Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widerrufen, wiederrufen, vb.

wi(e)derrufen, vb.,
zurückrufen; widerhallen; für nichtig erklären, zurücknehmen. mhd. widerruofen, widerrüefen (st. u. sw.), mnd. wedderropen Schiller-Lübben 5, 633ᵃ, mnl. wederropen (ausführl. art.) Verwijs-Verdam 9, 1955, nnl. we(d)erroepen ('weinig gebruikelijk' neben herroepen) v. Dale n. gr. wb. ⁷2086ᵃ. das wort ist seit dem 13. jh. (bes. häufig im 16.) bezeugt und wird in neuerer zeit vor allem rechtssprachlich sowie allgemeiner in gehobener sprache gebraucht. seine nähe zu lat. revocare (vielleicht lehnprägung) sowohl in bedeutung 1 wie 3 (vgl. die lex. belege und die bibelstellen unten) zeigt sich auch in dem formelhaften gebrauch revocieren und widerrufen: ich sollte revociren und widerrufen, ich sollte nur ein wort sagen, revoco (1538) bei Luther tischr. 3, 662 W.; revocieren und widerruffen Kirchhof wendunmuth 3, 289 lit. ver.; revocieren, widerruefen und cassiern (16. jh.) österr. weist. 5, 685. wie bei rufen (vgl. teil 8, sp. 1397) finden sich auch beim kompos. seit beginn der bezeugung bis ins 18. jh. belege für das sw. vb., bei Luther häufig: fürsten widderrufften die freyheyt Luther 8, 287 W.; so sind wir bereit und woͤllens widderrufft haben ebda 26, 265 u. ö.; (sie) widerrufften Grasser schatzkammer (1610) 76. noch spät: sie unterzeichnete und wiederrufte den befehl Lessing 9, 278 L.-M. vorwiegend schwäbischalem. (nur frühnhd.) ist die (aus widerrüefen) entrundete form widerriefen: auf widerriefen (1494) österr. weist. 1, 295; reclamare widerrieffen gemma gemm. (Straszbg. 1508) x 3ᵇ; widerrieffen vnd verandern Gebweiler beschirmung d. lobs Marie (1523) A 3; (Augustinus) gezwungen warde, sein aigne geschrieften an vil orten wider rieffen Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 202 ndr.;
vnd in zuͦ wider rieffen bringt
Murner narrenbeschwörung 203 ndr.
lexikalisch seit anf. d. 15. jhs. (bes. für revocare, retractare) durchgehend: reclamare wider ruffen (15. jh., obd.), weder ruepen (1420, nd.) Diefenbach gl. 487ᵃ; reuocare widerruffen (1440, md.) ebda 497ᵇ; retractare wider ruffen (ende 15. jh.) ebda 496ᵇ; wider ruffen vnd sprechen reuocare, diffiteri, abrenunciare, voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 3ᵃ; reuocare, recino, retraho, retracto, prœuerto, palinodiam cano ich widderruf Alberus dict. (1540) b 4ᵇ; retractare widerruͤffen Frisius dict. (1556) 1158ᵃ; wiederrufen revocare, dicta retractare Stieler stammb. (1691) 1631; Kramer t.-it. 2 (1702) 382ᶜ; wiederruffen Steinbach dt. wb. (1734) 2, 309. gelegentlich steht der subst. inf. in präpos. verbindung (unz, bis) auf widerrufen (s. ²widerruf 3 e): uncz auf unser widerrufen (1385) bei O. Stolz d. Deutschtum in Südtirol 2 (1928) 187; bis auf der herrschaft widerrufen (1402?) österr. weist. 5, 186; auf widerruffen Lori baier. bergrecht (1764) 45.
1)
'zurückrufen', häufiger nur mhd. und frühnhd. in der sprache der bibel (bes. für revocare).
a)
eigentlich.
α)
wie das simplex häufig mit dat. d. person (s. Trebnitzer ps. unter b): svn frauw rieff im wiedder Lancelot 1, 41 Kluge; die jungfrauw kert sich umb und wolt hinweg geen. Claudas rieff ir wiedder ebda 51; jaget ein man ein wilt mit des herren urloube vor dem panforste, unde fliuhet ez dar în: er sol den hunden wider rüefen Schwabenspiegel, landr. 197 Wackernagel; do rüeftent im etlich wider (1525) schweiz. id. 6, 712; reuoco eim widerrüffen Frisius dict. (1556) 1160ᵃ; reclamer l'oiseau dem vogel widerrufen Duez nomencl. (1652) 194.
