Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerkehren, wiederkehren, vb.

wi(e)derkehren, vb.,
zur rückkehr veranlassen; wiedergutmachen; vergelten; umkehren, zurückkehren. ahd. uuiderkêran, uuider(e)kêren, afries. witherkêra, mhd. widerkêren, mnd. wedderkeren, mnl. und nnl. wederkeren Verwijs-Verdam 9, 1929. zu kehren 'vertere' (teil 5, sp. 408) und wieder 'zurück'; zufrühest bei Notker (s. B) belegt, bleibt das wort im ahd. und frühmhd. noch selten; seit dem mhd. ist es intrans. (s. C) etwa in gleicher häufigkeit belegt wie synonymes wi(e)derkommen (s. d.), gehört aber gegenüber diesem vorwiegend gewählterer sprache an. das nhd. kennt jetzt nur noch den intr. gebrauch, der refl. (s. B) ist bis ins 16. jh. bezeugt. das im mhd. und bes. frühnhd. stark verbreitete trans. vb. (s. A) wird seit dem 17. jh. seltener und ist im 19. jh. nicht mehr belegt. den maa. der gegenwart ist das wort so gut wie unbekannt: 'nur in der wendung besinnen un wedderkehren is dat best an'n minschen' Mensing schlesw.-holst. 5, 561; 'noch modern kehr bald wider! abschiedsgrusz' Fischer schwäb. 6, 780. lexikalisch seit dem 15. jh. als intransitivum fast durchgängig und in den meisten bedeutungen von C verzeichnet: reuerti wider kern (hd. 1429) Diefenbach nov. gl. 315ᵃ; remeare widerkeren (15. jh., obd.) ders., gl. 491ᵇ; repedare, remeare widerkeren oder widerkommen gemma gemm. (Straszb. 1508) x 4ᶜ; wider keren reuerti, regredi, reciprocare, redire Dasypodius dict. (1536) S 3ᵃ. seltener und nur, entsprechend der literar. bezeugung, bis ende d. 17. jhs. ist der trans. gebrauch gebucht: recompensare wider keren (1466) Diefenbach nov. gl. 314ᵇ; widerkern mit der gabe vnd belonung recompensare voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 2ᵃ; ersetzen, wider erstatten, widerkehren, vergelten Sattler phraseologey (1658) 185; wiederkehren compensare, satisfacere, redintegrare Stieler stammb. (1691) 945. für die (bes. md.) häufig belegten präteritalformen mit a oder o als stammvokal vgl. kehren teil 5, sp. 408. mhd. und frühnhd. steht das perfekt häufig mit haben: Theodo ... hat widerkert in sein land Arnpeck sämtl. chron. 456 Leidinger; in welcher weis und mainung sie widergekert hetten städtechron. 5, 303.
A.
verbum transitivum.
1)
jemanden oder etwas an den ausgangspunkt oder in den alten zustand zurückbringen.
a)
zur rückkehr bewegen oder zwingen, zurückführen, -treiben:
er gewan grozze menege,
die gotlieben herren   die wolde er widir cheren
ubir allez sin lant
exodus 160 Diemer;
dú vorhte in widerkerte,
dú widervart in lerte
vliehen und entwichen dan
Rudolf v. Ems Willehalm 1333 Junk;
tôrlich gar
sie rîten. ich wil zû in dar,
uf daz ich wider kêre sie
kreuzf. d. landgr. Ludwig 2685 H. Naumann;
laist uns in menlich wederstain ind si wederkeren (Köln 1499) städtechron. 13, 619; (der hirt soll) das vieh ... hinüber gegen dem Rinderthal (treiben), und daselbst das vieh herab wiederkeren (1764, abschr. v. 1547) österr. weist. 2, 189. uneigentlich: das ich ... schon getretten habe auf den weg zuom tode und zuor helle, und das mich nyemants widerkehren und erlösen möge, dann gott alleyn (1526) mon. Germ. päd. 20, 268;
Fenedig, ich rat dir sicherlich,
veracht nit so gar das remisch reich,
duͦ dich so hoch nit schwingen,
dasz dich der adler nit widerker
histor. volkslieder 3, 26 Liliencron.
b)
jemandem etwas wieder zuwenden, wiedergeben (selten): so der mentsche die minne also widerkeret an got St. Georgener pred. 256 Rieder;
lasz uns (gott) nit werden zwungen,
den gfallnen wider ker irn muͦt!
