzo gheven (1407) seelentroist (mscr. d. Oldenburg. bibliothek) 9ᵃ; got gebot, gy en sollen nicht wychelen off den dromen gelouen qu. v. j. 1473 bei Schiller-Lübben 5, 703; augurare wijchelen voc. gemma (Köln 1495) C 3ᵃ; wicken et wickelen augurari, vaticinari, praefagire, futura praedicere, prophetare, divinare Stieler stammb. (1691) 2473; wicheln gaukeln, wahrsagen Schrader dt.-frz. wb. 2 (1784) 1622. die angabe Grimms dt. myth. 2, 863 Meyer, wichelen sei heute noch in Niederdeutschland gebräuchlich, wird durch andere quellen nicht bestätigt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 809, Z. 14.

wickeln1, vb.

¹wickeln, vb.,
weissagen, wahrsagen. s. ²wicheln, vb.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 19.

wickeln2, vb.

²wickeln, vb.,
nebenform zu weckeln (teil 13, sp. 2795): welche doch im waffen fuhreten drey halbe rote gewickelte circkel im weissen felde Ammersbach churbrandenburg., markische u. halberstädt. chronica (1684) 44.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 20.

wickeln3, vb.

³wickeln, vb.,
wackeln. mnd., (m)nl. wiggelen, engl. wiggle, dän. vikle, norw. vigla. das wort ist wie gleichbedeutendes wackeln (s. teil 13, sp. 209) als intensiv- und iterativbildung zur sippe von ahd. wegan (s. wägen teil 13, sp. 422 f.; wiegen, st. vb.), nhd. wiege, f. (s. d.) zu stellen, wozu ohne l-suffix auch hess. wicken einen gegenstand rasch und kräftig hin und herziehen Vilmar Kurhessen 454; schaukeln, schwanken Heinzerling-Reuter Siegerl. 326 gehört. literarisch vereinzelt bezeugt: stig die seilleiter den mastbaum auff vnd ab, gieng auff den zehen auff dem rand, am bort, auff der spitze: wickelt vnd wackelt Fischart Garg. 283 ndr. sonst nur mundartlich: weⁱkelen wb. d. luxemb. ma. 482; nösn. weggəln Kisch vgl. wb. 244; wigəln Hofmann niederhess. 263. insbesondere nd.: wiggeln Lock pruss. (1759) 77; Frischbier preusz. 2, 469; Truchert neumärk. 250; meckl. wiggeln un waggeln ders. in: wiss. zeitschr. d. univ. Rostock 8 (1958/59), ges. u. sprachwiss. reihe 5.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 25.

wickeln4, vb.

⁴wickeln, vb.,
das im mhd. seit ca. 1300 (s. Heinrich v. Neustadt unter A 1 b α) bezeugte sw. verb ist von ²wickel 1 abgeleitet wie das gleichbedeutende seltene ⁴wicken (s. d.) von wicke (s. wieche B 1). wie bei ²wickel fehlen parallelen in den andern germ. sprachen: ndl. wikkelen, dän. vikle, norw. vigla, schwed. veckla (zuerst 1634; früher oft vickla [zuerst 1325]) sind aus dem dt. entlehnt. das mnd., dem wickeln nach auskunft des mittelnd. wörterbucharchivs (G. Cordes) gleichfalls fremd ist, gebraucht dafür winden. diese mitteilung bekräftigt die Bugenhagen-bibel (Lübeck 1533), die 1. Sam. 21, 10; Hesekiel 16, 4; Matth. 27, 59; Lukas 2, 7 Luthers wickeln (das auch die Zürcher bibel [1531]; Dietenberger [Mainz 1534], Eck [Ingolstadt 1537] zeigen) regelmäszig durch winden ersetzt. aber auch dem hd. ist winden im sinne von 'wickeln' seit alters her geläufig (s. winden II A 1 b; B 3 a teil 14, 2, sp. 285 f.) und bis ins 15. jh. wohl sogar das gebräuchlichere wort, wie die reiche bezeugung im mhd. (mhd. wb. 3, 678; Lexer 3, 900 f.), der nur wenige wickeln-belege gegenüberstehen, vermuten läszt. vgl. auch die über hundert hd. und nd. bibelhandschriften und -drucke verarbeitende synoptische tabelle in: bibel u. dt. kultur 5 (1935) 141—147 Vollmer, nach der involvere (Lukas 2, 7) der vulgata bis ins 15. jh. allgemein durch (be)winden (daneben durch windeln) wiedergegeben und erst im 15. jh. im hd. teilweise durch wickeln (z. b.: gebickelt [1442] cgm. 743 aus Tegernsee; wicklet [15. jh.] cgm. 4698) abgelöst wird. — wickeln setzt sich im nhd. immer mehr gegenüber winden II B 3 a durch, bis es im 19. jh. für diesen bedeutungsbereich von winden fast vollständig eingetreten ist (vgl. winden II C 1 teil 14, 2, sp. 295). — mundartl. gilt wickeln heute im gesamten dt. sprachgebiet, auch im nd., vgl. Woeste-Nörr. westfäl. 