Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerfahrt, wiederfahrt, f.

wi(e)derfahrt, f.,
nicht mehr in gebrauch. ahd. widar-, widerfart, mhd. widervart; as. wiđarfard, mnd. weddervart, mnl. wedervaert.
A.
mit wider- '(ent)gegen' als erstem wortglied. wohl im sinne von 'widerwärtigkeit, ungünstiger verlauf' ist das wort in einer ahd. Aldhelm-glosse aufzufassen: trico (?) uuidar fart (10. jh.) ahd. gl. 2, 11, 12 St.-S.; zu: quod ... tam interioris hominis aestus quam exterioris gestus ... duplici medicamine sine tricarum obstaculo sanaretur. in einer frühmhd. interlinearversion i. s. v. 'gegenlauf, umlauf': uon oberesten himele uzuart siniv un̄ wideruart siniv ze der hohe siner (a summo caelo egressio eius et occursus eius usque ad summum eius; ps. 18, 7) (letztes viertel des 12. jhs.) cod. pal. Vind. 2682 I, 27 Törnqvist. 'was zuwiderläuft, gegenteil':
wer dan di tugent alweg süs,
so würden bald der wollust süsz (l. füsz)
gericht in tugentlichen schein,
das soll von recht nit also sein,
es wer der tugent widerfart,
ir lob sol man erwerben hart,
als offt geschicht ümb zeytlichs lob
Johann v. Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 158ᵃ.
in verbalen wendungen wie die w. reden, halten, 'das gegenteil behaupten', 'widerpart halten':
ainer spricht, ich han gelesen
in der schull und sey gelart,
so ret ainer dw wider vart
ich sey ein lay an all geschrift
Heinrich d. Teichner ged. 242, 204 Niewöhner;
so schribent die die ir gesetz gelesen haben, das es gar an vil enden wider sich selber sag, also das es an einem ende etwas gebeut, und an dem andern ende so redt es die widerfart buch d. selen-wurtzgarten (1515) A 4ᵃ;
was sol ich diesem weibe thun,
wenn sie nach jrer alten art
mir allzeit helt die widerfart
Dedekind christl. ritter (1590) F 1ᵇ.
B.
meist mit wieder- 'zurück' als erstem kompositionsglied. so ist das wort den lexika des 15. u. 16. jhs. geläufig: reditus wid vart (md. u. obd., 15. jh.) Diefenbach gl. 488ᶜ; reditus, regressus, regressio, reuersio ... das hindersich gehn oder vmbwenden, die widerkunfft, widerfart Alberus dict. (1540) X 1ᵃ; reditio widerkunfft, widerfart, widerkeerung Frisius dict. (1556) 1126ᵇ; vgl. auch 28ᵃ, 351ᵇ (s. v. cumulus), 806ᵇ (s. v. maturus), 938ᵃ (s. v. ouatio), 982ᵇ (s. v. perimo) und 1135ᵇ (s. v. regressus); reditio widerkommung, widerfahrt Calepinus XI ling. (1598) 1234ᵃ. Frisch t.-lat. (1741) 1, 241ᵃ notiert es als veraltet.literarisch ist das wort im mhd. und frühnhd. reichlich bezeugt, nach dem 16. jh. aber nur noch selten und z. t. in bewuszt altertümelnder sprache.
1)
'rück-, umkehr, rückreise': reditu antheru vvitharverdi (11. jh.) ahd. gl. 2, 588, 42 St.-S.; repetunt que̜que proprios recursus. redituque suo singula gaudent. allero dingolîh habet sîna uuideruart. unde sinnet îo dara. dara imo geslaht ist Notker 1, 150, 17 S.;
nu wolte er sîner widervart
niht langer sparn vürbaz ('aufschieben')
Heinrich v. d. Türlin diu crône 25 392 lit. ver.;
dô sprach der starke Wolfhart:
'ez wirt dehein widervart.
