Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

widerruf1, m.

¹widerruf, m.,
bezeichnung verschiedener kräuter, sog. berufkräuter. 1) erigeron can. L. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 2, sp. 279. 2) glechoma hederacea L. 'gundermann': widerruf Söhns unsere pflanzen (²1899) 30; s. Brockhaus 20 (¹⁵1935) 291ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1153, Z. 50.

widerruf2, m.

²widerruf, m.,
das gegenrufen; echo; zurücknahme einer äuszerung, aufhebung. mhd. widerruof(t), mnd. wedderrôp, mnl. wederroep Verwijs-Verdam 9, 1952. das im mhd. (zufrühest im Parzival) gegenüber widerrufen, vb., (s. d.) nur selten bezeugte wort wird häufig im 16. jh. und ist in der gegenwart bes. rechtssprachlich und in gehobener sprache (in den mundartwbb. nicht gebucht) allgemein geläufig. lexikalisch seit dem 15. jh. (bes. für revocatio, palinodia, retractatio): repressalie (terminus legistarum) widder roiff (md., 15. jh.), weder rauff (md., 15. jh.) Diefenbach gl. 493ᵇ; reuocatio, retractatio, recentus, recantatio, palinodia widderruff Alberus dict. (1540) b 4ᵇ; retractatio widerruͦff Frisius dict. (1556) 1158ᵇ; widerruff le desdire, disdimento Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 411ᵃ: widerruf palinodia, revocatio, contradictio Stieler stammb. (1691) 1631; wider-ruff rivocatione, ritrattatione Kramer t.-ital. 2 (1702) 382ᶜ; wiederruff retractatio, palinodia Steinbach dt. wb. (1734) 2, 309.
1)
gegenruf, widerspruch (nur mhd.):
„Thabronit' und 'Thasmê“ (kampfruf des gegners)
den wart hie widerruoft gewegn
Wolfram v. Eschenbach Parzival 744, 1 L.;
als ouch die muter diz gesach,
daz si stete vant widerruf
und nicht nach iren willen schuf,
do muste si ez lan bestan
passional 342ᵇ Köpke;
der inre ruͦf der bot fúr gotes kraft und sin hilf; der widerruͦf meinde, es enwer kein zwivel an gotes gewalt, es weri aber zwivellich, ob er welle Seuse dt. schr. 8 Bihlm.
2)
echo, widerhall, nur selten seit dem 16. jh. bezeugt (vgl. widerrufen 2):
hoͤret die lieder wie ahrtig sie klingen,
welche mein Buchner erfindet und uͤbt,
dasz sie auch selbsten der wider-ruf liebt
Zesen verm. Helikon (1656) 1, B 8ᵇ;
der lockruf widerruf und echo werckt
Paul Ernst d. kaiserbuch (1923) 1, 1, 95.
als terminus für eine poetische figur: das ich der echo oder des widerruffes zue ende der woͤrter gedencke, thue ich ... dem Dousa zue ehren (1624) Opitz buch v. d. dt. poeterei 24 ndr.; hieher gehoͤren eigentlich der gegen- oder wiederruff, welches wort fuͤr das lateinische echo fuͤglich kan gebrauchet werden ... als, wer hoͤret was ich sag? gegenhall: sag? Harsdörffer poet. trichter (1647) 2, 41; s. oben widerhall sp. 1026; widerhallen sp. 1030.
3)
eine (öffentliche) erklärung, durch die eine frühere äuszerung zurückgenommen, als nichtig bezeichnet wird. in dieser bedeutung seit ende 15. jhs. vor allem im bereich theologischer auseinandersetzungen und in der sprache des rechts.
a)
widerruf einer religiösen (ketzerischen) überzeugung, lehre; oft mit bes. betonung des zwanges oder der nötigung, vgl. 'erzwungener widerruf, wenn man zunächst durch äuszere mittel, also nicht oder doch nicht blosz von einer überzeugung zur zurücknahme der früheren erklärung genöthigt wird' Krünitz öcon. encycl. 238 (1857) 569: zuͦ letst grifft man mir (einem prediger des evangeliums) nach dem leib vnd erwürgt mich, das ich nit so grossz achte, als ob man mich würff in einen thurn ..., oder zwüng mich zuͦ einem wideruff oder vertrib mich vom land Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 71 ndr.; (titel einer schrift, die sich gegen die lehre vom fegefeuer wendet:) ein widderruff vom fegefeur (1530) Luther 30, 2, 362 W.; man solle sich alles zu jm versehen vnd von jm gewarten, allein der flucht vnnd widerruffs nicht. stehen vnd bekennen wolt er im namen gottes, fliehen oder widerruffen köndte er nicht Mathesius hist. Luthers (1576) 22ᵃ; wie nun diese articul also verlesen, wolte man, der heylig Jacob solte sie ... mit einem hellen widerruff verdammen oder aber von dem scharpffrichter desz streichs gewertig seyn Spee tugendbuch (1649) 99; dasz sie die remonstranten ... auch ohne einigen widerruf zum heiligen abendmahl lassen wollen Leibniz dt. schr. 2, 246 G.;
Girolamo! du bist verloren!
den widerruf! sprich, ketzer sprich!
Lenau s. w. 555 Barthel;
