Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerhalt, m.

widerhalt, m.,
widerstand, gegengewicht, halt, stütze. seit dem 16. jh. bezeugt (doch vgl. das ältere vb. widerhalten): anteridion ein wiederhalt Reyher thes. (1668) 406; wiederhalt oppositio, contrarietas, nisus adversus Stieler stammb. (1691) 747; wiederhalt retinaculum, wiederhalt thun resistere Steinbach dt. wb. (1734) 1, 675; wiederhalt l'opposition, la répugnance, effort contraire Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1043ᵃ; widerhalt Adelung 5 (1786) 201; Campe 5 (1811) 700ᵇ.
1)
was einer kraft entgegensteht, einer bewegung entgegenwirkt; widerstand, gegenkraft, hemmnis.
a)
eigentlich: wie du den waichen leibern, so bald auszweichen und kein widerhalt haben, kein mercklichen streich oder tieffe wunden geben kanst, darumb dasz sie nicht festen widerstand thun Schweickhart zu Helfenstein Basilius Magnus (1591) 477; wäre es möglich, diesen widerhalt der kugel so gnau gegen die krafft des pulvers abzuwägen Lichtenberg br. 1, 287 L.-Sch.;
da stiesz ein groszer wind an den Rinald,
hart vor die brust und in's gesicht so schnöde,
dasz er ihn taumelnd ohne widerhalt
vom thor zurück an zwanzig klaftern wehte
Regis Bojardos verliebter Roland (1840) 188;
da ... begab es sich, dasz Albrecht einen kleinen widerhalt zu gewahren glaubte, der die schnelligkeit seines fahrzeuges um ein weniges hemmte Binding die geige (1919) 140; dort brach es aus ihm wie brunnen, die ihren widerhalt durchstoszen und das rinnsal finden quelle a. d. j. 1926.
b)
bildlich und übertragen: so grewlich schwinde lieff das ledige feure (d. aufruhr d. bauern). aber da gewan es einen stos und widerhalt, da der lobliche grave (Albrecht v. Mansfeld) drein greiff (1526) Luther 19, 279 W.; dieser kerls ... war gleichsam der widerhalt, der den ernstlichen fleissigen trieb des geheimschreibers mehr verzögerte und hinderte weder verdoppelte E. Francisci traursaal (1665) 1, 601;
sie (die zeit) nimmt beständig zu,
ihr gang hegt keine ruh,
ihr lauf hat keinen wiederhalt
Stoppe Parnasz (1735) 73;
einen bessern widerhalt hatte in Würtemberg die geheime, geehrte macht des alten rechtsbestands ... einbrüchen willkürlicher laune entgegen gesetzt Görres ges. schr. (1854) 4, 119; deine seele weisz, wie ich unserem plane anhänge, einen dritten stand heraufzubilden als widerhalt gegen die groszen seigneurs H. Laube ges. schr. (1875) 2, 269; innerhalb des seienden bewirkt das seinsollen, das von ihnen (den worten als prinzipien) ausgeht und das am widerhalt des seienden aktuell wird, eben doch etwas, was jene (seins-) kategorien niemals bewirken könnten N. Hartmann ethik (1935) 157.
2)
der rückhalt, die stütze, der feste untergrund.
a)
in eigentlichem sinne: das schiflin Jesu schwebet allda ohne allen widerhalt, es hat keinen pfeiler von vnten, keine stütze von der seiten vnd keine decken von oben Herberger hertzpostilla (1613) 1, 184; doch darff man jetzt berührten rennthieren keinen solchen widerhalt von rinden anhefften, wie in Norwegen den rossen: angesehn die natur ihnen die füsse dergestalt geformirt hat, dasz sie solches behelffs nicht bedürffen Valvasor hertzogth. Crain (1689) 1, 585; der letzte weg ist jäh, da braucht man wiederhalt Gottsched crit. hist. (1732) 1, 488; (er) suchte die beiden füsse tiefer und fester in den boden einzutreten, ohne doch einen widerhalt zu haben Jean Paul w. 15/18, 368 Hempel; um wenigstens im rücken einen widerhalt zu haben, hatten sie sich zu beiden seiten der gassen gegen die häuser gesetzt Immermann w. 18, 61 Hempel; er ... schaut hin und her ... eine stelle zu erkundigen, wo er einen widerhalt finde, um festzustehen B. Auerbach schr. (1892) 15, 153; so erst gelangte die baukunst zu dem gliederpaar, das als bogenhälften gegeneinander aufsteigt und im gemeinsamen scheitelpunkt den widerhalt gewinnt Schmarsow gotik i. d. renaiss. (1921) 17.
b)
in übertragener und bildlicher verwendung: ich heisse dich ja weder reden noch schweigen, und hastu an deiner wasen schon widerhalts gnug Buchholtz Herkules (1666) 1, 51; (Plato) bemerkte nicht, dasz er durch seine bemühungen keinen weg gewönne, denn er hatte keinen widerhalt gleichsam zur unterlage, worauf er sich steifen und woran er seine kräfte anwenden konnte, um den verstand von der stelle zu bringen Kant 3, 32 akad.; wenn sie (Mariane) in sich blickte und suchte, war es in ihrem geiste leer, und ihr herz hatte keinen widerhalt Göthe I 21, 45 W.; so tief, so ohne widerhalt von einem guten und beruhigenden gefühle, hatte er sich noch niemals verachtet Tieck schr. (1828) 18, 158; hätten sie die zeit an meiner stelle durchgemacht, ... sie würden gewiss den widerhalt rein in sich selber gefunden haben in innerer selbstbetrachtung aus Schleiermachers leben (1860) 4, 282; in sich selbst uneins und ohne innern widerhalt Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 94 Minor; auch dieser (der poesie) ist, nach meiner ansicht, ein widerhalt in anderwärtiger berufsthätigkeit nöthig und heilsam (1842) Uhland briefw. 3, 212 Hartmann; die pubertät ... ertheilt dem gehirn gewissermaszen einen widerhalt oder einen resonanzboden Schopenhauer w. 2, 245 Gr.; andere meinten, der katholicismus gebe den altbäuerlichen sitten festeren widerhalt Riehl dt. arbeit (1861) 305.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1032, Z. 36.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wettermännlein widerprellen
Zitationshilfe
„widerhalt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerhalt>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)