322ᵃ; Doornkaat Koolman ostfries. 3, 549. im westmd. ist der stammvokal i z. t. zu e gesenkt: wekelen luxemb. ma. 482. frühnhd. ist gelegentlich rundung i ˃ ü eingetreten: gewückelt d. hl. leben, winterteil (1471) 163ᵇ; gewücklet Rauwolf raisz (1582) 81 ; mundartl. ist i ˃ u gerundet: wuckeln Hertel Thür. 260; Vilmar-Pfister kurhess. 340 (zu D 3). — l-einschub (vgl. Weinhold bair. gramm. § 159) ist vereinzelt: gewilckelt dt. geistl. liederb. a. d. 15. jh. 36 Bäumker.für sich steht das st. part. prät. gewigglen (1572) Th. Platter in: Th. u. Fel. Platter 27 Boos. entsprechend seiner ableitung aus ²wickel 1 (s. d.) wird wickeln ursprünglich 'das faserbündel um den rocken winden' bedeutet haben; hieraus ist dann frühnoch vor beginn der überlieferungdie noch heute gültige bedeutung (A) abstrahiert worden, die das herumwinden eines biegsamen körpers um einen andern (ebenso das herabwinden von ihm) oder um sich selbst bezeichnet. im übertragenen sinne (B) war wickeln frühnhd. und noch im 18. jh. sprachüblich, ist dann jedoch auszer gebrauch gekommen. s. auch die komposita ab-, an-, auf-, aus-, be-, durch-, ein-, ent-, herab-, heran-, heraus-, über-, um-, ver-, zu-, zusammenwickeln sowie gewickelt teil 4, 1, 3, sp. 5782.
A.
im eigentlichen sinne.
1)
mit affiziertem objekt.
a)
als akkusativobjekt steht der körper, der um einen andern; z. t. auch δ) oder um sich selbst (β—δ) gewunden wird.
α)
mit adverbialer bestimmung, die den körper bezeichnet, um den (von dem) etwas gewunden wird. wickeln um: (er) palde des pfaffen rock, cappen vnd korock an leget, die cappen vmb sein halsz gewickelt als dann gemeiniclichenn der priester gewonheyt ist Steinhöwel decameron 430 lit. ver.; wickle darnach (dem kranken) noch ein truckens warms tuch vmb das haupt Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 71; müste der zettel üm einen stab gewikkelt werden S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 88; der wickelt sich den strumpff nicht accurat ums knie Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 128; und wickelte sich ihr schürzchen um die kalten arme Th. Storm s. w. (1900) 4, 264. bildlich: die alte philosophische unsitte an irgend einer stelle der lehre die wahrheit gut und deutlich merken zu lassen, dann aber sogleich ein handwerksmäsziges verworrenes system darum zu wickeln, scheint einmal nicht aussterben zu wollen (1853) G. Keller br. u. tageb. 2, 316 Ermat. häufig reflexiv:
ein jede (schlange) wicklet sich nachmals
erschröcklich vmb der kinder halsz
Spreng Äneis (1610) 27ᵇ;
und der wein wickelte sich um äste und zweige bis oben hinauf Gaudy s. w. (1844) 2, 79. bildlich: ein dichter nebel hatte sich um die berge gewickelt Tieck schr. (1828) 6, 126. wickeln auf: das garn auf einen knauel wickeln auvolgere, aggomitolare il filato Kramer t.-ital. 2 (1702) 1340ᶜ; es wird ... der flachs ... auf eine banck, so breit als das wockenscheid hoch ist, auf einander gebreitet und locker darauf gewickelt Zincke allg. öcon. lex. (1744) 3278; es geht nämlich mit der fahrenden post eine kleine rolle ab, worauf ich jenen aufsatz über Proserpina gewickelt habe (1815) Göthe IV 25, 341 W. bildlich: gott wickelt aller menschen sünd auff ein klewelein Eyering proverb. copia (1601) 2, 698. reflexiv: sie spann nur mit der einen hand den glänzenden faden, der sich nicht auf die spule wickelte, sondern kreuz und quer an dem abhange herumzog G. Keller ges. w. (1899) 3, 111. wickeln von: er tritt zu ihr, indem er den trauerflor langsam von seinem arm wickelt Schiller 3, 38 G.; und als er mich nach einem dunkeln stübchen geführt, ... wickelte er ein schmutzig blaues papier von einem schon zerlesenen grünen büchlein H. Heine s. w. 3, 227 Elster.
