Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wider, m., (n.?)

wider, m. (n.?),
mundartl. substantivierung des im folgenden behandelten wider. nur ganz vereinzelt literarisch: so leyt sy (die schlange) sich mit ym (dem löwen) uf in grozem widir (ostmd., 14. jh.) Marco Polo 33 Tscharner; dazu vgl.: im wider sein zornig, verstimmt sein Fischer schwäb. 6, 766. als 'landschaftlich' und 'umgangssprachlich' verzeichnet Campe wider, st. m., im sinne von 'widerwille gegen etwas, abneigung, ekel': ich habe einen wider dagegen; ich kann meinen wider nicht bezwingen 5 (1811) 699ᵇ. in dieser verwendung auch gebucht von Bernd Posen 351 (für Posen u. Schlesien), Hertel Thüringen 258 und Damköhler Nordharz 226ᵇ. in konkreter anwendung: widder widerwärtige, übellaunige person Schmeller-Frommann bayer. wb. 2, 861. vgl. auch unter wi(e)der II A 2 a (Fischer).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 867, Z. 30.

wider, wieder, präp., adv.

wi(e)der, präp., adv.,
(ent)gegen, zuwider, zurück, abermals, hingegen'.
1)
herkunft und entfaltung: gemeingerm. wort: got. wiþra (nur präp. und erstes kompositionsglied). ahd. widar(i), mhd. wider(e), nfrk. uuither(e) (aonfrk. psalmenfragm. 111 van Helten), mnl. weder(e), jünger weer Verwijs-Verdam mnd. wb. 9, 1, 1887 und 1889 (s. u. kontraktion im westl. nd.); die differenz zwischen präp. widar und adv. widari usw. beruht wohl auf urgerm. lautverschiedenheit von präposition und präpositionaladv., das um einen ableitungsvokal länger als die präposition war; ähnl. doppelformen: ahd. mit — miti, ubar — ubiri u. a., vgl. Kluge urgerm.³ § 299. gelegentlich zeigt sich ahd. auch bei der präp. die längere form: Judaei contra (wideri) deum superbiunt (9./10. jh.) ahd. gl. 2, 319, 24 St.-S.; zefehtenne ist uuidiri demo tiufilo Notker 3, 78 P.; der heilige gloube, der ain bischirmidi iu sîn schol widerm tiuuili unde uuidere allin sinen aniuehttun (12. jh.) in: ahd. sprachdenkm. 355 Steinmeyer.neben ahd. widar begegnet mit r-einschub wirdar (vgl. Braune-Mitzka ahd. gramm. § 167, anm. 11 und Franck afrk. gramm. § 75); für frühmhd. wirder vgl. ged. d. 12. jhs. 313 Massmann, für mnd. werder Agathe Lasch mnd. gramm. § 249; mundartliches werder bei Mensing schlesw.-holst. 5, 555 für Bornhöved und wurder in einem kleinen gebiet an der dän. grenze. 'hier hat vermutlich das r der zweiten silbe den einschub veranlaszt' Wilmanns dt. gramm. ³1, § 113, anm. 2. — im ingwäon. und an. begegnet bei präp. und adv. neben der längeren eine kurzform: ags. wiþ — wiþer(e), as. wiđ — wiđar, afries. with(e) — wither, an. viđ — viđr, die nach Delbrück synkretismus (1907) 151 urgermanisch, aber nicht vorgermanisch vorhanden ist; 'viđ is a curtailed form of viđr' Cleasby-Vigfusson icelandic-engl. dict. 701ᵃ; vgl. auch Behaghel dt. syntax 2, 24 und 25; die 'verkürzte form' hat sich im mod. engl. (with 'mit') und nord. (dän. und norw. ved, schwed. vid 'bei, an') durchgesetzt; doch begegnet in der komposition noch die längere: älterengl. wither-, dän.-norw. veder-, schwed. veder-, vider-. das wort beruht auf erstarrten casus einer idg. komparativbildung *u̯itero-, *u̯itro- (ai. vitaram 'weiter, ferner', av. ōiθra 'besonders, getrennt') zu *u̯i, ai. ví 'auseinander, weg von etwas'; vgl. namentlich ai. ví-lōman-, ví-lōma- 'wider das haar, den strich, in entgegengesetzter richtung gehend, in umgekehrter ordnung laufend', ví-vāc- 'widerstreitender ruf, streit'; s. Brugmann in: idg. forschungen 16 (1904) 492f., Wackernagel aind. gr. 2, 1, 285; Walde-Pokorny 1 (1930) 313; Pokorny 1175 f. die lokale bedeutung '(ent)gegen' ist auch die grundlage für die entwicklung innerhalb des germanischen. sie vollzieht sich in zwei richtungen: auf der einen seite führt sie zu verwendungsweisen wie feindlich 'gegen' und sachlich 'entgegengesetzt' (s. unter I B), auf der anderen seite zur bedeutung 'zurück', d. h. 'der vorher eingeschlagenen richtung entgegen', dann in organischer weiterentwicklung zum zeitlichen begriff der wiederholung (s. unter II B). im ahd. wird das wort zunächst nur im sinne von '(ent)gegen' gebraucht, zeigt aber seit dem 9. jh. auch die verwendungen 'zurück' und 'wiederum, abermals'. die bedeutung 'zurück' (neben 'entgegen') kennt auch das as. und anfränk.; das afries., mndl. und mnd. haben darüber hinaus auch den übergang zur bedeutung 'wiederum, abermals' vollzogen. dieser einheitliche entwicklungsgang innerhalb der german. sprachen des festlandes erfolgte unter einflusz von lat. re-, das die bedeutungen '(ent)gegen', 'zurück' und 'wiederum, abermals' in sich vereinigt, s. Steinmeyer Prager dt. studien 8 (1908) 162 anm. in seiner ursprünglichen verwendung als 'contra' ist wi(e)der, namentlich durch das vordringen des synonymen gegen stark zurückgetreten. über das geschichtliche verhältnis der präpositionen wider und gegen s. J. Dückert wider und wieder (Berliner dissertation 1957) 20—43; im sinne von '(räumlich und feindlich) gegen' klingt wider heute in der gemeinsprache gewählt, archaisierend (s. u. I A 1 u. B 1). es lebt noch in der paarformel für und wider (s. u. I B 3), ebenso in verbindungen mit abstrakten begriffen, s. wider willen, wider erwarten unter I B 6. zum gebrauch in der kompositionsbildung s. die übersicht nach wi(e)derzwingen. adverbielles wieder im sinne von 'rursus, iterum' ist in auseinandersetzung mit älterem aber heute allgemein durchgedrungen. nur bei der wiederholung von zahlenangaben ist aber noch gebräuchlich; s. u. II B 3 c γ. in der komposition wurde wieder, besonders im sinne von 'zurück', auszerordentlich fruchtbar; s. dazu die typenübersicht am ende der alphabetischen reihe der zusammensetzungen. auch als adversativpartikel im sinne von 'umgekehrt, hingegen, anderer- oder seinerseits' (s. u. II C) ist wieder durchaus üblich.
2)
wi(e)der in den heutigen mundarten. die übersicht gründet sich auf die ergebnisse des dt. sprachatlas, anschlieszend an den Wencker-satz 2: 'es hört gleich auf zu schneien, dann wird das wetter wieder besser' (ausführlicher bei J. Dückert a. a. o. 51—57).
a)
die formen mit erhaltenem -d(d)-: neben einem wieder-gebiet (grosze teile von Bayern, Österreich, Schlesien, Oberlausitz und Schwaben) steht ein widder-gebiet (am Schwarzwald um Baden und Offenburg, am südrand des Thüringer Waldes um Sonneberg u. Hildburghausen, im Thüringisch-Obersächsischen im raum um Altenburg, Leipzig, Riesa, Rochlitz und in der Niederlausitz um Lübbenau und Cottbus). dazwischen stehen kürze und länge konkurrierend nebeneinander (in der Schweiz, in einem groszen nordschwäb.-ostpfälzisch-ostfränk. gebiet und im thüring.-obersächs.-erzgebirg. gebiet im raum um Greiz, Zwickau, Annaberg). die form wedder mit gesenktem stammvokal herrscht auf einem langgestreckten, geschlossenen gebiet, das von der Memel im nordosten bis zur Werra und dem Thüringer Wald im südwesten reicht und einen groszen teil des ostniederdeutschen wie auch fast das ganze Thüringische umfaszt. gebietsweise begegnet auch wedder im westl. nd. und md., allgemein im Elsasz.
b)
die formen mit verändertem (geschwundenem) -d(d)-: übergang in -ll- (weller) begegnet vor allem an der Elbemündung; verbreiteter ist der übergang zu -rr- (werre[r]): in Pommern und Mecklenburg, in der Uckermark, Priegnitz und Altmark. für die verhältnisse in Schleswig-Holstein s. Mensing 5, 555. -rr-formen herrschen auch in einem groszen hessisch-pfälzischen gebiet, wo südliches wirrer nördlichem werrer gegenübersteht. geschwunden ist intervok. konsonanz im fries., ndl., westl. nd. und westl. md. (diesen schwund kennt bereits das afries. und mnl.). im ganzen stehen nördlichere kurzformen mit dem wurzelvokal -e- (wear, wer) südlicheren mit wurzelvokal -i- gegenüber (wier). wer-formen und wier-formen stehen in mischung im westfäl. zwischen Münster u. Osnabrück und im gebiete von Hameln; zum lautlichen vgl. P. Lessiak beitr. z. gesch. d. dt. konsonantismus (1933) 113 ff. nach ihm handelt es sich in allen diesen fällen um jüngere konsonantenreduktion.
c)
die aufteilung der mundartl. formen nach bedeutungen: im westen haben sich mit den verschiedenen formen von wi(e)der verschiedene bedeutungen verbunden. im westl. obd. bezeichnet die form mit wurzelvok. ě 'wider, gegen', die mit ǐ 'wieder, abermals'; vgl. Enderlin Kesswil (Oberthurgau) 30; Vetsch Appenzell 34; (für Waldhambach) Martin-Lienhart elsäss. 2, 793; Meisinger Rappenau 230 und 232; ('im norden') Fischer schwäb. 6, 766. 'widər wiederum, aber weədər wider' Berger St. Galler Rheintal 37. auch das westmd. verbindet mit formalen unterschieden verschiedene bedeutungen: wedder 'wider, gegen', (westrichisch) werrer 'wieder' Autenrieth pfälz. id. 150 und 151; wɛrɐ 'wider', wirɐ, wiiɐ 'wieder' Lenz Handschuhsheim 77; wirhrer, wërhrer 'contra, erga, versus', wirhre, wërhre 'iterum' Vilmar-Pfister Hessen, nachtr. 336; wirhrer 'contra', wärhrer 'iterum', ebda 1. erg. heft. 8; (in der Dreieich) widd 'wider', wirrer 'wieder' Crecelius oberhess. 912. kurzform wid(h) für '(ent)— gegen' auch in Nordfrk., Henneberg und Aschaffenburg; vgl. Schmeller-Fr. 2, 860 und Reinwald Henneberg 1, 195. — im westnd. u. fries. steht in einigen gebieten eine kurzform im sinne von 'wieder', einer längeren 'wider' gegenüber: wédər- 'wider-', wēəṛ 'wieder' Siebs Helgoland 301; ('auf dem lande') wedd'r 'wider, gegen', wärr, wä 'wieder, wiederum' Danneil altmärk. 245; wẹdder, weder 'wider', weder, älter wẹa, wẹar 'wieder' Elberf. ma. 172 und 173; wiəder 'wider', wîer 'wieder' Woeste-N. westfäl. 322 und 323; in anderer weise wird im kreise Verden unterschieden: wedder 'wider, entgegen', waoler 'wieder' Westermann Baden 89.
3)
orthographie. die heute übliche orthographische scheidung wider '(ent)gegen' und wieder 'zurück, abermals' ist vorwiegend das ergebnis gelehrter bemühungen im 17. und 18. jh.
a)
bis zum beginn des 17. jhs. gilt als regel die schreibung wid(d)er für heutiges wider und wieder; vgl. (1472) Albrecht v. Eyb dt. schr. 1 (ehebüchl.) Herrmann; (1512) Murner narrenbeschwörung, ndr.; (1520) Luther a. d. christl. adel u. (1533) von der winkelmesse u. pfaffenweihe; (1587) volksb. v. dr. Faust (hg. v. Petsch); (1591) Rollenhagen spiel v. reichen manne; relation d. j. 1609 (hg. v. W. Schöne). ebenso verhalten sich lexikographen des 16. und beginnenden 17. jhs.; vgl. Dasypodius dict. (1536) 458ᵃ; Er. Alberus dict. (1540) Ss 3ᵃ; Frisius dict. (1556) 286ᵃ; Maaler teutsch spr. (1561) 494ᵇ; Calepinus undec. ling. (1605) 1226 (re-kompos.), 1281ᵃ (s. v. rursus), 773ᵇ (s. v. iterum), 327ᵃ (s. v. contra); Hulsius dict. (1618) 1, 276ᵇ und 277ᵃ. ebenso auch grammatiker; vgl. (1573) Laurentius Albertus gramm. 23, 40 Müller-Fraureuth; (1578) Joh. Clajus gramm. 18, 122, 128 F. Weidling.
b)
ie-schreibungen laufen, wohl begünstigt durch das bestreben, die dehnung des kurzen vokals in offener silbe anzudeuten, in wechselnder häufigkeit nebenher.
α)
einheitliche ie-schreibung für heutiges wider und wieder gilt als regel in folgenden schriften: Lancelot, hg. v. Kluge; vgl. nur 1, 9, 4; 10, 30, 31, 33; 24, 10, 13 und 7, 17; 97, 24; 184, 35; 360, 3; voc. theut. (1482) oo 1 ff.; (1555) Musculus hosenteufel, ndr.; vgl. nur 9, 10, 11, 12 und 12, 24, 25; (1618) acta publica bd. 1, hg. v. Palm, z. b. im memoriale 16—29, in der beilage 66—68, im schreiben 284—86.
β)
sporadische ie-schreibung begegnet oft. sie ist schon früh bezeugt, so in einer urkunde des erzbischofs von Köln v. j. 1261: wieder antwerden 'restituere', in: älteste urkk. deutscher spr. (1835) 13 Hoefer; eine wiederholung dieser urk. v. j. 1263 hat stets -ie-schreibung für heutiges wieder; vgl. ebda 16 und 17. für spätere zeit vgl. Luther: weil ich nit allein aus dem schacht wieder in unser vaterland kommen bin, sondern auch die gnade erkriegt, dasz ich wieder die silberne quelle habe (1537) briefw. 8, 50 W.; (die geistlichen güter im papsttum) sind hurenlohn ... und werden wieder zu hurenlohn (1538) tischr. 4, 155 W. dabei steht die schreibung mit ie- durchaus auch für heutiges wider: han ich zwey male wieder myn eldern gekyffelt (1468) Joh. Wolff beichtbüchlein 2 Battenberg; vgl. auszerdem Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 184 ndr.; Luther tischr. 2, 263 W.; Eyering proverb. (1601) 1, 654.
