Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerraten, vb.

widerraten, vb.,
abraten; 'durch (guten) rat zu hindern suchen' Adelung 4 (1801) 1523. mhd. widerrâten, mnd. wedderraden, mnl. wederraden, s. Verwijs-Verdam 9, 1950. das zu raten 3 'anweisen, belehren, rat geben' teil 8, sp. 177) gebildete wort ist seit mhd. zeit (zufrühest Nibelungenlied) reich bezeugt, ohne nennenswerte änderungen in bedeutung und anwendung zu erfahren. zu den gelegentlich auftretenden schwachen verbformen vgl. raten 1 a und b: die (minister) ihme (dem sultan) den krieg gegen der christenheit widerrateten Abr. a s. Clara auff, auff, ihr christen 40 ndr. s. u. Hartlieb unter 1 a β. vereinzelt steht die attributive verwendung des part. prät.: also dasz (er) mehr ehre ... erwarb, weil er den unglücklichen ausgang dieses wiederrathenen sturmes ihnen so treulich wahrgesagt hatte Lohenstein Arminius (1689) 2, 1073ᵇ. in hist. wbb. seit dem 15. jh. gebucht, anfänglich noch selten, später durchgehend (bes. für dissuadere): disconsulere wider roten (md. 1440) Diefenbach gl. 184ᶜ; wider raten (1470) ders., ml.-hd.-böhm. wb. 99; ontraeden of wederraden gemma gemm. (Köln 1495) B 5ᵇ; dissuadeo, dehortor ich widerrat Alberus dict. (1540) mm 1ᵇ; dehortari abmanen, widerraaten Frisius dict. (1556) 380ᵇ; wiederrahten revocare, avocare, abstrahere aliqvem a proposito Stieler stammb. (1691) 1515; Kramer t.-it. 2 (1702) 254ᶜ.
1)
mit persönlichem subjekt.
a)
im allgemeinen gebrauch der verschiedensten anwendungsbereiche (bes. vom polit., relig., ärztlichen rat) durchgehend häufig bezeugt.
α)
mit akkusativ der sache:
ich wil mit üch von hinnan varn.
das wider riett do menig held
Göttweiger Trojanerkrieg 7353 Koppitz;
frome diener können offt nicht alles billichen, was die herrn furnemen, und mussens widderraten Luther 51, 230 W.; Albrecht von Schwartzburg ... widerriethe alweg den krieg wider die Polen Hennenberger erclerung d. pr. landtaffel (1595) 46; (ein werk,) dessen lectüre ... eher widerrathen als empfohlen werden dürfte Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 143.
β)
selten mit dat. d. person, vereinzelt mit dat. d. sache:
herre wer wær der,
der iu sô reiniclîcher ger
widerriet od umbe waz?
got wær billîch dem gehaz
(um 1260) Herrand v. Wildonie 166 Kummer;
do er so fleissig vmb jr lieb waz, so widerratet sy jm vnd wolt seiner lieb nit haben Hartlieb d. buch Ovidij v. d. liebe (1482) 86ᵇ;
der gottberatnen widerrat ich nicht
Geibel ges. w. 7 (1893) 41;
beide hatten meiner ernennung widerraten Winnig heimkehr (1935) 226.
γ)
sehr häufig mit dativ d. person u. akkus. d. sache; 'einem etwas miszrahten, widerrahten' Kramer t.-ital. 2 (1702) 254ᶜ: neyn, sprach er, das solt ir nit sprechen, das möcht mir nymant wiedderraten, ich musze zu Claudas farn, ich han keyn angst, das er mich döte Lancelot 1, 106 Kluge; der keyser ... wolde suchin das heylige grab in siner personen unde bereyte groz czu. das wart ym widir rotin von sinen bestin md. Marco Polo 71 Tscharner; welche, wann ihnen der teuffel die meditation widerrathen, sie ihm haben gefolget Moscherosch gesichte (1650) 1, 442; die zimmerleute widerrathen allen bauherren das faule holtz Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 575; er will wieder nach Leipzig gehen und ich darf es ihm nicht wiederrathen Lessing 17, 216 L.-M.; was haben wir einstmals den nierenkranken nicht alles widerraten Carossa tag d. j. arztes (1955) 75.
δ)
mit infinitiv- (oder dasz-)satz: viel myr wydderratten, yhm als eynem offentlichem lugener und lesterer zu antworten Luther 7, 271 W.; derhalben wiederrithen die ertzte der Clarae, das sie jhn nicht solte also berühren Barth weiberspiegel (1565) E 3ᵇ; Segesthes ... widerraͤth den frieden zu brechen Lohenstein Arminius (1689) 1, 2; ich widerrathe die schulen zu klein zu machen P. de Lagarde dt. schr. (1886) 343.
b)
in wenigen, meist frühen belegen mit vertiefter wortbedeutung (vgl. raten 3 a [teil 8, sp. 177] als 'heiszen, befehlen'). 'drohend und warnend abraten':
dô rief von Tenemarke der marcgrâve Îrinc
...
nu brinc mir mîn gewæfen: jâ wil ich Hagenen bestân.
daz wil ich widerrâten, sprach dô Hagene
der Nibelunge nôt 2029 Bartsch;
aus solchem artickel muͤgen genomen haben, die von mir sagen das ich weren und widder raten solle, zustreiten widder den Tuͤrcken Luther 30, 2, 108 W.;
diesz Caͤsar, wage nicht! ich widerrath' es dir
Ayrenhoff s. w. (1814) 1, 120.
nahezu 'untersagen': ich geschweige der siben freyen kuͤnst, welche ich euch, ... als zu schwehr vnd subtilig zu lernen, widerrhat vnd verbiete Scheit Grobianus 9 ndr.; wenn bei diesen vnsern zeiten der secten allerlei sangbuͤcher zubrauchen widerraten vnd verbotten wirt, so hat das nicht die meinung, als wolle man das gute hindern (1582) C. Ulenberg bei Kehrein kirchenl. 1, 105.
2)
mit nichtpersönlichem subjekt, das zunächst umschreibend für die widerratende person steht:
den krieg darr ich nit schaiden
gen frawen noch gen maiden,
ze grosz wuͤrd mein vngelimpff,
das in ernst oder in schimpff
mein synn das widerrieten
liederbuch d. Hätzlerin 268ᵇ Haltaus;
die bess're überzeugung widerräth's Immermann w. 16, 490 H.; er gab sich ihr (der empfindung) nun, wo es die klugheit nicht widerrieth, ohne weitere scrupel hin M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 35. meist mit dat. d. person: er haͤtte dan seinen credit ... verlieren wollen, welches jhm aber die hoffart maͤchtig widerrieht Grimmelshausen Simpl. 496 Kögel; sollte sie sich umbringen? das widerrieth ihr die hoffnung Bürger w. 267 Bohtz; man tut viel, was einem die eigene vernunft widerrät Weigand gärten gottes (1930) 304. dann auch bei eigentlichen sachbegriffen:
doch dasz bisweilen seine thaten
das, was er lehret, widerrathen,
das weis ich schon
Croneck schr. (1766) 2, 302;
aber das sonnenlicht, das eben widerräth die knechtschaft mir, das läszt mich auf der entwürdigten erde nicht bleiben Hölderlin ges. dicht. 2, 169 Litzm.; fahrt nach dem strande. auszusteigen widerrieth der heftige rauhe wind (1807) mon. Germ. paed. 37, 384. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1141, Z. 4.

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Zitationshilfe
„widerraten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerraten>.

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