Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerschein, m.

widerschein, m.,
mhd. widerschîn; mnl. wederschijn (weer-); nl. weerschijn; mnd. wedderschîn; danach dän. wederskin; schwed. (heute veraltet) vedersken. wie bei widerhall (s. dort) zeigt auch hier uneinheitliche schreibung in neuerem schrifttum (bald mit wieder-, bald mit wider-) ein schwanken in der auffassung des ersten kompositionsgliedes (im sinne von 'zurück, abermals' oder 'gegen'). in älteren wbb. stehen glossen wie: radius reflexus widerschin, -scheyn (md./obd., 15. jh.) Diefenbach gl. 483ᵃ, widerschin reflexio splendoris, voc. incip. teut. ante lat. (Speyer um 1485) oo 3ᵃ und der wiederschein luminis refractio Steinbach dt. wb. (1734) 2, 419 gegen: obiectum wyderscheyn (1470) Diefenbach ml.-hd.-böhm. wb. 189. offensichtlich nur im sinne von 'gegen' steht wider- auch in den folgenden literarischen belegen:
sô schône lûhte Hiltegrîn (der helm Dietrichs v. Bern),
der was gar valsches âne;
hern Ecken heln gap widerschîn
der lûhte niht nâch wâne.
ir liuhten daz was sô getân,
als man zwên volle mæne
sæh an dem himel stân
(1. hälfte d. 13. jhs.) in: dt. heldenbuch 5, 232ᵃ Zupitza;
die sterne haben ain emssig gegengaffen zuͦ der sonnen vnd ainen widerschein vnd die sonne ain widergesicht zuͦ jn Tauler sermones (1508) 198ᵃ; denn ob man selbigen (menschen) gleich nicht kennet, ... kan man doch seine natur ... aus der conjunction und opposition, vereinigung und widerschein derselben (der planeten bei der geburt) sicherlich kennen Butschky Pathmos (1677) 413. — vom sonstigen gebrauch abweichend kennt Fischer schwäb. 6, 791 widerschein im sinne von 'schatten' (also wohl 'das dem schein entgegengesetzte'; vgl. auch widerscheinig). ähnlich?: (ein volk) das den namen und schein hat von grossem geistlichen heiligen leben ... die andere (völker) sind on allen schein und namen, ya ym widderschein, das niemant weniger gotis volck sey denn sie, und kurtzlich, sie sind eyttel Samaritan (1521) Luther 8, 382 W.
1)
physikalisch, optisch.
a)
seit dem frühmhd. 'zurückgeworfenes licht, reflex':
der wider schim (var. witherscin) im daz entruͦc ('entzog'),
daz er si (die feinde) mit nichte
geachten ('schätzen', sc. ihre anzahl) ne machte
Rolandslied 3350 Wesle;
ich vand von schönen frawen
allda ain mynnecliche schar,
...
mich wundert, das ich nit ward plind
von dem widerschein so hël,
da ich so manig liechtes vel
so clärlich sach erglesten
(hs. 1471) liederbuch d. Hätzlerin 265 Haltaus.