histor. volkslieder 4, 35 Liliencron.
c)
etwas rückgängig machen, in den früheren zustand zurückversetzen, ändern:
man sol ez widerkêren,
daz unze her verkêret ist
Gottfried v. Straszburg Tristan 6300;
zuͦm fünften, gar nünt ausz dem spital verendern one eines abtz willen, und wo es geschech, solte es widerkert werden und weder kraft noch macht han J. v. Watt dt. hist. schr. 2, 245 Götzinger;
solt ich abr je nich koͤnign seyn,
so geb ich mich auch willig drein,
denn wenn ich mich lang viel wolt spern,
würd ich es doch nicht widerkehrn
(1613) Rinckhart christl. ritter 77 ndr.;
meynet jhr, mit heulen einen todten wider auff zuwecken? sein ziel ist ihm gesetzt gewesen, mit heuͤlen vnnd weynen war das nicht zu hindertreiben noch zuwiderkehren Moscherosch gesichte (1650) 2, 296. ins gegenteil verkehren: alle die wisheit und guͦte lere die in sin vatter lerte, der hielt er keys, sunder er widerkerte es (Straszb. 1400) städtechron. 8, 494; ein Rahn b'schelkt (tadelt) den Wiederkehr vor rat, er widerkehre alls und sei nit z'friden, was man vor rat mache, sei ein rechter kehrumb (1651) schweiz. id. 3, 440.
2)
zurückerstatten, wiedergutmachen, ersetzen. vereinzelt jemandem mit etwas wiederkehren 'ihm durch etwas ersatz leisten': Ludwig dem wurden alle teutsche land ... damit im mit den landen widerkert wurd, das er künglichs namen manglet Veit Arnpeck sämtl. chron. 473 Leidinger.
a)
unrechtmäszig erworbenes gut dem rechtmäszigen besitzer zurückgeben: do det er also ein wise man ..., den er ütschet hette abe genommen den widerkerte er es (Straszb. 1400) städtechron. 8, 432; alles das ain mensch dem andern unbillich und unrechtlich abnympt, das selb ist der mensch pflichtig wider zu keren Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) R 2ᵇ; (er ist schuldig,) felschlich abgeschworn gut dem verletzten wider zu keren Carolina 1, 58 Kohler; wo ihnen ... die genommene güter nicht widergekehret wuͤrden Schütz hist. rer. Pruss. (1592) buch 6, B 1ᵃ; aber es ward seiner seele wenig nutzen, denn sie wollten das gut nicht wiederkehren J. Grimm dt. sagen (1891) 2, 180. fundgut zurückgeben: zu dem ersten so finden etlich edelgestein, berlin vnd der gleichen die seint niemans gewesen die findet man vff des meres port die darff man niemans widerkeren Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 56ᵇ; wer die selbigen (gulden) funden hat, dem wil man hundert guldin schencken, wan er es widerker ders., schimpf u. ernst 86 Öst.;
der (Nas) bit freuntlich durch gottes ehrn,
das man ims (das büchlein) wol widerkern:
keins drinckelt wirt er sich beschwern
(1580) J. Nas in: zs. f. dt. philol. 18, 488.
b)
materielle verluste oder einbuszen dem geschädigten ersetzen, meist in der wendung den schaden wiederkehren: wier sullen ien auch ablegen und widercheren allen schaden (1363) bei O. Stolz d. Deutschtum in Südtirol 2 (1928) 185; welchirleye schaden, vorlust oder brant von iren wegen ... geschehen ist, das sie den schaden widirkeren durffen (1374) städtechron. 4, 174; wer aber das im sein assech (geschirr) damit geprochen oͤder verlorn wird, so sol im das der pergherr wider keren (1446) österr. weist. 11, 128;
und wo ich (der tyrann) schaden hab gethan
dem armen volck, wil ich mit ehrn
nach meim vermögen widerkehrn
Hans Sachs 16, 90 lit. ver.;
auch so ainer an der gemainen prechlstuben ... mit prant oder in anderweg schaden tuet, denselben soll er auch widerkern und abtragen (1677) österr. weist. 2, 66; wellicher seine gaisz ... über ... äcker treibt, (soll) ... demjenigen sein schaden, der ime mit dem trib beschehen ist, zu widerkern schuldig sein (18. jh.) ebda 4, 330.
