Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widernatürlich, adj.

widernatürlich, adj.,
der natur zuwider. gegenüber unnatürlich (teil 10, 3, sp. 1205) hat das wort in neuerer zeitden begriff 'wider die natur gehend oder seiend' stärker ausgeprägt und so die bedeutung gewonnen 'das gefühl des naturgemäszen und naturgewohnten beleidigendWeygand synon. (1852) 3, 877. ältere belege und die hist. wbb. (ausgenommen Kramer widernatürlich contro-naturale v. eckelhaft t.-ital. 2 [1702] 112ᵃ) lassen diese differenzierung nicht erkennen: 'prodigium ein widernatürlich, vnglücklich zeichen ... etwas das vnnatürlich ist vnd vnglück anzeigt' Frisius dict. (1556) 1065ᵃ; wieder natürlich praeternaturalis, unnatürlich contra naturam Stieler stammb. (1691) 39; unnatürlich quod praeter naturam est, wiedernatürlich praeternaturalis Steinbach dt. wb. (1734) 2, 114. die jüngere auffassung betrifft vor allem zuwiderhandlungen (verhaltensweisen und gewohnheiten) gegen (vermeintliche) gebote der natur. so schon bei Megenberg (s. 3 a); vgl. ferner Herder und Hegel unter 3 c sowie 3 d und 4 a; in übertragenem sinne 4 d, auch 4 e. das zufrühest bei Konrad v. Megenberg auftretende, dann erst wieder im 16. jh. bezeugte wort ist häufiger seit der mitte des 18. jhs. belegt. kaum mundartlich: wëdernatyrlik unnatürlich Jensen nordfries. 683.
1)
im sinne 'auszer- und übernatürlich' (s. teil 11, 2, sp. 435) von wundern und wunderartigem geschehen. nur wenige belege: prodigio simile ein wunderbar ding, vnnatürlich, widernatürlich Frisius dict. (1556) 1065ᵃ; ettlicher theil (der specialia mysteria) ist geworden zu meerwundern, widernatuͤrlichs lauffs aller elementen: ettliche theil zu nymphen Paracelsus opera (1616) 2, 4ᶜ; dasz die salbung der haͤnd die allerbeste vnnd gewisseste artzney fuͤr das boͤsz vnnd bloͤd gehoͤr sey, wuͤrden sie zweifels ohn vnder die grossen wunderwerck der natur, wie aber ich sorge, vnder die ober- oder widernatuͤrlichen schreiben vnd zehlen muͤssen Guarinonius grewel (1610) 318; für jede noch so seltsame, noch so wider- und übernatürliche christliche sage hatte die zeit den lebendigsten glauben Gervinus gesch. d. dt. dichtg. (1853) 1, 174; wunderbare herkunft vom himmel her, königlichen stammbaum, widernatürliche wunderzeichen, auferstehung Frenssen Hilligenlei (1905) 574.
2)
selten ist die seit Luther bezeugte bedeutung 'widerstreitend'; von (mehreren) dingen oder sachverhalten, die sich in ihrem wesen unterscheiden und einander entgegenstehn: hoffnunge und verzweiffelung sind widdereinander ..., die zwey wider natuͤrliche ding muͦssen ynn uns sein, darum das zwen widder natuͦrliche menschen ynn uns sind, der alte und der newe Luther 18, 518 W.; denn was ist es wohl anders, das sie in der poesie ersonnen haben, als buots-rimez (endreime), da man der vernunft entsagen muz, um ... die widernatuͤrlichsten dinge in einige verbindung zu bringen Schwabe belust. (1741) 1, 7. substantiviert: vom hundertsten in's tausendste springend und dabei selbst das widernatürlichste ineinander nestelnd Gutzkow ges. w. (1872) 9, 256.
3)
'der norm oder dem gesetz der natur zuwiderlaufend.' die belege beziehen sich grösztenteils auf das physische und psychische leben des menschen.
a)
von körperlichen funktionen und vorgängen (zeugung, geburt, wachstum): ez sei dan, ... daz diu wunder komen von den widernatürleichen werken der menschen, die sich vermischent zuo dem vich, sam diu wunder, diu onocentauri haizent, die sint oben menschen unz an die gürteln und sint niden ohsen (1349/50) Konrad v. Megenberg buch d. natur 486 Pfeiffer; widernatürlich aber ist diejenige (geburt), wo die füsze oder der hintere des kindes zuerst kommen Hübner cur. naturlex. (1776) 744. als adv. mit dem nebensinn 'ungewöhnlich': der widernatürlich langsame puls Bremser mediz. paroem. (1804) 295; ihre persönlichen reize, deren fast widernatürlich frühe entfaltung ihr instinktartig bewuszt geworden Holtei erz. schr. (1861) 6, 132.