β)
mit adverbialer bestimmung, die die beim wickeln des körpers um sich selbst entstehende form bezeichnet. wickeln in: der wyder hörner seind in ein krümme gewycklet Eppendorff Plinius (1543) 11, 202; an den seiten waren sie (die haare) in zwei rollen, gleich pistolenhalftern, gewickelt Hauff pros. u. poet. w. 9, 25 Hempel; wobei wir die wolle ins knäuel wickelten (1886) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 30.
γ)
mit adverb zusammen, auseinander u. ä. (vgl. zusammenwickeln teil 16, sp. 778):
dies duchlin fin und clar
die zart zesamen wickelt
drivaltiglich verswickelt
gar lieplich uff ein ander
meister Altswert 218 lit. ver.;
(man hat) die fahnen aber zuhauff gewickelt, vnd zu beyden seiten im chor ... angelehnet Rätel Curäi chron. (1607) 500; wickelt das geklopfte (kalb)fleisch zusammen, steckts an ein spieszlein, betrieffs mit heisser butter und brats safftig ab Hohberg georg. cur. 3, 3 (1715) 60ᵃ (kochbuch); bald wieder wickelte sie die dürftigen hemdchen auseinander Th. Storm s. w. (1900) 5, 181. reflexiv: die regenwürm wicklen sich in einander Seutter hippiatria (1599) 187.
δ)
ohne adverbiale bestimmung: seyden wickeln deuuider de la soye, incannare de la seta Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 408ᵇ;
wie! sprichst du, soll, ihr haar zu wickeln
ein mägdchen so ein werk zerstückeln?
Schwabe belust. (1741) 1, 241;
der eine hielt den zwirn, der andre wickelte ihn Möser s. w. 1, 207 Abeken; zuvörderst liebkosete er seinen schädel, auf dem er die locken ordnete, drehte, wickelte Holtei erz. schr. (1861) 24, 98. reflexiv: gleich wie der epheu von natur sich gerne krümmet, wikkelt und windet Butschky Pathmos (1677) 706.
b)
als akkusativobjekt steht der körper, um den etwas gewunden wird.
α)
mit adverbialer bestimmung, die den um den (von dem) körper gewundenen gegenstand bezeichnet. wickeln in:
(die metzen) wicklen vil hudlen (lumpen) jn die zöpff,
grosz hörner machen vff die köpff
S. Brant narrenschiff 4 Zarncke;
nemmet die leber heraus, wickelt dieselb inn ein blat von kabiskraut Sebiz feldbau (1579) 71; damit er nicht über das ihm geschenckte geld könne vnnd es verthue, so wickelt sie es in ein pappier Albertinus hirnschleiffer (1664) 258; Leander hat auch oft solche bücher bekommen, worein er zucker und koffee wickelte Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 1, 286; die beyden nächte bracht ich, in meinen mantel gewickelt, auf dem verdeck zu Göthe III 1, 298 W.; er hatte seine trompete in ein schwarzes tuch gewickelt Th. Storm s. w. (1900) 3, 154; die in decken gewickelten herrschaften in ihren liegestühlen Kluge Kortüm (1938) 348; er wickelte ihn (den karpfen) in ein stück zeitung und übergab ihn einem fräulein Anna Seghers das siebte kreuz (1950) 94. bildlich: alle arbeiteten sie auch mit prosaischen thesen, die sie in rednerischen schmuck wickelten Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 388. insbesondere ein kind in windeln (u. ä.) wickeln:
die duchelin waren nit ze lang,
smal, kurtz und krang,
da du (das Jesuskindlein), die selden borde,
in gewikelt worde
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 2096 Singer;
