Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerrede, f.

widerrede, f.,
gegenrede, widerspruch; mhd. widerrede; mnd. wedderrede; mnl. wederrede; literarisch seit dem 12., lexikalisch seit dem 15. jh. zumeist in formelhaften wendungen bezeugt: anteca wedder rede (nd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 26ᵇ s. v. antitheta; epilogus eyn widde rede (obd. 15. jh.) ders., gl. 204ᶜ; didascalicus rede vel widerrede (voc. theut. 1482) ebda 180ᵇ; ἀντιλογία ein widerred, gegenred Er. Alberus dict. (1540) G 3ᵇ; sine controuersia on alle widerred, leichtlich on zweyfel Frisius dict. (1556) 326ᵃ; opponere widerred halten ebda 922ᵃ; widerrede, gegenrede contradiction Hulsius-Ravellus (1616) 411ᵃ; ohne alle ein- und widerrede absqve omni exceptione frivola Stieler stammb. (1691) 1546; widerrede contradittione, replica, oppositione Kramer t.-ital. 2 (1702) 294ᵃ; wiederrede, gegenrede contradiction Frisch nouv. dict. (1752) 711; widerrede Adelung 5 (1786) 203; mundartlich nur in einigen gegenden lebendig: widerred schweiz. id. 6, 540; widerredᵉ Fischer schwäb. 6, 788; i' kann ka' widerred vertrag'n Hügel Wien 189; widerrⁱed luxemb. ma. 487. im gegensatz zu widerspruch hat sich bei widerrede neben der des eigentlichen widersprechens oder entgegnens keine übertragene bedeutung entwickelt. nur ganz vereinzelt findet sich die wendung in widerrede sein, geraten 'sich im widerspruch, im streit befinden' (vgl. widerspruch sp. 1255 f.): wär auch, das ain gast sinem wirt oder wirtinn der zerung in widerred wär (Tirol 1485) österr. weist. 5, 353; wer dem anderen in widerred ist umb gült, da sol man das recht umb suechen (Tirol, ende 15. jh.) ebda 5, 257; ist aber die auswechselung (der gefangenen) oder ranzion in dem cartel nicht regulirt, oder man geräth dieserwegen in wiederrede Fleming d. vollk. soldat (1726) 316.
1)
die gegenrede, die (widersprechende) antwort:
er tet alsam der wîse man,
der lützel widerrede pfligt,
swâ man sîn wort unhôhe wigt
und man dar ûf niht ahten wil
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 18 221 Keller;
die absurden anschuldigungen ... sind seitdem, ohne dasz ich mich zu einer widerrede herabzulassen brauchte, aufs kläglichste verschollen H. Heine s. w. 2, 351 E.; sie hielt sich bei der frage ihres mannes nicht auf, als ob es auf ihren bescheid überhaupt keine widerrede gäbe, und verliesz im nächsten augenblick wieder das zimmer E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 92. abgeschwächt als blosze entgegnung auf etwas gesagtes: du bist allzu nachdencklich, war des printzen wiederrede Ziegler asiat. Banise (1689) 336. gewöhnlich in formelhafter wendung, wie rede und widerrede, in beiden schattierungen: auf demselben tag geschah vil red und widerred (Nürnberg 1449) städtechron. 2, 161; daruon (v. d. natur einer krankheit) seindt fil red vnd widerred, mancherley meinungen engstiklich disputiert worden Murner bei U. v. Hutten opera 5, 405 Böcking; das volck höret gott und Mosen reden auff dem berge, gott redet und Moses antwortet yhm, und das volck hörte also die rede und die widderrede (1525) Luther 16, 410 W.; also ward der raht vnter jhnen mit vielen worten vnnd widerreden beschlossen buch d. liebe (1587) 395ᵃ; zuletzt verknüpf ich aus reden und widerreden soviel, dasz der junge krämer auch die padagogische provinz durchzogen Göthe I 25, 1, 35 W.; nur ungern fügte sich Eck in die forderung, rede und widerrede durch notarien aufzeichnen zu lassen Ranke s. w. (1867) 1, 280. auch hin- und widerrede: hin und widerrede (bei den verhandlungen) (1521) v. d. Planitz berichte 49 Wülcker; sein lügennetz verwickelt alle hin- und wiederreden Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 113; nach allerlei ... hin- und widerrede schloss Johannes B. Auerbach schr. (1892) 14, 179, die jungen mädchen (lauschten) ... auf hin- und widerrede der übrigen E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 196.
