Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wider-, wieder-, zusammensetzungen.

wi(e)der- zusammensetzungen.
sie folgen, ausgewählt aus einer weit gröszeren zahl bezeugter bildungen, in einer einzigen alphabetischen reihe ohne rücksicht auf die heute geltende schreibung, die jedoch im ansatz des stichwortes angedeutet wird. eine durchgehende scheidung in wider- und wieder-kompositionen hätte zusammengehöriges getrennt und mehrfach zu einer behandlung des gleichen wortes an zwei verschiedenen stellen geführt. eine übersicht über die bildungstypen und ihre historische entwicklung schlieszt sich unmittelbar an die alphabetische reihe wi(e)derabdruck bis wi(e)derzwingen an.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 895, Z. 24.

wider-, wieder-, zusammensetzungen.

wi(e)der- zusammensetzungen.
übersicht über die in der alphabetischen reihe wi(e)derabdruck bis wi(e)derzwingen (sp. 895 — 1406) auftretenden komposita. die schreibweise folgt der heute gültigen regel. abweichend vom stichwortansatz in der obigen reihe ist die form mit eingeklammertem e (wi(e)der-) nur dann gewählt, wenn das kompositum die bedeutungen 'gegen' und 'zurück' ('wiederum, abermals') in sich vereinigt.
I.
zusammensetzungen mit wider- '(ent)gegen'.
A.
komposita mit lokaler und unmittelbar daran anschlieszender bedeutung. die grenze zu B ist flieszend (s. eine ganze reihe der unten folgenden zusammensetzungen), ebenso zu C (s. wi(e)derlauf 2, 3, widerwurf 3 und widersatz 4), wie auch andrerseits oft die bedeutungen '(ent)gegen' und 'zurück' in ein und demselben wort beieinander sind und sich vielfach untrennbar mischen (s. bes. die komposita unter 1 g). lokal gebrauchte zusammensetzungen mit wider- '(ent)— gegen' kennt bereits das got.: jah urrunnun wiþragamotjan imma (εἰς ὑπάντησιν αὐτῷ) Joh. 12, 13; ferner s. oben unter wi(e)dergehen. im ahd. lassen sich von den unten aufgezählten bildungen folgende nachweisen: wi(e)derfahren, -fahrt, widerscheinen, wi(e)dersehen, widerstehen, -stosz. der typus bleibt mhd. und frühnhd. produktiv. die erst im 18.—20. jh. belegten bildungen sind in der regel gering an bedeutung: widerspitze statt widerhaken (G. A. Bürger) scheint eine (aus reimnot entstandene?) gelegenheitsbildung zu sein. auch widerrennen kommt nur einige male vor. ferner s. an alphab. stelle: widerhorst ('widerrist'), wi(e)derlage 2, 3 (stütze u. dgl.), wi(e)dersee, widerstrom, wi(e)derwachs 1 (haarwirbel), -wasser, die der landschafts- und fachsprache zugehören. auch jüngere bildungen der optischen sphäre sind selten belegt: widerblinken, -licht, -schimmer(n); nur widerspiegeln, -spiegelung ist stärker im gebrauch. z. t. gehören die bedeutungen, auf grund deren die betreffenden wörter in der unten folgenden zusammenstellung aufgezählt werden, nur älterer sprache (heute allenfalls noch der mundart) an. neuere sprache hat sie z. t. ersetzt; für wi(e)derfahren I B, -gehen 2, -laufen 1, -stoszen 1, 2 gebraucht man heute schriftsprachlich begegnen oder zusammensetzungen mit entgegen-, dagegen- oder an- als erstem glied. die verbalen zusammensetzungen zeigen in älterer sprache neben der festen auch unfeste komposition: z. b. widerstehen bis ins 17. jh.; s. auch unter wi(e)dersetzen 5 a (beleg a. d. Nibelungenlied). auch in neuerer sprache sind die verhältnisse nicht einheitlich: widerstehen und widersetzen sind durchweg fest komponiert, widerfahren aber nur in seiner hauptsächl. verwendungsweise 'begegnen, zuteil werden, zustoszen'; im sinne von 'dagegenfahren, anstoszen' (belege seit dem 17. jh.) ist es nur als unfeste zusammensetzung bezeugt (s. wi(e)derfahren I B 2); vgl. widerrennen. auch für widerhalten und widerstoszen ist unfeste zusammensetzung noch in neuerer sprache nachgewiesen (s. unter wi(e)derhalten 2, 3 und -stoszen 1). z. t. gehören die genannten fälle unfester komposition der mundart an. über die besonderen verhältnisse bei den bildungen mit grundwörtern des optischen und akustischen bereichs s. u. näheres unter 1 g.
