Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widergelten, vb.

widergelten, vb.
bezahlen, ersetzen; vergelten; as. widargeldan; mnd. weddergelden; mnl. wedergelden. zuerst in einer glosse des 9. jhs. bezeugt zu Matth. 7, 2 (in qua mensura mensi fueritis) remetietur uuithar goldan (vobis) ahd. gl. 1, 711, 7. lexikalisch seit dem 15. jh. häufig belegt, vgl. Diefenbach gl. s. v. pendere 422ᵃ; retribuere 496ᵇ; resoluere 494ᶜ; refundere 490ᵃ; repensare 492ᶜ; recompensare wyder gelden ders., ml.-hd.-böhm. wb. 233; pendo, rependo, remunero, retribuo, hostio u. a. ich vergleich, vergelt, widdergelt, danck Alberus dict. (1540) o 2ᵇ; Frisius dict. (1556) 58ᵃ s. v. afficere praemio belonen oder widergelten; hostio widergälten, vergälten 635ᵃ; paria facere 944ᵇ; rependo 1143ᵇ; talio 1287ᵃ; wiedergelten, wiedervergelten, dargegen thun, wieder verschulden ricompensare, retribuire, render la pariglia Rädlein dt.-it.-frz. (1711) 1054ᵇ; von Adelung 5 (1786) 201 und Campe 5 (1811) 700ᵃ als veraltet angeführt.
1)
allgemein 'etwas durch zahlung vergelten, den gegenwert dafür entrichten'; in verschiedener einzelanwendung; von einer schuld, einem geschenk: er gieng hin vnd legt in in den karcker, bis das er vergult (var.: widergülte) alle schuld (Matth. 18, 30: et misit eum in carcerem, donec redderet debitum) erste dt. bibel 1, 70 lit. ver.; retribue servo tuo: o herr ... wider giltt dinem knecht dz, dz ich umb diner ere willen geben haben (ps. 118 v. 17) Stephan Fridolin dt. pred. 114, 28 Schmidt; von einem kauf: denn so das werk guͦt wäre us dem urtheil der menschen, so wölltend wir unsre werk wol so thür anschlahen, dasz uns die nieman widergelten möchte Zwingli dt. schr. 1, 97 Sch.; das stücke reichs thaler ... soll gezahlet und wiedergegolten werden, wie der thaler ... zuer zeit dies contracts ... gegolten (1620) acta publica 3, 214 Palm. überleitend zum folgenden: wer ainem ein haiholz oder perhaften paum, die schmerpaum sein, abschlecht ... so muess ers dem, des der baum gewest, widergelten (Salzburg 1625) österr. weist. 1, 37.
2)
etwas wiedergutmachen, einen entstandenen schaden ersetzen: hette er yemandt wider recht gethonn, das woltte er wider geltten (1509) Fortunatus 146 ndr.;
bist du Ulisses, der landts-fürst,
so verschon unser! bitten wir.
als wöll wir widergelten dir,
beide an ehr und auch an gut
all ding dir wider machen gut,
was wir dir haben thon für schaden
Hans Sachs 12, 379 lit. ver.;
thet (das vieh) dem, dës der garten wär, mörkliche schäden, soll er es seinem nachparn, dem das viech gehörig, [zuesagen], der soll ime den schaden widergelten und das wandl abtragen (Salzburg 1625) österr. weist. 1, 25. hierher auch im sinne von 'wiedereinbringen': daz er zehen pfunt umb ein guot müeste geben daz im ze jâre niwan ein pfunt widergulte, daz wære ouch mit gote unde mit rehte Berthold v. Regensburg 1, 437, 31 Pf.
3)
strafend, rächend vergelten: mir ist die rach vnd ich widergilt spricht der herr (Röm. 12, 19 ego retribuam) erste dt. bibel 2, 49 lit. ver.; vgl. Luther w. 8, 680 W., ferner (Deut. 32, 35) erste dt. bibel 4, 239; also sorg ich auch, das das pluet der armen umbkumen unschuldigen umb rach gen himel schreien und gott zu einem schwerlichen widergelten mussigen werd (Nürnberg 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 385 Franz; darnach in kurtzer zitt huͦb sich uff der abt von Sant Gallen, sich an sinen finden zuͦ rechen, ... rach sich mit widergelten, als im geschehen was, übersach inen nichts Oheim Reichenauer chron. 122 Barack.
a)
mit acc. der sache: aber gib got die rach, als er spricht: gib mir die rach vnd ich widergilt es Keisersberg predigen teutsch (1508) 39ᵇ; er ... thet seiner eltern todt durch seiner feinden bluet vergiessen gar hertzlich rechen und widergelten J. Schenck ein schone cronica (1522) 55; damit wardt die grosz untrew, die er (Heinrich v. Geroltzegk) und sein brueder, herr Diepoldt, an irem fromen, alten vatter begangen, reuchlichen widergolten und gestraft Zimmer. chron. 1, 372 Barack; geschicht es (die bestrafung) nicht hie in dieser welt, ist gott gewisz ders widergelt Kirchhof wendunmuth 1, 23 lit. ver.; in dem sie der Etolier gottlose handlungen ... widergolten hetten Xylander Polybius (1574) 266.
b)
mit dat. d. person und acc. der sache: vnd was ist wunder, daz die gerechtikeyt gottes den sundern wyder gyldt daz sie verdienet haben B. v. Breidenbach heilige reis (1486) 104ᵃ;
die untrew, so si uns hant getan,
wellen mir nit ungerochen lan
und wyllens in widergelten
(1508/09) hist. volkslieder 3, 26 Liliencron;