von ersten wickelt man sy (neugeborene) in windel vnd in fätschen vnd legt sy gebunden in die wiegen Keisersberg granatapfel (1510) C 5ᵃ; hat er sich nicht ... in windeln wickeln ... lassen Schupp schr. (1663) 322; die hebamme ... reinigte die creatur und wickelte sie in das schönste weisse zeug Göthe I 43, 18 W. reflexiv: (der knecht) sich in den langen mantel wickelt nach des küniges gewonheit Arigo decameron 173 Keller; ich hätte das mädchen nicht erreicht, wenn nicht ein zackichter dornbusch sich in sein fliegend gewand gewickelt hätte S. Gessner schr. (1777) 1, 126: bildlich: die liebe sonne wickelt sich offt in die wolcken A. Taurer buszruffer (1596) F 2ᵇ. wickeln aus: eine von ihnen (den weibern) wickelte einen sou aus ihrer tasche, um sich diese lectüre zu kaufen H. Laube ges. schr. (1875) 4, 181; kaum dass Hoppenmarieken ... das postpaket aus ihrem kattuntuch wickelt Fontane ges. w. (1905) I 1, 25. reflexiv: sie hatten genug zu thun, sich wieder ... aus der zieche zu wickeln Zendorius teutsche winternächte (1682) 773; (der arzt) wickelte sich aus dem bärenpelz G. Freytag ges. w. 13 (1887) 82. bildlich:
wie wickelt Leibnitz sich, fragst du, aus diesen schlingen?
er wagt es, und ihm glückts, selbst Baylen zu verdringen
Wieland I 1, 67 akad.
β)
ohne adverbiale bestimmung. die feste verbindung ein kind wickeln 'ein kind in windeln winden' ist wohl durch fortlassen der adverbialen bestimmung aus ein kind in windeln wickeln (siehe α) entstanden:
die muͦtter bald jr kindlin nam,
vnd wicklets, als jr wol gezam
C. Scheit frölich heimfart (o. j.) B 1ᵃ;
ein kind wickeln ò windeln fasciare un bambino, auvolgerlo in fascie Kramer t.-ital. 2 (1702) 1340ᶜ; im nu war das (neugeborene) kind gereinigt und gewickelt, der brei gekocht Göthe I 33, 113 W.; sie wickelte das kind und sang dazu ihr 'eia popeia' Th. Storm s. w. (1900) 8, 99. in obd. mundarten und im rhein. wird statt (ein kind) wickeln auch fätschen teil 3, sp. 1363; Ochs bad. 2, 24; Fischer schwäb. 1, 1018; fäschen schweiz. id. 1, 1097; rhein. wb. 2, 300 gebraucht. andere verbindungen dieser art begegnen nur vereinzelt: wie die das sträuszchen mir wicklen ('mit einem band umwinden') lehrte, kam es mir so allerliebst vor Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 60; A. E. zwang mich nun ins bett ..., kam dann mit einem nassen ... leintuch, wickelte mich kunstgerecht ('wand mir ein tuch um den leib') Vischer auch einer (1879) 1, 82. bildlich: so lange sein glaubenszopf nicht genau nach dem muster des Riegerischen gewickelt war ..., hiesz er zur freiheit noch nicht reif Schubart br. in: Strausz w. 8, 237.
2)
mit effiziertem objekt: gomitolare il filo ein klingel wickeln Hulsius t.-ital. (1618) 2, 179ᵃ;
die geburt zeigt uns bei beiden, bei cigarren wie beim kind,
dass, weil man sie beide wickelt, beide wickelkinder sind
(vor 1845) Böhme volkstüml. lieder d. Deutschen (1895) 483;
man weisz doch, dasz eure vorgänger ... kugeln gossen und patronen wickelten Gutzkow ritter vom geiste (1850) 4, 122; sie ... fuhr fort, papierdüten zu wickeln Grillparzer s. w. 8, 79 Laube-Weilen; von ihrem nicht mehr dichten haar hatte sie an den schläfen possierliche schnecken gewickelt G. Keller ges. w. (1889) 4, 97.