1)
verben und substantive.
a)
wider- in zusammensetzung mit wörtern der bewegung. verben: wi(e)derfahren I B — II, -führen (Wolfram v. Eschenbach), -gehen 2, -kommen A, -laufen 1, -reiten, widerrennen, -steigen, wi(e)derstreichen (obviam ire), widertreten. substantive: wi(e)derfahrt A, -gang 2, -lauf 2, 3, -strich 1; widerfahrung.
b)
wider- in zusammensetzung mit wörtern des legens, setzens, stellens u. dgl.verben: widerlagern, wi(e)derlegen 3, widerlehnen, wi(e)dersetzen 3—5, -sitzen, widerstehen, wi(e)derstellen 1. substantive: widersatz, -stall, -stand; widerlagerung, wi(e)derlegung ('oppositio', sp. 1109), -setzung 2, -standung, -stehung, -stellung 1; widersetzer, -stander, -steher.
c)
wider- in zusammensetzung mit wörtern des haltens, stoszens u. dgl.verben: wi(e)derdr⁽ü⁾cken 'obniti', -halten 2, 3, -prallen (Ritter), -prellen 1, -schlagen 2, -stechen, widerstemmen, wi(e)derstoszen 1, 2, -stutzen, widerstützen, wi(e)derwerfen 2. substantive: wi(e)derdruck, widerhab, -halt, wi(e)derprall, widerstich, -stosz, -wurf; wi(e)derhaltung, widerstützung, wi(e)derwerfung.
d)
das grundwort bezeichnet bewegtes element: wi(e)derschwall, -see, widerstrom, -wag, wi(e)derwasser, widerwelle, -wind.
e)
mehrere komposita bezeichnen
α)
körperteile: widerhorn, -horst svw. -rist, wi(e)derwachs 1, widerzahn; mit übertragung auf personen, deren wesen bezeichnend: widerborst, -haar.
β)
bauteile, geräte u. dgl.: widergewicht, -haken, -halter, wi(e)derlage 2, 3, widerlager, -niet, -spitze, -wage.
f)
zusammensetzungen mit einem grundwort der optischen wahrnehmung: wi(e)derblick, -sehen 1.
g)
zusammensetzungen mit grundworten, die optische oder akustische erscheinungen bezeichnen, seien hier angeschlossen, wenngleich vielfach nicht sicher zu entscheiden ist, ob man das erste kompositionsglied im sinne von '(ent)gegen' oder 'zurück' (oder gar 'abermals') aufzufassen hat; vgl. die bemerkungen von Jacob Grimm und Wilhelm Scherer sp. 871. infolge dieser unsicherheit wurden noch im neueren schrifttum widerhall und widerschein uneinheitlich bald mit -i-, bald mit -ie- geschrieben; auch läszt sich in neuerer sprache und heute noch bei einer reihe von verbalkompositen ein deutliches schwanken zwischen fester komposition nach dem muster der wider-komposita und unfester zusammensetzung nach dem muster der bildungen mit wieder- beobachten; s. unter widerhallen, -klingen, -strahlen. bei widerscheinen ist nach den belegen feste zusammensetzung die regel, bei widerspiegeln umgekehrt die unfeste.
α)
die komposita mit einem grundwort der optischen sphäre: widerblinken, -glänzen, -glasten, -leuchten -scheinen, -schimmern, -spiegeln, -strahlen. — widerbild' wi(e)derblick auch 'reflex, spiegelung' usw., widerglanz' -glast, -licht, -schein, -schimmer, -spiegel, -strahl.
β)
die zusammensetzungen mit einem grundwort des akustischen bereichs: widergellen, -hallen, -hellen 1, -klingen, -lauten, -murmeln 2, wi(e)derrufen 2, widerschallen, -schellen, -tönen. — widergalm, -hall, -klang, -laut, ²-ruf 2, -schall, -schnall, ²-ton; widergellung.