c)
für ein dem andern durch verleumdung, ehrverletzung zugefügtes unrecht genugtuung, sühne leisten: ich wil dich darumen für den richter laden. du muͦst mir widerkoͤren die schmachheit vnd ein wandel darumb ton clag antwurt (1497) 16ᵇ; si ersetzten und widerkerten jm (dem Alcibiades) die schmach mit grossem lob und rum Boner Justinus (1532) 22ᵇ;
ir suffend, das üch dougen trüffen
vnd schaͤltend mich an minen eeren.
das muͤssend jr mir widerkeren
H. R. Manuel d. weinspiel v. 2263 ndr.;
bruͦder, liebster bruͦder mein!
du redst mir an mein ere,
und tät mir das ein ander man
er muͤst mirs widerkeren
bei Uhland hoch- u. nd. volkslieder (1881) 677.
3)
jem. eine gute tat, einen dienst vergelten, ihn für etwas belohnen: doch so nam er (der sultan) es (kleinodien) auff für ain schanckung, gedachte ym doch, es waͤr zuuil, solt ichs ym nit wider keren vnd hiesz ym geben hundert charg pfeffer, die warn wol so vil wert als die klainat (1509) Fortunatus 79 ndr.; Titus ... der ihme den empfangnen dienst zu Athen yetzund lohnen und widerkeren wolt Montanus schwankb. 123 lit. ver.;
womit solt dir vergelten ich,
was du mir vnd auch zuvoran
mein enicklein für guts hast gthan?
hast sie erzogen vnd ernehrt.
es soll dir werden widerkehrt
Ayrer dramen 69 lit. ver.
im religiösen sinne:
helft dem, der lebet in armut,
mit ewer hab gott als zu ehren!
der kans vilfeltig wider keren
Hans Sachs 6, 31 lit. ver.
B.
verbum reflexivum. gegenüber den bedeutungsgleichen sich abkehren, sich umkehren wenig ausgebildet; ahd.: Jordanis widerchêrta sih (ps. 113, 3 Jordanis conversus est retrorsum, Luther: der Jordan wand sich zu ruͤck) Notker 2, 485 Piper. ahd. u. frühnhd. 'sich jemandem oder etwas wieder zuwenden': unde gelirnent sih uuidere chêren ze Christo, fone demo sie geuuendet uuaren ebda; des geleichen (wie Loths weib) ... geschicht allen menschen die nach guͦttem anfanng der buͦsz sich widerkeren zu irem alten sündigen leben Keisersberg granatapfel (1510) A 2ᵈ. sich bekehren:
er hab denn gebicht, gerüwt und gelesen,
das er sich wider hab kert
des teufels netz 3027 Barack.
sich abwenden:
zum reichthumb eil nicht alzusehr,
das sich das glück nicht widderker
Er. Alberus fabeln 27 ndr.
C.
verbum intransitivum.
1)
umkehren, wenden, mit deutlicher betonung der richtungsänderung am wendepunkt: so got ... kummet zuͦ vil menschen, so vindet er die stat bekúmbert und vindet ander geste do und muͦs widerkeren und enmag nút in Tauler pred. 82 Vetter; do nun gott sein gnade gab, das die teidung also geschehen und die Hussen widerkerten, do zoge meniglich wider heim (1430) chron. d. st. Bamberg 1, 6 Chroust; der patroin und der hertzoych ... woirden sehre erveirdt, also das sy wolden wieder kieren, und etzliche pylgerim kierden wieder (1492) bei Röhricht pilgerreisen 250; es ist besser vmbkeren, dann vnrecht lauffen. der jrret nit, der auff einem boͤsen weg widerkeret S. Franck sprüchw. (1541) 2, 42ᵃ.
