Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widermut, m., (n. f.)

widermut, m. (n., f.),
feindseligkeit; ungemach; mutlosigkeit. ahd. widarmuot, widarmôti; ags. wiþermêdu(-o), -mêd, -e Bosworth-Toller 1251ᵇ; mhd. widermüete, -muot; mnd. weddermôt Schiller-Lübben 5, 632ᵃ; mnl. wedermoet Verwijs-Verdam 9, 1943. ahd. (zufrühest Benediktinerregel 8. jh.) häufig in gll.: detrimentum uuid armuati. scadun (9. jh.) ahd. gl. 2, 49, 33 St.-S.; iniuria uuidarmoti (9. jh.) ebda 147, 40; iniuriarum uuidarmuoto (9. jh.) ebda 168, 17. wie mut ist das kompos. im ahd. fast durchweg neutrum (so bei Otfrid und Notker); belege für das fem. finden sich in den gll. und verbreitet bis ins 14. jh. das mask. setzt sich mhd. durch (vgl. dazu teil 5, sp. 2782). das wort ist nur bis anf. d. 17. jhs. geläufig, lebt aber vereinzelt in westdt. maa.: 'widermuth ekel, abscheu, widerwille' Kehrein Nassau 1, 445; widermutt widerwillen luxemb. ma. 487; wiədermaud widerwille Woeste Westf. 322ᵇ. lexikal. selten belegt: calamitas widdermut sim. wedermuͦt (15. jh., md. mit neigung z. nd.) Diefenbach gl. 88ᵇ; contrarietas wedermode (15. jh. nd.); weddermod aduersitas (nd.) nov. gl. 111ᵇ; angore se dissoluit animus schlacht den kummer vnd widermuͦt ausz Frisius dict. (1556) 91ᵇ; später nur noch Stieler: wiedermut contrarietas, mens adversa, stammb. (1691) 1299; als veraltet bei Campe 5 (1811) 701ᵃ.
1)
gegen jemanden gerichtete feindliche gesinnung, jemanden bedrängende widrigkeit (von 2 nicht immer klar zu trennen).
a)
'feindseligkeit', 'widerwärtigkeit', bald mehr im sinne einer affektischen gesinnung oder haltung und bald einer (äuszeren) not und bedrängnis: sed et preceptum domini in aduersis (gl. in uuidarvvarteem) et iniuriis (gl. in uuidarmuatim) per pacientiam adimplentes Benediktinerregel bei Steinmeyer sprachd. 214, 26; ih harete aber ze gote ... unde er gehiêlt mih unde nam mih ûzzer diên uuidermuôten (ego autem ad deum clamaui et dominus saluabit me) Notker ps. 54, 17 Piper; di virde frucht ist gedult in widermude Eckhart Rube in: paradisus anime intell. 71 Strauch;
also wirdt ob des kargen gut
offt hader, zanck unnd wider-mut,
undter den erben palgen und fechten
Hans Sachs 3, 509 lit. ver.
Alalcomenes sol disen Jupiter gelernet haben, wie er mit list die Juno wider zuͦ jm prächte, do sie ausz widermuͦt jnn zorn von jme gangen J. Herold heydenweldt (1554) h 2ᵃ; hergegen het er gar ein grossen widermut und hasz gegen allen ketzern Fabricius auszzug bewerter hist. (1599) 45; in solchem sinem grossen elend vnd widermut habe er gepetten Sant Thiebolt (1628) in: Alemannia 16, 230.
b)
zwischen 'widerwärtigkeit' und 'ungemach' und zuweilen 'unglück' nahekommend, steht widermut in den folgenden, zumeist alten verbalverbindungen. jemandem geschieht oder widerfährt widermut: mir geschêhent aduersa (gl. uuidermuôte) Notker ps. 37, 20 P.; da reyt sie hinweg mit yren zweyn kinden in den walt ... und kam uff eyn schonen plan ... da geschach ir ein grosz wieddermuͦt Lancelot 1, 17 Kluge; dovon, ob vns iht widermuͦtes widerfert von vnserm ebenkristen, das süllen wir in durch got fürgeben vnd süllent vns über sü erbarmen (1362) elsäss. pred. in: Alemannia 2, 22. widermut (er)leiden:
der alt und der junger
muͦs liden durst und hunger
und maͤnig wider múte
in dirr sin flútte
an lieber ding verlúste
von hitze und von gefrúste
der sœlden hort 417 Adrian;
Gregorius: welle wir unserz herren gerechtekeit merken, und daz wir nicht ungemachez noch widermutez liden mugen dan mit siner verhencnisse d. hl. regel 69 Priebsch. bis ins frühnhd. belegt ist widermut (an-)tun unrecht, leid zufügen: vvidarmuati nituan, uzzan kitanaz kedultlihho ketragan (iniuriam non facere; sed facta pacienter sufferre, 8. jh.) Benediktinerregel bei Steinmeyer sprachdenkm. 204, 25;
salig, thie in noti thultent arabeiti,
then man bi iro guati duit ofto uuidarmuati
Otfrid II 16, 30 Erdmann;
der ist iro herezogo. sie sint sîne milites (gl. tegena). irbelgent sih cedri unde tuont siê in molestias (gl. uuidermuôte) alde scandala (gl. lêid) Notker 2, 437 Piper; di anderen vrowen hetten si wuͦr eine grunt dorin und daten ir manic dusint widermuͦte ane d. hl. regel 60 Priebsch;
vnd felt im zu ein widermut
den im ein narr vff erden thut
Murner narrenbeschwörung 243 ndr.
2)
ein (den menschen bedrückender) durch äuszere oder innere ursachen hervorgerufener seelisch-geistiger zustand.
a)
mutlosigkeit, trübsal, schwermut:
halt unsih in notin   fon allen widarmuatin,
thaz muazin uuir biwankon   then abahen githankon
Otfrid II 24, 23 Erdmann;
bi der sunnen undergange ist bezaichent betruͤbsalli und widermuͦt St. Georgener pred. 122 Rieder;
dann bei uns steht all ding scheulich,
keyn freyd nit bei uns wonen thut,
alleyn trauren und widermuͦt
Wickram w. 7, 190 Bolte;
er seie in einen sölchen widermut gefallen, dass er allerdingen verwirrt worden (1640) schweiz. id. 4, 585.
b)
ärger, zorn, schlechte laune: nu sagt uns die history furbas von Lancelot, das im so grosz zorn in sin hercz qwem und so grosz wieddermüde zuhant, da er von myn herren Ywan ... gescheiden was, das er gedacht, weren im vierczig ritter zu komen, er hett sie alle bestanden als ein Lancelot 1, 550 Kluge; dez herzen frode vnde friheit ane boese geluste ist dem libe gar gesunt. zorn, sorge vnde widermuote swendet die craft vnde den lip (13. jh.) Meinauer naturlehre bei Wackernagel 7;
er (Potiphar) hat jm nichts behalten vor,
das er mich liesz nit wissen zwar,
dann deinen werden leib alleyn,
hat er jm vorbehalten reyn,
so schlag ausz deinen widermuͦt,
vnd nimmt, bit dich, mein red für gut
(1540) Thiebold Gart Joseph 692 E. Schmidt;
die fraͤud, damit man den maͤnnern allen widermut vnd vnlust vertreiben solt, machen sie (manche ehefrrauen) mit jren verdrieszlichen groben sitten gar bitter vnd vngut
Fischart w. 3, 327 Hauffen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1121, Z. 19.

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Zitationshilfe
„widermut“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widermut>.

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