2)
adjektivische (adverbielle) zusammensetzungen: widerberg 'bergauf', -borst, widereinander, widersinn(e)s 1. widerborstig, -haarig, -hakig, -haltig, -sässig, -setzig, -sichtig, -sinnig 1, -ständig, -stellig, -stöszig, -stürzig, -wüchsig. — widersinnisch 1, -strömisch. — widerborstlich, -setzlich, -stehlich.
B.
komposita des widerstrebens, des feindlichen gegensatzes, ablehnenden verhaltens und stellungnehmens gegen jmd. (etw.), des grolles u. dgl., wie auch des nachteiligen, unangenehmen (das einem widerfährt). vielfach greifen komposita mit zugrunde liegender raumvorstellung hierher über (s. o. unter A). auch zu C ist die grenze flieszend; s. etwa widerspän(n)ig 5, -spenstig 4, -sprechen B, -spruch 4, -streben 6 c, -streit 2 c, d, -streiten A 2 b, B. der im folgenden dargestellte typ läszt sich seit dem ahd. nachweisen (s. an alphab. stelle: widerfechten, wi(e)dersagen I, widersprechen A, -sprache, -streiten, wi(e)derwinnen) und bleibt im mhd. und frühnhd. produktiv. in der gegenwartssprache aber ist sein wortbestand geringer als im älteren nhd.; auszer fällen, in denen das kompositum unterging, weil das grundwort schriftsprachlich auszer gebrauch kam (z. b. widerjehen, -kallen, -nieten, -spän(n)ig), wurden auch seltenere bildungen neben geläufigen aufgegeben, so widerkampf und -krieg neben widerstreit oder widersage, -sprache neben widerrede und widerspruch. andererseits ist der einflusz der bildungen mit gegen- und anti- spürbar; so ist heute nur noch gegengift, -wehr im gebrauch, in älterer sprache auch widergift, -wehr. widerchrist, das am stärksten im frühnhd. gebraucht wurde, ist heute durch antichrist verdrängt worden. neubildungen in jüngerer zeit sind kaum nennenswert: widerspieler (18. jh.) kann gegen das überlegene gegenspieler nicht aufkommen; widerspenst, -spensten, -spenster (18., 19 jh.) bleiben ebenso vereinzelt; widerspenstisch, widerrufbar (19. jh.), neben den älteren und gebräuchlicheren widerspenstig, widerruflich, haben sich nicht durchgesetzt. das 20. jh. bringt noch Th. Manns widerpartner (gottes, d. i. der teufel) und das ebenso singuläre widerheiland für antichrist. weitere gelegentliche neubildungen sind gewisz möglich und wohl auch vorhanden, aber eine eigentliche produktivität des hier in rede stehenden typus läszt sich in der gegenwartssprache nicht beobachten.die verbalen bildungen sind heute fest zusammengesetzt, in älterer sprache finden sich aber noch genügend belege für unfeste komposition; s. nur widersprechen, -streben, -streiten an alphab. stelle.
1)
verben und substantive. verben: widerbeiszen, -fechten, -kämpfen, wi(e)derkriegen A, widernieten, -rechten, -spannen, -spensten, -sperren 2, -spielen ( Luther), -steifen, -sträuben, -strauchen, -sträuszen, -streben, -streiten, wi(e)dertun 2, widerwehren, wi(e)derwinnen. — substantive: widerbisz, -driesz, -drusz, -kampf, -krieg, -recht, -spalt, -span(n), -spanst, -sparr, -spenst, -sperre, -spiel 3—6, 8, -strausz, -streb(e), -streit, -sturm, ²-tan, wi(e)dertat (md. ged.), ¹widerton, -wehr, -zank, -zwang. — widerfechtung, -kämpfung, -spännung, -sperrung, -strebung, -streitung, -wehrung. — widerfechter, -kämpfer, -spenster, -spieler, -spiener, -streber, -streiter. besondere gruppen bilden folgende komposita:
a)
zusammensetzungen mit wörtern des inneren verhaltens und zustandes: widermut, -sinn 2, -tracht, -trotz, -wille.
