Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerdriesz, m.

widerdriesz, m.,
mhd. widerdriez, wie gleichbedeutendes verdriesz (teil 12, 1, sp. 243) zu mhd. nur vereinzelt bezeugtem, mundartl. (Schmeller-Frommann 1, 568) noch heute lebendigem driez 'überdrusz'. beide zu ahd. driozan, mhd. driezen 'bedrängen, belästigen'; gelegentlich auch swm. mhd. widerdrieze Lexer 3, 833; plural ist unüblich, begegnet jedoch vereinzelt: wez zeichst du mich ... waz sein die widerdrisse, die ich wider dich begangen han Arigo decamerone 147 lit. ver. das seit dem 12. jh. und fast ausschlieszlich im obd. belegte wort ist noch im 16. jh. häufig bezeugt, bis es von synonymem verdrusz (teil 12, 1, sp. 255) verdrängt wird; ganz vereinzelt begegnet das wort noch in der 2. hälfte des 17. jhs. lexikalisch: tedere widertriesz han Diefenbach gl. 575ᵃ; displicere widerdrysz thun vel miszfallen Melber voc. predic. (1482) H 6ᵃ; obprobriari wiederdrisz thon (Augsb. 1512) Diefenbach gloss. 388ᶜ; impatientia verdries, verdrossenheit, widerdries, widerdratz Schöpper synonyma (1550) b 5ᶜ; instantz ... hindrung vnd widerdriesz Roth dict. (1571) H 6ᵇ.
1)
der groll, ärger, die verdrieszliche stimmung:
ich weiz einen wider driez;
den hat Engelmar und sin gesellen
minnesinger 3, 220ᵃ v. d. Hagen;
wer ain scharpf stimm hât, der ist häzzig und tregt ainen widerdriez lang in seinem herzen heimleichen Konrad v. Megenberg buch d. natur 47, 4 Pf.; nyd vnd hasz, zorn vnd widertrüsz, so wir überkummen gegen denen die uns schedigen Keisersberg bilgersch. (1512) 6ᵃ; eins tags ... sasz er in einer gasterey, welchs er nicht mit wenig bübischen gesprech, ja der ehrlichen beysitzenden ohren mit widerdriesz erfüllet Kirchhof wendunmuth 1, 272 lit. ver.; als ärgernis: ich bin gemachet ein ytwitz (var. widerdriesz) grösliche meinen nachbauren vber all mein veind (vulg. ps. 30, 12: factus sum opprobrium; Luther: schmach) erste dt. bibel 7, 282 lit. ver.
2)
vor allem lebt widerdriesz in verbalverbindungen (jemandem widerdriesz tun, erzeigen, beweisen, auch empfangen usw.) zur bezeichnung des angetanen bzw. erlittenen leids, unrechts usw.:
(sie beschützen mich so)
daz mir kein widerdriez geschiht
e daz min vater mich gesiht
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 5922 Singer;
(es soll) eyn teil ken dem andern ... keine newe fede, krige, unwillen noch wedirdrisse anheben noch keyne anhaczunge tun (1451) lehns- u. besitzurkunden Schles. 1, 416, 9 Grünh.-Markgr.; die eydgenossen hetten im (dem herzog) in diesem friden ... me schaden und widerdries getan, denn si im vormals in dem krieg getan hetten Justinger Berner chron. 223, 4 Studer; widerdrisz, schande und schmacheit die meiner schwester durch dise frawen ... empfangen hat Arigo decamerone 117 lit. ver.; thut jr jm dann eyn eynig leydt oder widerdriess hertzog Aymont (1535) A 5ᵇ; er was bekümmert mit seim bösen nachbauren, dieweil er im allen widerdries, so er erdencken mocht, zufüget Wickram w. 2, 127 Bolte; ausz disem ort hatten die feind den Frantzosen vil feindtlichs widertriesz bewiesen Wurstisen Pauli Ämilii hist. (1572) 2, 353; (Hasdrubal ist) von einem gebornen Celter ermördt worden, von wegen eins widerdriess vnd gewalts, so er an demselben begangen hett Xylander Polybius (1574) 94; diser Molle hat der statt Dissenhofen vnd den burgern daselbst gemeinlich vnd sonderlich vil widerdriesz erzeiget vnd ... den burgern vil tratzes bewisen: dann er war prachtig, vnd achtets gar ring seinen nachbaren vnruͦw aufzuladen Stumpf Schweizerchron. (1606) 412ᵇ; damit er nicht redlichen rittern ohn ursach feindseligkeit oder wiederdriesz erzeigete Bucholtz Herkuliskus (1665) 992; lasset euchs leid seyn, was ihr uns beyden alten leuten biszher habet widerdries getahn ebda 933.
3)
häufig ist der adverb. ausdruck zu widerdriesz, besonders in der wendung jem. etw. zu widerdriesz tun:
daz die dörper alle ein ander slüegen,
daz lieze ich alsô hine gân,
wan sî tuont mir vil ze widerdrieze
Neidhart v. Reuenthal 57, 12 Wieszner;
mordax, swert und auch die spiez
sach man nicht vermeiden,
den veinden man zu widerdriez
daz leben chund versneiden
Suchenwirt 20, 211 Primisser;
(der argwöhnische) meint alles, das man redt oder thuͦt, geschehe im zuͦ leid, widerdriesz und gespöt Keisersberg irrig schaf (1514) 28ᵈ; dieser jaemerlichen zeyt kummbt herfür ain vnfridlich new ewangelj ..., zuo widerdriess den geistlichen vnd zuo gift gemainem volck Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 91 Reithm.; (die abtwahl) geschach zuͦ widerdriess keyser Heinrichen Stumpf Schweizerchron. (1606) 335ᵃ. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 940, Z. 65.

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Zitationshilfe
„widerdriesz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerdriesz>.

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