b)
krankhafte veränderung, abnorme beschaffenheit oder lage einzelner organe und körperteile bezeichnend: und hieher gehöret ... auch und zwahr fuͤrnehmlich die wiedernatuͤrlich aufkochung ... des gebluͤts in hitzigen fiebern Sturm kurtzer begriff d. physic (1713) 213; (sektionsbericht:) die linke lunge war kleiner als die rechte und schien von widernatürlich groszem herzbeutel verdrungen Schiller 1, 53 G.; die widernatürliche lage des zahns Göthe IV 13, 22 W.; Brentano zieht ... eine parallele zwischen dichteradern und gänselebern, folgert aus beider widernatürlicher grösze auf einen siechen körper Gaudy s. w. (1844) 21, 108.
c)
vom zwange und dem ergebnis des zwanges, durch den der körper oder seine teile aus der normalen lage gebracht werden: wo man zugleich zeigen solte, wie weit der zwang der minen und geberden einzurichten, damit sie nicht gar zu widernatürlich heraus kommen Chr. v. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (1720) 135; bei jenen völkern (Mongolen) bemerkten wir die ungestalten füsze und ohren; wahrscheinlich gab ... eine ähnliche ungestalt zu jenem widernatürlichen fusszwange (der Chinesen) ... anlasz Herder 13, 217 S.; den zwang irgend einer widernatürlichen haltung oder stellung des leibes Hegel w. (1832) 11, 298.
d)
in bezug auf das innenleben des menschen.
α)
von abnormen, dem natürlichen gefühlsleben zuwiderlaufenden affekten: voll widernatuͤrlicher begeisterung und aberglaͤubischer traͤumerey, verliessen sie (die Therapeuten) ihre weiber ... und guͤter, lebten abgesondert in cellen Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 145; (er) zeigt, wie der mensch eine widernatürliche liebe und freundschaft am liebsten gerade ans häszlichste verschwende Herder 22, 85 S.; das bild des mannes ..., der ich hätte werden müssen, hätte nicht mein vater den keim der wahren grösze aus widernatürlichem hasz in meiner brust erdrückt Klinger w. 1 (1815) 5.
β)
vom selbstgewollten oder durch äuszere umstände erzwungenen verzicht und dem dadurch verursachten zustand: was das arme kind sich mühe giebt, ihr gefühl uns zu verbergen, die tausend nadelstiche, die das kleine herz durchbohren! solche widernatürlichen affecte rächen sich Alexis ruhe (1852) 4, 160; es ist schwer genug, den verhältnissen ein so widernatürliches opfer zu bringen, wie ich es durch meine freiwillige entsagung gethan. macht mir's nicht noch schwerer und wollt mich nicht verkuppeln Holtei erz. schr. (1861) 7, 221; alles andere leid mildert sich mit den jahren; mein zustand aber wird (durch die unheilbare erkrankung seiner frau) mit jedem monat unwahrer, widernatürlicher, unerträglicher (1890) Treitschke br. 3, 617 Corn.
4)
in erweiterter verwendung entwickelt widernatürlich neue bedeutungsnuancen, wobei jedoch die vorstellung 'gegen die natur' (einer sache, gegebenheit) vorherrschend bleibt.
a)
natürlicher lebensgewohnheit und existenzweise entgegen:
... ain alte schewr on meus.
und ein alter belz on leus,
und ain alter bock on bart:
das ist alles widernaturlich art
Wackernagel altdt. lesebuch 1029.
von nichtgemäszem erziehungsgrundsatz: wenn die regel nun albern und widernatuͤrlich ist, und die jungen leute diess fuͤhlen, so werden sie auch keine neigung haben, sie zu befolgen Salzmann ameisenbüchl. (1806) 53. vom unterdrückten mitteilungsbedürfnis: der kritikus selbst wird nicht so unhoͤflich seyn und ... von dem groͤszten theile des schoͤnen geschlechtes in den spinnrockenstuben ... ein widernatuͤrliches stillschweigen erwarten Kästner verm. schr. 2 (1772) 66; ihr müsst gestehen, dass es etwas höchst widernatürliches ist, wenn der mensch dasjenige, was er in sich selbst erzeugt ... hat, auch in sich verschliessen will Schleiermacher reden üb. d. religion (1879) 181.
b)
der besonderen natur eines menschen, eines volkes zuwider, fremd: denn fremder und widernatürlicher hätte ihm (Garve) wohl nichts sein koͤnnen als historie Schleiermacher in: Athenäum (1798) 3, 135; (die Römer) hatten, wie gesagt, nur einen ansatz von poesie, die ihnen eigentlich stets widernatürlich blieb Fr. Schlegel s. w. (1846) 5, 179. ihm, dem marschall Vorwärts war das „rückwärts, rückwärts stolzer Cid“ ein widernatürlicher gräuel Raumer erinn. (1850) 77.
c)
ethischer norm, sitte und brauch zuwider.