b)
zahlreiche zusammensetzungen mit wörtern des sagens, schreibens und der akustischen äuszerung, die gelegentlich auch im neutraleren sinne einer bloszen entgegnung, erwiderung, antwort gebraucht werden. verben: das grundwort hat den allgemeinen sinn des sagens (schreibens) ohne spezielle nebenbedeutung: widerjehen, widerreden, wi(e)dersagen I, -schreiben 1, widersprechen; vgl. dagegen wi(e)derbieten 1—3, widerklagen, wi(e)derkünd(ig)en, widerraten. bei den übrigen noch hierher gehörigen kompositen bezeichnet das grundwort meist eine laute äuszerung: wi(e)derrufen 3; zudem wird pejorativer sinn spürbar: widerbäffen, -bäffzen, -belfern, -bellen, -boffern, -hellen 2, -kallen, -keife(l)n, -klaffen, -kurren, -murmeln 1, -murren, -schnallen, wi(e)derschnellen, widerschreien, -waschen. — substantive: widerbrief, -klage, -rat, -rede, ²-ruf 1, 3, wi(e)dersage, -schrift, widersprache, -spruch, -wort 1, 2, wi(e)derzahl. widerbäffung, -bäffzung, -bellung, -ratung, -redung, -rufung, -sagung, -sprechung. widerbäffzer, -beller, -rater, -red(n)er, wi(e)dersager 1, widersprecher, -wäscher.
c)
das grundwort bezeichnet kein geschehen oder verhalten, sondern eine konkrete sache (s. widergift 2) oder (meist) eine person, partei u. dgl. (s. auch oben die nomina agentis auf -er): widerpart(e), -partei, -partner, -reich, n. Luther 34, 2, 75 W., -seite, -teil 1, 2; vgl. auch widergeist, -kopf. in anderen fällen bezeichnet das grundwort eine näher bestimmte person: widerchrist, -gott, -heiland Burte Wiltfeber (1912) 160, -papst; vgl. auch widertod, worin das grundwortetwa im gegensatz zu widerpapst — nur als objekt der gegnerschaft verstanden werden kann.
2)
adjektive (adverbien): widerspän, -streb(e). genitivadverb: widersinn(e)s 'widersetzlich'. bildungen auf -ig: widerbäffzig, -beiszig, -bellig, -drieszig, -drüssig, -hellig, -mütig, -partig, -rätig, -seitig, -sinnig 3, -spän(n)ig, -spenstig, -sperrig, -spielig, -sprechig, -sprüchig (Goethe), -sträubig, -sträuszig, -strebig, -streitig, -strittig, -trächtig, -willig. auf -isch: widerchristisch, -päpstisch, -part(ei)isch, -sinnisch 3, -spännisch, -spenstisch, -streitisch, -willisch. auf -lich: widerdrieszlich, -drüszlich, -rätlich, -ruflich, -sprechlich, -streblich, -streitlich.
C.
zu dem im folgenden behandelten typus, der gegenteil und sachlich-objektiven gegensatz bezeichnet, können zusammensetzungen primär gehören, z. b. widernatürlich, das aus wi(e)der I B 5, 6 und natürlich zusammengesetzt ist, oder sekundär, wenn komposita der typen oben unter A und B in ihrer bedeutungsentwicklung hierher übergreifen; s. dort jeweils in der einleitung die diesbezüglichen bemerkungen und beispiele. auch einige der unten folgenden bildungen gehören nicht nur hierher, sondern auf grund eines teils ihrer bedeutungen auch unter A oder B; s. widerspiel hier wie unter B, vgl. auch widerpart(e), -teil; widersinnig, -sinnisch hier wie unter A und B. der typ reicht ins ahd. hinauf; s. uuiderhôrîg Notker 1 150, 11 und 2, 340, 17; 350, 14, 16 P.; uuidarkiosan, (reprobare) Tatian 124, 5; uuiderlobôn (reprobare) Notker 2, 109, 3 P.; uuideruuallôn (contrarium esse) ebda 1, 392, 9 und 580, 2, 20. noch in neuerer sprache (etwa seit Goethes zeit) lassen sich mehrere neubildungen ermitteln, s. widernatur; meist sind es adjektive: widergeistig, -gesetzlich, -historisch, -kirchlich, -sittlich, -vernünftig. sie alle sind nicht oft belegt, widergesetzlich und widervernünftig etwas mehr als die übrigen. auf einen einzelnen autor beschränkt bleibt: widerverständig Paul Ernst; auch das vb. widerhandeln W. Harnisch (unter wi(e)derhandeln).
