Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widersetzen, wiedersetzen, vb.

wi(e)dersetzen, vb.,
ahd. uuidarsezzan, mhd. widersetzen, mnd. weddersetten, mnl. wedersetten, s. Verwijs-Verdam 9, 1965 (nnl. dafür verzetten). das wort ist ahd. (zufrühest Isidor 8. jh.), mhd. und frühnhd. (vereinzelt bis ins 17. jh.) als verbum trans. (s. u. 1 bis 3), im 17. u. 18. jh. als intransitivum (s. u. 4) ausreichend bezeugt; die masse der belege stellt jedoch der um 1200 aufkommende refl. gebrauch (s. u. 5). nach dem wortsinne des ersten kompositionsgliedes rücken die bed. 1 u. 2 ('zurück'), bzw. 3 bis 5 ('gegen') näher zusammen. das wort ist mundartl. für schwäb.-alem., west- und nordwestl. gebiete vereinzelt gebucht. lexikalisch seit dem 15. jh. durchgehend (bes. für lat. opponere): obstaurare widersetzen (15. jh.) Diefenbach gl. 390ᵃ; restituere widerseczen (15. jh., md./obd.) ebda 495ᵇ; opponere, contraponere vel contradicere widersetzen gemma gemm. (1508) r 6ᵇ. widersetzen (mit wider 'gegen') ist fast durchweg festes kompositum; belege für die unfeste zs., die wohl nicht immer als kompositum empfunden wird, finden sich nur selten und nur mhd., s. Nibelungenlied u. 5 a α. wie beim grundwort begegnen in älterer zeit häufiger unumgelautete präteritalformen (vgl. setzen teil 10, 1, sp. 643): sich widersatzt Boner Herodot (1535) 114ᵇ; sich widersatzte Fischart binenkorb (1588) 135ᵃ u. ö.
1)
selten im sinne 'zurückerstatten, vergelten', vgl. häufigeres wi(e)derlegen 2 sp. 1104: conpensabo virgilto, vuidersezzo (11. jh.) ahd. gl. 1, 477, 26 St.-S.; undi sulin iz dan urin suestirin widirsazi mit andirimi guti (auf. 13. jh.) Mühlhäuser reichsrechtsbuch ²131 Meyer; wie wol hie in zit jeman beduncken moͤcht das etwz abgieng und verloren wurd, so würt er (gott) doch ... sölichs alles mit grossem wucher widersetzen L. Jud Erasmus epistlen zum Timotheo (1521) KKK 1ᵇ. im feindlichen sinne: (dasz er) die ... maulschelle anderst nit als mit der klingen widersetzen und rechen konte Moscherosch gesichte (1650) 1, 109.
2)
jemanden oder etwas an den alten ort, in den früheren (zu)stand zurückversetzen; wieder einsetzen, vgl. reficere tribunos et alios magistratus die alten zunfftmeister oder oberkeiten wider setzen, widerumb erwellen Frisius dict. (1556) 1131ᵃ; (überschrift:) wie ein burger sine kint mag (als erben) widersetzen (1404/10) schweiz. id. 7, 1714. öfter widersetzen in: ich beger, widersetz mich in die statt, daruss du mich genomen hast Terenz deutsch (1499) 27ᵇ; wen nuh der alte Adam erseuffet ist ... und gehett nuh ausz der tauffe ein neuer mentsch, der do ... widdergesatztt wirtt in sein forigen standt und unschuldtt (1522) Egranus pred. 147 Buchwald; (sie) wehren auch noch nicht resolviret, solche (die waffen) anderszwohin anzuwenden, als das das heylige römische reich dermahl eins beruhigt vnd in bestendigen friede wiedergesetzet werden möchte (1634) bei Gädeke Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 241. vereinzelt früh widersetzen von: herre, wenne saltu an sehen? wider zecze die sele min von der bosheit ir (restitue animam meam a malignitate eorum) Trebnitzer psalmen 34, 17 Pietsch.