3)
nur vereinzelt ohne objekt: sie hörte nur, wickelte an der zwirnrolle, las eine weile Gutzkow ritter v. geiste (1850) 9, 23; sie wandte nicht den kopf und wickelte noch immer fort mit der leine Th. Storm s. w. (1899) 2, 133; (beim umlegen der schärpe geht der helfende) ganz weit von ihm weg, dann aber, straff wickelnd, in immer engeren kreisen um ihn herum Carossa tag in Terracina (1947) 36.
B.
im übertragenen sinne.
1)
jemanden in etwas wickeln (vgl. A 1 b α) 'hineinmischen, hineinziehen, verstricken, verwickeln' (meist in etwas unangenehmes): und wiewol sie villeicht wider etlich ungelerte und die eins schentlichen lebens waren ursach hetten nach zu reden, so wickelten sie doch darein auch die gelerten und frumen (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 173; sie sind gantz ynn zeytliche ehre und nutz gewickelt (1525) Luther 17, 2, 128 W.; nun will ich auch anzeigen, ... warumb gott zur zeiten die seinen mit den gottlosen ettwas lasse leiden, und in gemeine unfehl wicklen Gugger christl. heerpred. (1590) 1, 11; allein ich vermeide es, euch auf ein paar tage zu sehen, was mich gewaltig stören und selbst in eine menge lästiger dienstbesuche wickeln würde (1814) J. Grimm in: J. u. W. Grimm, briefwechsel (1881) 332. reflexiv: also thet Moses der wickelete sich mitten in die sünde desz volcks, da sie das kalb hatten angebetet W. Linck d. achtzehend capitel Mathei (1525) C 1ᵇ; auff solche weisz (wenn ein fürst neutral bleibt) wickelt er sich in keine gefahr Böckler neue kriegsschule (1665) 875. insbesondere:
a)
in eine (streit)sache, händel: hastu ie mit dem babst etwas ansprachen vnd andren mer, so wickle den frummen gemeinen christen nit darein, in sachen darin er in dem glauben irren möcht (1520) Murner christl. u. briederl. ermanung 82 Pfeiffer-Belli; dem will ich ein gute sau geben, dasz er mich in solche händel (eine ehesache) wickeln und mischen will (1532) Luther tischr. 3, 241 W.; darumb dasz es des Matthiasen kräfft daselb stärcker sein sahe, und das Teutschland nicht in krieg wicklen wolte C. Dietz annales (1621) 380. reflexiv: in diese zwytracht wickelte sich hertzog Wodan Lohenstein Arminius (1689) 1, 364ᵇ; ich will mich in dieselbe händel nicht wickeln Ludwig t.-engl. (1716) 2464.
b)
in eine gemütsbewegung. reflexiv: darum wickle dich in die geduld J. Böhme s. w. 1, 29 Schiebler. ähnlich: ich beichte dir deutsch und franz(ösisch) alles was ich auf der seele habe — du wickelst dich in geheimniss (1794) Caroline br. 1, 149 Waitz.
c)
jmdn in gottes wort, in gott, in Christus (u. ä.) wickeln 'jmdn. so mit gottes wort (u. ä.) umgeben, dasz es ihn schützend einhüllt, dasz er ganz von seinem geiste erfüllt ist'. diese wohl von Luther ausgehende übertragene verwendung entwickelt sich aus vergleichen wie: gott wil auff keinen heiligen noch person eines menschen uns weisen, sondern auff das blosse wort oder schrifft, darin Christus gewickelt ist wie in tüchlin oder windeln (1525) Luther 17, 2, 31 W. übertragen: Maria ... fasszett und wickellt das newgeporen kindt in eyn leiplich wortt des euangelii und der zcusagung ebda 9, 534; darumb so kan man keynenn gewiszen grundt habenn von der gotheyt Christi, dann das man daz hertz wickel und schliesse in die sprüche der schrifft (1526) ebda 10, 1, 2, 297 W.;
treuer freund bisz in den tod (Jesus),
wickle mich in deine wunden.
je so werd ich in der noth
tapffer und behertzt erfunden
Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 610.
reflexiv: (wir sollten) uns also gantz und gar jnn jhn (Christus) wickeln und verbergen, ja mit jhm jnn die selbigen windeln kriechen ..., auff das uns der teuffel nicht ubereile und erhassche (1528/29) Luther 28, 118 W.;
mensch wikle dich in gott, verbirg dich in sein licht:
ich schwehre dir beym jah, der teufel siht dich nicht
Angelus Silesius cherub. wandersmann 62 ndr.