1)
die (nicht zahlreichen) verben sind fest zusammengesetzt: wi(e)derhandeln (Harnisch), d. h. einer richtschnur entgegen; widerlehren 'das gegenteil lehren', s. passional 208, 53 Hahn; Alberus dict. (1540) Yy 1ᵇ; Stller stammb. (1691) 1030. in andern fällen bedeutet das kompositum das gegenteil des grundwortes: widerhellen 2 (Niclas v. Wyle u. a.), -stimmen, -teilen, -wohnen.
2)
in einem teil der substantive besagt wider-, dasz das vom grundwort bezeichnete zu einer grösze im gegensatz steht: wi(e)derfall 4 (Wirsung) 'der entgegengesetzte fall'; ferner: widerhandel, -lehre Luther 10, 1, 1, 470 W., -part(e) 3 b, -sinn 1, -spiel 1, 2, 7, -stimme, wi(e)dertat (Murner), widerteil 3, -wort 3. in andern fällen drückt das kompositum aus, dasz die sache, die durch das grundwort bezeichnet wird, nicht (in der rechten weise) vorhanden ist (vgl. bildungen mit un-): widerarzt, -fug, -geist (Fichte), -glück, -natur, ²-recht, -sinn 3, -sput, -verstand.
3)
zahlreich sind adjektive (adverbien); vgl. dazu bildungen auf un- und auf -widrig: widerfüg, -hör, -zahm, -zähm(e). genitivische bildungen: widerrecht(s), -sinn(e)s 2, 3, -spiels. bildungen auf -ig: widerartig, -billig, -geistig, -hellig, -hörig St. Georgener pred. 191 Rieder, -sinnig 2, 4, -spielig, -stimmig, -vernünftig, -verständig, -zähmig; auf -isch: widerchristisch, -göttisch, -historisch, -sinnisch 2, 4; vgl.-deutsch; auf -lich: widerchristlich, -gesetzlich, -göttlich, -kirchlich, -menschlich, -natürlich, -rechtlich, -sinnlich, -sittlich, -weltlich.
II.
die zusammensetzungen mit wieder- 'zurück, wiederum, abermals'.
A.
zahlreich sind die bildungen mit wieder- 'zurück'; schon das ahd. kennt sie in gröszerer zahl.neben der grundbedeutung 'bewegung zurück' begegnet freierer gebrauch: bei wiedergeben neben 'zurückgeben' die bed. 'weitergeben (des erhaltenen oder genommenen an einen dritten)' und 'zukommen lassen, (hin)geben'; s. ferner wiederliefern, -strömen. auch können bildungen des in rede stehenden typs, dessen grenzen zu dem oben unter I A (s. dort) wie zu dem folgenden unter B (s. z. b. wiedermachen) nicht immer scharf zu ziehen sind, ein wiederherstellen, wiedergutmachen, ersetzen, vergelten ausdrücken. heute ist allerdings von dieser farbigkeit viel eingebüszt. so hat z. b. wiederbringen seine bedeutungen 'wiederherstellen' und 'wiedergutmachen' aufgegeben und sich auf die verwendung im sinne von 'zurückbringen' beschränkt; das jetzt nur noch intransitiv gebrauchte wiederkehren hat die transitive verwendung (mit bedeutungen wie 'zur rückkehr bewegen', 'zurückerstatten, wiedergutmachen, ersetzen', 'vergelten') und den reflexiven gebrauch eingebüszt; wiederkommen, heute nur 'zurückkommen', bedeutete im mhd.-frühnhd. auch 'von etw. lassen, abstehen, frei werden' und 'in den vorigen zustand kommen'. neben der bedeutungsverengung (präzisierung) läszt sich auch ein rückgang der bildungen mit wieder- 'zurück' beobachten. viele von ihnen gehören nur der älteren sprache an; die produktivität dieses typus ist heute erloschen. die bildungen mit (zu)rück- als erstem glied haben manche zusammensetzung mit wieder- abgelöst; z. b. gebraucht man heute etwa zurückbiegen, -fallen, -flieszen, -führen, -gehen, -halten, -laufen, -reiten, -stoszen, -treiben, -weisen, -werfen, -ziehen, aber nicht mehr in demselben sinne wiederbiegen, -fallen usw.; rückfahrt, -fall, -flug, -reise, -weg aber nicht mehr wiederfahrt usw. ferner s. auch unten unter D die bemerkungen über die ablösung zweigliedriger bildungen mit wieder- durch dreigliedrige.