β)
mit akkus. d. person: dorumb gee vnd widerruͦff das kint Absolon (revoca puerum Absalom, 2. kön. 14, 21) erste dt. bib. 5, 184 Kurr.;
er war besorgt genug und rief mich dreimal wieder
Dusch verm. w. (1754) 529;
bei dem ersten wort der dienerin zum nachtheil des gefallenen mannes verbannt sie die gräfin, ruft sie aber gleich wieder Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 375.
b)
uneigentlich. zur gnade und zum glauben zurückrufen (hier deutlich unter einflusz des lat. revocare):
got mit sunderlichen roren
wirt waz troufen in ir oren
widerrufende sy gerade
zu hulden unde zu genade
Hiob 13 455 Karsten;
(die Römer) widerruͦfft der botte (Paulus) zu dem gewern vnd zuͦ dem ewangelischen gelauben Römer vorr. 3, erste dt. bib. 2, 10 Kurr. aus dem leben zurückrufen: nicht widerrufe mir in der halpscheide der tage min (ne revoces me in dimidio dierum meorum) Trebnitzer psalmen 101, 25 Pietsch (Luther: nim mich nicht weg ps. 102, 25); alles das got ... geschaffen hat in himel und in erden mit aller siner wisheit und guͤte, das hat er ... geton das er uns do mit wider ruͤffe und lade in unsern ursprung Tauler pred. 240 Vetter. ins leben zurückrufen: Cristum widerzeruffen von den doten (Christum a mortuis revocare, Römer 10, 7) erste dt. bib. 2, 42 Kurr.; so das kind ist tod? mag ich es denn furbas widerruffen? (nunquid potero revocare eum amplius?, 2. kön. 12, 23) ebda 5, 174; lasz mich ... meinen sohn wiederrufen Klinger w. (1809) 1, 85; man konnte die ermordeten nicht wiederrufen ins leben Zschokke ausgew. schr. (1824) 1, 340.
2)
im sinne 'widerhallen' vom echo. nur selten bezeugt (vgl. ²widerruf 2): nymphe, nun dein widerruffen ruffe mir S. v. Birken Pegnitzschäferey (1645) 29;
kein echo ist, das wiederruft;
kein westenwind spielt mit den zweigen
Triller poet. betrachtg. (1750) 2, 576;
es ist ein allgemeiner satz ..., dasz den mantel nach dem winde hängen, aus dem walde wiederrufen wie man hineinruft, recht ist Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 419;
im fels versteckt das echo übernimmt
es lustig und mit necken widerruft
Paul Ernst kaiserbuch (1927) 2, 1, 171.
3)
eine frühere entscheidung oder willensäuszerung für ungültig erklären. wohl ursprünglich in dem sinne 'zurückrufen' (wie lat. revocare, retractare, die in den hist. wbb. seit dem 15. jh. fast durchgehend mit widerrufen glossiert werden) gebraucht, doch setzt sich früh die vorstellung 'gegen'-rufen durch. das wort ist in dieser bedeutung seit dem 14. jh. (bes. im 16.) reich bezeugt. vorwiegend in verbindung mit dem akkus., häufig absolut gebraucht, vereinzelt mit dat.: diesen meinen worten kan ich auff dieses mal nicht widerruffen schausp. engl. comödianten 203 Creizenach.