2)
jmdn aus etwas wickeln (vgl. A 1 b α) 'herauswinden, herausarbeiten, befreien': dasz der arzt ... die menschen leicht und gern aus diesem schmerzhaften leben wickle und sie einem bessern gäbe Jean Paul w. 4, 80 Hempel. meist reflexiv: euoluo me omni turba ich wickel mich ausz allem vnglück Alberus nov. dict. (1540) P 1ᵃ; Augustinus hat ... mühe und arbeit gehabt, dasz er sich aus der väter schriften gewickelt und gerissen hat (1543) Luther tischr. 4, 536 W.; ich werde noch toll drüber werden, das ich mich aus solcher not nicht weis zu wickeln Neander sylloge locutionum (1598) 229ᵇ; haben sie vnters joch der dienstbarkeit gezogen, daraus sie sich doch allgemach wiederumb wickelten Micraelius altes Pommerland (1640) 1, 64; ich sehe mich unvermögend, durch andere gefälligkeiten mich aus meiner schuld zu wickeln Menantes allern. art höf. u. gal. zu schreiben (1718) 252; sich aus dem gedränge wickeln se turba evolvere Steinbach dt. wb. (1734) 2, 991; weil er sich glücklich aus der gefahr gewickelt hatte Heinse s. w. 2, 48 Sch. insbesondere:
a)
aus einer (streit)sache, aus händeln: das er ... nichts mehr suchte, als sein vaterland, nutz- vnd reputirlich aus dieser beschwerlichen sache zuwickeln Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 289; wollen sie mir trauen? ich will sie recht gut aus der ganzen sache wickeln slg. v. schausp. (1764) 3, 50 (probe d. zärtlichkeit). reflexiv: sich ausz eyner sach herausz wicklen, entledigen, ledig machen Emmelius sylva quinque ling. voc. (1630) Pp 8ᶜ; ein Breitinger hätte es den schön vernünftelnden Franzosen überlassen sollen, sich damit (mit dem wort) aus dem handel zu wickeln Lessing 7, 433 L.-M.; sich aus einer sache wickeln sich aus einer verlegenheit helfen Voigtel wb. (1793) 3, 631ᵇ.
b)
aus einer gemütsbewegung. reflexiv: suchet, wo jr könt, das jhr aus solcher vnrwh ... jhe lenger jhe mehr euch wickeln mügt (1543) Luther br. 10, 485 W.; damit er sich aus disem labirinth undt zweiffl mechte wiklen Abr. a S. Clara neue pred. 10 lit. ver.; wenn die menschen aus der verwirrung sich heraus wickeln Chr. v. Wolff vernünft. ged. v. gott (1720) 262.
3)
ineinander, gegeneinander wickeln (vgl. A 1 a γ).
a)
etwas ineinander wickeln 'etwas miteinander verbinden, verwirren': so wisse nu, das Mattheus hie ynn einander wickelt und zugleich fasset das ende, beide, des jüdischen volcks und der welt ... wiltu es aber verstehen, so mustu es aussondern und yglichs auff sein ende ziehen, wilchs eigentlich von Juden odder der gantzen welt geredt sey Luther 15, 742 W.; wollen wir auch sehen, wie sie (die zahlen) sich zusamen finden in einer summa, da sie sich in einander wickeln und mengen M. Stifel wortrechn. (1553) H 1ᵃ; jene abhandlung hat einen geistreichen, aber etwas in einander gewickelten stil (1812) J. Grimm in: Achim v. Arnim u. die ihm nahe standen 3, 222 Steig-H. Grimm.
b)
etwas auseinander wickeln 'etwas entwirren, klären': man wickle sie (die predigtworte) ausz ein ander, so wirdt man sehen, das sie uber die massen vil inn sich fassen (1544) Luther 52, 229 W.; verwechselungen ..., welche alle aus einander zu wikkeln zu mühsam ... für mich wäre Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 408.
c)
personen gegeneinander wickeln 'sie gegeneinander treiben, so dasz sie sich bekämpfen': und so wickeln wir sie (aufrührer) unversehens gegen einander Göthe I 13, 1, 332 W. ähnlich: lüt umenander wickleⁿ hinter einander hetzen, aufwiegeln gegeneinander Martin-Lienhart elsäss. 2, 810.
C.
redewendungen.