ein spar kam zu dem tauber vnd lernet in, er solt sich in dem nest behalten vnd dem fuchs nichts me geben, er möchte nit hinuff kummen, der fuchs gedacht wie er es dem sparen widergült Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 87ᵃ; (Ulixes stellte sich unsinnig und durch eine list bewies ihm Palamides die verstellung) das wolt Vlixes Palamidi wider gelten, vnd schreib heimlich ein brieff wider den Palamide Pauli schimpf u. ernst 263 Öst.; und also widergalt er (der bischof) jm (dem grafen) zwyfach, was er jm je zuͦ leidt gethan hat S. Münster cosmogr. (1550) 1116; die fraw ... den mann im sack nach dem besten tractiert (mit prügel) und ime die schmach, so er ir darvor gethon, widergalte Montanus schwankb. 14 lit. ver.;
ich schwer bey Hercule, dem gott,
das ich dir widergelten wil
von dir das angerichtet spil
Hans Sachs 20, 40 lit. ver.
4)
eine guttat belohnen.
a)
mit acc. der sache, eine guttat erwidern: die ander schel (narrenschelle) ist gutthet nitt widergelten Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 122ᵇ;
got würt es treulich wider gelten,
dan got lasst unbelohnet selten
Endinger judenspiel 34 ndr.;
(seid dankbar) den eltern, fremden und nachbauren, die euch guͦtes bewisen haben, das jhr es erkennet und darumb dancket, ob jrs gleich nicht widergelten köndt (1544) Veit Dietrich bei Luther 52, 466 W.; dann er war von natur gantz frei und danckbar, etwas zu widergelten, im straffen aber gantz milt und sanfftmütig Xylander Plutarch (1580) 137ᵃ; mir aber hingegen die erwarte begebenheit niemals gedeyen können, solche (gewogenheit) mit würcklicher danck- und dienstleistung gehorsamlich zu wiedergelten Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, 12; mit vorwandt, dasz ich allbereit mehr als zuviel ehr und gutthaten von jhme empfangen, die ich nicht zu widergelten getraute Grimmelshausen continuatio 78 Scholte.
b)
mit dat. d. person und acc. der sache, jemandem etwas lohnen: so wil ich bürg vnd wer sin: das dir solich din darlyhen früntlich widergolten werden sol Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) q 5ᵇ; ich befylch euch in gottes schyrme, den bitten für mich, er welle euch widergelten alle guͦtthat, so ich von euch entpfangen hab (1523) Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 70 ndr.;
das wort gotts helfft handhaben
dazu den christen man!
gott wirds euch widder gelten
ynn seinem höchsten tron,
wenn seel vnd leib sich scheiden
vnd müssen schnel dauon
bergreihen 59 ndr.;
welche ... wolthat ... mir ... trewlich widergolten ... worden Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 1174;
ihr sohn vom wasser wolbekannt
wurd Simrisius genannt,
der seinen eltern zu der stund
die trew nicht widergelten kundt,
so sie jhm haben wolgeneigt
ausz vätterlicher lieb erzeigt
Spreng Ilias (1610) 49ᵃ.
c)
nur mit dem dat. der person, jemandem danken: ob dir ainer ettwas vmb sonnst gibt oder vil guots thuot, bistu aus recht vnd ordnung der natur schuldig demselben zewidergellten vnd vil guets hinwider zebeweisen Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 380 Reithm.; du bist auch danckbar gnuͦg gewesen aller der guͦtthat, die sie (d. Volscer) dir bewisen haben, du hast zehen stett den Römern abgewunnen ... hastu jn damit nit gnuͦgsam widergolten? Carbach Livius (1533) 38ᵃ.
5)
besondere formen des syntaktischen anschlusses:
a)
das, wofür wiedergolten wird, wird mit um angeschlossen: wann sie vmb übeltat nit wöllen widergelten die öberste guttat Terenz deutsch (1499) 125ᵃ (vgl.: wenn sie nit geben wöllen die beste wolthat umb ein übelthat Boltz Terenz [1539] 143ᵃ); seytmal vnnd du so willig bist, mir etwas zu widergelten vmb die guͦthait, so dir von mir beschehen ist (1509) Fortunatus 36 ndr.; ein grosz, starck und hoch gemüt ... widergiltet umb ubelthat, gutthat Erasmus herrenzucht (1566) c 5ᵇ.
b)
andererseits kann das, wodurch etwas widergolten wird, durch mit angeschlossen werden:
valsch vnd alle vntrewe der selbe spiegel meldet.
die stete drvmbe newe vntz er die bvz mit bvzze wider geldet
jüng. Titurel 6128 Hahn;
im ist auch lieb, ere mit eren, trewe mit trewen, gut mit gute widergelten ackermann a. Böhmen 67 B.-B.; das lieb nit dem allezeyt erczeygt vnd widergolten wirt mit rechter mynn Hartlieb Ovid (1482) 5ᵇ; was möcht ich im dann für billicheren danck bewisen haben, dieweil er mich mit künstlicher seiner eygnen arbeit begabt, dann das ich im mit meiner arbeit widergolten hett Wickram w. 2, 195 lit. ver.;
solt bösz mit gutem wider gelten,
auff das jr mögent kinder rein
ewers himlischen vatters sein
Burkard Waldis Esopus 1, 25 Kurz;
haben also gleich mit gleichem widergolten Schütz hist. rer. Pruss. (1592) buch 2, L 5ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1009, Z. 29.

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wettermännlein widerprellen
Zitationshilfe
„widergelten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widergelten>.

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