a)
im rechtssprachlichen bereich. 'ein gewährtes (vor-) recht aufkündigen': wan wir in die gnad (die befreiung von diensten) nicht haben wollen oder widerrufen, daz si dann in dhainerlei weis schuldig ... sein zu der benannten bezalung (1304) österr. weist. 5, 184; ob denselben steden ... friheide oder privilegia von uns ... gegeben werden, die han wir widerroefen, widerachtet und vernichtet ... mit urkuͤnde disz brieffs (1374) dt. reichstagsakten 1, 14 Weizsäcker; vnd baten ... die belehnung dem churfuͤrsten geschehen zu wiederruffen vnd zu cassiren Micraelius altes Pommerland (1639) 1, 450; die voͤlker ... widerrieffen die rechte, die sie ihr (d. Hansa) ... verstattet hatten anh. z. allg. dt. bibl. (1771) 1/12, 16. eine schriftlich festgelegte übereinkunft widerrufen: die statt Basel (macht) mit dem vogt ... von Zuͤrich ein verstaͤndnuss ..., das soll bestan untz an ein widerruͤffen Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 259; wann ein vertrag ... verwilliget ist, dasz derselbe soll und musz bestaͤndiglich gehalten werden, obschon die eine parthey ... denselben wiederruffen und darwider protestirt hätte Hohberg georg. cur. (1715) 3, 1, 30ᵃ; (den vertrag,) den Ulrich bei seiner rückkehr unbesonnen genug gewesen war zu widerrufen Ranke s. w. (1867) 1, 266. 'eine verordnung, ein gesetz, urteil auszer kraft setzen': do widir rufte Chaam das gebot md. Marco Polo 14 Tscharner; vnser Esther beredet jhren koͤnig, das er sein eigen mandat widerruͤffet Mathesius ausgew. w. 2, 205 L.; da haben die andern ... dem Wascha bey zwantzig tausendt ducaten in rachen geschoben, dasz er das vrtheil widerruft Schweigger reyszbeschr. (1619) 175; er lag ihr (d. regentin) an, ihre neuen verordnungen zu widerrufen, durch welche den protestanten ihre freie religionsübung benommen sey Schiller 7, 262 G.; die repräsentanten sollen das recht haben, gesetze zu geben, zu verändern, zu widerrufen Ranke s. w. (1867) 4, 4. eine ernennung rückgängig machen:
(marquis:) der herzog Alba ist ernannt nach Flandern.
(königin:) ernannt — so hör' ich.
(marquis:) widerrufen kann
der könig nie. wir kennen ja den könig
Schiller 5, 2, 329 G.;
die bestellung zum mitgliede des aufsichtsrats kann ... widerrufen werden handelsgesetzb. § 243 abs. 3.
b)
im bereich religiöser auseinandersetzung vom widerruf einer als irrig erkannten religiösen lehrauffassung: wo etwasz da geschrieben were das da offenlich ader uszlegelich mocht syn widder got ..., wolde ich ... widder rufen J. Wolff beichtbüchl. 48 Battenberg; ob hierjnn (in dem buche) ain oder mer jrrig artickel oder vnrechtmässig maynung begriffen ..., dasselb bin jch erbütig ... zewiderrueeffen Berthold v. Chiemsee theologey 1 Reithm.; will ouch widerruͤffen alles, das er von der muͦter gottes und von den lieben heiligen hat geirrt Zwingli dt. schr. 1, 126 Sch. den glauben (die taufe, d. hl. schrift, ein gelübde) widerrufen: (ein hussit:) pfarrer, wiltu wedirrufen unde widersprechen, was du geprediget hast, so magistu behalden das leben (15. jh.) script. rer. Sil. 12, 3; solt ich denen so sich der geschrifft hieltend, ... jren schirm vsz den henden ryssen, vnd die gschrifft wideruͤffen vnd heissen liegen? Zwingli freiheit d. speisen 32 ndr.; ich (die nonne Florentina) were nu eyngesegent und hette gott durch die oppfferung des ringes ewige reynigkeyt verheyssen und geschworn, das kundt ich nicht widerruffen (1524) Luther 15, 90 W.; viel Christen, da sie umb jrs glaubens willen angefochten wurden ... wichen zu rücke, verleugneten jre tauff und widerrufften jren glauben (1537) ebda 45, 28. vom widerruf einer der herrschenden glaubenslehre widerstreitenden ('ketzerischen') lehre oder lehrmeinung (häufig bes. in der reformationszeit): das ich aber solt widderruffen meyne lere, da wirt nichts ausz (1520) Luther 7, 9 W.;
mit trotz vnd list man an jhn schleich,
widderrufen er solte:
der Luther nicht ein harbreit weich
vnd solches nicht thun wolte
(1564) bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 193ᵇ;
wie noͤthig es waͤre, ... dasz er ... vor dem konsistorium seine irrigen meinungen, besonders von der ewigkeit der hoͤllenstrafen, wiederriefe Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 160; (Jeanne) sei bereit zu widerrufen, sie beharre nicht länger in dem glauben an ihre erscheinungen und visionen Feuchtwanger Simone (1950) 239.
