Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widereinander, adv.

widereinander, adv.,
aus der zusammenrückung der präp. wider mit einander. seit dem ende des 15. jhs., am häufigsten im 16. jh. belegt; getrennte schreibung begegnet nur selten; bei Luther findet sich neben widereinander auch die form widernander w. 10, 1, 1, 443; 17, 2; 26, 265; 41, 137; 50, 520; lex. ist das wort bezeugt von Hulsius-Ravellus (1616) 409 (wider einander contre l'un l'autre) bis Frisch nouv. dict. (1752) 2, 710.
1)
räumlich.
a)
in richtung aufeinander zu: clärlich daz zeigen die linien strich widereynander vnd zesamen flyssende Terenz deutsch (1499) 37ᵇ. bildlich: ungleicher zeug ist es, das hie widereinander gehen und zusamen treffen die mechtigsten herrn auff erden, sampt den grimmigsten teuffeln in der helle, und die armen, schwachen junger, welche als schlachtschafe geachtet sind in der welt (1537) Luther 45, 222 W. (vgl. hierzu 3); (ideen, die) im kopfe umherspuken, sich kreuzen, anstoszen, widereinander rennen J. G. Forster s. schr. (1843) 8, 61.
b)
gegenüber: die stett Wyl vnd Schwartzenbach, widereinander gebauwen, deren eine die ander mit der zeyt verschluckt hat Stumpf Schweizerchron. (1606) 422ᵃ; wo ihm die (heilige) schrift nicht von sich aus musikalische dramatik entgegenbringt, schafft er sie, indem er die herrlichsten sprüche in dialogform widereinander stellt A. Schweitzer Bach (1948) 59.
2)
von handlungen, bewegungen usw., gewöhnl. mit der vorstellung des verwirrenden: in der scen reden vier personen widereynander Terenz deutsch (1499) 20ᵇ; da gieng es alles widereinander, einer wolts auff Samland ... haben. der ander bei Schackaw ..., etzliche woltens in Nadrawen bei Labiaw bringen vnd also fort Hennenberger landtaffel (1595) 3; vnder dem getürmel vnd gemurmel der kriegsgurglen, bey welchen weder masz noch ordnung ist, sondern alles vberzwerch verirret vnd verwirret, vnder einander vnd widereinander ... daher gehet Moscherosch insomnis cura par. 12 ndr.; aus dem zuerst erscheinenden regellosen durcheinander, ja widereinander der bewegung ... stellt sich doch bald und allmahlich immer mehr heraus, dasz alle jene bewegung, auszer uns und in uns, nach denselben bedingungen vor sich geht und nach demselben ziele (1880) Hildebrand ged. über gott (1910) 94; man sprach fast nur von Emil Himmelheber, und zwar in einem dumpfen widereinander der gefühle Fendrich Himmelheber (1915) 69.
3)
im feindlichen sinne 'gegeneinander': es sollen sich vatter und sohn, mutter und tochter widdereinnander aufflehnen Luther 14, 261 W.; so rangen sie eine zeitlang widereinander Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 4, 199; (zwei bewerber um eine witwe) kamen in ihrem feuer so heftig widereinander Rilke br. 2 (1950) 241.
4)
widereinander neben dem vb. sein: wider einanderen seyn dissidere, in partes scindi Dentzler clavis ling. lat. (1716) 350ᵇ; wiedereinander seyn dissidere a se Steinbach dt. wb. (1734) 1, 25.
a)
von personen, ihren äuszerungen, meinungen usw. 'sich widersprechen', vorwiegend bei Luther: darumb ist Christus lere und bapst lere widereinander, wie tag und nacht (1523) 12, 156 W.; erstlich ist das offenbar, wie die concilia nicht allein ungleich, sondern auch wol widernander sind (1539) ebda 50, 520; und sso wirts klar, wie die beyd euangelisten nit widernander seyn ebda 10, 1, 1, 443; wie kan doch disz ausz einem einhelligen geist dictiert vnd angeben sein, das so gar widereinander ist, vnnd sich alleyn nicht reimpt, sunder stracks wider einander ficht S. Franck chron. zeitb. (1550) 3, 58ᵃ.
b)
von personen, uneins, unverträglich sein: was kan fur grosser unfride und unordnung sein, ... so ... vater und son, mutter und tochter widernander sind? (1535) Luther 41, 137 W.; wann einer zween lehenherren hat, die widereinander sind, so soll er seinem ersten lehenherrn wider den andern helffen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 1, 9ᵃ.
c)
auch zur bezeichnung des rein sachlichen gegensatzes im sinne von 'unvereinbar': fleysch und geyst sind widdernander (1525) Luther 17, 2, 13 W.; waszer und feuer sind wiedereinander aqva igni contraria est Stieler stammb. (1691) 301.
5)
widereinander in verbalen zusammensetzungen: -gehen: sie sehen, dasz unsere überzeugungen ... widereinandergehen Görres ges. br. (1858) 3, 34; -laufen: und er kam ... in die gegend der Gergesenen. beym Marco vnd Luca stehet Gadarener, welches nicht wiedereinander laufft, denn Gergessa vnd Gadara sind zwey städtlein gewesen, nahe beyeinander biblia (Nürnb. 1662) zu Matth. 8, 18; ursache von den widereinanderlaufenden regungen bey der liebe Schwabe belust. (1741) 2, 475; wider einander lauffende sachen des choses incompatibles Frisch nouv. dict. (1752) 2, 710; (stöszige böcke) in einen engen stall zu sperren, in welchem sie das widereinanderlaufen wohl unterlassen müssen Lessing 13, 25 L.-M.; -reden: das wüste, wirr widereinanderreden von tausend miszklingenden stimmen Görres ges. schr. (1854) 6, 128; -setzen: muesszen wir albeg die zcwey widereinandersetzen: schein, speciem und warheyt und grunth Luther 9, 617 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 943, Z. 46.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wettermännlein widerprellen
Zitationshilfe
„widereinander“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widereinander>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)