Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widergeburt, wiedergeburt, f.

wi(e)dergeburt, f.,
mnl. wedergeborte, -geboorte, -gebuerte, ndl. wedergeboorte; 'palingenesie, regeneratio, renaissance'. für das ahd. nur einmal belegbar (ohne gi-präfix): vuir birn diu andera geburt. diu andera generatio. dero nu chomen ist regeneratio (gl. uuidirburt i. toufi) Notker 3, 539, 8 S. (die ge-lose form auch bei Joh. Nas antipap. eins vnd hundert [1567] 5, 45ᵃ und J. Böhme s. w. 3, 290 Schiebler.) daneben steht im ahd. ein fem. -î-abstraktum: (Jesus spricht: amen dico vobis quod vos qui secuti estis me) in regeneratione aburborini vuidarboreni (11. jh.), i. abarborene uuidarborene (9. jh.) (cum sederit filius hominis in sede maiestatis suae, sedebitis et vos super sedes duodecim iudicantes duodecim tribus Israel, Matth. 19, 28) ahd. gl. 1, 715, 52 und 53 St.-S. jünger ist die bildung mit -heit: usz der stillen müszikeit lúhtet rehtú friheit ane alle boszheit, wan dú gebirt sich in entwordenr ('zunichte gewordener') widergebornheit Seuse dt. schr. 186, 14 Bihlm. daneben überwiegt bei Seuse bereits die form widergeburt: Cristus ist der eingeborne sun und wir nit, er ist der natúrlich sun, wan sin geburt zilet in der natur, aber wir sien nit der naturlich sun, und únser geberunge heiszet ein widergeburt, wan si zilet in einförmikeit siner nature ebda 355, 10; muͦz er (der mensch) tot sin der widergeburt, die in im ist, und dú selb widergeburt muͦz erstanden sin. als wie, daz merke. alles, daz in úns kumet, wannan daz ist, wirt es nút in úns anderwerb geborn, so ist es úns nút nútze ebda 348, 20; s. ferner 279, 7; 348, 23; 349, 5. 8. zufrühest ist das wort im geistlich-christlichen, danach auch im nichtchristlich-profanen sinne bezeugt.
1)
ein geistlich-christlicher vorgang (s. auch Langen wortsch. d. dt. pietismus 149).
a)
die erneuernde wirkung der sakramente; des abendmahls: mein geist war arm an trost, aber nun (nach genusz des hl. abendmahls) ist er reich worden durch deine (Christi) besuchung ..., durch deine vereinigung. nun ist deine geburt meine wiedergeburt, deine erniedrigung meine erhöhung Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 151; namentlich der taufe (s. ob. bereits Notker-glossator): ich ruffe dich (gott) an uber dieszen N., deynen diener, der deyner tauffe gabe bittet, und deyn ewige gnade durch die geistliche widergepurt begerd (das taufbüchl. verdeutscht 1523) Luther 12, 43 W.; hebammen, die in der nothtaufe die wiedergeburt junger nichtchristen noch besser besorgen als deren geburt Jean Paul w. 1, 243 Hempel. Paulus (Titus 3, 5) nennt die taufe λουτρόν παλιγγενεσίας καὶ ἀνακαινώσεως πνεύματος ἁγίου (vulgata: lavacrum regenerationis et renovationis spiritus sancti), was Luther 1522 mit bad der widdergepurt vnnd ernewerung des heyligen geysts übersetzt (bibel 7, 290 W.). auch obd. und nd. begegnet diese wendung im 16. jh.: nach seiner barmhertzigkeit macht er (gott) uns selig durch das badt der widergeburt und verneürung des heyligen geysts (1524) Hans Sachs 22, 15 lit. ver.; unde dat die dope sy warhafftig ein badt der weddergebort pomm. kirchenordn. v. j. 1563 bei W. Strauss sprachschatz nd. kirchenurkk. Pommerns im 16. jh. (1933) 106. noch in neuerer sprache begegnet diese biblische wendung für die taufe: da es nun christlichen eltern geziemet, ihre kinder gehörigermaszen mit dem bade der wiedergeburth versehen zu lassen Knigge roman m. lebens (1781) 3, 190; von ihrem bade der wiedergeburt ist die rede, mein bester Holtei erz. schr. (1861) 22, 152. in profaner anwendung: durch meine kranckheit ... haben sich meine arbeiten so entsezlich gehäufft, dasz ich würcklich willens war, mich ... für epistolarisch insolvent erklären zu lassen, und, durch ein solches ... bad der wiedergeburt gereinigt, mit ostern 1784 ein neues correspondentz leben anzufangen (1784) Lichtenberg br. (1901) 2, 118.