2)
zurückkehren, sich an den ausgangspunkt zurückbegeben.
a)
auf der rückreise begriffen sein. häufig steht in dieser verwendung der subst. infinitiv (im, am wiederkehren): also an dem widerkern von Bibert sey er uf Aschenburg ... zukomen Thomas v. Absberg 218 lit. ver.; als sie vom raub reich, sath vnd beladen wider kerten, fiel Saladinus inn sie S. Franck Germ. chron. (1538) 144ᵃ; (er zog) über meer zum hailigen landt, ist am widerkeren auf dem mer gestorben Zimmer. chron. ²1, 265 Barack; (als der) hochgeborne fürst ... bey dem jubeljahr zu Rom geweszen, und im widerkheren auch nach Florentz kommen Ulsheimer rayszbuoch (um 1622) in: Alemannia 6 (1878) 96;
den späher, den du ausgesendet, herr,
erblick ich wiederkehrend. freue dich
...
denn fröhlich strahlt der blick des kommenden
Schiller 14, 36 G.
b)
mit stärkerer hervorhebung der ankunft am ausgangspunkt; das wort steht vorwiegend für das zurückkehren aus der ferne und nach längerer abwesenheit (s.α—γ); selten und in neuerer zeit als gewählt empfunden ist 'nach kurzer zeit wiederkehren': (die frau) kerte bald wiedder mit rittern und mit sarianden Lancelot 1, 332 Kluge; jetzunder ker ich wider vnd luͦge ob villeicht der bruͦder wider kommen sei Boltz Terenz deutsch (1539) 98ᵃ; des lieutenants stimme liesz sich von auszen vernehmen, wenn er ungelegen sei, wolle er später wiederkehren Holtei erz. schr. (1861) 11, 33.
α)
zu nahen verwandten, geliebten menschen, an den früheren aufenthalts- und wohnort zurückkehren: kêre uuidere ze mir, uuine min, uuis gelîch dero rêion unte demo hintkalbe in den gebirgon Bethel (revertere) Williram hohes lied 47, 1 Seemüller;
Ismahel do kerte
ze sinir heimuͤte widir dan
Rudolf v. Ems weltchronik 5371 Ehrismann;
das sie zuͦ jhrem vatter widerkere Schaidenreiszer Odyssea (1537) 3ᵇ; er aber ist, nach dem er gehn Syracus widerkherte, von allen seinen kriegszgesellen koͤnig genannt worden Xylander Polybius (1574) 6; dieser wird nie mehr zu seinen geliebten eltern ... wiederkehren Herder 17, 177 S.
β)
von einer unternehmung, aus dem kriege zurückkehren: der ander weg get zum freischlichen tale, dannen nyman wiedder kert ... ich wil durch den tal ritten, sprach er (der herzog zum knappen), wies auch mit dem wiedderkern kum Lancelot 1, 568 Kluge; als her wider karte, do in unser homeister in botschaft vorsandt hatte Marienburger tresslerbuch 205 Joachim; so sie (die Türken) vom krieg widerkeren, presentirt sich ein yder dem oͤbersten feldtschreiber S. Franck chron. d. Turckey (1530) E 1ᵇ; es waren aber besagte zwey schaͤfere ... von einer verrichtung ... wiedergekehret S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 61;
Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder
Schiller 13, 187 G.;
ein drittel von denen, welche in die Champagne rückten, (ist) nicht wiedergekehrt Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 474; so viele waren nach Rom gezogen und nicht wiedergekehrt, ganze kriegsheere hatte es (das klima) weggerafft Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 66.
γ)
von insekten und zugvögeln: darzu auch die binen jren freien auszflug ... können haben, so offt sie ... auszfligen und zu hausz wol beladen widerkeren woͤllen Sebiz feldbau (1579) 295;
der trübe winter ist fürbey,
die kranich widerkehren
Spee trutznachtigall 35 ndr.
3)
ausgehend von 1 und bes. 2 gewinnt wiederkehren die bedeutung 'umkehren, einkehren' im religiösen sinne ('id. est quod sich bekehren' Stieler stammb. [1691] 945).
a)
sich auf den weg des guten zurückbegeben, zum glauben zurückkehren: won únsers herren erbaͤrmde und sin guͤti ist also grôss, daz nie mentsch so úbel getet, got vergaͤbe im alle sin súnde, wil er widerkeren St. Georgener pred. 169, 11 Rieder; o lieben getrewen cristen, ... kerent wider! wir haben den rechten weg zehymel und zuͦ der gerechtikait, wann wir uns bekerren, so kert sich mit uns alle die welt Reiser reformation 170 Boehm; von newer falschait zefallen vnnd zuo allter warhait christenlichs glawbs widerzekeren Berthold v. Chiemsee theol. 5 Reithm.; der herr wil, das seiner tauffe krafft sol bleiben, so offt wir widerkeren, so lang wir hie leben (1545) Luther 54, 266 W.;
gottes frewd ist, wenn auf erd
ein verjrrter wiederkehrt,
wil nicht, dasz ausz seiner heerde
das geringst entzogen werde
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 299;
kehre wieder! kehre wieder, du abtrünniges Israel!
