Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerfechten, vb.

widerfechten, vb.,
gegen jem. kämpfen; widerstreben, widersprechen, bestreiten; ahd. widarfehtan; mhd. widerfechten; mnd. weddervechten; mnl. wedervechten; seit dem 9. jh. bezeugt: officiens uuidar sachandi, uuidarfehtanti ahd. gl. 4, 9, 24; renititur uuida fihtit (l. uuidarfihtit) ebda 2, 232, 15; vor allem im 16. jh. belegt; seit der mitte des 17. jhs. nur selten, ganz vereinzelt noch im 18. jh. bezeugt. rebellare widerfechten (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 486ᵃ; reluctari widerfechten (md. 15. jh.) ebda 491ᵃ; oppugnare widerfechten oder stryten gemma gemm. (1508) r 6ᵇ; obluctor ich widderfecht Alberus dict. (1540) e 4ᵃ; sehr häufig bei Frisius dict. (1556) u. a. s. v. obluctor 893ᵇ; obnitor 893ᵇ; obnuntio 894ᵃ; obstrigillo 899ᵃ; reclamo 1122ᵃ; refragor 1131ᵇ; resisto 1152ᵇ; bei Calepinus undec. ling. (1598) s. v. confuto 306ᵃ; obluctor 969ᵃ; obstrigillo 974ᵇ; reclamo 1229ᵇ; repugno 1256ᵃ; resisto 1259ᵇ; widerfechten contredire, s'opposer à quelque chose Widerhold dict. (1669) 417ᵇ; eine lehre widerfechten oppugnare, impugnare una dottrina Kramer t.-ital. 1 (1700) 350ᵃ; wieder fechten combattre, s'opposer Frisch nouv. dict. (1752) 710; zahlreiche histor. belege im schweiz. id. 1, 667; bei Fischer schwäb. 6, 773.
1)
im eigentlichen sinne, absolut oder mit dem dativ.
a)
sich mit körperkraft (und waffen) zur wehr setzen:
der wurm viel zu der erden
und wart zu male sigelos.
sin widervechten er verkos,
wand im sin kraft was enzwei
passional 257, 4 Köpke;
(das wort gottes) heyst ein geystlich schwert, das man dem teuffel und allen geystlichenn feynden damit widderficht (1519) Luther 2, 111 W.;
gestert ist uns ein postbot kommen;
zeigt an, das schaden haben gnommen
von meinen raisigen knechten
gedultig on als widerfechten
christlicher einsidel fünffhundert
Hans Sachs 11, 353 lit. ver.;
(die krabben) streitten vnd widerfechten ... denen so sie beleydigen, der massen dasz sie vor sterben ehe sie nachlassen Forer Gesners fischb. (1598) 121ᵃ; Nimbrod ... hat seinen namen ... von dem widerfechten und streiten, dasz er wider die grimmigen thiere verübet Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 158.
b)
jemandem zuwider handeln:
dô dî offinlîchin sên
begondin und mit wârheit spên
daz gotis zorn in widirvacht
Nic. v. jeroschin kronike 16375 Str.;
all welt mus wol an myr hangen
gott selbs myr nicht widderficht
bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 79;
denn es kan kein glücke sein bey solchen leuten, die gott und yhren eigen rechten widderfechten Luther 30, 2, 114 W.;
(er läszt die sonne scheinen)
vber die guten vnd gerechten,
auch welch seim willen widerfechten
B. Waldis Esopus 4, 95 Kurz.
c)
widerstreben, widerstehen:
(er) zoch sie an den guten got
und an sin heiligez gebot.
swie er mochte in aller macht.
swaz dem rechten widervacht,
dem bot er sich mit vlize entgegen
passional 55, 12 Köpke;
ich finde in mir inwendig wider fechten. die natur wider steet dem ewigen guͦt des gaistes Tauler sermones (1508) 31ᵇ; wenn das fleisch nicht wiederfechtete, so würde der geist bald gewinnen Stieler stammb. (1691) 455.
2)
widersprechen: (sie sollen) ine ungeacht der geschwornen goldschmidt widerfechten zum maister rechten khumen lassen (Nürnberg 1569) anz. f. kde d. dt. vorzeit, n. f. 24, 253;
das weib dem man stets widerficht,
sie hab gleich recht drin oder nicht
Eyering proverb. copia (1601) 2, 74.