b)
die geistliche erneuerung kann auch ohne die sakramente geschehen, wenigstens wird in keinem der folgenden belege auf diese direkt bezug genommen: die widergepurt, das ist: die tödtung des flischsz (sic!) (1526) Luther 10, 1, 2, 294 W.; die 'wiedergeburt' war jener revolutionszustand im menschlichen gemüth, für welchen er ... still und gelassen proselyten warb. er begnügte sich, wenn er rathlose zustände ... sah, ... zu sagen: so musz es kommen, wenn man Jesum Christum nicht erkennt Gutzkow ges. w. (1872) 1, 53. die hilfe gottes und seiner gnade wird wiederholt hervorgehoben:
du weist, das Christus aus dem todt
zum leben dich geführet hat,
drum frag nichts nach der welt.
lasz hassen, wer nicht lieben wil:
bleib du nur stets in deinem ziel.
die prob deiner widergeburt,
dadurch dich gott der welt entfuhrt,
sol seyn die liebes gunst.
wenn die nicht ist im hertzen dein,
so kan nicht recht dein leben seyn
bei Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 2, 80;
(ein pietist zu Sebaldus:) lasz dich von der alleinwirkenden gnade ergreifen: lasz dich von der kraft des bundesblutes anfassen. bete herzlich um die wiedergeburt. bete dasz du bald zum durchbruch kommen mögest Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 9; die (dem menschen verlorengegangene) reinheit kehrt als gnadengabe wieder (durch leiden und opfer der für den menschen selbst eintretenden gottheit). die bedingung, die der mensch zu erfüllen hat, ist nur der glaube. das mysterium der wiedergeburt löst die antinomie der werte Nic. Hartmann ethik (1926) 378.
c)
'auferstehung, beginn eines neuen lebens im jenseits': fur war in der widergeburt (in regeneratione) so menschen sun sitzende erspurt uf stule wirt gewaldes sin (md., anf. d. 14. jhs.) bei Schönbach mitt. a. altdt. hss. 6, 156 in: Wiener sitzungsber. 137 (1898); vgl. Luther Matth. 19, 28;
so ist doch dieser tod (der gattin), ob dem du traurig bist,
mit einer glücklichen wiedergebuhrt verbunden,
wodurch sie selbst nunmehr ein kind des lebens ist
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 3, 195.
neben dem synonym auferstehung: beim tode denkt man gleich an die wiedergeburt ... oder glaubt ihr vielleicht keine auferstehung, junger herr? Holtei erz. schr. (1861) 25, 243.
2)
ein nichtchristlich-profaner vorgang.
a)
eigentlich eine erneute geburt: der phoenix wird von sich auszer und ohne einem phoenix gebohren und wiedergebohren, damit also nur beydes ein phoenix und allzeit einer sey, welcher ihn selbst durch die geburt und wiedergeburt nachfolge Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 288; folgende indische wendung ...: in einer ihrer wiedergeburten waren Sommonacodom ein groszer langbeiniger vogel, Tevetat ein rachasi J. Grimm Reinhart fuchs (1834) vorr. 281; die hoffnung der Epopten ging aber auf eine wiedergeburt des Dionysus Nietzsche w. (1895) 1, 74. in freier anwendung: Spiegelberg ... trinkt ihm (Roller, der vor hinrichtung gerade noch bewahrt werden konnte) zu: zur glücklichen wiedergeburt Schiller 2, 93 G.
b)
vereinzelt konkret auf eine person angewandt: Hadding darf demnach für identisch mit Niördr, d. h. für eine wiedergeburt des gottes genommen werden J. Grimm dt. mythol. (1875) 1, 288.
c)
die innere, geistig-seelische erneuerung einer person: ich zähle ... eine wahre wiedergeburt von dem tage, da ich Rom betrat (1786) Göthe IV 8, 77 W.; Johannes: seit sie (Anna) hier ist, erlebe ich gleichsam eine wiedergeburt. ich habe muth und selbstachtung zurückgewonnen Gerhart Hauptmann einsame menschen (1891) 92.
