Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerlage, wiederlage, f.

wi(e)derlage, f.,

eingebettete Stichwörter in diesem Artikel

schadenersatz; unterlage, stütze. as. uuiderlaga, afries. witherlaga (m.), mhd. widerlâge, mnd. wedderlach, -lage, mnl. wederlage Verwijs-Verdam 9, 1935; aus dem mnd. ins dän. entlehnt: vederlag ordb. over d. danske sprog 26, 755. wohl vorwiegend in semantischem anschlusz an widerlegen, vgl. auch widerlege, -legung und -lager, bezeichnet widerlage allgemein eine sache oder einen gegenstand, der einem anderen (als sicherung, rückhalt oder tragende basis) entgegen gesetzt ist. nur friesisch zu widerlegen 3 obniti: witherlaga (gegenparthei) m. Richthofen altfries. wb.; witherlaga adversarius, tegenpartij Hettema id. fris. 574. die mehrzahl der älteren belege bezieht sich auf den unter 1 b dargestellten gebrauch 'donatio propter nuptias'; erst in neuerer zeit wird widerlage bezeichnung für zahlreiche gegenstände und vorrichtungen der bautechnik. vereinzelt sind die folg. verwendungen; im sinne 'gegenstück':
ni uuet helido man
thes uuities uuidarlaga thes thar uueros thiggeat
an themu inferne irminthioda
Heliand 2640 Sievers.
der einem andern entgegengesetzte ort: und der punct der im geleichs widersehend ist und aller verst von dem sternhimel ist, der haizzet deu widerlag der aufhöhen (oppositum augis) Konrad v. Megenberg dt. sphära 41 Matthaei; in der alten welt gehen die gebirgszüge ... von westen nach osten, ... in Amerika hingegen, der widerlage der alten welt, von süden nach norden Hegel w. (1832) I 7, 442. 'widersetzlichkeit', vgl. widerlegen 3:
zu Munchen wolde er sich begeben,
ob er die state mochte haben.
als des heten wol entsaben
die frunt und ouch die mâge,
sunder widerlâge
stercten si im drûf den sin
Marienlegenden ²155 Pfeiffer.
'widerlegung': zu widerlag etlicher einbildungen unter den untertanen (1600) in: schweiz. id. 3, 1165. das seit dem 13. jh. vereinzelt, seit 1400 literar. gut bezeugte wort ist bis Schottel (s. u.) und Stieler stammb. (1691) 1117 kaum gebucht: widirlage objectum (1340) Konrad v. Heinrichau voc. 378ᵇ Gusinde.
1)
rechtssprachlich.
a)
in schwach bezeugten verwendungen 'schadenersatz, wiedergutmachung': de wedderlage des schaden to vorderende (1393) Lübecker urkundenb. 4, 645; (der) abt (hat) wider angehalten ..., im um die erliten scheden von den zway stotten Norling und Schwebischenwerd widerlag ze thon (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 316 lit. ver.; er liesz ouch die künig, so kaiser Tiberius über billichs irer landen entsetzt und beroubt hatt, widerum zuͦ dem iren komen, mit widerlag renten und gülten, so sich mitler zeit verloffen und in des fürsten sekel komen warend J. v. Watt dt. hist. schr. 3, 45 G.; darmit solchen schmehern das maul zu verstopffen vmb solcher auszgiessung widerlag vnd bekehrung geschehen muͤge Fronsperger kriegsb. 1 (1573) A 4ᵇ; wiederlage erstattung, rückzahlung (18. jh.) Bauer-Collitz Waldeck 181. entsprechend im sinne 'erkenntlichkeit': daher kompts, dasz man allein den reichen gibt, dann an armen weisz man nichts zugewinnen und hoffet keiner widerlag sprichw. (1591) 227ᵇ.
b)
das zur sicherung des heiratsgutes der frau hinterlegte äquivalent (vgl. widerlegung 1 b); wiederlag donatio propter nuptias Schottel haubtspr. (1663) 653; Hayme jurist. lex. (1738) 1332: (güter,) die ein man seiner gemahel zuͦ widerlage, genannt donationem propter nuptias, macht oder zuͦ bringt d. stat Worms reformation (1513) 58ᵃ; hat obgemelte graͤffin ... ansuchen lassen, jre morgengab und widerlag, auch widumb ... zulassen B. Hertzog chron. Alsatiae (1592) 5, 40; (es ist) nicht alle zeit nötig, dasz der hochzeiterin ehesteur und desz hochzeiters widerlag gleich seyen bad. landrecht (1622) 4, 24; es musz auch eine tochter das empfangene heurathsgut, und der sohn die brautgab oder schanckung oder wiederlag, so sie von ihren elteren bekommen, beytragen churf. mayntzische landr. u. ordn. (1755) 17 § 2; aus dem heirathsvertrag (Mozarts) ... geht hervor, dasz das heirathsgut 500 fl., die widerlage 1000 fl. betrug O. Jahn Mozart (1856) 3, 156 anm. 38; Neuenhewen mit zubehör könne als widerlage der mitgift einer Hohenberger tochter an dieses haus gekommen ... sein Scheffel ges. w. (1907) 3, 57.
2)
im bereich der technik.
a)