c)
in allgemeiner verwendung mit meist (vor allem in jüngerer zeit) abgeschwächtem wortsinn (häufig eine zusage, irrige ansicht, falsche beschuldigung, einen fluch, befehl, wunsch widerrufen):
der prophet soͤlt ver ruͤffen
das volck von Ysrahel und ouch verfluͤchen;
das wandlet got in sinen segen
dem volck von siner hailkait wegen.
also ward wider ruͤfft gar vil eben
der fluͤch der wider menschlich kuͤne was geben
Konrad v. Helmsdorf d. spiegel d. menschl. heils 95 Lindqvist;
dem neben menschen sein ere nement, ... disz ist ein todt sünde, so esz beschicht bedachtlich und man es nit widerruͤffet d. ew. wiszheit betbüchlin (1518) 199ᵃ;
nicht schend noch schmehe,
wider ruffen thut wehe
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Qq 4ᵇ;
könte ich ... mein einmal gegebenes wort wiederruffen, so wolte ich eurer bitte ... willfahren A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 4, 508;
ein mädchen und ein schmetterling
war einst mir fast dasselbe ding:
nun wiederruf' ich voller reue
den herben ungerechten scherz
Ebert episteln u. verm. ged. (1789) 138;
wir hören, dasz ein böser gast auf sie (Sakontala) ... einen wilden fluch gelegt habe, der ... zwar gemildert, aber nicht widerrufen worden Herder 16, 87 S.;
erzwing's
von deinem vater, seinen blutgen wunsch
zu widerrufen!
Schiller 15, 1, 72 G.;
der arme papst ... widerrief seinen befehl Göthe I 43, 111 W.;
nur ein weib
befiehlt und widerruft gedankenlos
Immermann w. 15, 231 Hempel;
ich setzte mich eines morgens an den schreibtisch und widerrief ... in lapidaren briefen den früheren irrtum Carossa tag d. jungen arztes (1955) 152.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1155, Z. 71.

widerrist, m., n., (f.)

widerrist, m., n. (f.),

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das schultergelenk, der erhabene teil zwischen hals und rücken, bes. beim pferd; s. das gleichbedeutende rist 3 teil 8, sp. 1044, ferner gerüst 9, teil 4, 1, 2, sp. 3780, vorgerüst teil 12, 2, sp. 1103 und ob. sp. 1056 widerhorst. — das wort ist hd. seit dem ende des 16. jhs. gut belegt, musz aber schon frühdt. geläufig gewesen sein: langob. widarrist ˃ altit. guidaresco, it. guidalesco druckstelle am widerrist der pferde Meyer-Lübke rom. etym. wb. 9531. zu vgl. ist das ebenfalls seit dem 16. jh. bezeugte engl. wither(s) s. Murray 10, 2, 220. aus dem hd. wurde widerrist ins dän. und norw. als vider(r)ist (-ris) entlehnt, ohne das synonyme manke zu verdrängen, s. ordb. over d. danske spr. 26, 1381. häufiger und mannigfacher als beim simplex (risz neben rist) sind die nebenformen des kompositums. im 18. u. 19. jh. verbreitet, bes. fachsprachlich, widerrisz Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 75, Behlen forst- u. jagdkde (1840) 392, Scherenberg ged. (⁴1869) 82; auffallend (wohl volksetymol. anknüpfend an rosz) ist die form widerrosz Pinter pferdschatz (1688) 416, Vieth encykl. d. leibesüb. (1793) 2, 536, neben widerrüsz u. - risz ebda 535, widerrosz, -risz, -rüst Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 645, die bis ins 19. jh. öfter belegt ist (s. u.). das jetzt schriftsprachlich allein gültige widerrist kommt erst im 19. jh. neben älterem widerrüst (zufrühest Seutter s. unten) auf. mundartl. mit z. t. abweichenden bedeutungen: 'fuszrücken', schweiz. id. 6, 1511; widerrist (des pferdes) ebda 1512; Fischer schwäb. 6, 789; wîderîs wendung des haarstrichs beim vieh; widerrist Schatz wb. d. tirol. maa. 703; wedderrist, -rüss Mensing schlesw.-holst. 