2)
im rechtsverfahren; die replik, die (widersprechende) antwort des beklagten auf die vorgebrachte klage: sprichit he (der beklagte) abir ia, he habiz guitin werin, so sulin su beidi (kläger und beklagter) mi richteri giwis machi, di eini sinir clagi undi die andiri seiner widirreidi Mühlhäuser reichsrechtsbuch 117, 20 Meyer;
nun hon ir clag und widerred vernomen
mhd. minnereden 131 Matthaei;
wer zu rechten oder zu tagen hat gehabt, die haben ir sachen red und widerred in geschriften begert einzulegen (Salzburg 1519) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 128 Franz; erfindet sich aber in der klag oder widerrede, das die pen über fünf pfunt perner ist, so sol er (der landrichter) den stab mit urtail ausz der hant geben dem statrichter (Tirol 1744) österr. weist. 2, 205. hierher auch von einer gegenschrift in einem rechtsstreit: dis ist der tuͦcher widerrede uf die antwort der tuͦchscherer (1516) bei Schmoller Straszb. tucher- u. weberzunft (1879) 121. häufig begegnet das wort als viertes glied einer festen rechtsformel und bezeichnet die zweite erwiderung des beklagten auf die abermals erhobene anklage: als dann clage, antwurt, nochrede, widerrede und kuntschaff vor uns ergangen und gelant hat (Mergentheim 1444) oberrhein. stadtrechte 1, 176;
auf klag, antwort, red, widerred,
...
haben die rät erkant zu recht
Teuerdank 279 G.;
so soll alsdann nach klag, antwurt, red und widerred ... geurthailt werden (Tirol 16. jh.) österr. weist. 5, 647; fleissiges anhören vnnd betrachtung der klag vnd antwort, rede vnnd widerrede beyder partheyen Kirchhof militaris discipl. (1602) 250. daneben auch: dann so solten wir beider teile rede, antwort, widerrede und, was yetwederm teile ein notdurft ist furzubringen, verhoren und sie in einem rechten entscheiden (1438) chron. d. st. Bamberg 1, 339 Chroust.
3)
der widerspruch, einspruch, protest:
wan dâne ist widerrede niht
irn müezet morne vehten
mit zwein des tiuvels knehten
Hartmann v. Aue Iwein 6336 B.-L.;
die des thornes huten, die getruweten yn wol und lieszen sie off on wiedderrede Lancelot 1, 97, 30 Kluge; alles zu tragen und zu leiden und yn allem dissem kein behelffung noch entschuldigung noch wider rede noch rachung zu tun theol. deutsch 44 Mandel; wenn got kompt und spricht: du must sterben, so solt du berait sein on alle widerrede (1527) Luther 17, 2, 348 W.;
kert euch nichts an sein wiederredt,
bindt in ein bachdrog ir all bedt
den hartselig, besessen thummen
Hans Sachs 14, 303 lit. ver.;
(sie muszten) des Malovends ... befehl vollziehen; weil das kriegs-recht denen unteren keine vernünfftige widerrede ... erlaubt Lohenstein Arminius (1689) 2, 1196ᵃ; meine freundinn war so höflich, mich ohne widerrede, durch den garten zurück zu führen Schwabe belust. (1741) 4, 565; du hast mir in deinem leben noch keine wiederrede gegeben, denn du weist gar zu wohl, dasz du mir gehorsam schuldig bist Schiller 2, 137 G.; Lucie liess sich in der betäubung (zum tanze) fortziehen; sie fand das wort der widerrede nicht Stifter s. w. 1 (1904) 91; man begreift, dasz es (ein von Friedrich II. erlassenes manifest) ein unermeszliches aufsehen machte und mannigfaltige widerreden hervorrief, die nicht leichter hand abgewiesen werden konnten Ranke s. w. (1867) 30, 243; „natürlich kommst du zu uns!“ rief er ..., „keine widerrede“ H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 81; hier entlud sich etwas, gegen das es keine widerrede gab, etwas elementares, worüber nicht mehr zu streiten war Th. Mann ges. w. (1955) 1, 395; „nein, Hintze“, sagte er kühl, jede widerrede abschneidend Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 164. gelegentlich auch den schriftlich niedergelegten einwand bezeichnend: (du) darffest nicht dencken, das er (Zwingli) dir auff ein argument odder widderrede richtig unter augen gehe, sondern, gleich wie er auff diese erste widderrede gethan hat, so thut er fast auff alle andere Luther 26, 268 W.; Lainez erschien mehr mit einem werke als mit einer widerrede auf dem kampfplatz (Tridentin. konzil) Ranke s. w. (1867) 37, 133.