als sachbezeichnung. die verstärkung einer festungs- oder wallmauer: wiederlagen (contreforts) sind grosze stuͤtzen ..., die an der futtermauer innerhalb des walles, bis oben an das mauerband geleget, um die erde des walles desto besser zu halten Hübner cur. nat.-kunst. lex. (1712) 1364; contre-forts strebepfeiler, strebemauren, wiederlagen Fäsch kriegs- ingen.-seelex. (1726) 67ᵃ; die terrassenartigen widerlagen der stadtmauer Göthe I 47, 291 W. bergbautechn.: widerlage, eine in gehoͤriger weite und tiefe in das liegende gehauene holung, darein ein stempel mit dem fusz eingesetzet, und mit dem kopf schief über den gang oder den stolln, in den anfall geleget werden kan, bergm. wb. (Chemnitz 1778) 604; so auch Jacobsson techn. wb. (1781) 4, 645; Richter berg- u. hüttenlex. (1805) 2, 635. pfeiler und mauern, die dem schub der gewölbe oder bögen widerstehen: widerlagen ... müssen, zumal wenn der bogen sehr grosz, oder gedruckt ist, sonderlich starck seyn allg. haush.-lex. (1749) 1, 599ᵃ; an der widerlage müssen alle gewölber am breitesten angelegt werden Voch baupraktik (1780) 83; Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 565; ungeheure wiederlagen von backstein wurden da aufgefuͤhrt, wo die bogen weggebrochen waren Strombeck darstellungen (1835) 4, 212; sobald der nördliche thurm so hoch ist, dass er die nöthige widerlage bildet, kann das ganze mittelschiff überwölbt werden Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 227. im brückenbau: brückenpfeiler und widerlagen allg. dt. bibl., anh. zu bd. 37/52 (1771 f.) 415; die zwey aͤuszersten mauern an den ufern, welche stärker als die brückenpfeiler werden müssen Jacobsson techn. wb. 4 (1784) 645ᵇ; die widerlagen ..., auf denen die brücke ruht Ritter erdkde (1822) 9, 155. gelegentlich allgemein im sinne 'auflage, unterlage': (der infanterist) haͤlt die lanze mit beiden haͤnden vor und laͤszt das unterste ende derselben an dem schilde eine widerlage haben (1789) Möser w. 5, 35 Abeken; nur weil ... der schenkel dieses fuszes eine widerlage am pfosten der lucke fand, ... war ihm so viel anhalt geboten H. Laube ges. schr. (1875) 15, 446; eine an die tischplatte befestigte wiederlage Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 640.
b)
vom vorigen her auch die ausgeübte stützkraft: so viel also die fugen schwaͤcher zusammen halten als der stein, so viel widerlage wird dabey (beim bauen) nothwendig allg. dt. bibl. (1765) 18, 502; indessen drückte die hohe kuppel dieses prächtige gebäude, welches besonders gegen den wall zu zu wenig widerlage hatte Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 2, 605.
3)
im anschlusz an gebrauchsweisen von 2 'stütze, rückhalt'; stark bildlich: Theoderich ward ... gedrängt, das an sich unhaltbare zu halten und ein altes, morsches gebäude mit neuen, aber ungenügenden widerlagen zu stützen Schlosser weltgesch. (1815) 4, 536;
stützt euch hier, und dort beschicket
eine widerlage,
dasz, wenn etwa hier es knicket,
es euch dort noch trage
Rückert ges. poet. w. (1867) 2, 22.
in abgeblasztem bilde: der stolz — die beste widerlage gegen weichliche thränen Jean Paul w. 7/10, 353 Hempel u. ö.; es scheint, dasz der dichter seiner etwas luftigen und allgemeinen allegorie durch jenes historische ingrediens eine widerlage hat geben wollen Immermann w. 20, 169 Hempel; jenem sehnen, jener flucht des gegemüths aus dem diesseits eine widerlage, einen bestimmten gegenstand zu geben D. Fr. Strausz ges. w. (1876) 1, 148. — selten bezeugte zusammensetzungen:
widerlagfläche widerlagsfläche f.:
(der gewölbe) auflagerfläche ... (heiszt) gewölbesohle oder widerlagsfläche Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 4, 652. —
widerlagfuge widerlagsfuge f.:
(die) aufstandsfläche der gewölbanfänger, wird meist als widerlagsfuge in der widerlagslinie sichtbar Mothes ill. baulex. (1881) 2, 453. —
widerlaghöhe widerlagshöhe f.:
'höhe von der widerlagslinie bis zur oberkante der hintermauerung' Mothes baulex. (1881) 4, 479. —
widerlaglinie widerlagslinie f.:
'die anfangslinie des gewölbes' Müller-Mothes (1877) 985ᵇ. —
widerlagmauer widerlagsmauer f.:
die geschwindigkeit ..., die mit der entfernung von der widerlagsmauer wächst allg. dt. bibl. (1765) 68, 144; widerlagsmauern oder widerlager Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 4, 651. —
widerlagmauerwerk widerlagsmauerwerk n.:
(es ist) ein gröszerer materialaufwand im widerlagsmauerwerk nothwendig Karmarsch-Heeren techn. wb. (1877) 2, 75. —
widerlagpfeiler widerlagspfeiler m.:
der bogenträger ... erfordert ... stärkere widerlagspfeiler als der balkenträger Karmarsch-Heeren techn. wb. (1877) 2, 96. —
widerlagstärke widerlagsstärke f.:
'mauerstärke, welche das widerlager unbedingt haben musz, um nicht dem gewölbdruck zu weichen' Mothes ill. baulex. (1881) 4, 479.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1095, Z. 49.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wettermännlein widerprellen
Zitationshilfe
„widerlagsmauerwerk“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerlagsmauerwerk>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)