Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerholen, wiederholen

wi(e)derholen,
verbale verbindung von holen (teil 4, 2, sp. 1741) mit wieder 'zurück, wiederum, noch einmal'. in trennbarer komposition wíederholen i. s. v. zurückholen (unter A), in fester komposition wiederhólen mit der bedeutung 'noch einmal sagen oder tun' (unter B). vgl. mndl. und mnd. verhalen, verholen 'iterare'. in zwei ahd. glossen steht das verb für revocare bzw. repetere, einmal i. s. v. 'zurückrufen': (de his, quae pertinent ad ecclesiam, quaecunque ... presbyteri vendiderunt: placuit, rescisso contractu, ad iura ecclesiastica) reuocari uuidar giholot uuese ahd. gl. 2, 91, 26 St.-S., während die bedeutung im zweiten belege schillert: repetita wirdargeholita (salus) ebda 35, 64. im mhd. ist das wort nicht belegt; es taucht erst im 15. jh. wieder auf; von da an sind zwei bedeutungsstränge zu verfolgen, deren lexikalische bezeugung im 15. und deren literarische belegung im 16. jh. beginnt, vgl. unter A und B. seit dem 17. jh. werden beide bedeutungen in den wbb. geschieden; z. b.: widerholen, davon, dannen, da etwas gelassen ist, holen aller querir de quelque lieu Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 410ᵃ; widerholen, wideräffern recommencer, repeter, reiterer ebda 410ᵃ.
A.
bis heute lebt trennbar zusammengesetztes wiederholen 'zurückholen', 'wieder herbeischaffen', 'zurückschaffen'; namentlich bei gebrauch mit belebtem objekt mag die bedeutung 'herbeirufen' mitschwingen (vgl. holen i. s. v. 'rufen' teil 4, 2, sp. 1741):
volg Adam dem betriebten man,
wie er sein sünd fing biessen an,
widerholt das ewig leben,
das im durch sündt gott nit wolt geben
(1512) Murner narrenbeschwörung 125 ndr.;
ein mensch aber, kan ... den ausgefaren geist (eines getöteten) nicht wiederbringen, noch die verschieden seele widerholen weish. 16, 14; o jr latzdreckige bäuch, die mit eim kind essen, das ein rotzige nasen hat, ja den löffel wider holt, den man euch hinder die thür würfft Fischart Garg. 15 ndr.;
herr, wo du hast den todten mann
in diesem grab gefunden
vnd etwa jhn getragen hin,
so sag mir wo, auff das ich jhn
bezeit möcht widerholen
Ringwaldt evangelia (1581) O 7ᵃ;
ein lügner ... wirfft das beyl zu weit, dasz ers nicht kan widerholen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 510; man ... brachte es endlich so weit, dasz er (der verbannte) wiedergeholet ward G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 143ᵃ; widerholen den athem respirare, recipere animum Dentzler clavis ling. lat. (1716) 351ᵃ; weil ihr nun die schöne Helena aus Troja wiedergeholet, habt ihr sie nicht alle ein wenig lieb gehabt? Gottsched crit. dichtkunst (1751) 37, anm.;
dich, Nathan, musz ich nur vor allen dingen
bedeuten, dasz du nun, sobald du willst,
dein geld kannst wiederhohlen lassen
Lessing 3, 169 L.-M.;
dasz sie ihren Bonaparte wiedergeholt haben E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 221; sie legte das buch auf einen schrank ..., doch holte sie es ... wieder M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 132. vereinzelt mundartlich in speziellem sinne: wîerhâlen wiederholen, he het et am dôe wîerhâlt er ist sterbenskrank gewesen Woeste westf. 323ᵃ. bei S. Franck steht neben der hollenden suchenden gnad (gottes) — guldin arch (1539) 120ᵇ — die wiederhollende gnad d. h. die den menschen zurückrufende gnade gottes: die schrifft zaygt, das der satan jhr herr ... sey, der sein werck inn disen kinndern des vnglaubenns ... hab, diser mensch kan vor der widerhollenden gnad nicht, dann sünnden, wie jhn sein gayst treybt vnnd anlaytet, do ist der frey will verspilet ... vnnd würdt recht wol ein lärer plosser tittel ebda 120ᵃ. auch sich wiederholen, vom menschen, der sich wieder von den irdischen dingen ab- und gott zuwendet: nit das er (der fromme) allweg mit der that inn die sünd platz, sonder sein hertz sich zu der creatur abnaygt vnd vergafft, aber sich des bald widerholt vnd zuͦ hand wider nach seinem gott sicht ebda 238ᵃ. aus der bedeutung 'zurückholen' entwickelt sich die gelegentliche verwendung 'wiederherstellen, erquicken' (vgl. dazu die entsprechenden anwendungen von ndl. verhalen, mnd. verholen; s. auch holen 3 teil 4, 2, sp. 1741): sich widerholen, erquicken se refraischir, ... recreer Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 410ᵃ; darausz giengen lebendiger wasser, welche er tranck und widerholet beide seinen gaist und krafft S. Franck de vanitate 84ᵇ; nach dem er aber sich selbs und sein macht ein wenig wiederholet, ist er eben desz tags, an welchem er die flucht nemmen müssen, hinwiderumm an seinen feinden sieghafft worden Guler v. Weineck Raetia (1616) 42ᵃ.