1)
die verbalkomposita sind heute unfest, in älterer sprache aber auch fest zusammengesetzt. an alphab. stelle werden folgende belegt (vgl. auch ob. unter I A 1 g): wiederbiegen, -brechen, -bringen 1—4, -bücken, wi(e)derdrücken 1, -fahren I A, wiederfallen, -finden, -flieszen, -fordern 1, wi(e)derführen, wiedergeben, wi(e)dergehen 1, 3, wiederhaben, wi(e)derhalten 1, wiederheischen, -heiszen, -holen A, -kaufen, -kehren, wi(e)derkommen B, -kriegen B, -künden, wiederladen (altdt. pred.), -langen, -lassen, wi(e)derlaufen 2, -legen 1, 2, 4, wiederliefern, -litzen, -lösen, -nehmen, wi(e)derprallen, -prellen 2, -reiten, wiederrichten, wi(e)derrufen 1, wiederschaffen 1, 2, -schauen (Tatian), -schenken, -schicken, wi(e)derschlagen 1, 2, wi(e)derschnellen, wi(e)dersehen 2, wiedersenden, wi(e)dersetzen 1, 2, wiederspeien, -springen, -statten, wi(e)derstellen 2, -stoszen 3—5, -streichen (Felix Faber), wiederströmen, wi(e)derstutzen, wiedersuchen, -tragen, -treiben, wi(e)dertun 1, 3, wiederweisen, -wenden, wi(e)derwerfen 1, wiederwinden, wi(e)derwinnen, wiederzahlen, -zählen, -ziehen, -zucken, -zücken, -zwingen.
2)
substantive: wi(e)derblick, -fahrt B, wiederfährte, wi(e)derfall, wiederflug, -flusz, -fuhr, -gabe, wi(e)dergang 1, 4, wiederkauf, wiederkehr, wiederkunft, wi(e)derlage 1, wiederlasz, wi(e)derlauf 1, -lege, wiederlöse, -reise, wi(e)derschwall, -see, wiedersprung, -statt, wi(e)derstrich 2, -tat, wiedertritt, -wank, wi(e)derwasser, -wechsel 3, wiederweg, -zug. — wiederbiegung, -brechung, -bringung, -drückung, -findung, -forderung, -gebung, -habung, wi(e)derhaltung, wiederkaufung, -kehrung, -kommung, -langung, wi(e)derlegung, wiederlieferung, -lösung, -prellung, -richtung, -schenkung, -schickung, -schiebung, -sendung, wi(e)dersetzung 1, wiederstattung, wi(e)derstellung 2, wiedersuchung, -treibung, -weisung, wi(e)derwerfung, wiederzahlung, -zählung. — wiederbringer, -forderer, -gänger, -geber, ¹-käufer, -kehrer, -statter, -steller, -wender.
3)
adjektive (adverbien): wiederbiegig, -fällig, -künftig, -lösig, -wendig. -wendisch. wiederbringlich, -käuflich, -löslich, -winnlich. wiederbieglich(en). s. auch wiederum.
B.