4)
ohne widerrede als formelhafte wendung.
a)
anknüpfend an 2 erhält ohne widerrede, namentlich in der rechtssprache, die bedeutung 'ohne einspruchsrecht; unbedingt, bestimmt': vn sol man dar an scriben zvͦ dem andern. obe dir Lvpfer breke oder widir chome siner glvbide. daz alliv div lêhen ... an ansprach vnd widerrede ledich sin (Konstanz 1251) corp. d. altdt. originalurk. 1, 27 W.;
des altirs tagemenege in twanch
das er von dirre welte schiet
und den gemeinin wec geriet,
der noch ze varnne ist uf geleit
gemeinliche al der menscheit
an alle widir rede fúr war
Rudolf v. Ems weltchron. 3318 E.;
da súllent denne die bösen engele, den si nu gevolget hant, wunder und jamer mit den machen, und fürent si ze lest mit in ane alle wider rede Tauler pred. 374, 23 Vetter; wenn ainer ain gut ze jaren gedingt hat, wenn die jare us sint, so sol es denn unbekumbret on all widerred ledig sin (Tirol 1427?) österr. weist. 4, 354; (man soll einen gotteslästerer) balde on alle widerrede vertilgen und ausrotten (1538) Luther 46, 757 W.; welchem auch also die sachen beuohlen, der soll ... schuldig sein, die ohne widerred anzunemmen houe gerichtsordn. d. pfalntzgrauen bey Rhein Friderich (1573) 41; (er soll) den zehent allermassen ... ohne einiche waigerung und widerröd geben (Salzburg 17. jh.) österr. weist. 1, 139; (er soll) zu erlegen schuldig sein ..., und zwar ohne weitere widerred oder weigerung, benanntlichen fünf und zwainzig gulden (Tirol 1716) ebda 3, 120; wer eine behausung ... hat, der ist schuldig ..., das dorfmairamt zu verrichten, wan die rod ('reihe') an ihn kommt, ohne alle widerrede (Tirol um 1766) ebda 4, 187; es sind daher nach der hand alle und iede verbunden, ohne widerrede zum werke, was durch die mehrheit der stimmen beschlossen worden, hand anzulegen (Tirol 1798) ebda 3, 347.
b)
im sinne von 'zweifellos, unbestreitbar', wenn ein (vernünftiger) einwand ausgeschlossen ist oder zu sein scheint:
der hymel ich me gesehen hab,
darinn solch narren sindt gesessen,
die ir vnd gots hondt beid vergessen
vnd meinten, was do glitzen thet,
es wer als goldt on wider redt
Murner narrenbeschwörung 226 ndr.;
das (wort Pauli: habt acht auf euch selbst) ist ja auch ein klarer text, daraus on alle widerrede folget, das unser herr Christus, durch des blut die kirche erworben ist, sey gott, des die kirchen ist (1535) Luther 41, 273 W.;
suchet Alithea sich under scherzen anzubringen,
diss ist ohne widerred' eines von erlaubten dingen
Grob dichter. versuchgabe (1678) titelbl.;
(d. abtreibung d. leibesfrucht) ist ohne wiederrede eine unmenschliche that discourse d. mahlern (1721) 2, 181; die freude, welche aeltern über ihre kinder empfinden, ist ohne widerrede die lebhafteste in dem umkreise aller irdischen vergnügungen Gellert s. schr. 7 (1839) 156; von diesem manne, der ohne widerrede einer der schönsten geister unter uns ist Lessing 8, 15 L.-M.; das tanzen ist ohne widerred die gröszte unterhaltung auf der welt Hafner ges. lustsp. (1812) 2, 121; es war ohne widerrede das, was wir zwischen personen verschiedenen geschlechtes liebe nennen würden Stifter s. w. 3 (1911) 246; nur am Niederrhein wurde er (ein bestimmter typus von altären) unmittelbar rezipiert, und ohne widerrede steht er künstlerisch tiefer als der oberdeutsche Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 173.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1145, Z. 56.

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Zitationshilfe
„widerrede“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerrede>.

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