Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerhaarig

widerhaarig,
auch widerhaaricht, adj., 'gegen den strich' gerichtet; widerspenstig; erst seit dem 16. jh. belegt, doch vgl. mhd. widerhæres; lexik. und mundartl. nur selten bezeugt: weder- of weêrzoorig widerhaarig, i. e. rauh, störrig, it. widerspännig Kramer hochniderdt. (1719) 1, 507ᶜ; widerhaarig Campe 5 (1811) 700ᵇ; widerhârig von personen 'widerspenstig', von sachen 'schwierig' schweiz. id. 2, 1512; widerharig eig. von haaren, die sich sträuben, 'gegen den strich' stehen. übertragen: widerwillig, eigensinnig, untraktabel Fischer schwäb. 6, 777; widerhaarig (rhein.) widerbörstig Kehrein Nassau 1, 445; wedderhaarig Mensing schlesw.-holst. 5, 559; wedderhoorig widerspänstig Mi Mecklenb. 105ᵇ. im eigentlichen sinne nur gelegentlich bezeugt: so die ochsen vil gen himel lugen vnnd sich widerhärig schlecken, zeigt es rägen vnd vngewitter an Heyden Plinius (1565) 241; (ein) cylinder, den das alter nicht glatter, sondern recht widerhaarig gemacht hatte Polenz Büttnerbauer (1895) 1, 1. dagegen seit der zweiten hälfte des 18. jhs. häufig in übertragener anwendung.
1)
von personen 'störrisch, halsstarrig, widerspenstig, widersetzlich': dieses fatale menschen-siebeneck ..., worunter ich selber der widerhaarigste bin Jean Paul w. 1, 100 Hempel;
du bist ein narr, doch nicht ein lieber.
ein widerlicher und ein unverschämter,
ein widerhaarichter und ungezähmter
Brentano ges. schr. (1852) 6, 238;
er ist und bleibt ein murrkopf, ein widerhaariger mensch, es ist nichts mit ihm anzufangen Kotzebue s. dram. w. (1828) 8, 37; eine so sanftmütige duldsamkeit beseelt sie (die alten männer) dann, so widerhaarig sie sonst sind G. Keller ges. w. (1889) 6, 317; Stappenbecks spitz ... (war) ein hässliches tier, ebenso starr und widerhaarig wie sein herr Fontane ges. w. (1905) I 1, 386. von menschlichen gemeinschaften: betrachtet nur wie störrig, widerhaarig und trotzig dein volk wird, das blosz vom ackerbau lebt Ad. Müller verm. schr. (1812) 1, 129; im ganzen genommen scheinen mir die Mailänder ein starres, festes und widerhaariges volk Görres ges. br. (1858) 1, 341; war Hessen gewonnen, so musste das widerhaarige Baden sich auf gnade oder ungnade ergeben Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 642; (der abt von Fulda, der die stadt Hameln dem bischof von Minden verkauft hatte) war ungemein froh, dasz er die widerhaarige, unbotmäszige stadt los war W. Raabe s. w. I 6, 201; die zünfte sind widerhaarig wie noch nie, seit ich denken kann A. Sperl söhne d. hrn. Budiwoj (1927) 225. neben begriffen wie natur, wesen usw.: meine widerhaarige natur (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 162 Theo Schücking; ein hexenmeister sind sie gerade nicht, aber zuweilen etwas widerhaarigter natur E. T. A. Hoffmann s. w. 3, 130 Gr.; ihr stürzt euch ja ins tiefste unglück mit eurem widerhaarigen wesen G. Freytag ges. w. 5 (1887) 36.
2)
bei anwendung auf unpersönliche begriffe (sachen, zustände usw.) zeigen sich mannigfache, über die bedeutung 'störrisch, widersetzlich' hinausführende weiterentwicklungen: solch übel wächst mit jedem streite, was erst unleidlich ist, die widerhaar'ge (unerfreuliche) spannung wird bald ein angenehmer reiz Arnim s. w. (1853) 16, 38; es war unvorsichtig von mir, dasz ich zwei so widerhaarige (gegensätzlich geartete) bücher zusammengestellt hatte (auf ein regal)! ich muszte voraussehen, dasz sie sich nicht vertragen würden Immermann w. 1, 100 Hempel; ich habe diese tage probiert, mich inzwischen sonst zu behelfen, allein es ist jetzt ein so widerhaariger (ungünstiger, ungeeigneter) moment (Keller war mit dem verleger Vieweg in streitigkeit gekommen), dasz es nicht anging (1855) G. Keller br. u. tageb. 2, 374 Ermat.; dass er die einheit der szene von den Franzosen her bei einem derselben so widerhaarigen (widerstrebenden) stoffe beibehalten O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 386; Sidonius (Apollinaris) ist an den wenigen unverständlichen Stellen recht widerhaarig (schwierig) in: Mommsen-Wilamowitz briefw. 184 W.; so arbeitet der rhythmus der geschichte. es war eingeatmet worden, jetzt (um 1440) wird ausgeatmet ... offenbar ist diese verregelmäszigung im verein mit kleinen widerhaarigen (gegen die richtung verlaufenden) störungszonen die unvermeidliche einzelerscheinung einer unvermeidlichen gesamtumstellung Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 237. der ausgangsvorstellung wieder sehr nahekommend: mir gefiel der natürliche ausdruck und die reinlichen züge ihrer hand: nur das lateinische ungewöhnliche e störte mich etwas und kam mir so zu sagen widerhaarig vor W. Grimm (1853) in: br. 182 Gürtler-Leitzm.; Hinrich Fehse ... malte in steilen, widerhaarigen buchstaben seinen vornamen unter die verhandlung Storm s. w. (1899) 3, 89. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1020, Z. 52.

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Zitationshilfe
„widerhaarig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerhaarig>.

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