γ)
dieser wechsel in der schreibung steigert sich zu einem ungeregelten durcheinander etwa bei Faber thes. (1587): wieder den strom, zu wieder, wi(e)derwertigkeit 926ᵇ (s. v. adversus, adversitas), wider 203 (s. v. contra), wider dich 683ᵇ (s. v. refragor); widerumb 416ᵃ (s. v. itervm), wider 683ᵃ (s. v. reciprocus, recupero), wieder, wiederumb 703ᵃ (s. v. rursum).
δ)
unsicherheit zeigt sich auch noch im 17. jh., so bei Opitz in seinen teutschen poemata v. j. 1624 (ndr.):
der heldt so wider dich zur wehre sich gestellt 176;
als Juno wieder dich den harten zorn gekehrt 202;
die sich vor dieser zeit den Römern widersetzt 14;
... ohne wiedersprechen 203;
Penelopen er (Odysseus) wieder fandt 51;
das jenige so euch nicht widerkommen kan 68;
die bäume schlagen wieder ausz 51;
die (schafe) von der weyde nun sich wider heimgesellen 31;
doch überwiegt in diesem werk im ganzen die schreibung mit i für '(ent)gegen', mit ie für 'zurück, abermals'.
c)
im kreise der Fruchtbringenden Gesellschaft wird die orthographie von wi(e)der gegenstand gelehrter erörterungen: Schottel befürwortet orthographische scheidung nach der bedeutung (wider contra, re, adversus; wieder rursum), in einem gutachten über Gueintz' sprachl. (gedr. 1641), worin dieser im 19. kap. die präp. mit -ie- geschrieben hatte; vgl. der Fruchtbr. Gesellsch. ältester ertzschrein 252 Krause.gleichlautende wörter verschiedener bedeutung orthographisch zu unterscheiden ist ein grundsatz damaliger sprachgelehrsamkeit; für Schottel vgl. auch haubtspr. (1663) 198; ferner Harsdörffer schutzschrift, anhang zu gesprächsp. 1 (1644) 36, 40 und specimen philologiae Germanicae (1646) 209; 210; manuductio ad orthographiam et etymologiam (1676) 28; Bödiker grundsätze d. dt. spr. (1709) 23; Gottsched sprachkde (1748) 43: 'wörter verschiedener bedeutung, und die nicht von einander abstammen, unterscheide man soviel möglich durch die buchstaben ... wieder iterum und wider contra'.
d)
nahezu konsequent im sinne der heutigen regelung scheidet (1669) Grimmelshausen im Simplicissimus; typische fälle sind: rach wider meinen schwehrvatter 275 Scholte; als ich wieder heim kame 43; für ähnl. verhältnisse bei Gryphius vgl. O. Behaghel die nhd. zwillingswörter, in: Germania 23 (1878) 260; auch Kramer t.-ital. 2 (1702) 1342ᶜ, 1345ᶜ unterscheidet so wider und wieder, ebenso später Frisch teutsch-lat. wb. (1741) 2, 446ᵇ und 447ᵃ. J. H. Seume prägt den merkspruch:
schreib wider, wenns so viel als sonst entgegen heisst;
schreib wieder, wenns so viel, als abermal ausweist
kl. teutsches lexikon (1733) 280.
e)
daneben zeigt sich weiterhin deutlich die ältere tendenz, einheitlich wieder für heutiges wider und wieder zu schreiben. diese schreibung gilt als z. t. ausnahmslose regel bei Chemnitz schwed. krieg (1653); Chr. Wolff vern. ged. v. gott (1720); discourse d. mahlern (1721) 1; Stoppe Parnasz (1735); (1750) Wieland ges. schr. I 1, 137—155 (Hermann 1. gesang) akad.; von den lexikographen bei Stieler stammb. (1691) 2516 und Steinbach dt. wb. (1734) 2, 992. auch Göthe schreibt bei sonstiger beachtung des orthographischen unterschieds gelegentlich noch die präp. mit -ie-; vgl. für den Ur-Götz: deinen knaben hier wieder den geheiligten altar schmettern I 39, 151 W.; das ist wieder den vertrag ebda 158; in einem brief v. j. 1785 an Charl. v. Stein: wieder meinen willen IV 7, 103 W.; vgl. auch: Homer wieder Homer I 3, 159 W. dieser einheitlichen schreibung mit -ie- gibt Hier. Freyer die begründung: er leitet aus dem usus die regel ab, dasz in vielen wörtern das e insbes. zu dem langen i gesetzt werden musz, und zwar stets dann, wenn das i am ende der silbe steht, wie in liebe, siehe, wieder, zieren; vgl. anweisung z. teutschen orthographie (1722) 39, 40.
f)
hieran knüpft eine diskussion in den von Gottsched herausgegebenen 'beyträgen z. crit. historie' an. im 18. stück (1738) 5, 187—223 vertritt Gottfr. Behrndt den grundsatz unterschiedlicher schreibung (wie sie heute üblich ist) vornehmlich um der deutlichkeit willen, 'damit nicht so vielerley begriffe unter ein einiges wort zusammenkämen' 220. in seiner replik im 29. stück d. beyträge (1742) 8, 18—30 beharrt Freyer auf seinem standpunkt (s. 22) und bemerkt gegen Behrndts unterschiedliche schreibung aus gründen begrifflicher klarheit: 'das (der wortsinn) ist aus dem zusammenhange der ganzen rede zu erkennen' (s. 28). auch danach geht die orthographische diskussion mit solchen argumenten weiter; vgl. Hannoverisches magazin (1765) 28. stück, 448 u. 33. stück, 523—25. noch Adelung setzt sich mit gegensätzlichen meinungen auseinander, als er aus gründen der klarheit und deutlichkeit ('wider ist eine präposition, wieder aber ein adverbium') unterschiedliche schreibung befürwortet; vgl. wb. 4 (1801) 1532 f.
g)
historisch-kritisches sprachdenken findet diese unterschiedliche orthographie statt alter einheitl. schreibung mit bloszem i unbegründet und undurchführbar: '(es) haben die grammatiker ... einen unbegründeten, dem ohr unvernehmbaren unterschied zwischen wider und wieder eingeführt, um die bedeutung contra oder rursus damit zu fassen. da diese natürlich in einander streifen, z. b. widerschein sowohl abprall und gegenwirkung, als wiederhohlung des lichts bezeichnet, ohnehin der mehrfache sinn vieler anderer partikeln (wie z. b. aber vero und aber rursus) nicht durch die schreibung hervorgehoben wird, so könnte man die unterscheidung getrost aufgeben' Jacob Grimm gramm. ²2, 785 und ob. teil 1, sp. LVII; auch Rudolf Hildebrand spricht der unterscheidung von wider und wieder jede begründung ab; vgl. vom deutschen sprachunterr. (¹⁰1906) 62. Wilhelm Scherer begrüszte die auf der Berliner konferenz zur einigung über die grundsätze der dt. rechtschreibung 1876 geäuszerte absicht, den unterschied zwischen wider und wieder aufzuheben; s. kleine schriften (1893) 1, 443.
I.
präposition. kasusgebrauch: im ahd. steht überwiegend der dativ, weniger häufig der akkusativ und nur vereinzelt der instrumental. casusgebrauch und bedeutung von wider sind einander zugeordnet; näheres s. bei Graff ahd. präpos. (1824) 192 ff. und J. Dückert a. a. o. 65—71. im klassischen mittelhochdeutsch überwiegt bereits der gebrauch mit dem akkusativ; dieser steht regelmäszig, wenn wider 'zu' bei worten des sagens (s. u. A 4) und 'hinsichtlich, gegenüber' (s. u. A 5) bedeutet; überwiegend, wenn es im feindlichen (s. u. B 1—3) und zeitlichen (s. u. A 2) sinne gebraucht ist. dativ wird noch bevorzugt bei vergleichendem und messendem wider (s. u. B 4). vgl. auszer den mhd. wbb. und gramm. die einzelglossare zu den dichtungen von Hartmann v. Aue, Reinmar d. alten, Walther v. d. Vogelweide, Wolfram v. Eschenbach, Neidhart und zum Nibelungenlied. im frühnhd. hat sich der akkusativgebrauch durchgesetzt, so in folgenden schriften: (1472) Albrecht v. Eyb ehebüchlein, Luther (1520) a. d. christl. adel, (1530) sendbrief v. dolmetschen, (1533) winkelmesse u. pfaffenweihe, (1541) wider Hans Worst; (1669) Grimmelshausen Simpl. vgl. ferner die zahlreichen belege unten. nur gelegentlich begegnet ein dativgebrauch bei wider im feindlichen sinne, vgl. (1545) Luther 54, 392 W.; schausp. engl. comöd. 30 Creizenach; Schupp schr. (1663) 320; Thomasius kl. schr. (1707) 757. — die heutige mundart unterscheidet lokales wider auf die frage 'wohin'? mit acc. von wider mit dativ auf die frage 'wo'? (s. Vilmar und Follmann unter A 1 a, und b β). vielleicht stammt der dativgebrauch bei Göthe (s. u. A 1 b β) aus der mundart.
A.
wider ist ursprünglich bezeichnung der richtung im raume ohne den beisinn des feindlichen gegensatzes. gegen, mit dem wider in seiner weiteren entwicklung enge berührungen zeigt, hatte vermutlich den gleichen ausgangspunkt; anders Rudolf Hildebrand im Artikel gegen III 3, s. teil 4, 1, sp. 2208.
1)
lokal.
a)
wohin?
α)
'entgegen': alla so baurgs usiddja wiþra (εἰς συνάντησιν) Iesu Matth. 8, 34;
mit geru scal man geba infahan
ort widar orte
Hildebrandslied v. 38;
si liuhtent beide ein ander an,
daz edel gesteine wider den jungen süezen man
Walther v. d. Vogelweide ged. 18, 36 Kraus;
nû sâhen si her gân
wider wazzer ('stromaufwärts') ûf dem Rîn
terret, kocken, galîn
(anf. 14. jhs.) Ottokar österr. reimchron. 81 317 Seem.;
wider den strom fahren, schiffen s. unter strom teil 10, 4, sp. 4; laufft durch den willen gottes ... die gedachte windmühl noch heutiges tags wider windt J. M. Heberer Ägyptiac. servitus (1610) 602. mit genitiv:
daz scheffel ('schifflein') wider wazzers rann
an alle stewre
(ca. 1320) märterbuch 22 066 Gierach;
da kamen die teufel aus der hölle, holten den leib aus dem grab, ... hängten ihn zuletzt vor der stadt an eine windmühle auf und führten ihn auf ihren flügeln wider winds herum J. Grimm dt. sagen 1 (1891) nr. 134. bildlicher gebrauch:
dort wurdt man dir den kutzen strichen,
das dir dyn hirn und kopf wurdt wichen
wider die fedren
(1519) Murner geuchmat 89 Fuchs.
sprichwörtlich-bildlich: strebe nicht wider den strom Jesus Syrach 4, 31 (nec coneris contra ictum fluvii, ecclesiastic. 4, 32). weiteres über dieses bibelsprichwort im dt. bei C. Schulze bibl. sprichwörter (1860) 100. für die wendung: etw. geht jmd. wider den strich, s. näheres unter strich B 3 d, s. teil 10, 3 sp. 1541. wer wider den wind brunzt, macht sich nasse hosen Lüpkes seemannsspr. (1900) 131.
β)
'in richtung auf, zu ... hin':
... antat sie te theru stedi quamun,
uueros uuidar uuolcan ...
Heliand 3118 Sievers;
daz er (ein drachen) von dem orse kerte
hin wider ein steingevelle
Gottfried v. Straszburg Tristan 8991 Ranke;
die haiden ... sachent gar zornlich wider uns (1486) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 157; von Accon der statt wider nortost fürgond, kumpt man zuͦ eim castell S. Franck weltb. (1542) 167ᵃ; sah ich den theil einer mauer, wider den die sonne schien Göthe I 43, 366 W. archaisierend: heut abend träumte ich: ich kam hinter dem papstpalast hervor, und so sehr ich gefaszt war, er stieg so wider die sterne an Rilke bei T. Oelfken logbuch (1955) 13. bei der angabe geographischer lage: das ander rich (von den vier weltreichen) was in dem lande Affrica zuͦ Carthago wider der sunnen mitdag (ca. 1415, Straszb.) städtechron. 8, 316; von dannen bei sechsz meil wider mitnacht ist die statt Belenas ... gelegen Franck weltb. (1534) 166ᵇ.
γ)
'an', von bewegungen, die bis zu einem festen, halt gewährenden gegenstand hin gehen: legt meinen schild wider die urne Klinger neues theater (1790) 1, 100; nach einiger zeit legen sie (schmetterlinge) solche (ihre flügel) flach ausgebreitet wider die wand Göthe II 6, 417 W. mit übergang in die verwendung b β: auf einer bank sitzend, den kopf wider die mauer gelehnt Göthe I 45, 124 W. archaisierend: die kellnerin stand wider die mauer gelehnt L. Frank räuberbande (1952) 110. — mundartl.: ich ... stell den steckel wider die mur Vilmar Kurhessen 453; eppes widder d' mauer stellen Follmann Lothr. 540ᵇ; weder die wand stelle 'an die wand stellen' Schön Saarbrücken 228ᵇ. sprichwörtlichbildlich: wer sich wider thur vnd angel legt, der klempt sich gerne (1540) Luther tischr. 4, 586 W.
δ)
'gegen', von bewegungen, die zum zusammenstosz und anprall führen:
man dâ wider man dranc
(um 1280) Dietrichs flucht 5811 in: dt. heldenbuch 2 Martin;
de ene (gulden) wedder den anderen sprank
(14. jh.) meister Stephan schachb. (1883) 4790;
unde sluch dat (kint) wedder de want (hs. d. 15. jhs.) bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 625ᵃ; der cyclops ... zerschmettert sy als zwai junge hündlin wider den boden (1537) Schaidenreiszer Odyssea 90 Weidling; stöst er mit dem stabe wider die erden Gryphius lustsp. 257 lit. ver.; (Mignon schlug) das pergament (tamburin) bald wider die knie, bald wider den kopf Göthe I 22, 207 W.; indem ich ... meine heisze stirn wider diese klinker stiesz Immermann w. 2, 101 Hempel; eben ist ein groszer vogel wider mein fenster geflogen Bettine d. Günderode (1840) 1, 19. mundartlich: stosz dich nicht wider die ecke Vilmar Kurhessen 453; moselfr. štûss net widdər dət deppən, nösn. nät štûss widdər dət däppn 'stosze nicht gegen den topf' Kisch vgl. wb. 247ᵃ; wider èppes fâlen 'gegen etwas fallen', luxemb. ma. 486ᵇ; sech widder den desch stoussen Follmann Lothr. 540ᵇ. bildlich: dir ist herte uuider garte zespornonne, gl. zu: dvrvm est tibi contra stimvlvm calcitrare Notker 2, 220, 2 P.; es wird dir schweer werden wider den stachel lecken apostelgesch. 9, 5; von daher noch heute: man kann nicht wider den stachel lecken Zuckmayer d. teufels general (1954) 115. weiteres über diese wendung unter stachel teil 10, 2, 1, sp. 385 und lecken 'mit füszen ausschlagen', teil 6, sp. 480; vgl. auch Schulze bibl. sprichw. (1860) 169.