gern gibt ein attribut den gegenstand an, der ein licht reflektiert:
... da sie (die männer) daucht von ferr
wie ain neu gstirn in forschin (vorschien) her
vom widerschein der hohen spitzen
des thurns zu Strasburg durch hell plitzen
(1577) Fischart glückhaft schiff 20 ndr.;
die welt ist ... wie ein regenbogen, der da underschidliche schene farben zeigt, undt seint doch nichts als ein widerschein der wolkhen Abr. a s. Clara s. w. 89 lit. ver.;
so manche fremde tracht, der waffen wiederschein
König ged. (1745) 30;
wie aus dem unmittelbaren lichte der sonne in den geborgten wiederschein des mondes, gehn wir von der ... vorstellung über zur reflexion Schopenhauer w. 1, 72 Gr.; die sonne war untergegangen, zum letzten rosigen widerschein der wolken warf der mond sein blasses licht G. Freytag ges. w. 13 (1887) 31. oder ein attribut gibt das licht an, das reflektiert wird: drey ding sind in der sonne, sie die sonne selbs, jhr gerade strahl und dessen reflexion oder widerschein Dannhawer catech.-milch (1657) 4, 335; dann loderten ... feuer auf, welche mit ihrem schein und widerschein den nächsten gegenständen die gröszte deutlichkeit gaben Göthe I 12, 103 W.; dahinter waren die Friesensteine, noch von einem letzten widerscheine des abendrots überglüht Fontane ges. w. (1905) I 6, 93; indessen war das gemach von dem widerschein der flammen ... flackernd hell, als brenne es selbst W. v. Scholz ges. w. 4 (1924) 157. namentlich auch widerschein (von) der sonne: disz gewächsz will auch gute mittags sonne vnd zu ruck auch eyne mauer haben, damit ... es eyn widerschein von der sonnen (reuerbere la chaleur du soleil) haben möge Sebiz feldbau (1580) 225;
der dich so schön und gut gebildet,
o mond, und durch den wiederschein
der sonne dich so sanft vergüldet
Lieberkühn bei R. Z. Becker mildheim. liederb. (1799) 5;
noch wirkte der widerschein der in westen abgeschiedenen sonne Immermann w. 1, 216 Hempel; durch das trübende wolkengewölbe breitet sich der widerschein der sinkenden sonne aus A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 47. des öfteren wird durch präpositionale wendungen angegeben, wo ein reflex entsteht: alles ist dunkel in der ärmlichen hütte, nur ein verborgenes starkes licht bestrahlt das haupt des kindes, und bildet einen widerschein auf dem vorgebeugten angesicht der mutter Schleiermacher weihnachtsfeier 9 M.; kriegsmannen, auf deren sturmhauben und harnischen rötlich der wiederschein der lichter glänzte W. Raabe s. w. I 3, 324; das grelle licht und sein widerschein an der wand quälte Martins augen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 228. gern in oder auf dem wasser: in seinen fluten zitterte des sternenreichen himmels wiederschein Blum idyllen (1773) 22; bei trüblichem himmel heller mondschein, der widerschein auf dem meer unendlich schön Göthe I 31, 85 W.; der mond ging über den fluthen; sein goldner wiederschein zerflosz auf den kleinen wellen G. Freytag ges. w. 1 (1887) 309.
b)
'eine farbe, die nicht von dem allgemeinen eine scene erleuchtenden lichte, wie das sonnenlicht, oder das tageslicht ist, sondern von der hellen farbe eines in der nähe liegenden körpers verursachet wird' Sulzer theorie d. schönen künste (1771) 2, 1271ᵃ. wiederholt auf dem gesicht: man könnte bei gewissen vorfällen wohl von natur schamroth werden, ohne eben nöthig zu haben, das licht durch rothe vorhänge fallen zu lassen und mit diesem widerscheine einem leichtfertigen falle das ansehen einer überwundenen tugend zu geben (1773) J. Möser s. w. (1842) 2, 219;
aber die rosige farbe der wängelein ist, mit erlaubnis,
wohl nur wiederschein vom rosigen futter des strohhuts
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 237;
und ein jedes schob im stillen
des gesichtes glüh'nde röte
auf den widerschein des schirmes
Mörike ges. schr. (1905) 1, 25;
wenn ich nicht bestimmt gewuszt hätte, dasz dies (gerötete lippen und wangen) nur der widerschein der rosen in ihrem gesicht war, so hätte ich darauf geschworen, dasz sie lebe (ein mädchen, das gestorben schien) qu. a. d. j. 1930. im wasser; die belege berühren sich mit denen unter c:
dort wirft ein glänzend blatt, in finger ausgekerbet,
auf eine helle bach den grünen widerschein
Haller ged. (1882) 37;
man war endlich in den grünen widerschein gelangt, den die baumlasten der insel in das wasser des sees senkten Stifter s. w. 3 (1911) 313; da wird das blaue bächlein ganz rosig vom wiederschein der badenden kinderleiber O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 37. vereinzelt und vom voraufgehenden sachlich abweichend steht: färbung (einer schwalbenart) ganz schwarz mit blauem widerschein Oken allg. naturgesch. (1839) 7, 99. dieser gebrauch von widerschein für das changieren von farben, der im niederländischen u. dänischen, besonders in anwendung auf seidenstoffe, fest ist (s. van Dale woordenb. [1950] 2090 u. ordbog 26, 760), hat sich im dt. nicht ausgebildet, obwohl widerschein als bezeichnung für einen stoff dieser art schon früh bezeugt wird: schieler (d. i. schillernder) taffet oder widerschein taffetas changeant (1660) bei Schmidt hist. wb. d. elsäss. ma. 423ᵃ; so auch bei Duez dict. germ.-gall.-lat. (1664) 507ᵃ u. Rädlein t.-it.-frz. (1711) 1056ᵃ. s. unten widerscheinig.