Gottsched ged. (1751) 1, 342;
sie (die sünder) sollen, kehren sie nur wieder,
aufs neu, als seines sohnes bruͤder,
nun seine werthen kinder seyn
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 98.
b)
der unter a vielfach mitschwingende wortsinn 'bereuen, busze tun' ist greifbarer im folgenden:
biz du dich wilt irkennen,
got unsern herren nennen,
wider keren mit buzen,
vallen zu Cristes vuzen
Daniel 429 Hübner;
also dicke wurt ime vergeben also dicke er ehte widerkert und den uzval bekennet Tauler pred. 108 Vetter; wie beichten sie, wie keren sie wider, wie gon sie zuͦ dem sacrament Pauli schimpf u. ernst 228 lit. ver.;
wer hat verleugnet Christ den herrn,
der thu mit Petro widerkehrn
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) G 4ᵇ.
4)
an bedeutung 2 (gelegentl. auch an 1, s. unter a β) schlieszen ferner zahlreiche, zumeist übertragene verwendungen an, die in neuerer und neuester zeit den geläufigsten gebrauch des wortes darstellen.
a)
der vorstellung einer vorgangsbezeichnung wie unter 2 steht wiederkehren noch in verwendungen mit persönlichem oder als persönlich gedachtem subjekt nahe, so bes.
α)
aus dem, oder ins leben, jenseits usw. wiederkehren: uuîe scal ih nu mih gelôiban dînero contemplationis unte aber uuider kêran ad puluerem terrenae actionis? Williram hohes lied 78, 11 Seemüller; wann sich die lútzeln iare vbergend vnd ich gee den steyg, durch den ich nit widerker (per quam non revertar) erste dt. bibel 7, 182 Kurr.; bis dasz du widerkeerest in das erdrych, dannen du kummen bist Zwingli dt. schr. 1, 63 Sch.;
wenn wir hin sind von der erden,
wird keiner widerkehren werden
Hans Sachs 19, 423 lit. ver.;
koͤnnte er wiederkehren und noch einmal unsre blike beseeligen Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 72;
so müszt' es einem sel'gen geiste seyn,
der aus den wohnungen der ew'gen freude ...
zur ganzen armen menschheit wiederkehrte
Schiller 12, 134 G.
von vorstellungen der seelenwanderung und des aberglaubens: eines jeden seele in dessen thiers leibe widerkehre, mit welches sitten vnd vntugenden er gleich demselben zuvor behafftet gewesen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, B 7ᵃ; in kraft des gewaltigen Proteus befehle ich euch, dasz ihr zu eurer vorigen und natürlichen gestalt widerkehret Lindenborn Diogenes (1742) 2, 363; wiederkehrende todte, die in Mähren und Ungarn ihren verwandten und bekannten das blut aussaugten Brentano ges. schr. (1852) 6, 432.
β)
von etwas ablassen, abstehen:
ich hân im gelobt: des hât er mîne sicherheit.
waz verliuse ich dâ mit mîner êren?
jâne wil ich nimmer wider kêren;
er muoz mich sîne geile sprünge lêren
Neidhart v. Reuenthal lieder 21, 25 Haupt;
wann du ein klein wollust gewinnst an jrem angesicht, du magst nicht widerkeren, die lieb wirt dich hart ankommen Hartlieb buch Ovidii v. d. liebe (1482) 7ᵇ;
las ab, las ab vnd widrekehr,
von deinem tobn vnnd grimmen
Ringwaldt evangelia (1581) G 8ᵇ.
γ)
auf etwas zurückkommen, etwas noch einmal aufgreifen: nu wil ik wedder keren und seggen van den Sassen, wo se hir to lande kemen (Magdeburg um 1360) städtechron. 7, 11; nun das ich widerker auff dein klag, da du sprichest, du werdest von deinen ausschwaiffenden synnen geirrett in deinem gebeet Keisersberg predigen teütsch (1508) 34ᵇ; man wird so oft darauf wiederkehren, bis man glaubt ihn von allen seiten ins klare gesetzt zu haben Göthe I 47, 285 W.
b)
mit nichtpersönl. subjekt.