ε)
'neben hin, an, vor': târ romani herebergotôn, dârumbe grûoben sie sih unde uuurfen dia erda innenân uuider selben den graben (oberhalb, entlang dervom lager aus geseheninneren grabenwand) Notker 1, 46, 22 P.; man ... setzet es (ein fangnetz) unten hart wieder den zaun Aitinger jagd- u. weidb. (1681) 9. bildlich: der daz edel gestain under (var. wider) der swein füez würfe (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 380, 24 Pf.; zugrunde liegt das bibl. sprichw.: ne mittatis margaritas vestras ante porcos, Mt. 7, 6.
b)
wo?
α)
'gegen, gegenüber, zugewandt': saiƕam nu þairh skuggwan in frisahtai, iþ þan andwairþi wiþra andwairþi (πρόσωπον πρὸς πρόσωπον) 1. Kor. 13, 12; her saz in berge oliboumo uuidar (contra) themo temple Tatian 145, 1 Sievers; vgl. 116, 1; mit acc. 53, 1 und 214, 1; die stube ... stunt neben sant Niclauses brücke wider den saltzhof (Straszb. 1362) städtechron. 8, 125. 'jenseits': uueg seuues uuidar (trans) Jordanen Tatian 21, 12.
β)
'in nähe, an bei': aþþan þai wiþra wig (παρὰ τὴν ὁδὸν) sind, þarei saiada þata waurd Mark. 4, 15; sô dia (Pallas) iuppiter ... uuider selb sih (de proximo contiguoque) kesah Notker 1, 731, 4 P.; diu luft uuider (circa) dia erda getrûoptiu ebda 1, 823, 30;
do lief man wider manne
zo vroner kemenatin
könig Rother 1902 Frings-Kuhnt;
Wilhelm setzte sich auf einen kleinen armstuhl, der wider den verschlag des eingangs stand Göthe I 23, 121 W. mit dat.: gewand, das ... wider dem leibe ruht ebda 47, 231. auch mundartl. mit dat.: der rechen steht wider der hecke, ich stund hart wider der wand Vilmar Kurhessen 453; wider dem ha͡us 'neben dem hause', w. èngem erlâscht gôen 'dicht an j. vorbeigehen', luxemb. ma. 486ᵇ; de stoᵘhl steht widder der mauer Follmann Lothr. 540ᵇ.
2)
im anschlusz an 1 b β zeitlich 'gegen, um': ûfkândo uuider tag (Venus) Notker 1, 38, 25 P.;
dine leiche ich gerne hœren sol
underwilen wider naht
Gottfried v. Straszburg Tristan 3653 Ranke;
si sprach 'swer ie gepflac
ze singen tageliet,
der wil mir wider morgen
beswæren mînen muot'
Walther v. d. Vogelweide ged. 90, 11 Kraus;
dar quamen arme lvite dicke wider abent nach dem almusen (um 1400) d. veter buoch 58, 13 Palm. mundartl. noch in neuerer zeit: weder obed (abend) Tobler Appenzell 441ᵇ. mit genitiv:
wider âbendes hiez er aber die werden geste rîten (var.: wider âbunde)
Kudrun 47, 4 Symons
3)
'gegen, für', bei erwiderung und vergeltung, bei tausch und kauf: (charitas) milt lihho giltit guot uuidar ubile (pro malis bona) Monseer fragm. 29, 19 Hench; gabun dea (dreiszig silberlinge) uuidar demo hauuanares ... (in agrum figuli) ebda 24, 14; bihiu ni uuirdit thiu salba forcoufit uuidar thriuhunt pfennigon ...? Tatian 138, 2; unde sahîn sie (die sünder) sih eruuasken uuerden dero sundôn fone des uuîzes handegi uuider demo guuinne dero gûoti (compensatione adipiscende̜ pietatis) Notker 1, 266 P.;
daz ich (Karl d. Gr.) sin (alles arabische gold) nine name
wider disem uerratere (Genelun)
Rolandslied 8778 Wesle;
ich sanc hie vor den frowen umbe ir blôzen gruoz:
den nam ich wider mîme lobe ze lône
Walther v. d. Vogelweide ged. 49, 13 Kraus;
thuͦnd guͦt wider übel (1509) Fortunatus 131 ndr.; das (strafende) wort des herrn kam ... vber Baesa ... vnd wider alles vbel das er thet fur dem herrn 1. kön. 16, 7; dasz er wider solche grausamkeit (die seine frau v. d. Römern erduldet hatte) ein strenger rächer sey Lohenstein Arminius (1689) 1, 16ᵇ. vereinzelt 'als ersatz für': daz wir ... daz alte reht der selbin stat (St. Gallen) widir gimachit hein vnd ir dise hantvesti dar vbir gigebin han widir den hantvestinon die ir zi einer allichir brunst virbrunnin warin (1272/73) altdt. originalurk. 1, 196 Wilhelm. bei bloszer abwechselung:
si (Tristan und Isolde) wehselten genote
bleich wider rote;
si wurden rot unde bleich,
als ez diu minne in understreich
Gottfried v. Straszburg Tristan 11 918 Ranke.
verbreitet in der sprichwörtlichen wendung wurst wider wurst, die seit dem 16. jh. bis in die gegenwart reich bezeugt ist und auch in der form wurst für wurst (selten) und wurst um wurst (bis etwa 1700) begegnet. näheres über die art der verwendung und die verbreitung unter wurst A 5 b α.
4)
bei der erwiderung mit worten, bei der rede zu, dem gespräch mit jemand. im got. nur bei der erwiderung, entgegnung: andhof Jesus wiþra (πρός) ina (den teufel) qiþans Luk. 4, 4; entsprechung πρός auch Luk. 6, 3; meina andahafts wiþra þans (τοῖς) mik ussokjandans 1. Kor. 9, 3. ebenso as., wo von den verba dicendi überwiegend sprekan neben wiđ steht (vgl. wiđ 2 d, Sehrt wb. z. Heliand [1925] 683):
thuo sprak eft thie adales man   them erlon tegegnes,
thiodan uuid is thegnos (auf eine frage) ..
Heliand 2554 Sievers.
auch frühnhd. noch bei der erwiderung verwendet: antwortet wider mich ... ob ich jemands ochsen oder esel genomen hab 1. Sam. 12, 3. mit sachl. obj.: jah ni andhof imma wiþra (πρός) ni ainhun waurde Matth. 27, 14; diese stelle lautet as.:
... (Christus) ne antuuordida niouuiht
uuid (ad) iro uurethun uuord ...
Heliand 5383 Sievers.
ferner as. bei der wechselrede:
... hu ik (Abraham) sus filu mahlea,
uueslea uuider thi (gott) mid minum uuordum ...
genesis 228 Sievers.
bei der rede zu lediglich zuhörenden:
... tho sprak uualdand Crist,
the gumo uuid is giongaron
Heliand 3769 Sievers.
auch bei der verhandlung:
thingon uuid thena thegan kesures ...
ebda 5723
vgl. dazu im 13. jh. wider, weder von der abrede, die man 'mit' jmd. trifft:
ich pin im liep, er lœset mich
als ich gedinge wider dich
Wolfram v. Eschenbach Parzival 266, 28 L.;
als her weder sînen herren bedinget hât Sachsenspiegel 236, 16 Eckh. seit dem spätahd. bis ins 17. jh. nach worten des sagens in kontinuierlicher literarischer bezeugung (überwiegend nach sprechen): vuaz mag ih cheden uuider mînemo skephen? Notker 2, 612, 1 P.;
solch was sîn rede wider sie:
got lône iu, frouwe
Wolfram v. Eschenbach Parzival 329, 15 L.;
Sîvrit der herre   gie dâ er si sach;
wider sîne muoter   er güetlîchen sprach
der Nibelunge nôt 61, 2 Bartsch;
dazu ein gebrauch mit dem genitiv: die helde reiten wider sîn (Rüedegêr) ebda 1251, 4 (nach einer konjektur von K. Zwierzina, s. zs. f. dt. altertum 44, 29; 47);
die frauwen retden wider ein ('zueinander')
(anf. 14. jh.) Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 3667 Singer;
das (er) eines tages wider etliche seine gesellen gesprochen het, wie er einen guͦten wein hette (2. hälfte d. 15. jhs.) Arigo decameron 42 Keller; M. S. sagte vor 18 wochen wider mich, dasz er (der jüngste tag) gewisz vor Michaelis kommen sollte (1533) Luther tischr. 3, 291 W.; spricht er (Peter Squenz) wider den könig: herr könig, es giebet leider viel narren auff eurem hofe Gryphius lustsp. 32 lit. ver. vereinzelt noch im 18. jh.: der bauer, der einmal wider meinen bruder sagte: ich habe den mann gekannt Lichtenberg br. (1901) 1, 25. mundartlich (überwiegend nach sagen): vgl.(für den Westerwald) Kehrein Nassau 1, 335; Vilmar Kurhessen 453; s. dazu: wider einander sprechen, d. i. sich unterhalten; engl. with eachother Pfister nachtr. (1886) 336; Crecelius oberhess. 912; Hofmann niederhess. 263ᵇ; (für Salzungen) Hertel Thür. 258; (für Meiningen) Spiess Henneberg 282; Anton Oberlausitz 6, 5; (für Schlesien u. Posen) Bernd Posen 351; (für Franken) Schmeller-Frommann bayer. 2, 860 (hier auch ältere liter. belege); 'mod. so nicht mehr bezeugt, dafür ge(ge)n, ... meist zu' Fischer schwäb. 6, 764. wohl im anschlusz an belege wie:
wider sich selben er dô sprach
Hartmann v. Aue Iwein 3508 Benecke-Lachm.;
Eva kumpt, red wider sich selb (1548) Hans Sachs 1, 38 lit. ver. begegnet gelegentlich:
wider sich selben er betrahte,
waz er dar umbe tuon mahte
kaiserchronik 5041 Schröder
er dahte dicke wider sich
Gottried v. Straszburg Tristan 495 Ranke;
i hà' widə' mi' 'denkt Schmeller-Frommann bayer. 2, 860.
5)
'hinsichtlich, gegenüber, im hinblick auf'. mit sachlichem objekt, 'in anbetracht': wiþra (πρός c. acc.) harduhairtein izwara gamelida (Moses) izwis þo anabusn Mark. 10, 5; uuer mag siâ (iram tuam, sc. gottes) gezalôn. uuider (pre) dînero forhtun? vuider dero dinero forhtlîchi diu dârana ist Notker 2, 380 P.; erstlich muͦes der mensch haben lieb gegen got und layd wider sein begangen sünd (1528) Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 31 R. meist mit persönlichem objekt: þugkeiþ izwis ei sunjoma ('verantworten') uns wiþra izwis (ὅτι ὑμῖν ἀπολογούμεθα) 2. Kor. 12, 19;
ni dua (zellu ih thir ein)   widar manno nihein
wiht in worolti alles,   ni so thu thir wolles
Otfrid II 23, 3 Erdmann-Schr.
tû uuânest sih tiu fortuna habe uuider (erga) dih keuuehselôt Notker 1, 54, 4 P.;
weder wider mich sîn muot
wære übel ode guot
Hartmann v. Aue Iwein 475 Benecke-Lachm.,
(neben gein:)
Artus sprach 'er êrte sich,
der mich geprîset wider dich
und gein andern liuten hât
Wolfram v. Eschenbach Parzival 767, 12 Lachm.,
ich han wiedder uch gethan als ich zu recht thun solt (überliefert um 1430) Lancelot 1, 99 Kluge; den frembden kindern hats wider mich gefeilet ('sie haben sich in ihrer erwartung mir gegenüber getäuscht') 2. Sam. 22, 45. auch vom freundlichen verhalten jmd. gegenüber: skalks fraujins ni skal sakan, ak qairrus wisan wiþra (πρός) allans 2. Tim. 2, 24; diê mir unrehto lônont uuolauuilligemo uuider siê Notker 2, 140, 8 P.;
... der mîne (wille) ist guot,
wider dich
Walther v. d. Vogelweide ged. 60, 22 Kraus,
barmherczig syn uber die armen und milte wiedder die durfftigen Lancelot 1, 120 Kluge; wider haimliche feynd ain freündtlich gemüt ... haben G. Mayr sprüchw. (1567) A 7ᵃ. die person, zu der die beziehung besteht, wird urteilend gedacht. wider erhält dadurch den nebensinn 'vor, in den augen, im urteil': die mih luzzent uuider got (qui detrahunt mihi apud dominum 'die mich herabsetzen in den augen gottes') Notker 2, 472, 21 P.;
armman zuo der werlte und wider got,
wie der fürhten mac ir beider spot!
Walther v. d. Vogelweide 13, 10 W.-M.;
wust ich keyn ('irgendein') sach die mich geergern ('schlechter machen') mocht wiedder sie (eine dame), die wolt ich beszern Lancelot 1, 51 Kluge. als überleitung zur folgenden verwendung sind etwa diese belege aufzufassen: dissen vrede irwarf one Josaphus weder den koning Vaspasianum (zw. 1221 u. 1224) Sachsenspiegel 112, 12 Eckh.; (ein markgraf) irwarf wider de herren van Sassen, dat he wider to lande quam (zw. 1230 u. 51) sächs. weltchron. 212, 1 Weiland.
6)
seit dem 13. jh. verbreitet beim kauf von jmd., namentl. im prosaschrifttum (rechtssammlung, chronik, urkunde): her hab iz kouft uppe deme gemeynem markede, he ne wizze weder wene (zw. 1221 u. 1224) Sachsenspiegel 84, 14 Eckhardt; Ekenstain, vnd swaz da zve gehort, daz wier gechauft haben wider Fridrichen (im folgenden begegnet wider in diesem sinne fünfzehnmal) (1314) urk. d. Benedictiner-abtei z. hl. Lambert 124 Burger; 'etwas wider jemanden kaufen ... findet sich in den ältesten hessischen urkunden, bis zur mitte des 14. jhs., äuszerst häufig ...: daz land daz wir widder Johannen wypaden kouften (1350)' Vilmar Kurhessen 453; welch man ain hous wider ainen andern chouft Altprager stadtr. a. d. 14. jh. 48, 70 Rössler; eyn huttestad ('platz für eine [schmelz]hütte') ... an der Mulde gelegen, dy er gekoufft hat wider Pa. Pewschel (Freiberg i. Sa. 1479) cod. dipl. Saxoniae regiae II 14 (1891) 411, 39. vereinzelt auch in poetischer literatur:
ir koufet keinen (phell 'kostb. seidenzeug') wider mich
ir'n müezet mir geben aht marc
Stricker d. pfaffe Âmîs 1766 Lambel.