c)
'spiegelbild, abbildung' (s. o. unter b). representatio eins dings vel bildes widerschin (obd., 15. jh.), desz bildes widerschin (md., 15. jh.) Diefenbach gl. 493ᵇ:
got nam zuͦm êrsten einen stein,
dem nimmer mêr wirt glîch nehein,
den sazte er neben diu ougen sîn,
daz er gebe widerschîn
sînen lîhten ougen,
wende er sich drinne tougen
zuͦ allen zîten besach
unde im alsulcher schône iach,
daz im in himelrîche
mohte nicht gelîche
Heinrich v. Krolewitz vater unser 1195 Lisch.
des spiegels widerschein:
wan man daz bli von dem glase gescherbit,
dez spigils wedirschin danne gebricht
(um 1415) Rothe ritterspiegel 372 Neumann;
der widerschein der spyegel würt durch ir (der kranken weiber) gesycht verduncklet Eppendorff Plinius (1543) 7, 14;
bis der klahre jungfer-spiegel
seinen wiederschein nicht mehr
zeiget diesem jungfer-heer
Zesen verm. Helikon (1656) 1, 237;
dasz dieses (das wirkliche leben) der dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen spiegels dunklem widerschein, auffassen könne E. T. A. Hoffmann s. w. 3, 20 Gr. andererseits gibt ein attribut an, was widergespiegelt wird:
(die lerche) sasz itzt dem spiegel gegenüber
und sang, und sah ihr eignes bild,
...
und bildete, zu ihrer pein,
an ihrem eignen widerschein
sich einen nebenbuhler ein
Gellert s. schr. (1839) 1, 256;
oftmals bei verschlossnem riegel,
ist sie unbelauscht allein,
stürzt ihr aug' sich in den spiegel,
schwelgt in ihrem wiederschein
Lenau s. w. 288 Barthel.
das abbild auf der wasseroberfläche:
in eime wazzer ich mich sach,
dâ entrûwen verjach
mir mîn selbes widerschîn,
ich mochte vrouwen trût sîn
Albrecht v. Halberstadt 260 Bartsch;
vgl. Wickram w. 8, 191 Bolte;
der widerschein mirs sagen thet (dasz ich ein schönes weib bin),
welchen ich durch den schein der sunnen
hab ausz dem wasser in dem brunnen
besser gesehen, als zuvor nie
Ayrer dramen 2210 lit. ver.;
des mühmleins holdes gesichtchen ... sahe gar zu schön aus den fluthen heraus; sie mochte wohl das gleiche bei ihm finden, denn sie lächelte unverwandt auf seinen wiederschein hin Fouqué zauberring (1812) 1, 4; auch wurde auf dem weg dahin der widerschein des schlosses im teiche nicht versäumt (1831) Göthe III 13, 130 W.; den widerschein entlegener ufer mit kirchtürmen und baumgruppen A. Seghers d. toten bleiben jung (1950) 206.
d)
in neuerer sprache das auf flächen projizierte abbild von lichtdurchlässigen gegenständen; in den belegen nur von fenstern: so prächtig war der teppich gewesen ... er leuchtete wie der widerschein eines fensters im Mailänder dom Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 5, 9; die sonne ... legte nur den widerschein des fensters als schmales, langes, schimmerndes viereck an die graugrüne täfelwand Zahn die da kommen u. gehen (1909) 118; quer durch das seitenschiff (des Mainzer domes) fiel der widerschein eines glasfensters, das vielleicht von einer lampe erhellt wurde aus einem der häuser jenseits des domplatzes ..., ein ... in allen farben glühender teppich ... über die fliesen des leeren doms geworfen A. Seghers d. siebte kreuz (1950) 74.