swie ez uns, herre, sule ergân,
wir suln die vîande bestân'
Dietrichs flucht 3204, in: dt. heldenbuch 2, 106 Martin;
ein kurtze zeyt verharr vnd peit,
mein widerfart wirdt nicht gespart,
darumb hertzlieb halt vest an mir
Forster fr. teutsche liedlein 20 ndr.;
wer reyset der weisz wol sein auszfahrt, aber nicht sein wiederfarth Lehmann floril. polit. (1662) 2, 708. im bilde bei Herder: auf dem meer der wiederfahrt 25, 316 S. wiederfahrt von abstraktem:
... grechtickeit thuͦt schloffen:
jr widerfart thuͦn ich hoffen
schweizer. schausp. d. 16. jhs. 2, 269 Bächtold;
vgl. den beleg v. j. 1531 in: schweiz. id. 1, 1037. in religiöser sphäre rückkehr, -weg zu gott nach dem sündenfall:
(an Maria gerichtete worte)
nu offene mir die wider uart (ins paradies).
denne ich her uerheret si.
drut frǒwe nuͦ stant mir bi,
als ich dir des wol getruwe.
wi ungerne ich nu buwe
diz uinster lant
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 300, 5 Diener; s. auch 301, 11.
auch rückkehr zu einer aufgegebenen glaubensgemeinschaft: keret wider ir vorirreten vnd vorloren brüder vnd schwestern, vnd zihet an ewer örste stolen damit nit alleyn wir, sonder ouch die engel im hymel von ewer wyderfart erfrawet werden Emser wyder d. falsch genanten ecclesiasten (1524) H 1ᵇ.
2)
zu fahrt 6 teil 3, sp. 1264 gehört der jägersprachliche gebrauch des wortes im sinne von 'rückfährte, rückweg (des wildes)':
ich (Heinrich v. Ofterdingen) bin iu doch tzuo künste rîch
ia müezet ir in welfes wîse (nach art eines jungen, unerfahrenen
hundes) die wider-verte (pl.) jagen
(13. jh.) sängerkrieg a. d. Wartburg 6 Ettmüller;
die widerfart ich genzlich jagen
daz prube ich jeger an der spor
hoho, si ist davor,
der ich so lang gewartet han
lied a. d. 2. hälfte d. 14. jhs., bei: Tilemann Elhen v. Wolfhagen Limburger chron. 74 Wyss;
so mag der wise (hund) nit lan,
er muoz suochen die widervart
(15. jh.) meister Altswert 6, 22 lit. ver.;
so sich ein hirsch zwei oder drei mal ... wendet, begibt es sich, dasz die hundt eben so bald die widerfart als die strackfahrt ergreiffen new. jägerb. (1590) 15ᵇ; die wiederfarth, den wiedergang, item die wiedergangsfärthe suchen Heppe lehrprinz (1751) 121. in andern fällen ist das wort mehr als vorgangsbezeichnung aufzufassen. 'das zurückziehen (des wildes)', neben wiedergang:
sag an, lieber waidmann:
was hat der edle hirsch dir zu leid gethan?
das will ich dir sagen, schon manchen widergang, manche widerfahrt,
die heut der edle hirsch vom feld gen holz trat,
die haben mir viel zu leide gethan
(hs. v. j. 1589) Grässe jägerbrevier (1857) 14;
kommt er (der hirsch) nun auf seiner hinfarth (vom felde zu holze) dichte vor das holz, so thut er nicht gleich seinen eingang ..., sondern ... ziehet recht auf seiner hinfarth wieder zurück eine ziemliche strecke zu feld, eben als wenn er wieder dahin wolte, wo er des nachts im geäse gestanden, ziehet aber doch nicht dahin. und das wird die wiederfarth oder der wiedergang genennet Heppe lehrprinz (1751) 122.