3)
im sinne 'entgegensetzen'. nur vereinzelt bezeugt: uuaar ist dhazs so ofto so dhea Christes fiant dhesiu heilegun foraspel chihorant umbi Christes chiburt, so bifangolode sindun simbles, dhazs sie ni eigun eouuihd, huuazs sie dhar uuidhar setzan (quod proponant) Isidor 25, 3 Hench;
und widersetz für mich den löstrern deine macht,
dasz meine sinn (dir stehts gehorchend) niemahls wancken
Weckherlin ged. 1, 385 lit. ver.;
weil die seel kein staͤrckern ... kuͤrisz (als die geduld) haben kan, den sie ... dem vnlust, vnwillen vnnd zorn widersetze: so glaubt theatrum amoris (1626) 53; vgl. 173.
4)
vom 17. bis anf. 19. jh. ist der gebrauch des wortes im sinne versetzen 'entgegnen' (s. teil 12, 1, sp. 1294) bezeugt: dieses duncket mich (widersetzte Marforius) eine von den groͤszten tugenden zu sein neu-entlarfftes Rom (1672) 199; o nein, widersetzt der fuchs Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 2, 728 u. ö.; ja, widersetzet man Warnecke poet. versuch (1704) 216; ja ja, wiedersetzte Diaulus Lindenborn Diogenes (1742) 1, 15; die feinde widersetzten: rettet eure moscheen neue schausp. (1771) 2, 3, 60 (Karl V. in Afrika); ja wohl, widersetzte ich Ayrenhoff s. w. (1814) 1, 27.
5)
sehr stark entwickelt sich neben den weitgehend synonymen sich sträuben (teil 10, 3, sp. 950), sich wehren (teil 14, 1, 1, sp. 216), widerstehen (sp. 1282), widerstreben (s. u.) der seit dem mhd. bezeugte und in neuester zeit allein herrschende reflexive gebrauch des wortes ('nur reciprocum' Adelung 4 [1801] 1523). sich widersetzen steht meist in verbindung mit einem dativ (vereinzelt genitiv, s. unt. b), seltener ohne nähere bestimmung; nur gelegentlich belegt sind präpositionale und adverbiale fügungen wie sich gegen jemanden, sich in etwas widersetzen: wer sich des gegen den nachweger wolt wiedersezen (17. jh.) österr. weist. 5, 271;
her in (in dieser auffassung) sich widerseczet
ein roher lei allz ich
Hans Folz meisterlieder 53, 73 Mayer;
im fall sich aber ainer hierinnen widersetzen wurde (18. jh.) österr. weist. 5, 139. als substantivierter infinitiv: umb jres halsstarrigen widersetzens und tobens willens (1535) Luther 41, 172 W.;
man muss die schrifftling itzt hart an einander hetzen,
so schwächt ihr sturm sich selbst ohn unser widersetzen
Gryphius trauersp. 415 lit. ver.
a)
sich physisch, bewaffnet zur wehr setzen.
α)
dem tätlichen angriff einzelner:
dô schamte sich vil sêre der vil küene man,
ob ir gelingen solde. zürnen er began:
mit ungefüeger krefte sazter sich ir wider;
er versuochtez angestlîchen an der küneginne sider
Nibelungenlied 622 Zarncke;
welcher wildschüz auf betretten sich denen jägeren oder straiffern widersezet oder thätlichkeiten ausziebet, solle ... an leib und leben bestrafft werden (18. jh.) österr. weist. 2, 49; ein Indianer ... nahm dagegen einem unsrer juͤngern mitreisenden ... mit gewalt einen nagel ab, unter der bedrohung, ihn zu boden zu schlagen, wenn er sich widersetzen würde J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 310. sich zur wehr setzen gegen eine vergewaltigung: der hauptmann kommt gegen abend ..., er sieht das mägdlein und haut sie nieder, da sie sich ihm widersetzt Hebbel s. w. I 1, 6 Werner; die verzweiflung gab ihr die kraft, sich zu widersetzen Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 191.