B.
wider im sinne von gegen, lat. contra, griech. ἐπί ist seit frühester zeit bezeugt und wird noch von Luther vor gegen bevorzugt; so heute nur noch mundartlich: 'bei feindlichem verhalten ist wider in der mundart noch immer üblicher als gegen' Fischer schwäb. 6, 764.
1)
von einem tun oder verhalten, das aktiv gegen jem. (etwas) gerichtet ist.
a)
die räumliche grundbedeutung zeigt sich noch deutlich: ther mit mir izzit brot, ther hefit uuidar (contra) mir sina fersnun Tatian 156, 5; so uuir unsih irheuen zefarenne uuider unserên fienden Notker 2, 162 P.; die zwenczig ranten zuhauff wiedder der frauwen zwenczig ritter, etschlich stachen die yre darnyder (hs. um 1430) Lancelot 1, 196, Kluge;
(Xerxes) welcher neun hundert dausent mann
füret wider die Griechen an
(1577) Fischart d. glückhaft schiff 3 ndr.;
(scharen) die wider uns mit macht
aus Satans reiche fahren
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 374;
(Mellefont zu Marwood:) was hindert mich nun, den stal (dolch) wider dich zu kehren? (1755) Lessing 2, 296 L.-M.; Maximilian verlangte hülfe zu einem zuge ... wider einen theil der ungarischen grossen Ranke s. w. (1867) 1, 110.
b)
naturgemäz steht wider sehr häufig bei den wörtern und wendungen für streiten, kämfen usw. der räumliche sinn tritt zurück oder schwindet: brakja wiþra (πρός) leik jah bloþ Eph. 6, 12; gifeht uuidar (adversus) anderan cuning Tatian 67, 14 Sievers;
wanent sie (die Römer) bi notin thaz wir then urheiz datin
joh wir thes biginnen thaz widar in ringen
Otfrid III 25, 20 Erdmann-Schr.;
zestrîtenne uuider demo flegare des pretorii Notker 1, 27, 6 P.;
und wider ihn im heer der feinde kämpft
sein nächster vetter
Schiller 13, 172 G.;
das dis gebet wydder die leydige hoffart fichtet (1519) Luther 2, 95 W. sieg oder siegen 'über' jemanden: gesigung wider den diebschen tüfel Keisersberg bilgersch. (1512) 19ᵇ; das, wenn sie gleich wider dich streiten, dennoch nicht sollen wider dich siegen Jeremia 1, 19; sol könig Frotto ... einen sieg wider sie (d. Wandaler) erhalten ... haben Micraelius altes Pommerland (1640) 1, 50. vom wettstreit:
dâ sach ich bluomen strîten wider den klê
weder ir lenger wære
Walther v. d. Vogelweide ged. 114, 27 Kraus.
c)
von der gegnerschaft, die sich in wort und rede äuszert: du salt nit falsch tzeugnus reden wider deinen nechsten (1518) Luther 1, 251 W.; schelt- und schmachwort wider die heilsame justitiam Moscherosch gesichte 1 (1650) 15; besonders von anklage und verteidigung:
(Christus) läszt kein wörtlein hören
wider die, so ohne schuld
ihn so hoch beschweren
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 336;
entsetzlich! — doch dem vater musz man glauben,
der wider seine eigne tochter zeugt
Schiller 13, 306 G.
mein gläubiger ... erhob in geläufiger rede seine anklage wider mich G. Keller ges. w. (1889) 1, 153.
d)
von einer feindseligen inneren haltung, ohne dasz die form, wie sie in erscheinung tritt, genannt wird: do balg sih got ... uuider sînen liût Notker 2, 457 P.; 'frauw', sprach er, 'mich ducht, wie uch zorn were wiedder mich ...' (hs. um 1430) Lancelot 1, 118 Kluge; cliquen, geeint in ... todfeindschaft wider den abtrünnigen teil E. Mühsam namen u. menschen (1949) 210. in der verbindung wider jem. sein: saei nist wiþra izwis (καθ' ὑμῶν) faur izwis ist Luk. 9, 50; thie mit mir nist, ther ist uuidar (contra) mir Tatian 62, 7; dass eben der, der an ihrer spitze stehe, insgeheim wider sie sei Ranke s. w. (1867) 38, 100.
e)
wie schon aus dem vorausgehenden ersichtlich, steht wider durchaus bei an sich neutralen worten und wendungen, die nicht schon selbst feinseliges verhalten oder für den betroffenen nachteiliges geschehen ausdrücken: pharisara uuorahtun garati uuidar (aduersum) iħse huueo sie inan forleosan mahtin Monseer fragm. V 1 Hench;
ichn hân widr iuwern hulden
mit mînem wizzen niht getân
Hartmann v. Aue Iwein 726 Benecke-L.;
wenn du deine gabe auff den altar opfferst, vnd wirst alda eindencken, das dein bruder etwas wider dich (κατὰ σοῦ) habe Matth. 5, 23.
2)
vom willen und von der bereitschaft, einen wirklichen oder gedachten gegner zu stellen, ihm zu widerstehen, ihn abzuwehren usw.
a)
von widerstand, abwehr, verteidigung gegen jmd. (etwas): ei mageiþ standan wiþra (πρός) listins diabulaus Epheser 6, 11; das die von der stat wiedder das starck here nicht gestan mochten (hs. um 1430) Lancelot 1, 105 Kluge;
vergebens mich
setz wieder dich
(1649) Spee trutznachtigall 34 ndr.;
das recht ... uns wider unrecht zu wehren Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) vorr. 51;
aber wider sie (Theseus u. andere)
bestünde nimmermehr ein sterblicher
Bürger s. w. 145ᵃ Bohtz.
von dinglichem: wie der schöne tünch ... wider den regen ... nicht kan bestehen Jesus Syrach 22, 20; dahero dasselbige bild ... viel höher zu schätzen wäre als eines, das tausend jahre wider lufft und ungewitter getauret ... hat Lohenstein Arminius (1689) 1, 28ᵃ.
b)
vom schutz vor einem feind, einem gegner, einer gefahr:
tho warun thar in lante   hirta haltente,
thes fehes datun warta   widar fianta
Otfrid I 12, 2 Erdmann-Schr.;
nu sculun wir unsih rigilon   mit thes kruces segonon,
mit Kristes selben worton   widar flanton
ebda V 2, 2;
daz in spiritus sancti gratia umbram tuôt contra carnales e̜stus (gl. uuider des lichamin hizzon) Notker 2, 257, 4 P.; vuis mîn phogat uuider alle diê. diû êr âhton capitis unde noh âhtent corporis ebda 116, 7; der schilt ist wiedder den schlag und wiedder den stich (hs. um 1430) Lancelot 1, 121 Kluge; (arbeit und maszhalten im essen) sein die schlosz vnd rigel der keuschheit wider die vnkeusche (1472) A. v. Eyb dt. schr. 1, 11 Herrmann; widder das ungewitter die glocken geleutet sind worden (1528) Melanchthon bei Luther 26, 234 W.; (die natur) hat auch die stöck vnd böum mit rinden, die etwan zwifach sind, wider kelte ... beuestiget J. Heyden Plinius (1565) 2; dieses mächtigste haus ist annoch die starke unübersteigliche vormauer wider den erb feind S. v. Birken ostl. lorbeerhayn (1657) ixᵃ; gewalt, wider welche die einwohner dieses landes zu sichern das erste aller gesetze ist Archenholz England u. Italien (1785) 1, 27.
c)
bei heil- und vorbeugungsmitteln gegen (für) krankheiten und andere übel: uuidhar cancur Basler rezept in: ahd. sprachdenkm. 39 Steinm.; wider die pfeysenden bom̃enden pläst ... ist bärenschmaltz guͤt Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 19; latwerg zu stärckung des haupts vnd wider den catharr Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 17; als wenn sie säu-milch (welche man den spielsüchtigen wider solche ihre kranckheit ohnwissend eingibt) gesoffen hätten (1669) Grimmelshausen Simpl. 156 Scholte; weil wider den tod kein kraut gewachsen war (1673) Ch. Weise erznarren 8 ndr.; (rauchen) ist gut wider die böse luft und wider die bösen begierden ebenfalls Lenz ges. schr. 1, 44 Tieck; (tamarindengetränk) welches eins der ... vorbauungsmittel wider bösartige fieber ist Ritter erdkde (1822) 1, 251; ein universalmittel wider die langeweile, das kartenspiel Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 4, 311.
3)
früh und bis in die gegenwart reichend steht wider in der kritischen stellungnahme vom bedenken, einwand, grund gegen etw. oder jmd.: alliu diu anderiu, diu uuir zeigoên ... uuider dien anagangen dero falsorum argumentatorum (contra sophisticas importunitates) Notker 1, 515, 18 P.; da der meister hort das er (das kind Lancelot) wiedder synen willen sprach (hs. um 1430) Lancelot 1, 40 Kluge; wie ain ströin argument der franciscaner gefürt hat wider das fewrig euangelium (1525) Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 19 ndr.; und höret jm (dem teufel) zu, was er für ursachen ('gründe, argumente') hette, widder meine weyhe und consecrirn (1533) Luther 38, 198 W.; auch wider die ausführung (eines kinderliedes) wäre viel zu erinnern (1768) Gerstenberg recensionen 28 lit.-denkm.; einwendungen wider das bardiet Kretschmann s. w. (1784) 1, 24. gern im gegensatz zu für (vor): lis es wol vnd mit vrteil, so findest du ee das wider dich ist ('gegen dich spricht und eingewandt werden kann') dann für dich (1522) Zwingli v. freiheit d. speisen 19 ndr.; sage mir gründe vor sie, keine wider sie (die geliebte) (1767) Göthe IV 1, 102 W.; stellungnehmen für das eine und wider das andere in: wiss. annalen 11 (1953) 686. in der formel für und (oder) wider: die gründe für und wider das gewicht dieser zeugnisse allg. dt. bibl. (1765) 1, 105; was (der leser) ... für oder wider unsern helden zu sagen haben mag Wieland Agathon (1766) 2, 186. die formel in adverbieller verwendung:
für und wider zu dieser stunde
quängelt ihr schon seit vielen jahren:
was ich gethan, ihr lumpenhunde!
werdet ihr nimmermehr erfahren
Göthe I 5, 105 W.;
die einzelnen stimmen für und wider aus allen superintendenturen zusammenrechnen Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 227; danach folgten die redner für und wider Winnig heimkehr (1935) 216; so stritten sie hin und her, für und wider W. Bredel d. söhne (1952) 257. verbreitet und noch heute gebräuchlich ist die substantivische formel für und wider: das für und wider ... in das die seele bei selbstgesprächen sich so umzuwerfen pflegt (1773) Herder 5, 255 S.; längst hatt' ich (Alba) alles reiflich abgewogen, und mir auch diesen fall (dasz Oranien nicht kommt) gedacht, mir festgesetzt was auch in diesem falle zu thun sey; und jetzt, da es zu thun ist, wehr' ich mir kaum, dasz nicht das für und wider mir auf's neue durch die seele schwankt Göthe I 8, 261 W.; jedes für und wider reiflich erwogen Holtei erz. schr. (1861) 2, 26; in einem ... rechtsfall das für und wider ruhig erörtern zu hören Ranke s. w. 15 (1875) 108; Dutour aber ist der echte jurist der stets zwischen für und wider hängen bleibt Werfel Bernadette (1948) 292; sie will das für und wider wägen, in ruhe, allein Feuchtwanger Simone (1950) 273. selten pluralisch: in dieses einigermaszen unverständige resultat liefen zuletzt alle seine für und wider hinaus Holtei erz. schr. (1861) 7, 178; alle für und wider hatte sie abgewogen Willi Bredel d. söhne (1952) 260.
4)
in vergleichender, messender gegenüberstellung, um den unterschied oder gegensatz hervorzuheben: potentes (diê geuualtigin), die uuider anderen (d. volk, d. geringen) sint, also die cedri, diê ûfen lybano uuahsent uuider anderen boûmen sint Notker 2, 437 P. bei zahlengröszen:
ez ist der übermüeten   hie bî Rîne vil:
dâ von ich iu (Sigemunt) des strîtes   râten niht enwil.
si habent wider einen   ie wol drîzec man
d. Nibelunge nôt 1034, 3 Bartsch;
bî dirre welte lône
merke, wie si zaller zît
wider einem liebe gît
sibenvalte swære
Rudolf v. Ems Barlaam u. Josaphat 16, 20 Pf.
sie verliesen (im kampfe) ye zwen man wiedder uch eyner (lies: eynen?) Lancelot 1, 75 Kluge. verglichene gegenstände werden durch charakterisierende epitheta (wie z. b. klein oder stark) und wendungen voneinander abgehoben:
deta er iz sconara al so zam, joh ziarara ouch so filu fram,
(wir goum es nemen wollen), so win ist widar brunnen
Otfrid II 10, 12 Erdmann-Schr.;
uuanda des daz ih habo, so luzzel ist uuider demo, des mir gebristet Notker 2, 142 P. (mit instrum.:) uuaz tu ... gûotes ketân eigîst tes habest tu luzzel gesaget, uuider (pro) diu iz uuâr ist Notker 1, 42, 18 P.;
... sîniu (Clinschors) wunder hie
sint da engein kleiniu wunderlîn,
wider den starken wundern sîn
dier hât in manegen landen
Wolfram v. Eschenbach Parzival 656, 8 Lachm.;
frömdiu wîp diu dankent mir vil schône.
dazs iemer sælic müezen sîn!
daz ist wider mîner frowen lône
mir ein kleinez denkelîn
Walther v. d. Vogelweide ged. 100, 19 Kraus;
aber ires (d. Griechen) keysers gewalt ist gar kleine wider eines dütschen keysers (Straszburg 1400) städtechron. 8, 404; (das feuer auf erden) das als kalt ist weder ens (das fegefeuer) (15. jh.) dt. volksbücher 339, 20 lit. ver. in einem von der waage her genommenen bilde:
dô sah er (Siegfried) here daz grôze daz ûf dem velde lac,
daz wider sîner helfe mit ungefuoge wac
der Nibelunge nôt 181, 2 Bartsch.