Valentin Gentilis wäre später dasselbe geschehen (hinrichtung durch d. Calvinisten), hätte er sich nicht durch einen reuevollen widerruf gerettet Ranke s. w. (1867) 8, 126; und wenn ihr dem mädel wohlwollt, pfarrer von Lourdes, so bringt's beizeiten zum widerruf Werfel Bernadette (1948) 342.
b)
rechtssprachlich im engeren sinne: doch sollen hierinn die sachen iniuriarum, inn denen auff widerruͦff geklagt ... durch den kleger inn seiner klag aestimirt werden d. keyserl. maiestat cammergerichtsordn. (1555) 106ᵇ; wuͤrde er (Kotzebue) von jeder gerichtsstelle nicht wenigstens zum widerrufe seiner laͤsterungen (gegenüber Kleopatra) und zu einer erniedrigenden abbitte verdammet werden? Ayrenhoff s. w. (1814) 2, 203; die widerruflichkeit kann ... auf den fall beschränkt werden, dasz ein wichtiger grund für den widerruf vorliegt BGB § 27, abs. 2. im geldverkehr: der bankier ... muss die zahlung ... weigern, auf den widerruf des ausstellers hdwb. d. staatswiss. (1898) 3, 27.
c)
in allgemeinem gebrauch. widerruf einer schriftlich festgelegten vereinbarung: widerruf des edicts von Nantes Herder 23, 81 S.; Barnave ... setzte hernach den widerruf desselben (dekrets) zum vortheil seiner neuen freunde durch J. G. Forster s. schr. (1843) 9, 30; jenen wiederruf des religionsfriedens Fr. Schlegel s. w. (1846) 14, 191; hier steht ja ein förmlicher widerruf des testamentes Nestroy ges. w. (1890) 3, 144. widerruf einer (falschen) aussage, einer verleumdung: widerruff, wann man etwas vbels geredt hat disdetta, ritrattamento d'vna cosa detta Hulsius t.-it. (1618) 1, 276ᵇ; er selbst ... ihn die lugen vor die warheit durch einen widerruff zu bekennen zwingen würde Grimmelshausen 2, 578 Keller; ich begehre nur den widerruf dieser unwahrheit Rosegger schr. (1895) II 14, 347; selbst im widerruf bleibt er (Goebbels) noch ein lügner Klemperer l. t. i. (1949) 240. widerruf von nachrichten, soviel wie 'dementi': dasz sie (die herzogin) den todten prinz Louis gekränzt habe ... ich sehe, dasz ein wiederruf dieser elendigkeit ist veranlaszt worden (1806) Göthe IV 19, 517 W.; versicherte ich die redaction von dem ungrund dieser nachricht, bittend um baldigen widerruf Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 421 anm.
d)
in verbaler verbindung widerruf tun eine beleidigung o. dgl. (öffentlich) zurücknehmen: darum dieselb vässlerin meister Niclausen oder siner hussfrowen ein widerruff tun sölt Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) r 5ᵃ; den schaden den er dir zufügt vnd das unrecht bistu nit schuldig im abzuͦlassen, wan er dich darfür bit, er thu dir den ein widerruͦff vor denen er es geredt hat Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 89ᵃ; warauff wir jhm in die rede helen vnd beym stab gebotten, allerseits frieden zu halten: vnd das Lælius wegen der luͤgenbestraffung solte widerruf thun Moscherosch gesichte (1650) 2, 207;
(könig zum alten Kaleb:)
nicht berühre meine kleider,
bis du widerruf gethan
Grillparzer s. w. 7, 163 Sauer.
einer sache abschwören: das er (der wiedertäufer) den widderruf offentlich thu in der kirchen (1539) bei Luther br. 8, 504 W.; da jhn (Luther) ein cardinal vermahnete, einen widerruff zuthun vnd das er nicht meinen solte, die fürsten würden jhn mit waffen verthaͤtigen, wo er dann bleiben wolte? antwortet er: vnder dem himmel Zinkgref apophthegmata (1628) 245; dasz Fichte keinen widerruf thut, freut mich von ihm Knebel literar. nachlasz (1835) 3, 42.
e)
in präpositionaler verbindung (s. unter b). auf widerruf überlassen, verleihen, ernennen, erteilen: jemand ... ein gewisses jagdrevier ... auf lebenslang ... auch wol erblich bis auf widerruf überlassen Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 254; die höfe wurden ... auch selbst auf willkührlichen widerruf verliehen Eichhorn dt. staats- u. rechtsgesch. (³1821) 1, 248; ein vom kaiser auf widerruf ernannter beamter Mommsen röm. gesch. (1894) 5, 510; hie und da ... kam es ... zu einer auf widerruf erteilten münzberechtigung Luschin v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. (1904) 229. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1153, Z. 55.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widerruf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerruf>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)