die bildungen mit wiederholendem wieder reichen ins ahd. zurück, s. z. b. wi(e)derzählen an alphab. stelle und wiederburt unter wi(e)dergeburt. in den meisten fällen, in denen wieder 'iterum' zu verben tritt, bildet es mit diesen keine kompositen. auch bei den im folgenden aufgezählten verben ist der kompositionscharakter manchmal zweifelhaft, und feste zusammensetzung findet sich (neben trennbarer) im groszen und ganzen nur in älterer sprache; wo sie in neuerer zeit noch begegnet, bleibt sie neben der üblichen trennbaren vereinzelt; s. wiederkäuen (Voss ob. sp. 1060, Hebbel sp. 1062) und wiedertaufen (Jean Paul). ganz anders verhält es sich mit wiederholen B 'noch einmal sagen bzw. tun', das noch heute regelmäszig als untrennbares kompositum gebraucht wird zum unterschied von trennbar zusammengesetztem wiederholen A 'zurückholen'. aber wiederholen 'iterare' gehört, streng genommen, auch gar nicht hierher, da es nicht aus wieder 'iterum' + holen zusammengesetzt ist, sondern sich aus wiederholen 'zurückholen' entwickelt hat (s. näheres an alphab. stelle). verben mit wieder 'iterum' als erstem glied (aus dem begriff der wiederholung kann sichetwa in wi(e)dersagen II — die bed. 'weitersagen' entwickeln; s. auch wiedererzählen): wiederäfer(e)n, -backen, -bringen 5, -däuen, -dichten, -drucken, -fordern 2, -grüszen, wi(e)derhandeln (lexikal.), wiederheiraten, -hören, -käuen, -kochen, -laden 'resarcinare', wi(e)derleben, wiederlesen, -lieben 2, -mäuen, -melden, unter widerreden, wi(e)dersagen II, wiederschaffen 3, -schauen, -schieszen, -schöpfen, wi(e)derschreiben 2, -sehen 2, unter widersprechen, wiedertaufen, -treffen 2, wi(e)dertun 4, wiederwählen, -zählen. substantive: wi(e)derdruck 3, wi(e)derliebe (Heinse), -schrift 1, wiedertauf, -taufe, wi(e)derwachs 2, wiederwahl, -wuchs, wi(e)derzahl, wiederzins. das grundwort bezeichnet etwas konkret-dingliches in: wiederkreuz. — wiederäferung, -handlung, -ladung, -lesung, -schöpfung, -sehung, -zählung. wiederkäuer, wi(e)dersager 2, -schreiber 2, wiedertäufer. adjektiv: wiedertäufisch.
C.
wi(e)der II B 4 bildet seit dem ahd. (remaledicere vvidarfluahhan Benediktinerregel, in: kl. ahd. sprachdenkm. 204, 29) mit verben zusammensetzungen, die mehr den charakter von verb + adv. als den eines kompositums zeigen. dieser typ kann noch heute jederzeit durch neubildungen zuwachs erhalten. die zu ihm gehörenden wörter, deren erstes glied ursprünglich im sinne von 'entgegen', 'zurück' aufzufassen ist, bedeuten erwiderung und vergeltung (mit gleichem oder ähnlichem), werden aber in neuerer und gegenwärtiger sprache, die wider '(ent)gegen' und wieder 'zurück, abermals' orthographisch unterscheidet, mit -ie- im ersten glied (wieder-) geschrieben, da sie vom sprachgefühl fälschlich an die jüngeren bildungen mit wieder- 'iterum' (mit denen sie die trennbarkeit teilen) angeknüpft werden, als 'wiederhohlung der handlung eines andern, in der absicht der vergeltung' Adelung wb. 4 (1801) 1531: wi(e)derbieten 4, wiederdienen, wi(e)derdr⁽ü⁾cken 2, wiedergrüszen, -laden, -lieben 1, wi(e)dermessen (s. bes. erste dt. bibel), wiederpfänden, -schelten, -schieszen, wi(e)derschlagen 1, wiederschmähen, wi(e)derschreiben 2, wiederspotten, wi(e)derstechen, -stoszen Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 412ᵃ u. ö., wiedertreffen 1. vermutlich unter dem einflusz des konkurrierenden typs der komposita mit gegen- wird in den substantivkompositen das erste gliedverglichen mit den entsprechenden verben (s. o.) — stärker im sinne von 'gegen' aufgefaszt und daher oft mit i (wider-) geschrieben: widerdienst, widergrusz, widerliebe, -schlag 1, -schmach, -spott, -stosz. zu den angeführten verben und substantiven s. noch solche bildungen, deren grundwort bereits erwiderung, vergeltung (tausch) ausdrückt: widerdank, -gelt(en), -lohn(en), -rache, -wechsel.
D.