5)
als ausdruck eines sachlich-objektiven gegensatzes: taz îo lougen stât uuider uestenungo unde uestenunga uuider lougene (quoniam omni affirmationi est negatio opposita et omni negationi affirmatio) Notker 1, 515 P.; also ist das gut wider das böse, vnd das leben wider den tod, vnd der gottfürchtige wider den gottlosen geordent. also schawe alle werk des höhesten, so sind jmer zwey wider zwey, vnd eines wider das ander geordent Jesus Syrach 33, 15, 16; die Römer ... thetten nichts dann weynen, klagen, jämern vnd heulen ...: dargegen horten sie die sighafften Gallier ... frölich singen, vnnd was also ein weysz wider die andern Stumpf Schweizerchron. (1606) 152ᵃ. ebenso mit konkreten, die sich von denen gleicher art in der äuszeren erscheinung oder im verhalten unterscheiden: uuanda luna puchelôt ... in hornes uuîs uuider anderên planetis (im gegensatz zur beschaffenheit anderer planeten) Notker 1, 826 P.; der vogel hât die art wider allen andern vogeln, daz er seinen kinden ain fäuhten eintropft sam milch (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 224, 17 Pf.; dass sein ungeheurer bart ... wider die europäischen bärt geart und gefärbt war Grimmelshausen 2, 18 Keller.
6)
um feststellung eines sachlichen gegensatzes handelt es sich auch vornehmlich bei wider in den festen verbindungen, in denen das wort teilweise bis in die gegenwart weiterlebt. meist wird in ihnen ausgedrückt, dasz ein verhalten, ein vorgehen einer forderung, erwartung, gewohnheit usw. nicht entspricht. weniger gebräuchlich ist in dieser verwendung gegen; vgl. gegen III 3 k, teil 4, 1, sp. 2210.
a)
wider recht (gern ohne nähere bestimmung des nomens durch artikel oder attribut):
joh sih (die sünde) ouh widar rehte furdir zi uns ni irrihte
Otfrid III, 7, 68 Erdmann-Schr.;
und der ouch danne vehte
sô gar wider dem rehte
Hartmann v. Aue Iwein 5248 Benecke-L.;
dat hei wilt sin eins anders here
und weder reicht wilt haven ere
(Köln 1280) städtechron. 12, 3734;
(der papst) macht ausz den bischoffen nur cifferen und olgotzen, und alszo widder sein eygen geystlich recht ... handelt (1520) Luther 6, 428 W.;
... das gantz weibliche gschlecht,
die mich (den floh) verfolgen wider recht
(1573) Fischart flöhhatz 16 ndr.;
heraus die schlüssel alle von den städten,
die ihr bezwungen wider göttlich recht
Schiller 13, 224 G.
prädikative stellung ist ungebräuchlich: eüer peyder liebe und freuntschaft wider alle göttliche ere und recht gewesen ist Arigo decameron 99 Keller.
b)
wider willen (s. auch unter wille II D 1, teil 14, 2, sp. 159): fone tôde mih tâte irstân uuider iro (der feinde) uuillen Notker 2, 92 P.;
sî wurden vil vaste
...
alle wider ir willen vrô
Hartmann v. Aue Iwein 4405 Benecke-L.;
das er also solt auffgehalten werden wider seinen willen (1537) Luther br. 8, 64 W.; und sich allda wider seinen willen etwas verweilet (1679) Abr. a S. Clara w. 2, 36 Strigl; es gelang mir, ... die kleinsten dieser zarten geschöpfe (fische) wider ihren willen in die luft herauszuschnellen Göthe I 25, 43 W.; jene inquisition gegen Wesalia hatte churfürst Diether wider seinen willen ... zugegeben Ranke s. w. (1867) 1, 186. in neuerer zeit gern ohne attribut beim nomen: weil ich wider willen angehalten würde (1669) Grimmelshausen Simpl. 360 Scholte; sie werden nun selbst wider willen theil an dem kampfe nehmen Göthe I 22, 85 W.; wider willen hat der schmerz mich überwältigt (1811) Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 471; wider willen wurde der Kraus in all dieses meinungsgezänk hineingezogen O. M. Graf unruhe (1948) 240. in prädikativer verwendung ungebräuchlich: so huat so ik thes gideda thes uuithar (contra) godas uuillion uuari, in: ahd. sprachdenkm. 319 Steinm.; es musz wider minen willen syn (dasz ein mord geschieht) schweiz. schausp. d. 16. jhs. 3, 29 Bächtold.
c)
wider vermuten u. ähnl.: souuaz tu hîer in uuerlte gesihest uuider dînero gedingi (contra spem) geskehen Notker 1, 284 P.; ich merck es ist jm begegnet wider die hoffnung Boltz Terenz deutsch (1539) 14ᵃ; wann etwan jemand im haus wider ihr verhoffen alert würde Grimmelshausen 2, 422 Keller; dasz die schrift wider alles vermuthen uns unter den händen gewachsen ... sey Rabener s. schr. (1777) 1, 167; fröhliche botschaft, so ihr mir wider alles verhoffen gebracht habt Tieck schr. (1828) 4, 310. ohne nähere bestimmung: allwo ich ... meinen ehemaligen reisegesellen ... wider vermuthen antraf d. Leipziger avanturieur (1756) 2, 117; nun, du hast glück gehabt, wider vermuten deiner liebsten freundin gleich in die arme zu laufen (1847) br. von und an Herwegh (1896) 35; als er wider erwarten nicht entlassen wurde W. Bredel d. söhne (1952) 267.
d)
wider die gewohnheit, meist mit art. oder attrib. beim nomen: insolenter prolata sunt. id est uuider geuuoneheite Notker 1, 677 P.; du muͦst wyder alt gewonheit gefangen vnd gebunden werden d. ew. wiszh. betbüchl. (1518) 6ᵃ; schriehe er wider aller diebe gewonheit überlaut Grimmelshausen 2, 423 Keller; es hatte sich wider die gewohnheit die tarokpartie früher geendigt Göthe I 51, 3 W.; da Reinhard wider seine gewohnheit nicht antwortete Storm s. w. (1899) 1, 20.
e)
wider die natur; adverbal: fürware ich nit weisz wer mich heltt ye wider mein natur daz ich nit hin abe kam Arigo decameron 86 lit. ver.; die wider gott vnd die natur handlen, so jhr gantzes lebens nichts dann einen schlaff vnd kurtzweil wöllen haben Xylander Polybius (1574) vorr. 2ᵃ. adnominal: unzüchtige pöse (perverse) liebe wider die natur Arigo decameron 69 lit. ver.;
man deutets auf ein grosses landesunglück,
auf schwere thaten wider die natur
Schiller 14, 393 G.
mit artikellosem nomen:
mein freundt, es ist die schnödt neidsucht,
ist ein kranckheit wider natur
(1544) Hans Sachs 14, 42 lit. ver.
prädikative verwendung (in neuerer zeit herrschend): die gewonheit die do ist wider die natur erste dt. bibel 2, 13 lit. ver.; darum ist ein alter mann und ein junges weib wider die natur (1539) Luther tischr. 4, 332 W.;
was wider die natur, das wirdt zue Rom geehret
(1624) Opitz teutsche poemata 180 ndr.,
was ist denn hier so wider die natur?
Schiller 12, 231 G.
dasz etwas ohne begriffe gefallen, ja allgemein gefallen könne, ist wider die natur und erfahrung (1800) Herder 22, 38 S.; Ellens metier (der allerweltstante) ist wider die natur Rilke br. 1 (1950) 139.
f)
wider gott, jmd. steht elliptisch für wider den willen, das gebot gottes, jemandes:
sum quad er dati widar got,   joh er firbrachi sin gibot
(Christus durch heilung des blinden am sabbath)
Otfrid III 20, 61 Erdmann-Schr.;
tô cesar uuider catone uuolta generen dîe selben socios catiline Notker 1, 794 P.;
(der erste mensch)
der wider dich (gott) den apfel az
(13. jh.) passional 2ᵃ Köpke;
wer seinem grundt herren widerstrept, der thuͤt wider got vnd billigkeyt hertzog Aymont (1535) a 6ᵃ. prädikativ: so huat so ik thes gideda thes ... uuithar minemo mestra uuari, sächs. beichte in: ahd. sprachdenkm. 318 Steinm.; wann es billich und recht ist und ist nit wider gott, sunder es ist der wille gottes (14. jh.) theol. deutsch 25 Mandel; was widder got ist, vnd den menschen schedlich an leyp vnd seel, hat ... ein yglich gemeyn, radt odder vbirkeit gewalt abtzuthun (gemeint sind die vielen kirchl. feiertage) (1520) Luther an d. adel 52 ndr.; weil der mensch zu allem bösen, so wider gott und sein wort, geneigt ist (im zusammenhang e. äuszerung über d. erbsünde) (um 1600) Schweinichen denkw. (1878) 2.
g)
in der verbindung wider wissen und willen nähert sich wider dem gebrauch von ohne an: das er (ein herzog) frembdes gut bey sich hellt widder wissen und willen des, so der herr dazu ist (1528) Luther 30, 2, 28 W.; die besatzung ... wider des obristen wissen und willen wegen der aufgabe sprachwechselte S. v. Birken verm. Donaustrand (1684) 70; hatte ich schon früher ihren edlen wackern bruder wider wissen und willen verletzt (1823) Göthe IV 37, 20 W. im sinne von ohne: wenn die regierenden wider wissen was ihnen übel ist anordnen Schleiermacher Platons w. (1804) 6, 94.
h)
die bedeutung 'ohne' ergibt sich für wider vereinzelt auch sonst:
klaffen, schwetzen vnd erliegen,
wider vrsach gen zu kriegen
(1512) Murner schelmenzunft 75 Spanier;
und wider alle schuld erleiden schmach und todt
bei: Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 56 Neukirch;
ich ward eine muttermörderinn wider mein verschulden Lessing 2, 316 L-M. wider drückt vereinzelt auch aus, dasz etwas 'ungeachtet, trotz' eines vorhandenen geschieht:
wider all dein schuld
solt du ganntz haben mein huld
(14. jh.) Friedrich v. Schwaben 7577 Jellinek;
wider din unschuld haben sy dich verclagt und verleümpt (1491) Stephan Fridolin dt. pred. 146, 9 Schm.
II.
adverb.
A.
wider 'entgegen, zuwider'.
1)
bis ins 16. jh. prädikativ in der verbindung (jemandem, einer sache) wider sein gebräuchlich (vgl. auch Fischer unter 2 a). Iwein, Parzival, Nibelungenlied, Reinmar, Walther, Neidhart zeigen diese verwendung nicht.
a)
'entgegen', mit dativ d. person oder sache.
α)
'(räumlich) entgegen,' 'ungünstig':
mihil ungiwitiri was in harto widari (den jüngern auf dem meere; erat enim contrarius ventus, Matth. 14, 24)
Otfrid III 8, 10 Erdmann-Schr.
ähnl. Luther — der wind war jnen wider (ἐναντίος) — und Zürcher bibel (1531); dafür widerwertig erste dt. bibel 1, 56 lit. ver. und entyegen Lübecker bibel (1533); ein starcker grausamer wint auf stund der im (einem seefahrer) schedlich vnd seinem weg wider (contrario) was Arigo decameron 75 lit. ver.
β)
im feindl. sinne: diê mir ... uuidere uuâren (aduersantes mihi) Notker 2, 8 P.; Hannibal ... swor darna, dat he den Romeren immer wider wolde sin (zw. 1230 u. 1251) sächs. weltchron. 83 Weiland; so er (d. mensch) ist demütig gen den feinden die jm wider sein (1474) Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) 10ᵇ; so verdreust mich doch, das sie (Eck, Emser, Murner) gott also schenden vnd dem euangelio wider sein (1523) bei O. Clemen reform. flugschr. (1906) 1, 33. bildlich:
das wetter schlegt gern in hohe beum vnd bew ...
disz sprichwort ist den stoltzen wider
vnd wirfft die prechtigen hernieder
Eyering proverb. copia (1601) 1, 353.
γ)
vom widerspruch und widerstand: tien forderên redôn nemag ih uuidere sîn (nec ... queo refragari propositis prioribus) Notker 1, 187 P.; wolt aber der bezzerunge (busze für getanes unrecht) mit gewalt iemen wider sin (1276) stadtb. v. Augsburg 123 Meyer; nichten bis mir wider, das ich dich lasz vnd ich hingee erste dt. bibel 4, 427 lit. ver., Luther: rede mir nicht drein Ruth 1, 16; aber er wiss wol, dass ein rate alwegen wider gewest, einich schlos ausszuprennen (1525) chron. d. st. Bamberg 2, 260 Chroust.
δ)
vom sachl. gegensatz: sô ist unmahtlîh, târ daz eina ist taz ander, daz imo uuidere (contrarium) ist, sament imo dâr uuesen Notker 1, 485 P.; die red ist der vorderen wider Terenz deutsch (1499) 20ᵃ; (das siebente) gebot hat auch einn werck, wilchs gar viel gutte werck in sich begreyfft unnd vielen lastern widder ist, und heyst auff deutsch mildickeit (1520) Luther 6, 270 W.; (die bibel ist so) das die offentlichen sprüch rechte verstentnusz geben vnd worlich vszlegen dise sprüch, die noch vnser meynung jnen seind wider (1522) Mich. Stifel bei Clemen reform. flugschr. 3, 324.
ε)
mit genitiv d. s., der angibt, worin man sich widersetzt: taz sî nîo gehîleiches uuidere neuuas (nuptiis iuno non solita refragari) Notker 1, 726, 24 P. mit dat. d. p. und genitiv d. s.:
e ir mir iemer keine zit
mines willen wider gesit
Gottfried v. Straszburg Tristan 5776 Ranke;
do Julius to Rome quam, he wolde de herscap hebben alene. des was ime wider Pompeius unde de senatores (zw. 1230 u. 1251) sächs. weltchron. 86 Weiland;
(Lazarus bittet um die brosamen, die von des reichen tische
fallen:)
der gabe was im der riche wider
(hs. 1. drittel d. 14. jhs.) kl. mhd. erz. 59, 26 Rosenh.
b)
gern 'zuwider, unerwünscht, unangenehm':
do wart zu hohem bischove
und zu pabeste gewelt
Silvester, der gotes helt,
daz im harte wider was
(13. jh.) passional 64, 83 Köpke;
(die festsetzung eines zolls) waz allen fursten und herren ... wider (Nürnberg 14. jh.) städtechron. 1, 56; das was dem bischoufe weder unde wolde des nicht leiden (15. jh.) Joh. Rothe düring. chron. 677 Liliencron; das ist aber eyn christ, der eyn sunder ist und erkent seyne sunde, verdreust yhn und ist yhm von hertzen wider (1525) Luther 17, 1, 298 W.;
(der verlierer im spiel)
siht wie ein getauffter bawr
mit allen beiden augen sawr.
ja eine flieg die ist im wider
Ringwaldt lauter warheit (1598) 81.
gesteigert: (um den willen gottes zu erfüllen, soll man tun,) das der naturen (des menschen) aller widerst ist (14. jh.) Tauler pred. 130, 24 Vetter.