α)
mit dem nebensinn 'obszön':
allhier, Sodoma, nicht die mansbild ungehewer
gegen einander brennt, wieder-natuͤrlich fewer
T. Hübner der beruff (1622) 23;
der weise mann hatte ihm (Kritias) einst seine viehische und widernatuͤrliche geilheit mit harten worten verwiesen M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 2, 85; (die) Aleuten, die ... durch ihre widernatürlichen ausschweifungen berüchtigt sind Peschel völkerkde (1874) 229.
β)
von ausgeklügelten, ausgefallenen genüssen: die auf widernatuͤrliche delicatessen und andere schwelgereyen verschwendete ungeheure summen Fr. K. v. Moser d. herr u. d. diener (1759) 57; (wir werden) mit widernatürlichen bedürfnissen und genüssen genährt Gervinus dt. dichtg. (1853) 1, 8.
d)
der als natürlich aufgefaszten politischen (oder gesellschaftlichen) ordnung widersprechend: zu merken ist ..., dasz es nach den ansichten des mittelalters unpassend und widernatürlich gewesen wäre, wenn alle städte die reichsunmittelbarkeit erlangt hätten Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 5, 279; da sie (die legitimisten) eine konstitution als widernatürlich und widerrechtlich ansehen, gestehen sie ihm (dem könig) das königliche recht zu, unsittlich zu handeln (1841) Lachmann an J. Grimm in: briefw. 2, 720 Leitzm.; in unserm widernatürlich gespaltnen vaterland (1848) Jacob Grimm an Gervinus, in: Hofmannsthal dt. leseb. 2, 8; es hat etwas widernatürliches, wenn man die katholischen regierungen sämmtlich in so grossen zwistigkeiten mit dem römischen hofe erblickt Ranke s. w. (1867) 39, 125. auch: was für bewegungen erregt das in der bürgerlichen welt, wenn ein doctor die tochter seines schusters heurathet? alle kaffeegesellschaften, alle wochenstuben schreyen ach und weh über diese widernatürliche verbindung Rabener s. schr. (1777) 3, 322.
e)
im bereich des geistigen, in literatur und kunst; etwas ist oder erscheint dem betrachtenden oder urteilenden unnatürlich, der wirklichkeit widersprechend. prädikativ, von religiösen und philos. vorstellungen: Epikur läszt seine götter über den wolken, ohne freud, ohne leid, rein als kräfte leben: ich finde diese vorstellungsart so widernatürlich garnicht (1832) Wilhelmine v. Zielinsky an Pückler in: briefw. u. tageb. (1873) 7, 407; (die philister) begreifen nur viereckige sachen, alles andere ist widernatürlich und schwärmerei Brentano ges. schr. (1852) 5, 417. von der art der darstellung, der handlung und dem dichter selbst 'gekünstelt, unwahr': die widernatürlichen künsteleien aus dem verlangen, sich vortheilhaft zu unterscheiden, drohen zuerst der kunst den verfall Hagedorn bei Justi Winckelmann (1866) 1, 359; wer will, wer mag sie lesen? ... dies urtheil ... (geht) auf jeden widernatürlichen, wahre verhältnisse des lebens zerstörenden dichter Herder 18, 99 S.; der einzige in Österreich lebende groteskeste und sittlich verkröpfteste und widernatürlichste poet (Hebbel ist) kein Österreicher (1850) Stifter briefw. 2 (1918) 53. in bildender kunst, vom äuszeren des dargestellten. stark bildlich der folg. beleg: welche (bildlein) verschlossen ein spoͤtliche und widernatürliche gestalt eines zinckenblesers hetten, aber geoffent bald ein goͤtlich bildnusz antzeigeten Erasmus, Sileni Alcibiadis (1525) A 2ᵃ; wie viel, sowol ganze gebaͤude, als einzelne zimmer, sieht man nicht, wo unnuͤtze oder gar widernatuͤrliche zierrathen die augen ... auf sich ziehen Sulzer theorie d. schönen künste (1792) 2, 17; die gotische statue steht nicht, sondern eigentlich schwebt sie; der gotische kontraposto ist widernatürlich, er weisz nichts von dem mechanismus der glieder und gelenke Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 84.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1127, Z. 23.

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Zitationshilfe
„widernatürlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widernat%C3%BCrlich>.

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