Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerhaken, m.

widerhaken, m.,
älter auch widerha(c)ke, zurückgebogene spitze; mhd. widerhake; mnl. wederhake; ndl. weerhaak; subuncus eyn weder hake (nd. anf. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 353ᵇ; sagittae hamatae ein pfeyl mit widerhacken Frisius dict. (1556) 624ᵃ; wiederhake uncinus Stieler stammb. (1691) 730; widerhacke ò -hake Kramer t.-ital. 2 (1702) 1342ᵃ; widerhaken Adelung 5 (1786) 201; Campe 5 (1811) 700ᵇ.
1)
an geräten, namentlich an pfeilen und spieszen, die an der spitze angebrachten, rückwärts gerichteten haken:
sij (die zunge) stichet und stet me scherffeclich
dann keine gleve odir snyde sicherlich
odir kein phile mit wiederhacken,
wie hart er vom bogen werde geschossen
pilgerf. d. träumenden mönchs 8633 Bömer;
(der arzt wollte den pfeil aus der wunde ziehen) do nam er die zang in sin hant vnnd mercket das das ysin widerhacken het H. Braunschweig chirurgia (1497) 30ᵃ;
ein bären-hawt was sein gewand,
het ein blosz schwerd inn seiner hand,
ein parteson mit wider-hacken
Hans Sachs 5, 314 lit. ver.;
dann die eisen daran (an den pfeilen) hatten stral und widerhacken, dasz sie on hefftig zerreissung desz geäders nicht möchten auszbracht werden Xylander Plutarch (1580) 285ᵃ; ihre mit wiederhacken gespitzte wurffspiesse Lohenstein Arminius (1689) 1, 38ᵃ; sie führten eine art von axt oder beil, das widerhacken hatte M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 102; der wurfspiess, ein fünf fuss langer stock, der gespitzt und mit widerhaken versehen ist Chamisso w. (1836) 2, 233; der gouverneur griff nach dem buntgefiederten rohr (einem pfeil), es zerbrach in seiner zuckenden hand und liesz den widerhaken in der hüfte zurück (1869) W. Raabe s. w. I 6, 329.
2)
bei pflanzen und tieren kleine stachel mit rückwärts gebogener spitze:
a)
bei pflanzen (Behlen forst- u. jagdkde [1840] 6, 388): soviel spitzen und wiederhaken die kletten haben Schwabe belust. (1741) 1, 58; die klettenleuchte: blätter lanzetförmig und behaart; die nüsse haben widerhaken Oken allg. naturgesch. (1839) 3, 2, 1091; (dornen, die) sich nach beiden teilen hinbiegen und an der spitze einen wiederhaken haben (zwergklee) Schlechtendal flora v. Deutschl. (1880) 23, 187.
b)
bei tieren: was ein solcher fisch (d. hai) in den rachen bekömpt, wird durch ... widerhacken ... gehalten Mandelslo morgenl. reisebeschr. 106 Olearius; ein solcher stachel (der biene) ist mit wiederhacken versehen Overbeck gloss. melitt. (1765) 79; hinten ist sie (die vogelzunge) wol immer zweispitzig ..., bei einigen vögeln ... mit seitlichen widerhaken besetzt Naumann vögel (1822) 1, 30; die ... zunge (vom wendehals) ist ... an der spitze aber nicht mit widerhaken besetzt Brehm tierl. 4, 632 P.-L.
3)
zuweilen wird der haken in seiner gesamtheit als widerhaken bezeichnet: es werden drey widerhacken auch creutzweiss in einander gezogen (bei einer zeichnung). also werdens in sechs spacia auszgetheilt, mit fünff auszwendigen ecken Paracelsus opera (1616) 2, 287 Huser; gelber widerhacken oder instrument bey den enden mit zweyen widerströhmischen angeln Spener opera herald. (1680) 451; plötzlich stösst er ... auf den lachs, der ... an den starken widerhaken gefangen, alle kräfte aufbietet, sich loszureissen dt. museum (1812) 1, 129; an schnüre befestigte widerhaken, um fische damit zu fangen Jahn w. (1884) 1, 53; wurfmaschinen wurden errichtet, die gefangenen selbst darauf gebracht und nach einem hölzernen gerüste geschleudert, das mit grossen eisernen widerhaken versehen war Ranke s. w. (1867) 43/44, 316; mauerhaken, auch wohl widerhaken oder doppelhaken genannt ... ist eine öfters dem lateinischen buchstaben Z sehr ähnliche figur Querfurth herald. terminol. (1872) 87. auch in übertragenem sinne: dabei (auf der flucht) sucht er (der hase) durch widerhaken und hakenschlagen ... seinen feind zu übertölpeln Brehm tierl. (1876) 2, 464; in einem weiten widerhaken reichte das vereinsgebiet von Bremen nach Fulda Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 656.
4)
in bildhafter anwendung von dem nicht sofort erkennbaren negativen umstand, der mit einer an sich positiven handlung, äuszerung oder verhaltensweise verbunden ist; vgl. den gleichsinnigen oder ähnlichen gebrauch von haken 8, teil 4, 2, sp. 179 und fuszangel, fuszstrick:
sîne triuwe habent aberhâken (var. widerhacken) als ein gêr
Neidhart v. Reuenthal 33, 32 Haupt-Wiessner;
(der hochmeister hielt ein kapitel)
mit sînin brûdrin, der er wîlt,
und gab ûf vor in allintsamt
aldâ der meistirschafte amt
ân allin widirhâkin
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 18 248 Strehlke;
ihm sei wol zuͦ wissen, das man den gegenwirtigen raub fürwende: dieser aber habe ein widerhacken, damit die jhenigen, so sich darinn wol gewermet haben, wider zum raub werden Wurstisen Pauli Ämilii hist. (1572) 1, 104; dann fand sich in seiner zusage immer ein widerhacke E. Francisci alleredelste rache (1668) 26; denn eigentlich war es doch ein jämmerliches ding um das versteckte streiten, wenn kein grusz mehr galt und jedes wort einen widerhaken hatte L. Thoma ges. w. (1922) 4, 589; das ist der widerhaken im wert des leidens, dasz es auch einen unwert des leidens gibt N. Hartmann ethik (²1935) 194. in jüngerer sprache auch in anderer weise bildlich gebraucht, so in hinblick auf die feste haftung des widerhakens: so ist es mit dem zorn im herzen; in einem rohen busen hängt er mit wiederhacken fest, in einem sanften herzen aber gleitet er immer aus Heinse s. w. 2, 180 Sch.; (im vergleich:) es vergessen die kinder vieles so leicht vom abend bis zum morgen, und anderes will nicht mehr aus der seele, hat wie mit widerhaken sich festgemacht J. Gotthelf ges. schr. (1855) 4, 15. als bild für etwas anstoszerregendes, ein hindernis: Archimedes hatte noch ein bedenken oder wenigstens einen widerhaken im gemüthe Storm s. w. (1899) 6, 218.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1023, Z. 5.

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Zitationshilfe
„widerhaken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerhaken>.

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