B.
seit dem 15. jh. erscheint die bed. 'noch einmal sagen bzw. tun': epilogare weder halen (1420, nd.), widerumb sagen in eyner summen (ende d. 15. jhs) Diefenbach gl. 204ᶜ; die jüngere bezeugung s. u. in den bedeutungsgruppen. diese verwendung stellt das ergebnis selbständiger weiterentwicklung des kompositums aus der grundbed. 'zurückholen' (ob. unter A) dar. zwischen beiden bedeutungen schillernd steht als beispiel eines übergangsbeleges (in trennbarer zusammensetzung): ist alles zuvor geredt, er holet es aber noch ein mal widder, auff das er etwas hinzu setze (1527) Luther 24, 152 W. wie nahe sich beide verwendungsweisen auch in neuerer sprache stehen, zeigen etwa belege für die wendung sich etwas wiederholen, in denen neben der bed. 'iterare' die vorstellung des zurückholens (ins gedächtnis) vorhanden ist (s. auch unten die belege unter 3a und b):
und was ihr (freunde) jemals von lieb und freundschaft und tugend gesungen,
und ietzt noch singet, wiederholen wir uns
(1753) Giseke poet. w. 120 Gärtner;
diese tiefschmerzlichen zeilen (sc. wer nie sein brot mit tränen asz ...) wiederholte sich eine höchst vollkommene angebetete königin in der grausamsten verbannung Göthe I 42, 2, 136 W.im 17. jh. verdrängt wiederholen 'iterare' schriftsprachlich das obd. (wieder)äfern; s. äfern teil 1, sp. 181 und wi(e)deräfer(e)n oben, sp. 895. gleichzeitig hat sich bei dieser verwendung zum unterschied von dem ob. unter A behandelten gebrauch feste komposition (mit stammsilbenbetonung) durchgesetzt, wodurch wiederholen unter den übrigen verbalen bildungen mit wieder- 'iterum', die gewöhnlich feste komposition meiden, eine sonderstellung einnimmt.
1)
wiederholen bezeichnet die ein- oder mehrmalige wiedergabe von vorher bereits (mehrmals) geäuszertem.
a)
worte, laute noch einmal (oder mehrmals) äuszern, wiedergeben: wenn wir Christum haben, so haben wirs alles, was nur unser herz begehret. darum auch in sanct Paulo das wörtlin 'in ihm' so oft angezogen und wiederholet wird (1539) Luther tischr. 4, 310 W.; lass hören ..., was waren es für worte? ich widerholte sie ihm S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 8; weil selbes (n) von folgender gantz gleichlautender sylbe nicht zweymahl ausdrücklich wiederholet wird Buchner anleitung z. dt. poeterei (1665) 88; neun uhr, wiederholte sie nachdrücklich und langsam Schiller 9, 199 G.; die gesprächige elster konnte nichts als mechanisch ihre lektion ohne aufhören wiederholen und flatterte davon Musäus volksmärchen 1, 16 Hempel;
ringlein, ringlein, dreh dich um,
machs recht schön, ich bitt dich drum!