α)
in engerer anlehnung an den realen gebrauch nur vom wasser, meteorologischen erscheinungen u. dgl.:
so wil ich das der sunnen schein
zeir ursprunge wider chere
und sich der tach so mere
Heinrich v. Burgus d. seele rat 2227 Rosenfeld;
(die) wasser (der sintflut) kerten wider von der erde gend vnd wider kerent (aquae de terra euntes et redeuntes, genesis 8, 3) erste dt. bibel 3, 66 Kurr.;
der laue strahl der wiederkehr'nden sonne
füllt die verduͤnnte lufft mit neuer lebensgluth
Brockes ird. vergnügen (1721) 4, 37;
der bach enteilt der quelle, kehrt nicht wieder Bettine d. Günderode (1840) 1, 51.
β)
mit weiterer entfernung vom eigentlichen wortsinn, namentlich jüngernhd.; häufig bezeugt in allen durch die folgenden belege angedeuteten anwendungsbereichen: darnach so merck zwo aderen die do abgond zuͦ dem magen vnd zuͦ den daͤrmen, vnd widerkeren von dem entpfinden vnden hjnvff von der stimm wegen Gersdorff wundartzney (1517) 6ᵃ; sonst vom zeitlichen nacheinander: ergreif den augenblick! er wird so günstig niemals wiederkehren H. v. Kleist w. 1, 150 E. Schmidt; lungentuberkeln heilen können, ohne wiederzukehren Sömmerring menschl. körper (1839) 8, 1, 230; eine leichte röthe ... geht und wiederkehrt A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 331. bes. von bestimmten politischen und gesellschaftlichen verhältnissen: wenn ruhigere zeiten wiederkehren acta publica 6, 204 Palm;
(sie) erbarmen sich der noht und geben raht und lehr,
wie krieg werd abgetahn und friede wiederkehr
Schottel friedenssieg 39 ndr.;
die freiheit kehret wieder
Kretschmann s. w. (1784) 1, 57;
wir werden ... die letzten seyn einer epoche, die sobald nicht wiederkehrt Göthe IV 39, 216 W.; die zeit ist aber wiedergekehrt, wo, wie 1827, die Russen populär werden müssen Ruge briefw. u. tageb. (1886) 2, 405. von geistigen und psychischen zuständen: ewer frid kert wider zuͦ euch (pax vestra revertetur ad vos) Matth. 10, 13 erste dt. bib. 1, 36 Kurr.; iuwe vrede wedder kere tho iuw (Kölner bib. um 1478);
durch die gewalt der lieder
regieret er die seelen, die tugend kehrte wieder
Dusch verm. w. (1754) 24;
und kehrt die eifersucht in seinen busen wieder,
so sprich von diesem kusz, diesz mittel schlag' ihn nieder
Göthe I 9, 38 W.;
ihm gleich danach eine behaglichere stimmung wiederkehrte Fontane ges. w. (1905) I 6, 36. von erlebnissen und eindrücken, die dem erlebenden sich immer wieder aufdrängen:
solchen (gott) schauend fühlt ergriffen
von verwirrenden gefühlen
sie das innere tiefste leben,
will verharren in dem anschaun,
weist es weg, da kehrt es wieder
Göthe I 3, 11 W.;
und immer immer das lied mir wiederkehrt Tieck schr. (1828) 2, 258. besinnung, bewusztsein kehren wieder: kurz vor ihrem tode kehrte ihr noch einmal die besinnung wieder H. v. Kleist w. 3, 165 E. Schmidt;
im fieber hat schon mancher ausgeplappert,
was ihn, wenn die besinnung wiederkehrte,
auf die genesung gern verzichten liess
Hebbel w. 3, 65 Werner;
ich verlor das bewusztsein. o wäre es mir nie wiedergekehrt! O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 451. sehr oft in neuester zeit von festen und gedenktagen: lange möge ihnen der heutige tag in freude und gesundheit wiederkehren Bäuerle kom. theater (1820) 1, 4; ein alljährlich wiederkehrendes freudenfest (1867) Stifter briefw. 6 (1931) 181; (Wilhelm Grimms) geburtstag wird am 24. februar 1886 zum hundertsten male wiederkehren Scherer kl. schr. (1893) 1, 4.