2)
in anderer grammatikal. verwendung.
a)
von dingen und geschehnissen, die miszfällig, ungünstig sind, in feindlicher absicht geschehen:
von mir ist gar gelegen nider,
daz ander lute heizent wider
und daz mit ungelucke wert
(spricht ein im glück lebender)
(13. jh.) passional 250, 38 Köpke.
s isᵗ mⁱr hert w. ('schlecht') ᵍᵉgangᵉⁿ deneⁿ winter Martin-Lienhart elsäss. 2, 793ᵇ. substantiviert:
so viel wieders er (dein leib) dir (dem pilger) nit det
(15. jh.) pilgerf. d. träum. mönchs 6324 Bömer;
das ist auch ein eigenschafft aller tugent, wann sie streit leidet vnd ettwas widers, so werden sie gesterckt Keisersberg brösamlin (1517) 2, 33ᵇ. attributiv: ob widers wort, mein höchster hort (die geliebte), mich gegen dir versagen (wohl 'verleumden') wolt, den lasz nit auff bei Forster fr. teutsche liedlein 127 ndr. mundartlich: 'ein eigensinniger, widerwärtiger, sonderbarer mensch ist wider ... urspr. also wie prädik. adv.; aber auch attrib.: ein widerwärtiges kind (bes. mädchen) ist eⁱⁿᵉ widere naht' Fischer schwäb. 6, 766.
b)
'ekelerregend, widerlich': die bekanntschaft der edlen pferde hat ihn gelehrt, in jedem artgenossen die erbärmlichkeit der wideren Yahoos zu sehen, und keine liebe deckt den ekel zu Frankf. allg. ztg. nr. 246 (1955) bl. 5.
B.
wieder, adv., 'zurück'; 'abermals, wiederum'.
1)
'zurück', eigentlich '(der eingeschlagenen richtung) entgegen', diese bedeutung lebt
a)
in zahlreichen, bei verben heute trennbaren zusammensetzungen; s. typenübersicht II A am ende der alphab. reihe der zusammensetzungen. bereits Tatian hat folgende komposita mit uuidar- re-, retro: uuidarbringan referre, uuidarfaran regredi, retro abire, uuidargangan regredi, uuidarsenten remittere, uuidarscouuôn retro aspicere, uuidaruuerban reuerti, redire, regredi.
b)
in formelhafter verwendung.
α)
namentlich hin und wi(e)der; vgl. teil 4, 2, sp. 1374. aus methodischen gründen wird die ganze bedeutungsentwicklung der formel hier behandelt, obwohl eigentlich nur die gruppen αα und ββ hierher gehören, da nur in ihnen wider seine bedeutung 'zurück' klar zu erkennen gibt. in diesen gruppen deckt sich die bed. der wendung mit der ihrer bestandteile, die diese auszerhalb der formel zeigen. dann aber macht die (festgewordene) wendung als ein neues ganzes eine selbständige bedeutungsentwicklung durch. im mhd. ist die wendung noch unüblich, nicht bezeugt bei Reinmar, Walther, Neidhart, im Parzival, armen Heinrich, Iwein und Nibelungenlied (anders die wendungen unter γ, δ, ζ). die beiden letztern zeigen lediglich hin und her widere:
sô snel ist dehein man
noch niht âne gevidere
dazz hin und her widere
möht komen in sô kurzer vrist
Hartmann v. Aue Iwein 2128 Benecke-Lachmann;
hin und her widere   wart dâ vil gesehen
an magede und an vrouwen:   der saz dâ genuoc (in
Bechlaren)
der Nibelunge nôt 1670, 2 Bartsch.
aber bei Albrecht v. Halberstadt ist hin und wider vorhanden, jedoch in rekonstruiertem text:
von lûten ich gehôrt hân,
die tragent an gevidere,
daz sie hin und widere
mit zouberîe mugent wegen
(um 1210) metamorph. 300 Bartsch.
im nhd. in folgenden verwendungen:
αα)
'hin und zurück', von einfacher rückkehr zum ausgangspunkt (s. o. Iwein): rütt also düsen abend wüder gen London (woher er gekommen war), wölches hün und wüder 20 meül (1585) Samuel Kiechel reisen 24 lit. ver.
ββ)
'hin und zurück, her', von wiederholten oder andauernden bewegungen, die einander entgegengesetzt sind:
ich setzt mich eins zum tuchmann nider
vnd kört die bletter (des schuldbuches) hin vnd wider
(1515) Murner mühle 1287 Beb.;
das es (ein holz an der pumpe) ... zwischen zweyen seulen getriben, hin vnd wider gehen möge Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 143; die boten gingen lebhaft hin und wieder (zwischen zwei personen) Göthe I 23, 182 W.; wanderte ihr blick ... zwischen seinem antlitz und dem noch vor ihr liegenden lichtbildchen hin und wieder Storm s. w. (1898) 1, 229; bäckerlehrlinge mit duftenden brotkretten hasteten hin und wider (die strasze entlang) Peter Dörfler Apollonias sommer (1932) 189.
γγ)
'hierhin und dahin, überallhin'; der richtungsgegensatz, den die wendung ursprüngl. ausdrückt, ist verblaszt: s. o. Albrecht v. Halberstadt; Gregorii buch war in einzele stücke zurissen und hin und wieder zerstreuet (dreisziger jahre d. 16. jhs.) Luther tischr. 4, 476 W.; wann die spinnweppen hin vnd wider schweben (ist wind zu erwarten) Sebiz feldbau (1580) 43; ritter George aber hat ... inn der gantzen weiten vnd breiten welt die christliche religion hin vnnd wider auszgebreitet (1613) Rinckhart christl. ritter 5 ndr.;
hin und wieder schweifen
Göthe I 6, 22 W.;
wie die schönste rückenbeugung
...
von dem einen zu dem andern
unstät hin und wieder schwankte
Rückert ges. poet. w. (1867) 2, 114.
δδ)
anschlieszend an den gebrauch unter ββ und γγ, von gespräch und disputation: vnter dessen war viel (wie geschicht) hin vnnd wider geredet vnnd desz herren ... auch gedacht Lorichius päd. principum (1595) 304; Göthe s. u.; sie hören disputiren hin und wider mit gleich scheinbaren gründen (1825) Görres ges. br. (1858) 3, 163. substantiviert: so dasz in bewegtem hin und wieder des gespräches scherz und ernst durcheinandergeschwirrt sind (1877/78) H. Seidel vorstadtgesch. (1909) 1, 62. hin und wider (ge)denken, sinnen: vnd sie gedachten hin vnd wider Markus 8, 16; fieng er erst an, hin unnd wider zuͦ gedencken, insunderheit an die zwen köpff, so er an seinem bett gesehen hatt (1555) Wickram w. 3, 58 Bolte;
(Floridan ging) an der Pleiszen auf und nieder
und gedachte hin und wieder
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 276;
freilich, sagte Eduard, hilft das hin- und widerdenken, das hin- und widerreden zu nichts Göthe I 20, 191 W.; (Wilhelms) geist ward vom hin- und widersinnen müde ebda 52, 96. hin und wider handeln: also ist nach vil hin und widerhandeln der strit zu den richtern gesetzt worden uf ain spruch Zimmer. chron. ²1, 471 Barack.
εε)
hin und wider entwickelt sich vom ausdruck für die bewegung 'hierhin und dahin, überallhin' zu einer bezeichnung für das verbreitete vorhandensein einer sache (eines vorgangs). von der dichten verbreitung, 'allenthalben, überall' (s. o. der Nibelunge nôt): kleglich weinen höret man hin vnd wider vber kinder (nach der tötung der ägypt. erstgeburt) weish. Salom. 18, 10; bey denen (mägden) lag es hin und wider voller zerbrochener so trinckals fenster-gläser (1669) Grimmelshausen Simpl. 99 Scholte; auf die wiese, wo zerbrochene kasten, zerschlagene koffer, zerschnittene mantelsäcke und eine menge kleiner geräthschaften hin und wieder lagen (nach einem überfall) Göthe I 22, 40 W. 'hie und da', d. h. die verbreitung ist weniger dicht: so hat er auch gar ein grosse summa seines eygenen gelts hin und wider in den geselschafften ligen (1556) Wickram w. 2, 144 Bolte; viel schöne ducaten und cleinodien, welche ich hin und wieder in der soestischen böerde auff dem land in hole bäum verbarg Grimmelshausen Simpl. 208 Scholte; von alten würdigen denkmalen der architektur sind zwar hin und wieder, vornehmlich in den Rheingegenden, viele beschädigt ... worden Göthe I 49, 1, 56 W.; hin und wieder liessen syringenbäume ihre blühenden zweige in den hofraum hinunterhängen Storm s. w. (1898) 1, 26.
ζζ)
'hie und da' in einem text. hierbei spielt die wendung gern in den zeitlichen gebrauch 'dann und wann' (s. u.ηη) hinüber: die thier ... so hin vnd wider in der bibel gleichnusz oder anderer weise eingefürt vnd angezogen werden Heyden Plinius (1565) vorr. 2ᵃ; darvon etwas im II. buͦch diser chronick hin vnd wider zuͦfinden ist Stumpf Schweizerchron. (1606) 3ᵃ; ich kann nur wünschen, dasz es mir geglückt haben möge, wenigstens so gearbeitet zu haben, dasz kenner noch hin und wieder einige spuren seiner (Mozarts) unvergeszlichen lehren darin finden können (1800) bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 776.
ηη)
in neuerer und gegenwärtiger sprache temporal 'dann und wann, bisweilen', die älteren der folgenden belege schlieszen lokalen sinn 'hie und da' nicht aus: flitterpfennige ... werden hin vnd wider im felde vnd auff den alten dorffstedten gefunden (1579) Entzelt altmärk. chron. 76 Bohm; genug dasz dieselben (schulreden) hin und wieder ihre nutzbarkeit erweisen Ch. Weise polit. redner (1679) 2; lieszt mir dann auch hin und wieder etliches vor (1775) maler Müller w. (1811) 1, 232; sie werfen darauf (auf ein buch) in guten augenblicken doch hin und wieder einen blick oder ein auge (1833) Varnhagen bei Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 171;
während ich, zunächst dem lichte,
in den Haller jahresheften
blätterte und hin und wieder
einen brocken gab zum besten
Mörike ges. schr. (1905) 1, 166 Göschen;
hin und wieder hebt ein langer rasselnder atemzug die knöcherne brust Gerhart Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 48; sie hatte hin und wieder ähnliche ausbrüche an ihm erlebt Ina Seidel erbe (1954) 410.
β)
gelegentlich her und wider; nur in lokaler verwendung: hac illac circumcursa lauff her vnd wider Alberus nov. dict. (1540) A 1ᵇ;
mein hund,
die suͦchten baid her vnd wider,
in der aw vff vnd nider
(hs. 1471) liederb. d. Hätzlerin 243 Haltaus;
(mancher) gafft here vnd ouch wider
vnd schlecht syn ougen eben nider,
wie der hund zuͦ metzig ('fleischbank') stat
(1512) Murner narrenbeschwörung 43 ndr.
γ)
mhd. (obd.) für unde (noch) wider (reimt auf nider):
und liez daz (tor) hinder ime nider
done mohte der gast (Iwein) vür noch wider ('weder vor
noch zurück')
Hartmann v. Aue Iwein 1126 Benecke-L.;
dô saher für unde widr ('hin und her')
Wolfram v. Eschenbach Parzival 151, 3 Lachm.;
fúr und wider springen (beim solotanz)
(gegen 1300) der sœlden hort 2862 Adrian;
(viele frauen sah man)
für unde widere ('allenthalben'), wande ir saz dâ genuoc
der Nibelunge nôt 1670, 3 (fuszn.) Bartsch.
δ)
öfter begegnet die aus dem voraufgehenden durch metathese entstandene, meist obd., gelegentlich md. bezeugte wendung wider und (noch) für (md. auch vor); die umstellung geschah vielleicht wegen besserer reimmöglichkeiten, namentlich auf tür, kür, f. und die verbformen spür und erkür. die wendung geht von der reim- in die prosaliteratur über. bis ins frühnhd. ist sie schriftsprachlich, bis in die neuzeit mundartlich bezeugt, meist in lokaler, nie in temporaler verwendung.
αα)
namentlich 'zurück und vor, hin und her':
sô treip in abe der heiden wider
mit starken slegen gegen der tür.
sus entweich er wider unde vür
(1205—10) Wirnt v. Gravenberg Wigalois 7511 Kapteyn;
daz si vil lobes reine
besunder ir den (besseren zweier männer) ûz erkür.
nû daz si wider unde für
besach si beide in einer stunt
Konrad v. Würzburg Engelhard 1162 Gereke;
(eine stelle) da die lvͥte wider vnde fuͥr gant (um 1275) Schwabenspiegel 88ᵃ Laszberg; er enkund auch wider noch für (15. jh.) Ulrich Füetrer Lanzelot 127 lit. ver.;
des lammes [blut] saltu rein
under die sweln der thoren lein ('legen')
dar zu uff die oberthore,
do du gehest widder und fore ('ein und aus')
(md., um 1500) Alsfelder passionsspiel 3259 Grein;
bey der hindern thür,
da niemand geht wider und für
(1552) Hans Sachs 17, 9 lit. ver.
mundartlich hält sich diese verwendung bis in die neuzeit, s. Friedli Bärndütsch 3, 260. bildlich:
fulkeyt erdenckt eyn wörwort baldt
fulkeyt sich wider went vnd für
glich wie der angel an der thür
(1494) S. Brant narrenschiff 97, 33 Zarncke.
vom hin und her im gespräch:
jdoch von dem donere han
gnug der philosophen man
wider unde vur gesprochen
(md., 1338) Hiob 13 833 Karsten;
und in überlegungen: so ich die ding im gemütt bedenck und in mir selbs wider und fúr betracht (1491) Österreicher Columella 1, 9 lit. ver.
ββ)
'hierhin und dahin, nach allen seiten'; der richtungsgegensatz, den die wendung ursprüngl. ausdrückt, ist verblaszt:
sus gienc er (Gawan) wider unde für (: tür)
unz er den rîchen palas vant
Wolfram v. Eschenbach Parzival 588, 26 L.;
der kunic sande wider und für (: spür);
swâ si wîse liute westen;
darûz lâsen si di besten
(anf. 14. jhs.) Ottokar österr. reimchron. 7589 Seem.;
dann er (Phaeton) am himel fur gantz irr,
wie man dann sagt, wider und für
(1545) Wickram w. 7, 69 Bolte.