2)
bildlich - übertragener gebrauch begegnet zwar schon in der mystik des mittelalters (s. u. belege von meister Eckhart und Seuse), er gelangt aber erst späternamentlich seit dem 18. jh.zu voller ausbildung. das wort läszt, zumal poetischer sprache, in seiner anwendung weiten spielraum. alles als reflex, reaktion oder abbild empfundene kann mit ihm benannt werden.
a)
meist wird widerschein auf sachlich-dingliches angewandt.
α)
vielfach stehen die belege dem eigentlichen, physikalisch-optischen gebrauch noch sehr nahe, so beispielsweise, wenn widerschein den reflex von strahlen, glanz u. ä. meint. bes. stark ist der sinnliche eindruck in folgendem mystikerbeleg: das uss der sunnen gie ein glast gen des dieners herzen ... 'do hab ich sin minneriches herz als klarlich durglestet, daz ein widerschin des glastes sol von sinem herzen us dringen' Seuse dt. schr. 59 Bihlm. weiter vgl. aus neuerer sprache:
was wunder, dasz der tag, der heute liebreich lacht
und dein geseegnet haus an wachsthum gröszer macht,
auch mir den wiederschein der wolluststrahlen sendet
(1722) J. Chr. Günther s. w. 6, 159 Krämer;
der widerschein seiner (des dreiszigj. krieges) flammen glänzt in ihren (Opitz' und Logaus) gedichten Herder 17, 66 S.; die Deutschen freuten sich des wiederscheins, der von dem glanze kaiserlicher macht auf sie zurückfiel Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 2, 100. vom widerglanz in blick und auge: was für ein ... widerschein begegnet aus deinen augen den meinigen theater d. Deutschen (1768) 3, 424;
wie oder liebst in meinen blicken
du deiner schönheit wiederschein.
liebst du im flammenden entzücken
nur deine huldigung allein?
Rückert ges. ged. (1837) 3, 24;
wo es (Bucks gesicht) hinsah, ahnte man ... erscheinungen, die niemand ihm verstellen konnte. ihren widerschein in seinen überraschten augen, öffnete er auf den kissen langsam die arme H. Mann d. untertan (1949) 496. inneres kommt in blick und auge zum ausdruck:
seht ihr der seele wiederschein
in schönen blicken leuchten
Schiller 6, 8 G.;
strahlt' eine glut aus ihrem augenpaar,
die nur der widerschein der reinen seele
Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 7, 193,
oder auch auf dem gesicht: auf seiner ehrwürdigen stirne glänzte der sanfte wiederschein einer ruhigen seele Thümmel reise (1791) 6, 191; auf seinem antlitze strahlte der belebende widerschein freudiger hoffnung Holtei erz. schr. (1861) 25, 232; (Barbara) konnte nicht verhindern, dasz der widerschein dessen, von dem ihre gedanken besessen waren, auf ihrem gesicht erschien Ernst Wiechert missa sine nomine (1950) 264.