5)
wiederholt auftreten, an verschiedenen stellen in gleicher oder ähnlicher gestalt vorhanden sein.
a)
in zeitlichem nacheinander 'sich wiederholen': dasz das oft wiederholte thema ... in verschiedenen tonarten wiederkehrt O. Jahn Mozart (1856) 4, 14 anm. 20; von den 32 strophen des vierten gedichts kehren nun sechs auch in dem zehnten wieder J. Grimm kl. schr. (1864) 3, 27; die probleme, welche den Goten gestellt waren, ... kehren in der ganzen geschichte fort und fort wieder Scherer litt.-gesch. ⁷31; ähnlich ebda 109 u. 191; gleich im eingang des buches wird eine bedauernde feststellung gemacht, die dann mit geringen variationen immer wiederkehrt Klemperer l. t. i. (1949) 146.
b)
bei völligem verblassen der ursprünglichen wortbedeutung soviel wie 'wieder begegnen, sich zu gleicher zeit an verschiedenen orten zeigen': kein theil der erde, in welchem diese hauptverhältnisse des ganzen in solcher groszartigkeit wiederkehrten Ritter erdkde (1822) teil 1, 63; hautmalerei und tätowirungen kehren in allen welttheilen wieder O. Peschel völkerkde (1874) 23; es kommt ... vor, dasz eine oder die andere (erd-)schicht ... in verschiedener tiefe ein oder mehrmal wiederkehrt Allmers marschenbuch (³1900) 68; jeder mensch ... hat menschliches eigensein, das auszer ihm nicht wiederkehrt Nic. Hartmann ethik (1926) 463.
6)
das partizip präsens ist attributiv und prädikativ häufig bezeugt, ohne wesentliche bedeutungsnuancen auszubilden. die belege fügen sich vorwiegend den bedeutungen 2, 4 und 5 ein. einzelne verwendungen gewinnen eine gewisse selbständigkeit; wie wi(e)derkehrreim (s. d.): die widerkehrende reime bestehen hierin, dasz in dem gantzen carmine nur eine reimung sey Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 437. als sprachwiss. terminus 'reflexiv': 'ich verwundere, freue, tröste' ..., welche bey sich ein wiederkehrendes vornennwort haben (um 1630) Ratke schr. z. dt. gramm. 2, 216 Ising; in acht nehmen kann auch theils ein wiederkehrendes, theils ein wirksames zeitwort seyn Gottsched beob. (1758) 272. wiederkehrende raͤder, oder triebe, s. wechselrad (ebda 162ᵃ) Jacobsson technol. wb. 8 (1795) 197ᵃ. in der astronomie: jenseits dieser wiederkehrenden weltkörper (planeten u. kometen) A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 376. als ausdruck der rechtssprache und des zahlungsverkehrs wiederkehrende lasten oder leistungen: reallasten, d. h. verpflichtungen zu wiederkehrenden leistungen (zahlung von geldbeträgen, leistung von diensten, entrichtung von naturalien), welche dem jeweiligen eigentümer oder besitzer eines grundstücks obliegen hdwb. d. staatswiss. (1898) 1, 5ᵃ; die regelmäszig wiederkehrenden lasten nach dem verhältnis der dauer seiner verpflichtung ... zu tragen BGB § 103; wiederkehrende leistungen handelsgesetzb. § 216.
7)
wiederkehren, n., substantivierter inf. fast nur zum intransitivum (s. bes. 2 u. 3); bedeutungen und gebrauch entsprechen wiederkehr, f.; häufig belegt sind die verbindungen ohne, kein wiederkehren: daz funfte, daz si (die weltabgekehrte seele) kein widirkerin habe uffe forgencliche dinc paradisus anime int. 61, 31 Strauch; er (der feind) sol úch do wirs tuͦn, das ir im gevolget hant; do enist kein wider keren Tauler pred. 326 Vetter;
(sie) haben wiederstrebet
und in allen sünden gelebet
ahn rew und busz, ahn wider-kern,
was man sie thet vermanen und lern
Hans Sachs 11, 401 lit. ver.;
o zeit! die ohne wiederkehren
nur einmal so geschwind verfliegt!
Schwabe belust. (1741) 1, 239;
seine todten mag der feind betrauern:
denn sie liegen ohne wiederkehren
Göthe I 6, 248 W.;
wo deiner kindheit goldne tage ... dahin flogen, auf nimmermehr wiederkehren Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 252.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1072, Z. 29.

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Zitationshilfe
„widerkehren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerkehren>.

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