3)
syntaktische fügungen.
a)
in präpositionalen verbindungen. mhd. und frühnhd. mehrfach in, an, auf der wiederfahrt, 'auf der rückreise, dem rückwege'; z. b.:
sus quam er in der widervart
ûf einen lustlîchen plân
(2. h. d. 13. jhs.) Marienlegenden 160, 228 Pf.;
als er an der widerfart kam in Kriechen Ulrich Füetrer bayr. chron. 210 Spiller; nach langen tagen kam dieser reisender auff seiner widerfahrt in die königliche stadt Kirchhof wendunmuth 4, 290 Öst. gewollt altertümelnd:
trug auf der wiederfahrt
ihn (den stein der Kaaba) ein kamel, ein magres
Rückert ges. poet. w. (1868) 4, 41; s. denselben auch unten unter b β.
wiederfahrt als zeitpunkt, mit den präpositionen vor, nach und unz an, bis auf, bis zu: das ich nicht sterbe vor irer widerfardt Hedwigslegende (1504) L 4ᵇ;
doch nach des keysers widerfart
er die keyserin hart verklagt
Hans Sachs 8, 131 lit. ver.;
daz ... hie ze lassen uncz an die widerfart Steinhöwel Äsop 304 lit. ver.;
mein hertz mus kumer dulden
bis auff mein widderfart
(1531) bergreihen 47 ndr.;
und so ein theyl inn krieg auszzohe, arbeit der ander theyl daheim vnd erneret mitler zeit der auszgezognen weib vnnd kind, bisz zu jrer widerfart S. Franck Germ. chron. (1538) 2ᵃ.
b)
in verbalen ausdrücken.
α)
mit präpositionen. im mhd. wiederholt an die widervart kêren im sinne von 'umkehren, sich zurückbegeben, die rückreise antreten':
si traffen paid geleiche,
das di sper ze furen gar
in den lufft her und dar.
si kerten an di wider fart.
yedem man ain sper wart
wider pracht in di hant
Heinrich v. Neustadt Apollonius 12 306 Singer;
er kêrte an die widervart
gên Tenemarke in daz lant
Reinfrid v. Braunschweig 5478 Bartsch.
ähnlich:
man hûb sich ûf die widervart
(1291/97) livl. reimchron. 9948 Meyer;
hurta, wie da ward gerant!
si triben auff den dürren sant,
das man kam(!) da gesach.
yeglicher sein sper do prach
und ranten an di wider fart
Heinrich v. Neustadt Apollonius 19 013 Singer;
jedoch zuletzt er gerne wolt
sich machen auff die widerfart
Burkhard Waldis Esopus 1, 204 Kurz.
in wendungen, die ein vorbereiten auf die wiederfahrt ausdrücken: da sein gesellen sich beraytten zu der widerfartt Joh. Hartlieb Caesarius v. Heisterbach 271 Drescher; hat er sich zuͦ der widerfart gerüstet H. Pantaleon mitnächt. völckeren hist. (1562) 1, 268; als si (die kreuzfahrer in Palästina) uff die widerfart sich rüstend (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 44.
β)
ohne präpositionen. wiederfahrt als akkusativobjekt; vgl. auch oben unter 2. im mhd. wiederholt die widervart nemen, tuͦon im sinne von 'umkehren, zurückkehren'; z. b.:
sô müezt ir lasterlîche   tuon die widervart
der Nibelunge nôt 2249, 3 Bartsch;
sô daz der kunic die widervart
nam und zogte wider heim
(vor 1308) österr. reimchron. 9187 Seemüller.
versuch einer künstlichen neubelebung:
wo einmal heil dir widerfuhr,
dahin nimm nie die wiederfahrt
Rückert ges. poet. w. (1868) 11, 330 (s. denselben auch ob. unter a).
ferner s. etwa noch:
wie sul wir komen übere (über die Donau), sô wir die widervart
rîten von den Hiunen wider an den Rîn?
der Nibelunge nôt 1582, 2 Bartsch;
du muost für wâr die widervart
loufen, mac ich dichs erbiten
der Pleier Meleranz 10 186 Bartsch;
dô sie die widervart heim muosten vliehen
Lohengrin 2923 Rückert.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 971, Z. 1.

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Zitationshilfe
„widerfahrt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerfahrt>.

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