1)
jmdn um den (kleinen) finger wickeln jmdn gefügig, willfärig machen (vgl.jmdn um den finger winden unter winden II B 3 a α teil 14, 2, sp. 289 sowie finger 20 teil 3, sp. 1656); jmd läszt sich um den finger wickeln, man kann ihn um den finger wickeln er ist nachgiebig, ein leicht zu lenkender mensch, gutartig: der gemeine pöfel wirds wol ausrichten, dasz er (ein aufrührer, der an die regierung kommt) so gelenck werde, das man in möchte umb einen finger wickeln Luther 16, 320 W.; (einen widersetzlichen menschen) den kan das podagram in einem tag so gelind vnd geschlacht machen, dasz er sich liesz umb einen finger wickeln Moscherosch gesichte (1650) 2, 492; ich wolte sie (meine wirtin) um einen finger wickeln, allein das ist meine sache nicht, weiber um finger zu wickeln (1772) Lichtenberg br. (1901) 1, 25; ich lass mich um einen kleinen finger wickeln Bäuerle kom. theater (1820) 4, 33 (d. untergang d. welt); wenn man ihn nicht reizt ..., dann ist er wie'n kind und man kann ihn um den finger wickeln Fontane ges. w. (1905) I 6, 23. als mundartl. verzeichnet bei Fischer schwäb. 6, 754; Martin-Lienhart elsäss. 2, 810; Ruckert unterfränk 196; (siebenb.-sächs.) d. dt. maa. 5, 34 Frommann; Mensing schlesw.-holst. 5, 617.
2)
(gewiegt und) gewickelt sein 'gewandt, tüchtig, klug, gerieben sein'. die partizipiale zwillingsformel, die an ein kind wickeln (A 1 b β) anschlieszt, geht von der vorstellung aus, dasz die fähigkeiten eines menschen durch gute pflege im säuglingsalter gefördert werden. meist haben sich die partizipien schon vom verb gelöst und sind zu adjektiven geworden (s. gewiegt teil 4, 1, 3, sp. 5790 f. und wiegen, sw. vb.).
a)
gewiegt und gewickelt: wer vor gericht nicht gut gewieget und gewickelt ist, dem thut ein guter vormund vonnöthen J. J. Otto evang. krankentrost (1671) 401; so du ihr (d. geometrie) deinen verstand anvertrauest, so macht sie denselben zu allen dingen gewickelt und gewiegt qu. v. 1741 bei Fischer schwäb. 6, 754. mundartl.: g'wicklet und gᵉwiegt ebda.
b)
in gleicher bedeutung begegnet auch gewickelt allein: es will dahero fast ein jeder gern ein gescheider, raffinirter, verschmitzter, gewickelter, und durchtriebener kopf seyn Pistorius thes. par. (1715) 29; er ist gewickelt, schlau est homo versatus versutusque Aler dict. (1727) 2, 2183ᵇ; gewëggild Crecelius oberhess. 912.
3)
die redewendung schief gewickelt sein, die burschikoser redeweise angehört, begegnet vereinzelt mit sachlichem subjekt und meint dann 'falsch angelegt, verkehrt eingefädelt sein': ich merkte, dasz die sache verkehrt eingefädelt oder (gut berlinisch zu reden) schief gewickelt war V. A. Huber reisebr. (1855) 1, 228. dem verbreiteten gebrauch mit personalem subjekt liegt wohl die vorstellung des verkehrt gewickelten kindes (A 1 b β) zugrunde. zunächst 'nicht richtig aufgezogen sein': du betrachtest die geistlichen als wickelkinder des lieben gottes, während wir andern wild aufwachsen oder schief gewickelt sind (1857) Fontane familienbr. 1, 82. dannund so heute allein — 'im irrtum sein, verschrobene ansichten haben': du bist gar sehr schief gewickelt ... mir sind keene diebe Gerhart Hauptmann die weber (1892) 111. auszer den nd. und md. mundartwbb. verzeichnen die wendung Fischer schwäb. 6, 754 und (auch in der form: krumm, letz gewickelt sein) Martin-Lienhart elsäss. 2, 810.
D.
sonderbedeutungen.