übertragen: wir lossen vnsere begirden, vnser gedencken vnd neygungen wider vnd fuͦr schweyffen Keisersberg bilgersch. (1512) 9ᵇ.
γγ)
'hier und dort, allenthalben', vom verbreiteten vorhandensein einer sache, eines geschehens:
dô suochter (der gefangene Iwein) wider unde vür
und envant venster noch tür
dâ er ûz möhte
Hartmann v. Aue Iwein 1145;
die fursten mit der wal
(für ein herrenloses reich)
suochten über al,
beidiu wider und für (: kür, f.)
(anf. 14. jhs.) Ottokar österr. reimchron. 12 129 Seem.;
ouch vremder spruche, als ich spur,
ist diz buch wider und vur
vol und tyfes sinnes sam
(md., 1338) Hiob 482 Karsten.
ε)
wider (wedder) und (efte) vort, fort ist im gegensatz zum vorigen nd. und md. belegt. weder ende vort (voort) oft im mnl.; vgl. Verwijs-Verdam mnl. woordenb. 9, 1, 1890.
αα)
'zurück und (oder) vor':
der meister wider unde vort
reit biz an der Dangen ort
(zw. 1291 u. 1297) livländ. reimchron. 3635 Meyer;
he (der läufer im schachspiel) vare wedder efte vort
(mnd., 14. jh.) meister Stephan schachb. 5604.
ββ)
'hierhin und dorthin, nach allen seiten': (ein feuer) vor wider unde vorth unde vorbrande se vile sere (zw. 1230 u. 51) sächs. weltchron. 127, 8 Weiland; (ein bischof) toch mit dem koninge van Behmen ... wedder und vort (Magdeburg, nach 1380) städtechron. 7, 280;
ick hebbe gewandert wedder vnd vort
vnd szodane lere nü gehort
(1527) Burkhard Waldis d. verlorene sohn 61 ndr.
γγ)
anschlieszend an die voraufgehenden gruppen bei worten und wendungen des sagens:
er fraget en wider unde vort ('nach diesem und jenem')
Jesus aber nehein wort
Herodi geantworte
(um 1300) Heinrich v. Hesler evang. Nicodemi 1427 lit. ver.;
da von (vom ewigen leben) sy disputyren
und rede vil hantyren
und vuren wider und vort
ken in ander vil wechsel wort
(md., 1338) Hiob 1235 Karsten
δδ)
'hier und dort, allenthalben':
(die frau soll) holden der dogheden ort ('tugend bewahren')
beyde wedder vnde vort
...
wor se vare in welkem lande
(mnd., 14. jh.) meister Stephan schachb. 5547;
(der erzbischof) nam huldinge van den steden in dem lande wedder und vort (Magdeburg, nach 1383) städtechron. 7, 286;
die fünfft (schwester) fiel hie, die sechst lag dort,
gestrawt lagens wider und fort
(metamorphosen 1545) Wickram w. 7, 268 Bolte.
ζ)
seltener, mhd.
αα)
wider unde dan. 'hin und her':
die wîle gie dô Wolfhart   beide wider unde dan,
allez houwende   die Guntheres man.
er was die dritten kêre   komen durch den sal
der Nibelunge nôt 2292, 1 Bartsch.
'nach allen seiten':
si teilten grôze gâbe wider unde dan
Kudrun 744, 1 Symons.
übertragen:
manigen ende si ez mâzen ('erwogen')   beidiu wider unt dan,
welhe ir herre möhte   zeinem wîbe nemen
der Nibelunge nôt 328, 6 (fuszn.) Bartsch.
ββ)
dar und wider oder umgekehrt:
si triben die tobenden ünde
wilent uf und wilent nider,
iezuo ('jetzt') dar und iesa ('sogleich') wider
Gottfried v. Straszburg Tristan 2432 Ranke;
mære zallen zîten wart wider unt dar geseit
der Nibelunge nôt 720, 1 (fuszn.) Bartsch.
2)
oft begegnet wieder in einer verwendung, die zwischen 'zurück' (s. ob. 1) und dem jüngeren 'abermals' (s. u. 3) steht und entwicklungsgeschichtlich das bindeglied zwischen diesen bedeutungen ist. ahd. erfährt es in diesem sinne noch starke konkurrenz durch aber; vgl. nur:
giang Pilatus widari (iterum) mit imo (Christo) tho in then solari
(aus dem er vorher herausgetreten war)
Otfrid IV 21, 1 Erdmann-Schr. (Tatian 195, 1: abur);
ih bin ûze mînemo rocche gesloffan, uuîe scal ih in uuidere anegetûon? ih habon mîne fûoze geduagan, scal ih sîe abo beuuellan? Williram hohes lied 78, 2 Seemüller. die masse neueren belegmaterials läszt zwei oft nicht rein zu scheidende verwendungsstränge erkennen.
a)
wieder kann stehen, wenn man ausdrücken will, dasz ein vorgang rückgängig gemacht, ein zustand aufgehoben wird:
si brâhten wider în zer tür
daz si mit zuht ê truogen für
Wolfram v. Eschenbach Parzival 240, 21 Lachmann;
der wisz ritter reyt wiedder yn zu der posterne ('hintertür'), da er usz geritten was (hs. um 1430) Lancelot 1, 184 Kluge; der hund so der küchen gewonet, ist bösz wider drausz zubringen sprichw. schöne weise klugr. (1548) 25ᵇ; reservirte sich der commendant die justitz über das abziehende volck; im fall der soldaten einer im abzuge oder marchiren ausm gliede weichen ... wolte, denselben wieder vnterzustossen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 46; wer am wenigsten verlangte, ward indess aufgestellt unter dem namen eines vicarius, und wenn einer kam, der noch weniger nahm, ward der erste wieder abgedankt M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 256; hier sind deine wische! ich hielt es für eine schmiererey, dergleichen du hunderte des tags machst und wieder zerreissest Klinger w. 3 (1815) 159;
o lass' der welt den schönen traum!
der nahe tag verscheucht ihn wieder
Körner w. 1, 112 Hempel;
ein knabe hatte schon geladen und muszte den schusz kunstgerecht wieder aus dem gewehre ziehen G. Keller ges. w. (1889) 1, 136; Marie drehte sich gegen das fenster; sie wandte sich sofort wieder ab A. Seghers d. toten bl. jung (1953) 16. gern neben zurück: doch die sach (liebesverhältnis) czwischen ir vnd Allessander in sölicher masse sich verloffen het, das es in keinen götlichenn wege mer wider ze rück gen möchte Arigo decameron 72 Keller; manche böse und ledige schicht hab ich auff dieser meiner sareptanischen fundgrub vnnd erbstollen, auch offt jrre gefaren, vnnd wider zu rück ansitzen müssen (bei der arbeit an diesem buch) J. Mathesius Sarepta (1578) vorr. 2ᵇ; also nun ... bin ich herkommen und gleich wieder zuruck geritten Grimmelshausen 2, 338 Keller; ich habe hofnung einen wohl ausgewaschnen, wohl ausstaffirten menschen (aus Italien) wieder zurück zu bringen (1786) Göthe IV 8, 26 W.; nun rückte sie ihn (den nasenklemmer, eine brillenart) wieder an den richtigen ort (auf der nase) zurück O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 308.
b)
wieder kann auch stehen, wenn man ausdrücken will, dasz ein früher bestehenderunterbrochenerzustand wiederhergestellt wird:
nû kom ze sînen sinnen
der truhsæze widere
Hartmann v. Aue Iwein 5371;
(der kranke) wider zuͦ im selbes kam Arigo decameron 56 Keller;
man setzet ab die zehen man,
nemb wider burgermeister an
und die verendert alle jar,
wie es vor bey den Römern war
(1530) Hans Sachs 2, 17 lit. ver.;
worauf er nothwending die sprach wider annehmen müssen (ein stummheit simulierender) Grimmelshausen 2, 349 Keller; als jener alte officier ... die alten gerichtlichen duelle wieder einzuführen rieth (1759) Lessing 8, 13 L.-M.; es ist eine höhere gerechtigkeit, die uns wieder zu ehren bringen soll Göthe I 21, 73 W.; ward auch Karthago ... wieder, was es auf der höhe seiner politischen macht gewesen war Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 21; jetzt kam die welt wieder ins lot Feuchtwanger d. geschw. Oppermann (1948) 163.
3)
aus den voraufgehenden verwendungen konnte leicht der zeitliche begriff der wiederholung sich entwickeln. ahd. läszt er sich neben herrschendem abur 'iterum' nur vereinzelt und nicht stets sicher nachweisen. in den von Steinmeyer Prager dt. studien 8 (1908) 162 anm. für diese verwendung aufgeführten ahd. uuidar(i)-verbindungen ist uuidar(i) meist im sinne 'zurück' zu interpretieren; doch liegt wiederholender gebrauch vor: in regeneratione (cum sederit filius hominis in sede maiestatis suae, Matth. 19, 28) aburborini vuidarboreni (11. jh.); i. abarborene. uuidarborene (9. jh.) ahd. gl. 1, 715, 52 u. 53 St.-S.; vuir bin diû andera geburt, diû andera generatio, dero nu chomen ist regeneratio (gl. uuidirburt i. toûfi) Notker 2, 312 P.; also do mennisco uuard formatus in sexto die, so uuard er sîd fone Christo reformatus (gl. uuiderbildot) in sexto seculo ebda 391; (dem von gott verworfenen) neskihet nieht zegremezzenne unde uuider zelebenne, so iz fuore ube er in demo gefuorsamen zite riuuesete ebda 3, 233. die spätere entwicklung zeigt verschiedene anwendungsmöglichkeiten.
a)
ein zustand besteht erneut, ein vorgang wiederholt sich:
wiltu morgen wider ûf den plân
gein mir komn durch strîten
Wolfram v. Eschenbach Parzival 692, 22 L.;
er wider an hub mit grossem geschrey an die tür ze schladen (sic!) Arigo decameron 84 Keller; mich dünket, ich sei (nach einer krankheit) wieder von neuen geboren (1537) Luther br. 8, 51 W.;
... dasz diese schreibesucht
der sprache zierligkeit wird wieder in die flucht
verjagen als zuvor
Opitz opera (1689) 2, 28;
o wie staun' ich mich an, dasz ich itzt wieder bin,
der ich war
Klopstock oden 1, 94, 21 M.-P.;
Lydie sah sie starr an, sah sich um, sah sie wieder an und lag ohnmächtig in Wilhelms armen Göthe I 23, 36 W.;
der geist der vorigen, glorreichen zeit
ist wieder da
Grabbe w. 2, 333 Bl.;
(die voraussetzungen eines theaterstücks) könnten gerade so hundertmal wieder eintreten G. Freytag ges. w. 14 (1887) 11; Wenzlow unterdrückte wieder sein unbehagen A. Seghers d. toten bl. jung (1953) 42.
b)
insbesondere verwendet man wieder auch dann, wenn man ausdrücken will, dasz man die wiederkehr eines vorganges oder zustandes als regelmäszig oder gewohnt empfindet:
diu linde wol geloubet stât.
dâ sul wir uns wider hiuwer zweien ('paaren')
Neidhart lieder 27, 9 Wieszner;
all stund, all tag, all augenblick
kamen die nachbauren dan
zum vatter glauffen, zeigten an,
was der Tyl sein schöner sohn
hab wider auff ein news gethon
Fischart w. 2, 34 Hauffen;
wie reizt doch das die leute so sehr?
was laufen sie wieder in's schauspielhaus?
Göthe I 3, 317 W.;
und sagt, frau dotin, ob ihr was hin zu bestellen habt. vielleicht wieder was an den herrn faktor? O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 9; ein kanarienvogel ... flog auch heute wieder auf hand und schulter seines ... herrn Fontane ges. w. (1905) I 5, 152; Christian sorgte dafür, dasz er es wieder auf seinen zettel bekam, wieviel er dem Wilhelm geliehen hatte A. Seghers d. toten bl. jung (1953) 159. in übertreibender rede: ich weisz schon, was da wieder gekleckst werden soll (mit dem schreibzeug), rief der junker Göthe I 24, 157 W.; du bist heute wieder wie'n schornstein und rauchst un schmookst den ganzen tag Fontane ges. w. (1905) I 5, 135; das (gewebe) is eben wieder ne richt'ge schlauderarbeit ('flüchtige, unsorgfältige arbeit') Gerhart Hauptmann d. weber (1895) 8.
c)
wiederholendes wieder begegnet gern in formelhaften wendungen.
α)
ein verb wird wiederholt: da wir aber die lasen vnd wyder gelesen haben Terenz deutsch (1499) A 2ᵃ; die geisz vnd schaaf an der herde vil steigen vnd eilends wider steigen wöllen Sebiz feldbau (1580) 9; (ein kunstwerk) welches er unzählichemal musz betrachtet und wieder betrachtet haben (1769) Gerstenberg recensionen 295 lit.-denkm.; ew. wohlgeboren sehen hieraus, mit welchem eifer ich ihr programm lesen und wieder lesen muszte (1818) Göthe IV 29, 24 W.; die märchen, welche er ihr sonst erzählt und wieder erzählt hatte Storm s. w. (1898) 1, 7. auch der erste teil eines trennbar zusammengesetzten verbs kann wiederholt werden:
ich sah mich vmb
vnd wider vmb
(1649) Spee trutznachtigall 11 ndr.;
nun sehen sie (die mädchen) mich ... an und wieder an, weil keine weisz, was sie nur machen soll Göthe I 24, 156 W.
β)
für oder um nichts und wieder nichts: er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts Novalis schr. 4, 20 Minor; das wacht nun einmal auf, um nichts und wieder nichts (das gewissen) (1805) Göthe I 45, 29 W.; die kleine närrin möchte mit jedem durch die welt laufen, für nichts und wieder nichts (1820) ebda 24, 136; es ist doch beim licht betrachtet eine wahre eselei, sich für nichts und wieder nichts mit anderer leute frazzen so ein kreuz auf den hals zu binden Brunner erz. schr. (1864) 1, 18; er hat mich ausgezankt für nischt un wieder nischt Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665ᵃ.
γ)
vereinzelt bei wiederholten zahlenangaben: an einem tage, auf den sich tausend und wieder tausend eingesperrte stadtbewohner schon seit einem halben jahre vorher freuen, soll es nicht dicke bindfaden regnen Holtei erz. schr. (1861) 1, 3. dafür bei Göthe oft das ältere aber (vgl. teil 1, sp. 30), das in dieser verwendung bis in die gegenwart gebraucht wird: es waren hunderte und aber hunderte Brecht dreigroschenroman (1952) 281.