5, 563. lexikalisch vereinzelt im 16./17. jh. (nicht bei Stieler u. Kramer, dann erst bei Schwan u. Adelung): pars ... colli (des pferdes) ..., quam Germani vocant widerrus Faber thes. (1587) 997ᵃ; le garrot, le haut des espaules du cheval der bug, die wiederrust Duez nomencl. (1652) 174. das wort ist zunächst nur und auch späterhin vorwiegend fachsprachlich bezeugt; meist vom widerrist des pferdes, aber auch anderer (haus-)tiere: streich solches dem gaul auf die nieren forne übers wider-rosz und hinten aber das gantze creutz damit an Pinter pferdschatz (1688) 416; der wider-risz (beim pferde) faͤnget da an, wo die moͤhnen aufhoͤren und fuͤget die zwey schultern oben zusammen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 75ᵇ; nimb dem hund auf dem widerrisz har (1778) bei Schmeller-Fr. 2, 148; der fremde legte die hand auf den widerrist des pferdes und sprang wuchtig in den sitz G. Freytag ges. w. 8 (1887) 7; (Alpin) springt dem ungeheuer (einem in freier wildbahn lebenden stier) auf den rücken, auf den höckerartigen wulst des widerristes Vischer auch einer (⁵1891) 1, 239. häufig entstehen druckschäden (durch den sattel) oder andere verletzungen am widerrist (vgl. widerristschaden, -fistel): ist das ross getruckt auff dem widerrüst ..., so nimb einen wasen Seutter hippiatria (1599) 418; (der scharlach) lauffet zuweilen oben an dem widerrisz oder vorgerüst auf, ob wäre das pferd vom sattel gedruckt worden (1739) in: Alemannia 5, 151; steck' ein bischen werg unter den (sattel-)knopf. das arme vieh hat sich am widerrisz gedruckt (the poor jade is wrung in the withers) Shakespeare 6 (1800) 41. die äuszere gestalt des widerrists dient zur bestimmung (der leistungsfähigkeit) einer tierrasse: der wiederrist der pferde soll etwas schneidend erhaben und ziemlich lang seyn, welches ein starkes und gutes pferd anzeigt Jacobsson technol. wb. 8 (1795) 197ᵃ; kopf, hals und widerrist haben mir durchaus keine anhaltspunkte gegeben, um einen einheitlichen charakter dieser thiere (verwilderter pferde) herauszufinden Brehm tierl. 3, 9 P.-L.; von bedeutung ist ein breiter widerrist beim rinde für fleischviehrassen und ein hoher und dabei langer widerrist bei pferden, namentlich für reitpferde d. gr. Brockhaus 20 (¹⁵1935) 290ᵇ. am widerrist wird die höhe der tiere gemessen (vgl. widerristhöhe): das höhenmasz des ochsen vom vorderfusse bis zum wiederriss ... gibt eine sehr unzuverlässige schätzung derselben ab Thaer landwirtsch. (1809) 1, 121; (von dem) löwen, dessen höhe am widerriste 80—100 cm ... beträgt Brehm tierl. 1, 444 P.-L.; ich habe ... 5 elenn erlegt, darunter einen sehr starken hirsch, der nach gradem ... masz, bis zum widerrist 6 fusz 8 zoll hoch war Bismarck br. an s. braut u. gattin (1900) 388. — dazu als zss.:
widerristfistel f.:
'eine meist durch satteldruck verursachte, tiefgehende eiterung mit fistelbildung am widerrist des pferdes' d. gr. Brockhaus 20 (¹⁵1935) 290ᵇ;
widerristhöhe f.:
welches (wildpferd) eine widerristhöhe von etwa 150—155 cm gehabt hat Nehring tundren u. steppen (1890) 188; für die ... grösze ist am charakteristischsten die widerristhöhe Henseler messungen an zuchtpferden (1931) 20;
widerristschaden m.:
durch welche behandlung du auch die veraltetsten und bösartigsten widerriszschäden, sattel- und kummt-drücke in kurzer zeit zur heilung bringen wirst
Thomas allg. vieharzneib. 1 (1853) 34;
widerristwolle f.:
sehr wichtig ist auch eine betrachtung der abweichungen der wolle an den verschiedenen körpertheilen eines schafes ... nackenwolle, widerrüstwolle, rückenwolle
Krünitz öcon. encycl. 240 (1857) 48.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1152, Z. 27.

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„widerrust“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerrust>.

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