unter dem drehen des rings und dem öftern wiederholen dieses spruches schlief Gockel ... ein Brentano ges. schr. (1852) 5, 91; dieselben berge, welche von dem donner der geschütze erbebt, wiederholten nun das geläute friedlicher heerden Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 42; das wiederholen einer kurzen phrase in immer zunehmender steigerung, die komischen effecte durch rasches sprechen ... sind die allgemein (in d. opera buffa) angewandten (darstellerischen) mittel O. Jahn Mozart (1856) 1, 391; deine Lene, sprach er, die briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor sich hin Fontane ges. w. (1905) I 5, 155; mit dir ist nicht zu reden, wiederholte er Feuchtwanger Simone (1950) 201. auch eine tonfolge wiederholen: Knecht wiederholte die melodie H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 72; s. auch unten wi(e)derholuhr.
b)
oft ist weniger oder gar nicht die bestimmte wortfolge gemeint, sondern mehr oder nur der inhalt: da widderholet er zum andernmal den beschlusz (1523) Luther 12, 128 W.; als der morgen anbrach, wiederhohlete Florindo die versicherung Chr. Weise drei klügsten leute (1675) 24; unterdessen wiederhohle ich nochmahls, dasz was Gregorius diszfalls vorgewendet, freylich eine pur lautere vorstellung gewesen Hahn staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 3, 78; weil indessen der hr. prof. Philippi den vorwurf ... wiederholet Liscow slg. sat. u. ernsth. satiren (1739) vorr. 23; jetzt, wo diese zeit wüsten streites wirklich hereingebrochen ist, musz ich jenen zweifel um so mehr wiederholen Kerner bilderb. (1849) vorr. viii; Unrat wiederholte ihr so standhaft, wie hoch sie stehe, ... dass sie endlich anfing, sich selbst sehr ernst zu nehmen H. Mann d. blaue engel (1950) 196. von der erneuerung eines artikels (in einem vertrage) etc.: als ein ander vertrag zwischen eweren majesteten (Karl V. u. Franz I.) auffgerichtet (wurde), ward gemelter artickel (gegen die reformation) abermal widerholet Sleidanus reden 148 lit. ver.; es werden ... die heilsamsten verordnungen ... in bezug auf die schonung der wälder ... wiederhohlet (1818) österr. weist. 3, 242; er möge sich erinnern, ... dass in den jahren 1523 und 1524 ein ... concilium ... versprochen, diese zusage auch noch in dem frieden von Nürnberg wiederholt worden sei Ranke s. w. (1867) 4, 68.
α)
etwas heranziehen, zitieren: uber das haben wir von unsern vorältern ein sprichwort, so heutigs tags widerholet wird Grimmelshausen 1, 1123 Keller; zwar wäre wol hier zu wiederholen, was ein neuer auctor weiszlich erinnert hat G. Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) vorr. 19.
β)
auch von sinngemäszer wiedergabe eines textes in einer anderen sprache: neben den pfarrern stellte man in den kirchen die tolken, d. i. dolmetscher auf, welche jeden satz der predigt in altpreussischer sprache wiederholten Ranke s. w. (1867) 2, 339.
c)
im part. präs. steht das verb zuweilen zur bezeichnung ermüdender häufigkeit oder gleichförmigkeit einer darstellung: wie abwechselnd ist Homer in der art, wie seine krieger, seine helden niederfallen, und wie wiederholend in dem, was den niederfallenden und sterbenden gemein ist Herder 3, 17 S.; sonst wird alles in ihr (in der elegie) lang und wiederholend ebda 12, 338.
