Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerlegung, wiederlegung, f.

wi(e)derlegung, f.,
'hinterlegter gegenwert'; 'nachweis der unrichtigkeit'. verbalsubst. zu wi(e)derlegen (s. d.). mhd. widerlegunge, mnd. wedderlegginge, mnl. wederlegginghe Verwijs-Verdam 9, 1936. das wort ist in bed. 1 mhd. und frühnhd. gut bezeugt; die in neuerer sprache allein geläufige bedeutung 2 tritt erst im 16. jh. hervor; entsprechend buchen die histor. wbb.: recompensa vel recompensatio widerlegung (1466) Diefenbach nov. gl. 314ᵇ; wider legung des heirat gutz dotalicium dos aractaua vel arrago voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 2ᵇ; dos propter nuptias widerlegung Schöpper synonyma (1550) e 7ᶜ; compensatio widerlegung, vergleichung Frischlin nomencl. (1586) 242ᵃ. dagegen erst seit der 2. hälfte des 16. jhs.: refutatio, ableinung, widerlegung Frischlin nomencl. (1586) 216ᵃ; contradictio widersprechung, widerlegung Calepinus XI ling. (1598) 327ᵃ; infirmatio schwechung, widerlegung ebda 723ᵃ; wiederlegung confutatio, refutatio Steinbach dt. wb. (1734) 1, 1022. Schottel trennt orthographisch: wiederlegung und wiederkehrung vocatur dos contraria seu antifactum, aliud est widerlegung, widerkehrung haubtspr. (1663) 653. Stieler unterscheidet: wiederlegung refutatio, wiedererlegung restitutio stammb. (1691) 1117. vereinzelt im anschlusz an widerlegen 3 im sinne 'aufsässigkeit' (vgl. oppositio widder legunge, weder leginge [15. jh., md.] Diefenbach gl. 398ᵇ):
dasz dergleichen auffrhur, erregung,
vnd widerspaͤnstig widerlegung
kein history nie hat gemeldt
Fischart Garg. 455 ndr.
1)
zu widerlegen 2.
a)
zu erwartende oder rechtlich zu fordernde ersatzleistung, vergütung, wiedergutmachung für einen erlittenen schaden. gut bezeugt vom 13. bis 17. jh. (s. die belege bei Fischer schwäb. 6, 784, vgl. im ganzen späteres und in verwendung 1 b bis in neueste zeit reichendes wi(e)derlage): ze einer widerlegunge der gabe, so hant der meister dez huses vnd die brvͦdere von Thungstetten gegeben vrvͦ Elizabeth siner wirti, ein schuͦpossen (kleineres grundstück) ze Lotzwile (1277) corp. d. altdt. originalurk. 1, 313 Fr. Wilhelm; haben wir gegeben vnd bewiset dem gotshuͦs ... ewiger gulte fumfzik phennige ... zu einer wider leguͦnge des oppfers vnd aller nuͤtze (1338) mon. Boica 40, 193; kaiser Hainrich hat erworben die abschaidung von Wirtzburg und darausz gemacht das bistumb zu Bamberg, zu widerlegung den von Wirtzburg gegeben Meningen und das grabfelt (1488) städtechron. 3, 75; die Saxen sollen jm geben für jr auffrhuͦr ein gebürliche widerlegung S. Franck Germ. chron. (1538) 113ᵃ; der, dem dasselbig vich zugehörig, (soll dem,) dem der schad beschehen, ... den abtrag und widerlegung thun (1555) österr. weist. 2, 142; der diern umb widerlegung irer ehr kain klag gebürn österr. weist. 5, 684; die ausspeiszungen gegen unserm hofgesündt ... fürther genzlich abgeschafft sein, dargegen aber uff begebende fäll volgende wüderlegung beschehen ... solle (1614) dt. hofordn. 2, 154 Kern. zurückzahlung, wiedererstattung: Sempronius der nechst lehens erb, nach dem Titus gestorben, mag diesen teil, on widderlegung des ausgegebnen gelts, bekomen deudsch lehenrecht (1533) E 1ᵃ; (dasz ein pflegekind) das verwendete gut gegen wiederlegung des kauffschillings wiederum an sich ziehen moͤge Hohberg georg. cur. 3, 1 (1715) 11ᵇ.
b)
speziell für die gegengabe zur sicherung des von der frau in die ehe eingebrachten heiratsgutes: funftzehenhundert geschok grozzer Beheimischer pfennig, für ir zuschatzz, widerlegung vnd morgengab (1341) mon. Zollerana 3, 72; ebda 3, 92; wir ... vnserr gemaheln zu widerlegung auzrichten sullen fumf vnd vierczig tausent guldein (1374) ebda 4, 298; sin verlassen witwe ... hirätguͤtz, widerlegung und morgengaub (1472) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 103; (sie eröffnet) irem schwager ..., das er ir die morgengab sampt dem zugebrachten heiratgut und widerlegung ... zu handen stellen wölte Zimmer. chron. ²1, 366 Barack; was der mann dem weibe zubringet, heisst widerlegung Harsdörffer d. poet. trichter 3 (1653) 261. von gegenseitigen vermächtnissen der ehegatten: es verspricht den beiden ehegemächten je eins dem andern zu rechter widerlegung zu geben 1000 fl. (1655) in: schweiz. id. 3, 1192.
c)
geldliche einlage für ein handelsgeschäft zweier oder mehrerer kaufleute, die zur gegenseitigen finanziellen sicherung ein kapital von vereinbarter grösze hinterlegen; das wort findet sich in dieser bedeutung häufig in quellen des 14./15. jhs. aus dem einfluszgebiet der Hanse und des deutschen ordens (vgl. Schiller-Lübben 5, 630ᵇ; Sattler handelsrechn. d. dt. ordens IX).
α)