β)
darüber hinaus kann der reflex von verschiedensten dingen und geschehnissen widerschein genannt werden:
und want du, Job, in herzen din
sprichst: 'got syet nicht den wider schin
unser werke und unser tat,
da von daz man an mancher stat
syet allermeist di bosen han
vurstentum her unde dan'
(1338) Hiob 13 310 Karsten;
(Ferdinand:) doch auf mich soll der blutige wiederschein dieses frevels nicht fallen (gemeint ist die beseitigung des vorgängers des präsidenten) Schiller 3, 381 G.; wuszte bey ausübung der einen kunst sich der andern so glücklich ... zu bedienen, dasz diese auf jene ihren wiederschein warf Wackenroder herzenserg. (1797) 83; der widerschein der wollust fällt auf alle gegenstände Tieck schr. (1828) 6, 251; (der hintergrund) auf den das europäische geschehen widerschein und schatten warf Ina Seidel labyrinth (1922) 322. u. a. auch der reflex von zeitlich entferntem. von vergangenem: welcher wiederschein längst tief untergegangener minuten wird dabei (beim lesen alter briefe) an meiner seele vorüberlaufen (1796) Jean Paul an Christian Otto, in: briefw. 18 Nerrlich; diese zweite kindheit (das alter) ist nur der tragisch herbstliche wiederschein des sprossenden, knospengeschwellten, zeugungsseligen frühlings der heiligen kinderunschuld B. Goltz buch d. kindh. (1847) 103; sonach ist unsere grosze literatur (des 18. jhs.) entstanden aus völlig antiromantischen stimmungen, nach dem verschwinden des letzten widerscheins des mittelalters Immermann w. 18, 158 Hempel; wir kennen sie (die dt. dichtung um 600) zwar nicht unmittelbar aus ihren werken, aber ihr widerschein in der literatur des hohen mittelalters läszt von ihrem reichtum genug erraten Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 20. von künftigem: (Johannes') darstellung des vergangenen (der wiederbelebung des Lazarus) war durch den widerschein des künftigen (der allg. totenerweckung) ... verklärt D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 4, 210. von räumlich entferntem: ihre sendung erwarte mit freude und dank und werde den wiederschein ihrer schätze, den sie mir gönnen, gar treulich gewahr werden und hegen (1816) Göthe IV 27, 275 W.die geistig-seelische reaktion auf etwas: die dame war fast erschrocken über den trüben widerschein ihrer bemerkung (1824) H. Heine s. w. 3, 70 Elster; nicht die begebenheit war ihm (Uhland) das wesentliche, sondern ihr widerschein in dem erregten menschenherzen Treitschke dt. gesch. ²2, 30. im gegensatz zu zahlreich bezeugtem widerhall finden (ob. sp. 1029) begegnet widerschein finden 'anklang finden' nur vereinzelt: die religiöse weihe, die ich seiner erziehung geben wollte, hat keinen widerschein in seiner seele gefunden Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 391.
γ)
'abbild, spiegelbild': der mensch sol sich ingebildet haben in unsern herren Jesum Christum innwendig in allen dingen, das man in im find ein widerschein aller siner wercke und götlicher bilde (vor 1298) meister Eckhart reden d. unterscheidung 28 Diederichs;
von deroselben (der geliebten) demant.
...
da bist du viel zu schlecht, zu sein ein widerschein
der augen, die mir mehr als mon und sonne sein
Paul Fleming dt. ged. 1, 90 lit. ver.;
Timur nameh, buch des Timur, fasst ungeheure weltbegebenheiten wie in einem spiegel auf, worin wir, zu trost und untrost, den widerschein eigner schicksale erblicken Göthe I 41, 1, 88 W.; dasz die rechtslehre der Deutschen im mittelalter weit weniger das werk eines einzelnen schaffenden mannes ist, als der widerschein und abdruck des gesammten zustands aller Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 5, 318; soll die ouvertüre allerdings der unmittelbarste wiederschein der oper sein Vischer ästhetik (1846) 3, 1078; (das Wiener burgtheater) war (für den Österreicher) der mikrokosmos, der den makrokosmos spiegelte, der bunte widerschein, in dem sich die gesellschaft selbst betrachtete Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 31. schwaches, nur ungefähres abbild: keine copie natürlich im einzelnen von der häuslichen lage des freundes, aber doch ein widerschein von seiner existenz Herder 12, 366 S. als das abbild, der ausdruck inneren wesens: sint diu bilde (aller dinge in gott) ein anevanc aller bekantnüsse der crêatûre und alsô heizent sie eigenlîche ein widerschîn des wesens der crêature meister Eckhart in: dt. mystiker d. 14. jhs. 2, 327 Pf.;
die äussre schönheit ist
allein der wiederschein der innern gyte,
der um die seele dynngewebte flor
Wieland ges. schr. I 2, 209 akad.;
da sah ich euer wirken, edle frauen,
der fürstentugend lichten widerschein
(1818) Göthe I 5, 1, 69 W.;
diese heitere menschlichkeit ist darum nicht weniger der wiederschein innerer grösze Solger nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 88; warum hast du auch auf so dünn papier geschrieben (in einem brief), ätherischer wie die luft selber, vielleicht weil er das gewand deiner seele ist, der wiederschein deiner selbst Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 265.