2)
weiterhin bezeichnet fest zusan mengesetztes wiederholen die nochmaligkeit bzw. mehrmaligkeit eines geschehens: wann aber der beklagte gäntzlich den jrrthumb seiner aussage bewerlich anziehen würde ..., soll die folter nicht widerholt werden Nigrinus von zäuberern (1592) 424; vorgestern ... habe ich endlich das abentheuer auf dem katheder rühmlich und tapfer bestanden und gleich gestern wiederhohlt (1789) Schiller br. 2, 289 Jonas; er wiederholt den stoss Pfeffel poet. versuche (1802) 7, 181; jetzt ... läszt sich auch ohne nur seine versuche zu wiederholen, der beweis führen, dasz dem entdecker die grundsätze der chemischen analyse durchaus unbekannt sind Liebig chem. br. (1844) 134; dann wird die kur wiederholt, so oft wiederholt, bis der eintritt der gesunden motive das selbstverständliche wird M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 97; du warst nie zu hause hier? fragte er. sie schüttelte den kopf. auch nicht bei deinem mann? sie wiederholte die bewegung E. Wiechert missa sine nomine (1950) 342. in kühner wendung: verbrecher, die längst schon im staub vermodern, werden durch den allmächtigen ruf der dichtkunst jezt vorgeladen, und wiederholen zum schauervollen unterricht der nachwelt ein schändliches leben Schiller 3, 514 G. in verkürzter ausdrucksweise etwa ein werk, einen trank, ein stück wiederholen: (der buchdrucker hat das werk) anderweits zu trucken fürgenommen vnnd mich solches buch zu widerholen vnnd vbersehen erfordert vnd gebetten M. Herr feldbau (1551) 6ᵇ; innsonderheyt aber wann man disen tranck nach treien stunden abermals widerholet vnd gepraucht Sebiz feldbau (1579) 412; so geschähe mir durch kurze ... schilderung des Königstädter theaterwesens ein besonderer gefalle; zwar kann ich mir aus dem was sie spielen und wiederholen, ... einigen begriff machen Göthe IV 38, 279 W. erneuern, wiederbeleben, von einer gemütsregung, erfahrung etc.: blutsverwandte ... seyn gar geneigt, ihres gleichen zu neiden, wann sie erhöhet werden ... der neid aber wird von dem geschrey und reden allzeit widerholt und gemehret Schupp schr. (1663) 757; (überschrift) von gebührender vorbereitung beym hochwürdigen abendmahl, wann wir das gedächtnis unser erlösung wiederholen bei Fischer-Tümpel kirchenlied 4, 389; diese beide vorstellungen sind im object ... verbunden und nicht blosz in der wahrnehmung (so oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen Kant 3, 114 akad.; ich wiederholte hier nicht die traurige erfahrung, die ich so oft in meinem leben gehabt hatte Göthe I 22, 329 W.
3)
weitere bedeutungsschattierungen bietet eine gruppe von belegen, denen die vorstellungen rekonstruierender erinnerung oder nachschaffender darstellung gemeinsam sind.
a)
sich vergegenwärtigen, von situationen, gefühlen u. dgl.:
und wann deine grosse lieb,
die dich uns zu lösen trieb,
wiederhohlet mein gemüthe,
wann ich wieder zum altar
zwar unwürdig bringe dar
disz gedächtnüsz deiner güte
Olearius bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 4, 389ᵃ;
trieb uns die lust zu einem gespräche, dasjenige, was etwa über tische vorgegangen, in betten zu wiederholen Riemer polit. maulaffe (1679) 125;
in mich selber kehr ich zurück; da will ich im stillen
wiederholen die zeit, als sie mir täglich erschien
Göthe I 1, 266 W.;
ich fühle einen unendlichen trieb, mir die liebe, die tugenden meiner schwester zu wiederholen Solger nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 86. in seltener fügung:
die wehmut lehnt an deine schufter sich
und wiederholt in deine seele dir,
wie lieblich alles war
Mörike ges. schr. (1905) 1, 220.
b)
einen sinngehalt rekapitulieren, um ihn sich einzuprägen (vgl. die etwas anders gearteten belege oben im kopf von B): cur non repetis [lectionem]? mihi nunc non vacat. warumb wiederholest du sie nicht? ich habe ietzt nicht die weile Comenius januae ling. vestibulum (1650) 52; am andern tage wiederholte ich das, was ich an dem vorigen tage gelernt hatte, versuchte, ob ich es noch wisse Stifter s. w. 5, 1 (1908) 114.