der sehr zahlreiche, namentlich aus nah. zeit nachgewiesene dreigliedrige typ wieder 're, rursus, iterum' + kompositum kann noch heute unbegrenzt durch neubildungen zuwachs erhalten. obgleich die verbalen bildungen oft mehr den charakter von adv. + kompon. vb. als den eines kompositums haben, sind sie doch reichlich, wenn auch natürlich nicht vollständig, aufgenommen worden. u. a. gab eine gewisse belegdichte oder auch eine besondere bedeutung (s. z. b. wiederheimkommen in rechtlicher verwendung) anlasz zur aufnahme des betreffenden wortes. der aufzählung der einzelnen wörter sei noch folgende beobachtung vorausgeschickt: wohl infolge des strebens nach verdeutlichung wurden gleichbedeutende zweigliedrige bildungen (mit einfachem grundwort) durch dreigliedrige (mit präfixkomponiertem grundwort) ersetzt oder doch im gebrauch eingeschränkt; so wiederbauen durch das jüngere wiederaufbauen, entsprechend wiederbau durch das jüngere wiederaufbau. ferner vgl. wiederkennen: wiedererkennen; wiederlangen, -langung: wiedererlangen, -erlangung; wi(e)derlebung 1: wiederbelebung; wiederrichten (Kramer, Chemnitz): wiederaufrichten (auch: wiedererrichten); wiederstatten, -stattung: wiedererstatten, -erstattung; wi(e)derstehung (Matthias v. Beheim): wiedererstehung; wi(e)derstellen 2: wiederherstellen, wieder zustellen; wiederwinnen: wiedergewinnen; wiederzählen (ahd. Virgilgl.): wiedererzählen.
1)
wieder + fest zusammenges. grundwort findet sich schon im ahd., nicht als kompositum: uuidiri inpiotan Graff ahd. sprachsch. 3, 75; uuidere eruuinden, s. unter wiederwinden an alphab. stelle; uuidere guuinnen, s. unter wi(e)dergewinnen 2. folgende bildungen werden oben an alphab. stelle belegt: wieder- beginnen, -bekommen, -beleben, -berufen, -bezahlen. -beginn; -belebung, -berufung, -besetzung, -bezahlung; -beleber. -entdecken, -entstehen. -entdeckung. -erhalten, -erinnern, -erkennen, -erlangen, -erobern, -erringen, -erscheinen, -ersetzen, erstarken, -erstatten, -erstehen, -erwachen, -erwecken, -erwerben, -erzählen, -erzeugen. -ersatz, -erwerb; -erbauung, -erhaltung, -erhebung, -erinnerung, -erkennung, -erlangung, -erneuerung, -eroberung, -eröffnung, -erscheinung, -ersehung, -ersetzung, -erstarkung, -erstattung, -erstehung, -erweckung, -erwerbung, -erzählung, -erzeugung; -eroberer, -erwecker. -erkennbar (sp. 952). -gebären, -gedenken, -genesen, -gestellen, -gewinnen. -geburt, -gedächtnis, -gewinn; -gebärung, -genesung, -gestellung, -gewinnung; -gebärer. -überkommen, -übernehmen, -übersehen. -übernahme, -überkommung, -übersehung; -überseher. -vereinen, -vereinigen, -vergelten, -verheiraten, -verjüngen, -verkaufen, -verlangen, -verleihen, -versöhnen. -verein, -verkauf; -verehelichung, -vereinbarung, -vereinigung, -vergeltung, -verhaftung Varnhagen v. Ense tagebüch. (1861) 7, 36, -verheiratung, -verjüngung, -verleihung, -vermählung, -versöhnung, -verwendung; -vereiniger, -vergelter, -verkäufer.
2)
wieder + unfest zusammenges. grundwort findet sich seit dem mhd.; s. wiederaufheben, -aufstehen Lancelot 1, 44, 15 und 40, 3. folgende bildungen werden oben an alphab. stelle belegt: wieder-ab-drucken; -druck. -an-fangen, -knüpfen, -kommen, -nehmen, -richten. -fang, -kunft, -nahme; -knüpfung, -nehmung, -richtung, -stellung; -richter. -auf-bauen, -blühen, -brechen, -finden, -gehen, -heben, -kommen, -leben, -nehmen, -richten, -stehen, -steigen, -treten. -bau, -gang, -nahme, -stieg, -tritt; -bauung, -blühung, -findung, -führung, -hebung, -lebung, -nehmung, -richtung, -stehung; -richter. -aus-schlagen; -bruch, -schlag. -ein-bringen, -führen, -lösen, -räumen, -setzen, -treten. -tritt; -bringung, -führung, -lösung, -räumung, -richtung, -setzung. -heim-kehren, -kommen. -fahrt, -kehr, -kunft; -kehrung, -schiebung. -her-stellen, -stellung, -steller. -zu-lassung, -stellung. -zusammen-kunft, -tritt, -setzung.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1406, Z. 66.

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Zitationshilfe
„wider-“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wider->.

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