δ)
der widerschein wird oft ausdrücklich als etwas dem ursprünglichen nicht gleichwertiges gefaszt, so besonders in der fügung nur ein widerschein, s. auch die belege unter b. liebe ist nur der widerschein dieser einzigen urkraft (1786) Schiller 4, 45 G.; ist es am ende auch nur das individuum, welches originäre, primäre vorstellungen hat, das eigentlich schätzbare und das, was zählt. die andern erhalten ihre vorstellungen nur als reflex, als wiederschein Göthe gespräche (1889) 2, 278 Eiederm.; ohne dasz es (dem christentum angehörendes) doch eine lebendige kraft in ihm (dem vom hl. geist unerleuchteten) wäre, sondern es ist nur der widerschein von dem, was in andern gesezt ist Schleiermacher s. w. (1834) I 3, 421; es gibt frauen, bei denen auch die freude oder das sogenannte glück nach innen gehen. was wir dann auszen sehen. ist nur ein widerschein Ernst Wiechert missa sine nomine (1950) 233. auch durch adjektive wie leer und blosz wird der widerschein dem ursprünglichen gegenüber abgestuft:
verhasst ist ihm des zauberthales pracht,
ein leerer widerschein der eignen macht
S. Mereau ged. (1800) 2, 111;
und die wahrhaft menschlichste, ihm (dem menschen) allein anständige ansicht ... ist diejenige, wodurch er sich über jene schranken (der sinnlichkeit) erhebt, und wodurch alles sinnliche sich ihm rein in nichts verwandelt, in einen bloszen wiederschein des allein bestehenden unsinnlichen in sterbliche augen Fichte s. w. (1845) 2, 308. durch andere adjektive wird der widerschein als verblaszt charakterisiert: das gedruckte wort ist freilich nur ein matter widerschein von dem leben, das in mir bei der erfindung rege war Göthe gespräche (1889) 6, 82 Biederm.; so dasz auch ihre freude nur ein bleicher wiederschein ist von der wahren lebendigen freude Schleiermacher s. w. (1834) II 4, 82; solche (nordischen) mythen, nachdem unsere alte poesie untergegangen ist, werfen noch einen bleichen widerschein J. Grimm kl. schr. (1864) 7, 52; einen schwachen wiederschein der jovialen herablassung (1855) O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 230 (zw. himmel u. erde).
b)
in anwendung auf personen. widerschein des göttlichen:
des vader spiegelglas
der sun, daz himelkindelîn,
der godeheide widerschîn
(14. jh.) erlösung 1038 Maurer;
du bist ein spiegel gottes rein,
ja der gottheit ein widerschein
worden ausz gnad
D. Sudermann hohe geistr. lehren (1622) 16ᵇ;
der mensch, der wiederschein des ewigen Tieck schr. (1828) 8, 209. von menschen: (Mannhof:) die beste wirthin, die beste gesellschafterin, gutherzig, wohlthätig und etwas schwärmerisch. ich kenne keine bessere. (Anheim:) auch unterm adel nicht? (Mannhof:) den widerschein von ihr allenfalls K. G. Lessing d. mätresse 8 ndr.;
(Kriemhild:) und bin ich für des mitleids stimme taub?
sie (die Nibelungen) waren's, als sogar der stein zerschmolz.
ich bin in allem nur ihr wiederschein
(1862) Hebbel w. I 4, 317 Werner.