c)
durch beschreibung vor augen stellen, tractare: drumm wir alhie nicht des fürhabens sind, jr vilfaltige, ja vnzalbare sitten vnd gebreuch zu widerholen (neque enim ritus moresque nunc tractabimus innumeros) Heyden Plinius (1565) 5;
vom kopff bisz zu den sohlen
will ich die jungfer-tracht der kleider wiederholen
Rachel satyr. ged. 126 ndr.;
was mein weib um diese zeit ausstand, ist zu rührend, zu fürchterlich tragisch, als dasz ich die umstände davon ohne peinigung meines herzens wiederholen könnte Schubart leben 1 (1791) 169.
d)
vom künstlerischen nachschaffen, nachahmen: nur ein einziger hatte die ganze gruppe in kleinerem maszstabe wiederholt Göthe I 25, 15 W.; (Dürers) holzschnitt mit der dreieinigkeit hat er (ein bildhauer) ein halb dutzendmal, bald genau, bald vereinfacht, wiederholt Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 153. darstellen: dencket er auff ein ... fabeln, darinn er Mosis, Josue und seines ... vatters Gideons treue dienst und unzehlige wolthat höflich in den dreyen fruchtbarn bäumen widerholet, und im dornbusch den neuen und unordentlichen regenten ... abmahlet Schupp schr. (1663) 833; noch weniger aber kann das symbol ein bloszes zeichen sein. das bild wiederholt die erscheinende seite, das zeichen bezieht sich auf die abstracte seite des gegenstandes, auf begriffe Solger vorles. über ästhetik (1829) 127.
e)
in seltener, kühner formulierung: ich schreibe an Carl Friederich Cramer — und nur an einen Carl Friederich Cramer, dessen individuum schwerlich in der welt wiederholt werden wird Cramer Neseggab (1791) 1, 77;
wenns wahr ist, dasz die schaffende natur
den Rodrigo im Karlos wiederhohlte
Schiller 5, 1, 23 G.
4)
indem das moment des zeitlichen nacheinander zurücktritt, wird wiederholen gebraucht vom örtlichen nebeneinander gleicher figuren (z. b. in ornamenten), von widerspiegelungserscheinungen etc. (vgl. auch die belege unter 6 d): das brustbild der schönen Fornarina ist (an den wänden) viermal wiederholt Göthe I 47, 241 W.; diese hundertmal wiederholten blumen (einer tapete) ebda 21, 8; (der beobachter mit dem prisma) wird überall bunte farben erblicken, welche gleichsam den regenbogen auf mannichfaltige weise wiederholen ders. II 5, 1, 21; (die lichtwellen) wiederholen nicht blosz tausend- und aber tausendfach reflectirte bilder der sonne, im anmuthigen spiel der welle wie im bewegten grashalm der wiese A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 379; wenn sie (die gestalt der frau) wieder wie eine insel liegt, auf allen seiten von dem spiegel eines unbewegten wassers phantastisch wiederholt Rilke br. 1 (1950) 14. in freier fügung auch: die stadt Kowno ... wiederholt im groszen die lage der gesprengten kapelle an der Newiatza-mündung A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 61.
5)
das seit dem 17./18. jh. verselbständigte, attributiv und adverbiell gebrauchte part. prät. schlieszt sich in seinen verwendungen im wesentlichen an die bedeutung unter B 2 an.
a)
in verkürzter ausdrucksweise 'wiederholt genannt, oben erwähnt': zum zechenden, ist von wiederholter sambentlicher gemaindschaft der weitere einhöllige schlusz ergangen ..., dasz firohin kein mitnachbar ... sich unterfangen solle ... kein ainfache behausung ... zu erweitern (ohne erlaubnis) (1716) österr. weist. 3, 120; andertens verheurathet widerholte jungfrau braut ihme hrn. bräutigam fünfhundert gulden (aus Mozarts heiratsvertrag) O. Jahn Mozart (1856) 3, 474.
