Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerkriegen, wiederkriegen, vb.

wi(e)derkriegen, vb.,
widerstreiten, entgegenstehen; wiedererlangen, zurückbekommen. mhd. widerkrîgen, mnd. wedderkrigen, mnl. wedercrigen, nl. weerkrijgen, daneben mhd. widercriec, m. Lexer 3, 841, mnd. wedderkrich, m. Schiller-Lübben 5, 629ᵃ. zusammensetzung von wider 'gegen', bzw. wieder 'zurück' mit zwei hauptbedeutungen von kriegen teil 5, sp. 2223, die vom sprachgefühl als zwei wörter aufgefaszt werden, in ihrem ursprung aber nicht zu scheiden sind.
A.
zu kriegen II 'streiten' teil 5, sp. 2228; vgl. widerkrieg und die ahd. glossierungen für obstinato animo uuidircregilinimo mote (9. jh.), uuiderchriegelinemo muote (9. jh.), uuidargregilinimo moate (10. jh.) ahd. gll. 1, 390, 1 St.-S. häufig in frühen wbb.: repugnare wider kriegen (1429 hd.) Diefenbach nov. gl. 317ᵃ; rebellare widderkriegen (15. jh. md.) ders., gl. 486ᵃ, s. ferner s. v. oppugnare, reluctari, reniti. literarisch nicht häufig bezeugt. 'sich widersetzen':
si begonden widerkrigen
unde sprachen, si enwesten nicht
von derselben geschicht,
wes daz zeichen (das kreuz) were
passional 270ᵇ Köpke;
si enmusten aldâ (vor dem bilde) nîgen.
da enwas kein widerkrîgen
Marienlegenden ²241 Pfeiffer;
also balde es den geistlichen oren wurt in gerunet, so súllent sú rehte geswinde ane alles widerkriegen sich do von nebent sich keren uf das neheste Seuse dt. schr. 504 Bihlm.; vnde wedderkrighet gy nicht (rebellare) teghen den konink Nehem. 2, 19, Lübecker bibel (1494). 'feindlich entgegensein': deu zwai (planeten) sint allen fruhten und allem leben widerkriegend Konrad v. Megenberg dt. sphära 5 M.; der (eine wind) haizzt ze deutsch raubfruht, dar uͤmb daz er kalt ist an seiner kraft und dem leben widerkrigend und allen fruͤhten ebda 17.
B.
zu kriegen III, teil 5, sp. 2232, 'zurückbekommen, wiedererlangen'. belege (zunächst vorwiegend aus nd. quellen) seit dem 14. jh.; in der nhd. schriftsprache als umgangssprachlich (ähnlich kriegen, s. teil 5, sp. 2252) gemieden; verbreitet in nd. maa.: wêerkrîgen wieder bekommen; wieder einholen: gâ langsen weg, ek krîge dek doch wêer Schambach Göttingen 290ᵇ; wîerkrîgen wiederbekommen Woeste westf. 323ᵃ; widderkrige zurückbekommen Hönig Köln 201ᵇ; weerkrigen Frederking Hahlen 171ᵇ; s. bes. wedderkriegen (androhung von rache: töf, dat kriggst du wedder!) Mensing schlesw.-holst. 5, 561. nur selten in histor. wbb.: rehibere weder kryegen (1507) Diefenbach gl. 212ᶜ; wiederkrigen Kramer t.-it. 1 (1700) 852; (nicht bei Adelung); umgangssprachlich Campe 5 (1811) 710ᵇ.
1)
nicht sicher zu belegen ist eine bedeutungsnuance 'streitend (d. h. prozessierend oder kämpfend) zurückerlangen', die an kriegen 'streiten' anschlieszt; hierher wohl: euincere widderkriegen (15. jh., md.) Diefenbach gl. 212ᶜ; vgl. erkriegen teil 5, sp. 2234. zufrühest (und wohl nur nd.) rechtssprachlich: wultu aver ene scenden, so lat ene den ed don, unde aneva dar na din ding, so helpet eme sin ed nichtes nicht unde du crigest dat dine wedder (du irkrigest das dyne wol md. var., ebenfalls 1382) richtsteig landsrechts 11, 3 Homeyer; do beden dejenne, de we dar ghesand hadden, den ghemeynen rad: offt we de were des parehoves to sunte Vlrike konden wedder krighen myt breven eder myt unser heren unde ffrunde hulpe (Braunschweig) städtechron. 16, 40;
das der koͤnig durch gottes gnad,
das verlorne land solt widerkriegn,
und wider seine feinde siegn
Pape Jonas rhythmicus (1605) B 4ᵃ.
2)
zurückerhalten, wiederbekommen: 10 D Hinrike vam Harte gegeven vor eynen sadel den he nicht wedderkreich, alse he dem marggraven den hengest brachte (1504 Braunschweig) städtechron. 16, 538; gehe nu hin, vnd suche einen trewen gesellen, der vmb seinen lohn mit dir ziehe, das du solch gelt bey meinem leben wider kriegest (dum adhuc vivo, recipias eam) Luther Tob. 5, 4; was soll ich aber thun, dasz ich sie (die silberne gabel) wiederkriege Gottsched dt. schaubühne (1741) 2, 319; (tagebuchnotiz:) den ring wiederkriegt (1777) Göthe III 1, 43 W. verliehenes wiederbekommen:
daneben war christlich bestelt,
das man alln armen burgren lehck,
op man oft schohn nix wider krehck
M. Friedwald elbing. pr. gesch. 143ᵇ Toeppen;
du erhältst hierbey den Prometheus ..., doch sorge, dasz ich ihn gewisz heut über acht tage wiederkriege Göthe IV 20, 58 W.; (er) strich ... das geld ein und sagte mit schelmischem schmunzeln: bleibt gesund, bis ihr's wiederkriegt M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 28. uneigentlich und auf abstraktes bezogen: meinest du (lügenteufel), du wollest das licht wiederkriegen? J. Böhme s. w. 2, 82 Schiebler; Flavius genasz zwar von seiner wunde, aber er kriegte sein auge nicht wieder Lohenstein Arminius (1689) 2, 1096ᵃ;
wenn aber ein mädchen ihren kranz verliert,
nimmer kriegt sie ihn wieder
Herder 25, 185 S.;
er soll seinen verstand da (in England) wieder kriegen Shakespeare 3 (1798) 330; (davon) kriegt die Dore ihren dienst nicht wieder Holtei erz. schr. (1861) 7, 181. sprichwörtlich: man weisz wol, was man hat, aber man weisz nicht, was man widerkriegt Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Oo 6ᵇ; mit weinen kriegt man keinen todten wider ebda Pp 6ᵃ; was man nicht kan wiederkriegen, musz man vergessen desperata ne plores Aler dict. (1727) 2, 2191ᵇ —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1091, Z. 51.

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Zitationshilfe
„widerkriegen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerkriegen>.

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