1)
absolutes verb 'viel und schnell essen' (vgl. ²wickel 4 b). im nordalem., bair. und westmd. gebräuchlich. vgl. Martin-Lienhart elsäss. 2, 810; Fischer schwäb. 6, 755; Schmeller-Fr. bair. 2, 846; Follmann Lothr. 540; Crecelius oberhess. 912. gaunersprachl. wickeln 'essen' ist kaum nebenform zu gaunerspr. picken 'essen', wie Wolf wb. d. rotwelschen (1956) 344 meint, sondern eher aus der mundart übernommen. literarische verwendung ist selten: die herren haben nicht schlecht gewickelt W. Weigand d. Frankenthaler (1901) 61.
2)
decken und wände mit stroh und lehm umwinden (vgl. ²wickel 4 c sowie Helfft unter gewickelt 1 teil 4, 1, 3, sp. 5783). auf alem. maa. beschränkt: Hunziker Aargau 296; Fischer schwäb. 6, 754; Martin-Lienhart elsäss. 2, 810. einen verwandten arbeitsgang bezeichnet lux. wekelen 'spriegeln; eine wand mit spriegeln bengeln, damit der putzbewurf besser halte' luxemb. ma. 482.
3)
als fachausdruck des malerhandwerks: 'wickeln dekorationstechnik, wobei lappen verschiedener art, waschleder und andere gewebe oder gewebeähnliche hilfsmittel anwendung finden. damit wickelt man entweder auf eine fläche die farbe auf oder man wickelt aus einer mit farbe bestrichenen fläche die farbe heraus, musz dann aber den lappen immer wieder auswaschen' F. Menzel-H. Winkels malerfibel (⁹1954) 261.
4)
trans. prügeln, durchhauen. aus dem nordalem., westmd., neumärk. und preusz. bezeugt s. Martin-Lienhart elsäss. 2, 810; Fischer schwäb. 6, 755; Follmann Lothr. 540; Hönig Köln 200ᵃ; Kehrein Nassau 444; Hofmann niederhess. 263; Hennig preuss. (1785) 300; Frischbier pr. 2, 467; gestern nachts ham vier soldat'n 'n rekruten sou gewick'lt, ass 'r auf'n platz lieg gebliem it Ruckert Unterfranken 196; doa hem we uns aə jəwuckelt (neumärk.) mündl. auskunft.
5)
meist reflexiv (auch absolut) in einer anscheinend auf das preusz. und hess. beschränkten verwendung, die wohl an B 2 anknüpft: wickeln, sich durchwickeln sich um sein brodt sauer werden lassen Bock pruss. (1759) 77; ich musz mich sehr wikkeln ..., dasz ich allen menschen gerecht werde ich musz mich sehr drehen und winden oder meine ausgaben sehr einschränken, dasz ich meine schulden bezahlen kann Hennig pr. (1785) 300; der versteht gut zu wickeln ... er hat durch geschickte reden sich aus einer kritischen lage herausgearbeitet Frischbier pr. 2, 467; sich wickeln klug und listig ausweichen Crecelius oberhess. 912.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 847, Z. 44.

wickle, f.

wickle, f.,
wickele, n., alem. bezeichnung verschiedener arten aus der familie der eulen (strigidae). vgl. Friedli bärndütsch 2, 215. zur herkunft s. wick, m.: nocticorax noctua multi bobonem esse contendunt nahkela nahtfokal, daz iz uuicla (so zu lesen nach Suolahti vogeln. 321) uuari (Keron. gl.; ende 8 jh.) ahd. gl. 1, 217, 31 St.-S.; strix wigla (14. jh.) voc. optimus 43 Wackernagel;
üwel und kutz du gheissen bist,
alles gfügel dir z'wider ist,
der tüben eyer vil usz trinckst,
der wigglen glych so grob du singst
(Zürich 1550) Ruff Adam u. Heva 912 Kottinger;
ein nachteülgesang, oder der wygglen gschrey, das dann ein tödtlich zeichen ist Frisius dict. (1556) 193ᵃ; auis, quae dicitur bubo, ist nach etlicher meinung ein eiszvogel, den man ein nachteull nennet, in Schweitz heist mans das wickele Thurneysser onomast. (1583) 8; über den eichen schwirrte mit ihrem gräulichen rufe die wiggle J. Gotthelf ges. schr. (1855) 8, 121; d'wiggle todtenvögelein, steineule Seiler Basel 315; wiklə f., eule Baumgartner Berner seeland 118; wikla steinkauz Henzen Freiburg 155; wickele n., steinkauz, nachteule Martin-Lienhart elsäss. 2, 810.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 859, Z. 52.

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Zitationshilfe
„wickle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wickle>.

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