b)
zahlreich 'mehrmalig', 'mehrfach', 'mehrmals': ich ... hörte erstlich kaum widerholte seufftzen theatrum amoris (1626) 100; auf dasz er durch wiederholte uebelthaten die verdammnisz ... auf sein haupt weltzete Bodmer slg. crit., poet. schr. (1741) 1, 14; wie er selbst wiederholt versichert Schubart br. in: Strausz ges. schr. (1876) 8, 31; das resultat eines langen, wiederholten, reiflichen nachdenkens W. Raabe Horacker (1876) 80; ich hatte in diesen tagen, da alles zusammenbrach, wiederholt bekenntnisse der wundergläubigsten siegeszuversicht gehört Klemperer l. t. i. (1949) 232. in seiner bedeutung verblaszter, lediglich um einen plural zu unterstreichen, i. s. v. 'mehrere': hier in Weimar bin ich wiederholten festlichkeiten nicht entgangen Göthe IV 29, 67 W.
c)
'erneut', 'nochmalig': als wirdet dahero, wann sich ins konftig ain Igglstorfer in particulari die Gantschenwaid zu besuechen und das vich einzukern unterfangen ... wurde, hiemit widerholt bei straff verpoten österr. weist. 1, 331;
auf jeden wiederholten schlag durchschneidet
die spitze (des keils) nerv und ader und gebein
Ramler lyr. ged. (1772) 349;
(ich) bitte wiederholt um den rest der correspondenz Göthe IV 40, 142 W.; empfangen sie aber gleich freundlich die wiederholte versicherung meiner hohen verehrung Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 283; der gesandte sollte wiederholt meine hand begehren, nachdem jeder seiner schritte auf das deutlichste zeigte, dasz er die bewerbung aufgegeben? Bauernfeld ges. schr. (1871) 2, 185; eine wiederholte leistung des (offenbarungs-) eides kann derselbe gläubiger oder ein anderer gläubiger nur verlangen, wenn grund zu der annahme besteht, dasz dem erben nach der eidesleistung weitere nachlaszgegenstände bekannt geworden sind BGB (1925) § 2006 s. 435.
d)
gleichartig, entsprechend: du beträgst dich dann besser; denn man ist selten in einer wiederholten lage zum zweiten male schlecht Jean Paul 7/10, 169 Hempel; ich werde mit vergnügen, bey wiederholten veranlassungen, meine dankbarkeit ... zu beweisen suchen Kotzebue s. dram. w. (1828) 18, 245.
e)
ungeläufig sind steigerungsformen: was ich euch schon nach Augsp. und dann wiederholter geschrieben habe (1777) L. Mozart in: br. W. A. Mozarts u. s. familie 3, 300 Schied.; seine wiederholtesten aufforderungen an den kaiser Schiller 8, 32 G.; durch die wiederholtesten blosstellungen Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 23.
f)
in der festen adverbialen wendung zu wiederholten malen 'mehrfach', 'mehrmals': der redner stellt seine ideen zu wiederholten malen vor Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 4, 181; vergebens griffen die truppen ... das verbündete heer ... zu wiederholtenmalen an Göthe I 44, 310 W.; ich bin elend, unglücklich und verlassen! rief sie zu wiederholten malen Tieck schr. (1828) 14, 80; in diesen jahren war zu wiederholten malen in Irland ... die absicht gefaszt worden Ranke s. w. (1867) 17, 107. im hinblick auf die mehrmaligkeit im raum (vgl. oben unter B 4): Andes-Cordilleren, die sich ... strahlig ... oder mehr parallel ... verzweigen, und dann zu wiederholtenmalen sich wieder vereinigend, ... grosse ... erhebungsmassen ... einschlieszen Ritter erdkde (1822) 2, 34. vereinzelt wiederholtemalen: ein reizendes anerbieten, das mir wiederholtemalen gemacht wurde Kerner bilderb. (1849) 68.
g)
vereinzelt: 'wiederhohlter dingen von neuem, nochmals, doch nur in den oberdeutschen kanzelleyen' Adelung 4 (1801) 1534ᵇ; s. auch Heynatz unter wi(e)derholentlich.