im sinne von verweigern: darumb so mag dir nicht widerfochten werden, Paulum zu lesen, die propheten zu lesen vnd zu erforschen Paracelsus opera (1616) 2, 400 Huser. einer sache widersprechen, gegen etwas eifern: gleich wie der teufel wol weis, das gottes wort die warheit ist, und doch aus fursetzlicher bosheit widerficht und lestert (1543) Luther 53, 468 W.; vnd bringen jhrer noch heutigs tags vil umb, die solchen abgöttereyen widerfochten haben theatr. diabol. (1569) 83ᵃ; anno do. 1370 hat Johann Wikleff ... nicht nur den pracht vnd gewalt der römischen kirchen ... dörffen antasten, sonder hat auch den fürnembsten puncten jhrer lehr widerfochten vnnd mit gründen h. schrifft widerlegt Stumpf Schweizerchron. (1606) 105ᵃ.
3)
transitiv, sich mit worten gegen etw. wenden; etw. anfechten, leugnen. die bedeutungsschattierungen sind oft nicht voneinander zu scheiden.
a)
anfechten: unde wedervuchtet her daz ortêl Sachsenspiegel, landrecht I 18, 3 Eckhardt; so es der mainung geschehen were, als wolten sie dasselbig (das kompromisz) in etlichen puncten widerfechten (1525) bei Chroust chron. d. st. Bamberg 2, 220; Albrecht und Wolffgang hertzogen in Beiern ... haben das testament widerfochten Reiszner hist. herrn Georgen v. Frundsberg (1572) 5ᵃ; widerfechten den kauf Schottel haubtspr. (1663) 654.
b)
bestreiten: dan wer mag doch das widderfechten, das noch heuttigis tagis sichtlich bey der lieben heyligen corper und greber got durch seyner heyligen namen wunder thut? (1519) Luther 2, 69 W.; Aristoteles ... widerfichtet, das der samen von allen teylen des leibs zuͦsamen fliesse Ryff anatomi (1541) G 2ᵃ; denn ob ich wol nicht widerfechte, das fliessende wasser ... körner von den gengen abstoszen Mathesius Sarepta (1571) 32ᵃ; andere schiff-verständige aber sagten, dasz wir noch darinnen (i. d. sandbänken) schwebten, welches unser schiffer eiferigst widerfächte, und allein recht haben wolte Harsdörffer fünffeck (1652) 25.
c)
etwas mit worten bekämpfen: der meerteil dero, so zuͦ disen zyten das evangelium widerfechtend Zwingli dt. schr. 1, 76 Sch.; als kaiser Hainrich der viert ... aim tumbherren von Goslar ... das bistumb Costanz verlihen, ... ward sollichs von bapst Hiltenbrandt greulichen widerfochten Zimmer. chron. ²1, 83 Barack; denn des Sabellij ... jrrthumb und falsche lehr hat hefftig widerfochten Dionysius Goltwurm wunderzeichen (1567) 55ᵇ; wiewohl ich nun oben die gleichgültigkeit der wörter mit grossem eifer widerfochten habe, so musz ich dennoch hier gestehen ... Breitinger crit. dichtkunst (1740) 2, 337.
d)
etwas widerlegen: dann ir allen meinung hie zuͦ erzelen wer fast lang, noch vil lenger si zuͦ widerfechten Leo Jud uslegung d. ersten psalmen (1520) 3ᵃ; diese inreden alle mögen gar leicht widerfochten werden Feyerabendt ungerische chron. (1581) 17ᵃ; dass sie (die frauen) aber anderst nit als höchst-lobbar seyen, kan nit widerfochten werden dadurch, dasz zuzeiten eine unter ihnen so misbeschaffen ist, sich scheltbar zumachen S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 39.
e)
etwas verhindern, abwenden:
do quam ein heidenische diet
dem got gab sulchen gewalt
daz die stat wart geualt
vnde es der brief nicht wider vacht
als er von gotlicher macht
dicke hete vor getan
d. alte passional 304, 68 Hahn;
derhalb Semele also blosz
verbrennen thet nach ihr menschheyt.
wiewol das Jupiter bracht leyt,
noch mocht ers widerfechten nit
Wickram w. 7, 140 Bolte.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 976, Z. 20.

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Zitationshilfe
„widerfechten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerfechten>.

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