der hinterlegte geldbetrag: quod ... Rotherus ... dimisit et dedit repositionem vulgariter dictam wedderleghinge (1350) liv.-esth.- u. curländ. urkundenb. 2, 535 Bunge; item habe wir abegerechent mit Allexander Wynkelman, alle ding abegeslagen ... usgenomen dy widderlegunge (1410) handelsrechn. d. dt. ordens 54 Sattler; van desser vorgescreuener wedderlegginge (197 mark) bört my de verde pennyngh, vnde myt dessem vorgescreuenem golde so hebbe ik selschop myt Cord Landesberghe (1426) urkundenb. d. st. Lübeck 6, 724.
β)
wendungen wie in widerlegung mit jmdm umschreiben die auf kapitalshinterlegung beruhende geschäftspartnerschaft: vnd hedde ok ienich man cumpanie mit den voorseiden manne, dat es to verstane als van wedderleghinghe eder gheselscap van copmanschepe (1354) Hanseat. urk. 2, 399; wir haben yn wedirlegunge mit Herman Gral unserm dyner, der do lit in Schotlande, 200 m. (1404) handelsrechn. d. dt. ordens 11 Sattler; item so hat der grosscheffir von Marienburg wedirlegunge mit Petir Korner seynem legir czum Elbinge, 400 m. halb unser halb seyn (1417) ebda 61 u. ö.; de heren ... Didercke Wulschen veer pipen olies, de mit unsen borgeren in seltscopp, in wedderlecginge vnde in kopenscoppen is (1446) urkundenb. d. st. Lübeck 8, 382; ebda 426.
d)
frühnhd. häufig allgemein 'vergeltung' bald als strafe, bald als belohnung: ir entphacht vom herrn den widergelt (var. widerlegung) des erbs (retributionem haereditatis) (Coloss. 3, 24) erste dt. bibel 2, 192 Kurr. (Luther: vergeltung); daz ist ein beger eyner widerlegung des freuels Terenz deutsch (1499) 73ᵃ gl.; aber die froͤd vnd widerlegung der saͤligen ist on alles end Keisersberg pred. teütsch (1508) 95ᵃ; vnd damit ich auch eures zugeschickten büchleins ain gleichmeszige widerlegung thue, so sende ich euch hiemit, was wir yetzo bey vns allhier newes haben (1530) bei Luther 30, 2, 216 W.; der die guͦtthat entphahet, wirt dem von dem ers emfahet, die widerlegung mit gwin schuldig S. Franck sprüchw. (1541) 2, 44ᵇ; in seiner erbaͤrmde pflegt er ... sich mehr der gütigkeit, dann einer gleichen widerlegung und vergeltung zugebrauchen Schweickhart zu Helfenstein Basilius Magnus (1591) 224.
2)
erweis der unrichtigkeit einer behauptung, eines sachverhaltes; zu widerlegen 4 und wie dieses seit dem 16. jh. mit zunehmender häufigkeit bezeugt.
a)
als nomen actionis (häufig in verbalverbindungen, der widerlegung bedürfen, wert sein u. ä.): eyn yglicher on alle mühesame widerlegung yhr (der gottlosen) so offentliche und greyffliche narrheyt richten ... mag (1524) bei Luther 15, 125 W.; bachanterey ..., vnwürdig aines gelehrten mans widerlegung Joh. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 2, 257ᵇ; diss alles, meins gedunckens, ist gar vngereümt vnd bedarff ... einicher widerlegung Xylander Polybius (1574) 9; disz vnd anders bracht ich fuͤr, zu widerlegung seiner einred Schweigger reyszbeschr. (1619) 17;
dass jener narr aus blinder bossheit ein weib und vieh vor eins erklärt,
das ist vielmehr der schaͤrffsten peitschen als vieler wiederlegung
wehrt
Joh. Chr. Günther ged. (1735) 425;
Goeze ... wäre krank und müsste alle tage zwey stunden reiten ..., die er sonst zu meiner widerlegung bestimmt gehabt hätte Lessing 18, 296 L.-M.; mit einer ernsten widerlegung dieser meinung beschäftigt H. Heine s. w. 3, 17 Elster; unklarheit ... der betrachtungen erschwert ... deren widerlegung Boltzmann popul. schr. (1905) 113.
b)
als nomen acti (nicht immer von a zu trennen) 'gegenteilige lehrauffassung, gegenbeweis': ich achte aber darvor, es erscheine ausz ... meinen ... widerlegungen gnugsam abzunehmen Agyrta grillenvertreiber (1670) 3, 64; der gelehrten ... meynungen und wiederlegungen ... anfuͤhren Hohberg georg. cur. (1682) 2, 453; ich musz daher auf die in der zeitschrift ... gegebene widerlegung des herrn W. zurückgehen Brunn kl. schr. (1898) 1, 40; ginge dem Varro seine kühnheit gut hinaus, dann wäre das eine widerlegung des Fronto Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 80.
c)
eine abhandlung, schrift, in der oder durch die widerlegt wird (s. widerlegungsschrift): da eine heftige schrift und widerlegung der lehre Lutheri aus Rom auf denselbigen reichstag geschickt wurde (1533) bei Luther tischr. 3, 47 W.; es sey kein passquill, sondern eine widerlegung meiner schrifften Schupp schr. (1663) 628; auszuͤge aus herr prof. Breitingers widerlegung der lettres Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 138; in einer als handschrift verbreiteten widerlegung sprach (einer) ... von böhmischem gift Ranke s. w. (1867) 1, 213. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1108, Z. 63.

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Zitationshilfe
„widerlegung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerlegung>.

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