widerschein als spiegelbild von sachlich-dinglichem: des menschen ... dieses spiegels der gottheit, dieses wiederscheins von himmel und erde Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 154; die hexen sind vielmehr nur der poetische widerschein seines (Macbeth') eigenen starren wollens Hegel w. (1832) 10, 2, 207; wer so (wie Goethe) die breite seite seines wesens allen äuszeren einwirkungen preisgibt ..., aus dem wirken auch natur und verhältnisse in breitem umfang zurück, und wie er selbst nur ein unwillkürlicher widerschein der dinge ausser ihm ist, so reiht er sich wieder wie ein gleichartiges objekt unter die abgespiegelten gegenstände ein Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 113. als symbol bleibender verbundenheit:
nun wilst du (die geliebte) dich zu gleicher brunst bekennen,
so wird uns auch kein ungewitter trennen,
im leben wil ich (der liebhaber) stets dein wiederschein,
im tode selbst dein treuer schatten seyn
(1678) Chr. Weise d. grün. jugend überfl. gedanken 161 ndr.
3)
formales.
a)
meist begegnet widerschein im singular; ein plural widerscheine ist nicht eigentlich gebräuchlich, doch kommt er des öfteren in belegen aus dem 18. und 19. jh. vor: (die traumbilder) gleichsam nur widerscheine der vorhin gesehenen manchfaltigen sachen Lindenborn Diogenes (1742) 1, 320; so weit nicht aus späteren dichtungen, besonders dem Wilhelm Meister, aufhellende widerscheine (für die ersten jugendjahre Goethes) zu gewinnen sind D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 6, 215. romantiker bieten mehrere belege: eine glänzende wolke ... wirft die herrlichsten wiederscheine zwischen sie (die wipfel der bäume) auf den boden hinunter A. W. Schlegel in: athenäum (1798) 2, 60;
wie die wogen ringend streiten,
sich entfliehen und vereinen,
spielen mit den widerscheinen
Tieck schr. (1828) 1, 327;
und ein wetterleuchten spielt
aus der ferne durch die bäume
wunderbar die ganze nacht,
dass die nachtigall erwacht
von den irren widerscheinen
Eichendorff s. w. (1864) 1, 459.
gern steht die pluralform, wenn von reflexen auf gemälden die rede ist: alle diese drey lichte (auf einem gemälde von Raffael) haben jedes seine ihm eigenthümlich zukommende scheine und widerscheine Lessing 11, 133 L.; ich tadle es indesz nicht, dasz Rubens so gern auch hier seine karnationen durch stark aufgelegten zinnober erhöhet und mit durchschimmerndem blau und mit gelben wiederscheinen fast zu verschwenderisch umgeht J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 56; Trautmann, der sich den Rembrand zum muster genommen, und es in eingeschlossenen lichtern und widerscheinen ... weit gebracht hatte Göthe I 26, 40 W.
b)
des öftern begegnet die fügung im widerschein. im eigentlich-optischen sinne, neben verben der bewegung und ruhe: wo der bach sich im wiederschein des himmels wollüstig langsam dahin wand Lenz ges. schr. 3, 126 Tieck; die ebene lag im widerschein Clara Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 233. namentlich neben verben, die optische vorgänge bezeichnen: dein klares wasser fliesst durch ihr buntes gewölb und glänzet im vielfarbichten wiederschein Gessner schr. (1777) 1, 109; die roten stämme glühten prächtig im wiederschein der schon tief stehenden sonne Fontane ges. w. (1905) I 5, 190; und zu meinen füszen schimmerte das ölige wasser im widerschein der ofenglut A. Supper auf alten wegen (1928) 61. in bildlich-übertragener anwendung: den freunden, ... die dieselben (tugenden) ... nur in einem ... widerschein sehen wollen, werden sie (d. gedichte) ... ein willkommnes geschenk seyn allg. dt. bibl. (1765) 106, 131; so hat er (Goethe) in andern gediegnen werken ... die formen des alterthums im milden wiederschein seines geistes gespiegelt Europa 2, 94 Schlegel;
(Harald:) in zorn entglüht dein holdes angesicht.
(Aslauga:) nein, nur im wiederschein von Sigurds ruhm
Fouqué held d. nordens (1810) 3, 76;
indem erst in dem wiederschein der gesamtwirksamkeit die persönlichkeit des meisters (Kreutzer) sich zu einer hervorragenderen erscheinung abhebt Riehl musikal. charakterköpfe (1899) 1, 204.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1176, Z. 8.

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„widerschein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerschein>.

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