d)
mehrfach die erneuerung von gemeinwesen: die alleingewalt des königs musz eingeschränkt ..., die inquisition musz abgeschafft, die freiheit des gewissens und der presse unwiderruflich zuerkannt ... werden. der erste schritt zu dieser grossen wiedergeburt der spanischen monarchie ist das verbot aller fremden zeitungen (1790) J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 111; unter den wackeren männern, die an der wiedergeburt des preuszischen heers ... einen groszen antheil hatten, gebührte dem general von Scharnhorst die erste stelle E. M. Arndt schr. (1845) 1, 326; in der tugend und dem glücke der familien liegt die bürgschaft für die erhaltung und die wiedergeburt der staaten Schreyvogel ges. schr. (1829) 1, 2, 291; die keime der wiedergeburt des volkes Mommsen röm. gesch. (1894) 5, 412. mit adjektiven, die den bereich angeben, in dem die wiedergeburt geschieht: der verfasser mag ... dem frauenzimmer das geschäft der politischen wiedergeburt (Englands) immerhin auftragen wollen (1791) J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 155; die politische, militärische, geistige und sittliche wiedergeburt der tiefgesunkenen ... hellenischen nation Mommsen röm. gesch. ⁴3, 449.
e)
wiedergeburt von sachlich-dinglichem: die fünffte (zeit) als die wiedergebuhrt derselben (der poesie) nennet er die, welche in diesem seculo von herrn Opitio angefangen Morhof unterr. v. d. dt. sprache (1682) 1, 278; die wiedergeburt der sprache Herder 12, 358 S.; musz mir denn das biszchen freudige lebenshoffnung gleich nach ihrer wiedergeburt krank werden? Holtei erz. schr. (1861) 18, 212; aber Toskana ist nicht der boden, auf dem die wiedergeburt der medaille erfolgt, sondern Oberitalien J. Schlosser präludien (1927) 53. mit deutlicher anknüpfung an 1 a: ach, es wollen e. h. ... gunst gegen diesem armen vnmündigen wercklein ('insomnis cura') spüren lassen, ... da es dann verspricht, sich also zu verhalten, dasz man spüren solle, wer seine tauffpatten gewesen, vnd was für personen jhm zur widergeburt verholffen haben (1643) Moscherosch insomnis cura parentum 8 ndr.
f)
auf die das mittelalter ablösende epoche kultureller erneuerung angewandt: lange ewige nacht klärte sich in morgen auf: es ward reformation, wiedergeburt der künste, wissenschaften, sitten (1774) Herder 5, 530 S.; man nennt die epoche des fünfzchnten und sechzehnten jahrhunderts oft im allgemeinen eine wiederherstellung oder gar eine wiedergeburt der wissenschaften (1812) Fr. Schlegel s. w. (1846) 2, 51; die ganze heidnische pracht des damaligen daseins drückten sie (einige bilder Raffaels) aus, den schlusz der üppigen wiedergeburt des alten Römer- und Griechentums in Rom Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 392. wiedergeburt meint beides, renaissance und reformation: es ist wahr, die renaissance war nur die eine hälfte der wiedergeburt, die andre die reformation Vischer auch einer ²⁵428. (frz.) renaissance übersetzend: (die zeit Ludwigs XIV.) war das zeitalter der renaissance, der wiedergeburt des gallisch-römischen geistes Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 188; im engeren sinne bedeutet also 'renaissance' soviel als wiedergeburt aus dem geiste des klassischen altertums F. J. Schmidt renaissance u. reform., in: preusz. jahrb. (1910) 386; wir haben heute den nötigen abstand gewonnen, um unterscheiden zu können, wieweit die renaissance wirklich 'wiedergeburt' der antike und wieweit sie eine selbständige schöpfung des modernen geistes war Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 9; August Schmarsow und seine schule haben, freilich unter dem widerspruch von Dehios gewichtiger stimme die benennung 'nordische renaissance' (für die besonderheit d. dt. baukunst nach 1350) vorgeschlagen. unter der voraussetzung, dasz an der renaissance gerade die renaissance, nämlich die wiedergeburt eines gewesenen nicht das entscheidende sei, ... kann dieser ausdruck im gebrauch wissender geister seinen sehr guten sinn behalten Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 302. — Burdach sinn und ursprung der worte renaissance und reformation, in: sitzungsberichte d. preusz. akad. d. wiss. (1910) 596 übersetzt Vasaris rinascita, das dieser auf die gesch. d. ital. kunst angewandt hat, wie selbstverständlich mit wiedergeburt; vgl. Jost Trier renaissance, in: holz (1952) 146.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1001, Z. 47.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wettermännlein widerprellen
Zitationshilfe
„widergeburt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widergeburt>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)