δ)
wieder selbst wird wiederholt:
also ewer stets frischer muth
soll dieses süssen kampffs ohn blut
euch wieder vnd wieder gewehren (bei einer hochzeit)
(1624) Weckherlin bei Zinkgref auserl. ged. 42 ndr.;
nachdem wir alles wieder und wieder gesehn, verlieszen wir dieses heiligthum (die sixtinische kapelle) (1786) Göthe IV 8, 63 W.; (eine warnung) als strenger ruf zur busze mit markerschütternder gewalt wieder und wieder ans ohr schlägt O. Jahn Mozart (1856) 4, 367; wieder und wieder schaute er auf das blättchen in seiner zitternden hand O. M. Graf unruhe (1948) 31. frühnhd. auch wider und aber: der keiser schickt wider vnd aber suplication S. Franck Germ. chron. (1538) 123.
ε)
verbreitet immer wieder:
dann wie ein reisender dem zwar zum ersten mal
der eintritt ist versagt in deinen schauspiel-saal
...
doch immer wieder kommt, und seine bitt' erneuet
König ged. (1745) 23;
man liest das buch immer wieder mit neuem vergnügen (1818) Göthe IV 29, 80 W.; eine allerdings arge unzukömmlichkeit, welche sie sich beim essen mit list oder gewalt immer wieder erlaubte G. Keller ges. w. (1889) 4, 16; wenn man all so was weisz und sich immer wieder zu gemüte führt Fontane ges. w. (1905) I 5, 133; und dann, immer wieder, fallen alle herein (auf eine täuschung) Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 189.
ζ)
wieder einmal undseltenerumgekehrt einmal wieder: ich hab keine gröszere freude, als wenn ich wieder einmal in der zeitung lese, dasz eine armee gelaufen ist (geflohen vor dem feind) (1774) Lenz ges. schr. 1, 56 Tieck; da hast du (Zelter) nun einmal wieder deine liebe und neigung zu mir recht redlich und tüchtig abgestempelt (1818) Göthe IV 29, 89 W.; Maximilian hat mit dem treffenden geist, der ihm eigen ist, wieder einmal das nothwendige berührt und hervorgehoben Ranke s. w. (1867) 1, 129; Lene ... is ausgeflogen un hat mich 'mal wieder im stich gelassen Fontane ges. w. (1905) I 5, 119; willkommen! vater Ansorge, sieht man dich wider amal (in der schankstube) Gerhart Hauptmann die weber (1895) 51.
η)
schon wieder: in kurzer zeit ritt der genesende schon wieder aus Göthe I 23, 72 W.;
ich musz, um eure mattigkeit zu stählen,
weil ihr schon wieder an zu zagen fanget,
euch nur vom feind, vor dessen stahl ihr banget,
eins von den wundern, die er tat, erzählen
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 19.
im affekt: ach, sie weinen schon wieder, schon wieder, sir! (1755) Lessing 2, 267 L.-M.; dasz gott! was giebts schon wieder (1774) Lenz ges. schr. 1, 63 Tieck;
nun schon wieder
den erathmenden schritt
mühsam berg hinauf
Göthe I 2, 65 W.
unwillig zu einem, der oft vorspricht: bisᵗ schoⁿ w. do? Martin-Lienhart elsäss. 2, 793ᵇ.
d)
wechseln subjekt oder umstandsbestimmung, dann drückt wieder neben wiederholung stärker übereinstimmung aus, 'auch, ebenfalls': haben wir nicht ... die stammhenne Gallina über dreissig eiern sitzen, werden diese nicht dreissig hühner werden, und kann nicht jedes wieder dreissig eier legen, welche es wieder ausbrütet zu dreissig hühnern Brentano ges. schr. (1852) 5, 20; ja, was sollten denn auch drei pfarrersbuben zunächst anderes werden als wieder pfarrer? Sperl die fahrt nach der alten urkunde (1909) 197. entbehrlich ist wieder, wenn auch daneben tritt:
ein meister einer ländlichen schule
...
macht ... dem ersten fremden rechts
einen tiefen bückling, es war nichts schlechts;
aber hinten hätt' er nicht vorgesehn,
dasz da auch wieder leute stehn,
gab einem zur linken in den schoos
mit seinem hintern einen derben stosz
Göthe I 16, 113 W.
4)
wohl mit rückgriff auf die bedeutungen '(ent)gegen' (A) und 'zurück' (B 1) steht wieder bei erwiderung und vergeltung meist mit gleichem oder ähnlichem. handlung und verhalten kehren dann gleichsam zurück: (cum facis prandium aut coenam, noli vocare amicos tuos, neque fratres tuos, neque cognatos, neque vicinos divites; ne forte et ipsi te) reinvitent uuidirigiladon (9. jh.) ahd. gl. 2, 172, 14 St.-S.;
wil mir ieman sîne fröide borgen,
daz i'm ein ander wider gebe?
Walther v. d. Vogelweide ged. 115, 9 Kraus;
swaz wir von ieman wolten gerne,
daz daz unser ieglich lerne,
daz er im daz wider tuͤ
(1252—55) Heinrich v. Krolewitz vater unser 3502 Lisch;
gibt dir einer guͤtte wort
und du vermerckst by im ein mort,
mit worten bzal dem selben wider,
mit liegen, triegen, luͤg du, fider!
(1512) Murner narrenbeschwörung 54 ndr.;
wer do schlehett, wirtt widder geschlagen (1520) Egranus ungedr. pred. 27 Buchwald; flugs den grundt ('grind, kopf') wider weg gehauen! sicut contigit generoso nobili hispano caesariensi, qui cum filiam hospitis transfixisset, statim capite truncatus est (1532) Luther tischr. 2, 487 W.;
ruff ich, rufft er mir wider (vom echo)
(1649) Spee trutznachtigall 12 ndr.;
kayserin: ... wie gehestu mit deinem gemahl so gar allein. hastu nicht ein tausent reuter vnnd fuszvolck hinter dich ... Andronica: schöne kayserin, ich frage euch wieder, wie kömpts dasz jhr alleine gehet, vnnd auch nicht ein hauffen diener auff euch bestellet haben schausp. engl. comöd. 27, 1 Creizenach; wer seine kleyder in ehren hält, den halten sie wieder in ehren Lehmann floril. polit. (1662) 1, 459; lord Ogleby wird von ihr (einem fräulein) bezaubert, und entschlieszt sich, sie seines orts wieder zu bezaubern (1768) Gerstenberg rezensionen 75 lit.-denkm.;
nicht wahr? dem wesen, das
dich rettete, — es sey ein engel oder
ein mensch, — dem möchtet ihr, und du besonders,
gern wieder viele grosze dienste thun?
Lessing 3, 15 L.-M.;
es ist der heilige abend
und es wird uns bescheert: da wollen wir wieder bescheeren
(1859) Hebbel s. w. 8, 281 Werner;
in dem einen boot ... saszen ein paar sehr feine herren, die beständig grüszten, und in unsrem übermut grüszten wir wieder (1888) Fontane ges. w. (1905) I 5, 131; ik bin wieder so! ich werde mich rächen Brendicke Berliner wortschatz 193ᵃ. in der gruszformel: 'jetzt heiszt der grusz (des waidmanns), wo er noch gewöhnlich ist: glück auf! und die antwort: wieder glück auf!' Campe 5 (1811) 640ᵇ. pleonastisch neben verben und wendungen, die erwiderung oder vergeltung ausdrücken: gerochen muste es (der schaden, den der tod dem ackermann zugefügt hatte) wider werden, vnd solte darvmb hawen vnd schaufel noch eines gemuet werden ackermann aus Böhmen 49 Bernt-B.; (die magd) im wider antwort Arigo decameron 85 Keller; wer hat jm was zuuor gegeben, das jm werde wider vergolten? Römer 11, 35;
(der ehelose) kan niemand trincken zu,
der bescheid jhm wieder thu
Voigtländer oden u. lieder (1642) 107.
C.
wieder gewinnt, namentlich in neuerer sprache, den charakter einer adversativen konjunktion im sinne von 'umgekehrt, hingegen, anderer-, seiner-, ihrerseits'. vgl. im ahd. darawidere; z. b.: sînes (Christi) rîches freuuen sih die regenonten himela. ... aber darauuidere belge sih is seculum Notker 2, 404 P.
1)
unmittelbar neben ein agens tretend, stellt wieder im sinne 'seiner-, ihrer-, meinerseits, hingegen' dieses einem anderen in seinem tun gegenüber; der gedanke der erwiderung oder vergeltung (s. o. B 4) spielt dabei eine rolle (im gegensatz zu den belegen unten unter 2 d):
Gâwân der ellens rîche
sprach 'hêrre, in wart nie koufman:
ir megt mich zolles wol erlân'.
des schiffes hêrre wider sprach
'hêr, sô manec frouwe sach
daz iu der prîs ist hie geschehen:
ir sult mir mînes rehtes jehen ('mein recht zugestehen')
Wolfram v. Eschenbach Parzival 544, 25 L.;
wer eynem vom galgen hilfft, dem hilfft der widder dran (sprichw.) Luther 10, 1, 1, 278 W.; verspricht er (Luzifer) ... mich (Faust) keiner pein theilhafftig zumachen. hierauff versprich ich mich wider, dasz ich keinem menschen mehr ... vnd sonderlich keinem geistlichen lehrer gehorchen ... wil (1587) volksb. v. dr. Faust 102 Petsch; Segesthes tödtet ihm und dieser wieder ihm das pferdt Lohenstein Arminius (1689) 1, 3;
der feind schieszt her, du wieder hin
Stoppe Parnasz (1735) 29.
2)
namentlich drückt wieder auch den reinen gegensatz (unterschied) aus.
a)
'umgekehrt': (ein bote) der unserm homeister vom landkompthur von Potczen briefe brachte und wider unsers homeisters briefe ... ken Potczen den landkompthuren truck (1402) Marienburger tresslerb. 163 Joachim; es werden offt von guͦten vnd edlen vättern böse vnärtige kind vnd von bösen wider guͦte kind geborn Carbach Livius (1533) 5ᵃ.
b)
wieder steht für 'im gegenteil, hingegen, dagegen' (gern neben bald und dann): vnd er sant vnd rieff Balaam dem sun Beor daz er euch (Israeliten) fluchte; wann ('aber') ich (gott) wolt in nit hören, wann durch in wider (e contrario) gesegnet ich euch erste dt. bibel 4, 334 lit. ver.;
hie gehts jhm wol, dort wider vbl
Ringwaldt christl. warnung (1590) L 2ᵇ;
die kappen ietzund so, dan wider so verwändt
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch d. reimged. (1647) 90;
dasz wilde meer nun brauset,
vnd wütet ungestüm:
nun still es wider sauset
Spee trutznachtigall (1649) 114;
durch ihn (gott) wird uns das jahr
bald reich an wein und korn, bald wieder unfruchtbar
Giseke poet. w. (1767) 8;
darum stellte ich den menschen in diesen werken bald in seiner glänzendsten erhabenheit, ... bald wieder in seiner tiefsten erniedrigung ... auf Klinger w. 3 (1815) vorr. 6; bald sagt man, es ist ein wagen beym machen, worin der controleur, Ceccarelli und ich nach hause reisen sollen, bald heiszt es wieder mit der diligence, bald wieder man wird jedem das diligencegeld geben, und da kann jeder reisen wie er will Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 16; nun dachte er sich in den armen seiner geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden theatergerüste Göthe I 21, 60 W.; einmal war ihnen die geldsorte nicht recht, ein andermal war's wieder nicht genug Gaudy s. w. (1844) 2, 38; hier sah er ... abwechselnd auf das tor (Brandenburger tor) und dann wieder nach dem tiergarten zu Fontane ges. w. (1905) I 5, 156; wie die tapfer gewesen war, ja frech, und dann wieder voll von unverständlicher angst Feuchtwanger Simone (1950) 163.
c)
insbesondere stellt wieder auch zwei gleichzeitig vorhandene entgegengesetzte seiten oder betrachtungsweisen ein und derselben sache einander gegenüber, 'andererseits':
dem (Parzival) sî nu nâch dem grâle wê,
unt doch wider nâch ir (Kondwiramurs') minne
Wolfram v. Eschenbach Parzival 389, 11 L.;
doch nie so gar mich zehret
die liebe Jesv mein,
alsz gleich sie wider nehret,
vnd schenckt auch frewden ein
(1649) Spee trutznachtigall 9 ndr.;
es ist kein unglück so grosz; es ist wieder ein glück dabey Schellhorn sprichw. (1797) 158; die kinder trugen grosze schilfbüschel, als wenn es palmen wären; und wenn sie von dieser seite den engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine körbchen mit eszwaaren und glichen dadurch den täglichen boten Göthe I 24, 6 W.; hiebey dürfen wir aber nicht vergessen, dasz dieses stück (Shakespeares 'Troilus und Cressida') ... seine herkunft aus abgeleiteten ... erzählungen nicht verläugnen kann. doch auch so ist es wieder ganz original als wenn das antike (Ilias) gar nicht gewesen wäre (1824) ebda IV 38, 231; es war die sehnsucht der creatur nach der reinheit ihres schöpfers, der sie sich ... verwandt, von der sie sich doch wieder durch eine unermeßliche kluft entfernt fühlt Ranke s. w. (1867) 1, 198; freilich konnte man es wissen, was die Römer wollten; allein es schien doch wieder unmöglich zu glauben, dasz nun wirklich für die liebe heimathstadt (Karthago) die letzte stunde gekommen sei Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 25; mein vater hat mich als junge daran gewöhnt, was in meine hände kommt, so anzusehen, als ob ich damit belehnt worden sei, den acker, das pferd, ein kind. es ist mein eigen und wieder auch nicht mein eigen A. Seghers d. toten bl. jung (1953) 150. durch satzzeichen hervorgehoben: (Kleist) erschien zu spät ... es war unmöglich, dasz die deutsche kunst noch bei lebzeiten Goethe's jenen neuen stil hätte finden können, von dem Kleist träumte. und wieder: er kam zu früh, denn erst der bürgersinn, der realistische zug der gegenwart beginnt den kern dieses dichtergeistes zu verstehen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 88.
d)
in seiner adversativen funktion verblaszt, leitet wieder lediglich von einem gegenstand der rede zum folgenden über, 'seiner-, ihrerseits': weil aber meine kindermagd noch bei mir gewesen, habe ich mich etwan mit einem arm gereget, hat sie wieder ein geschrei gemacht, ich lebete noch (2. hälfte d. 16. jhs.) Schweinichen denkw. (1878) 14; sein buch besteht aus zwey haupttheilen. ... jeder theil bestehet wieder aus fünf besonderen abschnitten (1755) Lessing 7, 3 L.-M.; den garten umgab er mit einer mauer, die wieder regelmäszige unterbrechungen mit eisengittern hatte Stifter s. w. 5, 1 (1908) 106.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 867, Z. 45.

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Zitationshilfe
„wider“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wider>.

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