6)
die seit dem 18. jh. geläufige reflexive form des verbs bezieht sich ebenfalls auf mehrfach vorkommende geschehnisse und erscheinungen.
a)
vereinzelt in älterer sprache sich im echo verdoppeln, vervielfältigen: und lautet gar seltzam, wenn man messz darinnen singet, dieweil sich die stimm in der kirchen widerholet generalchronicon (1576) 76ᵇ.
b)
von (mehrmals) wiederkehrenden vorgängen, von erscheinungen, die in gleicher oder ähnlicher weise erneut auftreten: warum sollen sich ... die zeiten wiederholen? Herder 23, 71 S.; als sie dem schalle nachgingen, der sich von zeit zu zeit wiederholte Göthe I 24, 41 W.; in mehrfach sich wiederholenden ansätzen (in der musik) O. Jahn Mozart (1856) 4, 16; die uralte sage vom turmbau zu Babel wiederholt sich noch jeden tag W. Raabe s. w. I 6, 135; was brauchten sie weiter, als alle bürger ... zu versammeln und neue magistrate zu wählen, mit der bedingung, dass dies sich alle jahre wiederholen werde? Ruge briefw. u. tageb. (1886) 2, 71; in den modernen formen wiederholten sich aber nur wieder die formen des altrömischen kaiserreichs mit seinen statthalterschaften und präfekturen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 261; mit den unnennbar wirksamen ausstrahlungen niemals lautgewordener haszvoller, sehnsüchtiger, rastlos sich wiederholender gedanken Ina Seidel d. unverwesl. erbe (1954) 79. in unpersönlichem ausdruck: zuletzt wiederholt sich's immer, dasz von solchen werken wenigstens umrisse dem publicum vorgelegt werden müszten Göthe I 49, 17 W.; dreimal wiederholt sich, dasz streitende männer ... frieden schlieszen müssen Scherer litt.-gesch. ⁷135.
c)
sich wiederholen vorher geäuszertes nochmals wiedergeben: ungeachtet der ungemeinen menge seiner praktischen arbeiten hat er (d. kapellmstr. Reinhard Kaiser) sich doch niemals wiederholet Scheibe d. crit. musicus (1745) 527; wenn sie mich noch nicht verstehen, ... so will ich mich wiederhohlen Lavater verm. schr. (1774) 2, 27; er wiederholt sich mit der schönsten abwechselung über einen inhalt, von dem man nie gnug singen und sagen kann Herder 27, 174 S.; sobald ein schriftsteller sich wiederholt, darf die kritik ein definitives urteil über ihn fällen, denn dann hat er sich erschöpft Hebbel tageb. 1, 264 Werner; bei gelegenheit einer untersuchung über die verschwörung im jahre 1618 habe ich das venezianische archiv bereits geschildert, und will mich nicht wiederholen Ranke s. w. (1867) 37, vii. vereinzelt 'sich noch einmal erschaffen':in ihr (der kunst) verjüngt und wiederholt der göttliche mensch sich selbst. er will sich selber fühlen, darum stellt er seine schönheit gegenüber sich Hölderlin ges. dicht. 2, 133 Litzmann.
d)
neben die vorstellung des zeitlichen nacheinander trittsie zuweilen völlig verdrängenddie des räumlichen nebeneinander (s. unter 4); bisweilen spielen beide momente ineinander: und so erblickt denn Luther in dem alten und neuen testament das symbol des groszen sich immer wiederholenden weltwesens Göthe IV 27, 234 W.; sie sagte sich, es könne vielleicht ein leib, ein gesicht, eine maske sich wiederholen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 264. 'sich abbilden', 'sich abspiegeln': eine alte eiche ..., ihre zackigen äste ... niedersenkend, so dasz die letzten blätterbüschel beinahe das wasser erreichen und sich darin gar freundlich bespiegelnd wiederholen Göthe I 49, 313 W.; die sonne war im untergehen, und über dem grauen westlichen himmel verlief ein roter strich, der sich in den höheren wolkenschichten mehrfach wiederholte Carossa tag d. jungen arztes (1955) 54. von gleichen oder entsprechenden erscheinungen an verschiedenen objekten oder verschiedenen stellen: das allgemein menschliche wiederholt sich in allen völkern Göthe I 41, 2, 138 W.; das prinzip der ... umbildung des ... theaters ... begründen wir auf ein einziges, in verschiedenen sphären sich wiederholendes verhältnis R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 8, 117; als programm erwarb man sich ein heftchen, auf dessen umschlag sich verkleinert jene zeichnung des plakats wiederholte Carossa tag d. jungen arztes (1955) 129
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1046, Z. 8.

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„widerholen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerholen>.

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