β)
in kriegerischer auseinandersetzung: da er nu hort, dasz sie (in der belagerten stadt) gaͤntzlich beschlossen, sich zu wehren vnnd zu widersetzen, ward er grimm zornig buch d. liebe (1587) 218ᵈ; wann sie aber nur zu zweyen seitten zu thun haben, widdersetzen sich die soldaten mit viel mehrer ordnung Reutter v. Speir kriegsordn. (1595) 87; alle welt verzaget ward, sich jhnen (den Ungarn) zu widersetzen Binhardus thüring. chron. (1613) 62; der überrest seiner armee ... unterliesz nicht ... sich zu wehren und ... auf das standhafftigste zu wiedersetzen Fleming d. vollk. soldat (1726) 291; man hat sich ihnen (d. Franzosen) zwar wacker und brav widersetzt, allein sie haben doch Offenburg weggenommen Göthe IV 11, 116 W.; weil sie sich den landungsversuchen stets mit den waffen widersetzt haben Peschel völkerkde (1874) 151.
b)
'widerstreben, sich sträuben, widerstand leisten', namentlich gegen fremde forderungen, zumutungen usw.:
im und sînen tanzgesellen
sol man hâr und kleider alsô stellen
nâch dem alten site gar
alsô manz bî Karlen truoc.
swelhe sich dâ wider setzen,
die sol man an lîbe und guote letzen
Neidhart v. Reuenthal 102, 19 Haupt-W.;
wenn du mir gotts wort vorschlegst, so wil ichs gern annehmen, aber wo du mich von gott wilt abfuren, da sol ich mich mit ganzer gewalt widersetzen (1545) Luther 51, 75 W.; (überschrift:) das Luther guͦter meinung sich dem ablasz widersetzt hab Joh. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 5, 98ᵃ; so wil mir jedoch nicht geziemen, mich ... seinem goͤttlichen willen vnd gebott zuwidersetzen Ayrer hist. processus jur. (1600) 50; sich ihnen (den begierden) widersetzen Lessing 2, 285 L.-M.; es ist verlohrne muͤhe, diesem modegeschmacke sich widersetzen zu wollen Knigge umgang m. menschen (1796) 3, 63; Pentheus aber ... widersetzt sich den religionsneuerungen Göthe I 41, 2, 237 W.; allein die lächerliche liebe, die sie für einen ritter hegt, der schon längst todt ist, ist schuld, das sie sich meinen wünschen widersetzt Castelli s. w. (1845) 12, 28; aus Frankreich soll diese sitte des büchersignierens herübergekommen sein, ... es wäre so töricht wie unfreundlich, sich ihr zu widersetzen Carossa winterl. Rom (1947) 25. besonders häufig und z. t. formelhaft in den folgenden verwendungen, 'sich einer verfügung, einem befehl widersetzen':
er sî geistlich oder werltlich,
war zû sô den schicke ich,
als doch daz wese nutzelich,
daz er des niht widersetze sich
Ludwig d. Frommen kreuzfahrt 4806 N.;
vnd wer sich dez pfentens frevellich widersatzt, der sol aht tag von der stat sein, on gnad Nürnb. polizeiordn. 68 lit. ver.; wo sich zuͦtrüge, das eynicher oder mehr kreysz ... die execution nit auff sich nemen, sonder sich derselben widersetzen würden: sollen cammerrichter und beisitzer ... in solchem gebürliche versehung zuͦthuͦn wissen d. keyserl. maiestat cammergerichtsordn. (1555) 157ᵃ;
wer widersezt sich dem befehl des vogts?
Schiller 14, 354 G.;
sie haben sich anordnungen der regierung widersetzt Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 227. 'sich der obrigkeit (dem herrscher, der herrschenden gewalt) widersetzen opporsi, ribellarsi, rivoltarsi contro i superiori' Kramer t.-ital. 2 (1702) 788ᵇ:
weil er sich offt empört,
trotz mit verdacht gesteifft, der cron sich widersetzet,
den fürsten hart geschmäht, die majestat verletzet
Gryphius trauersp. 57 lit. ver.;
ich hätte mich der obrigkeitlichen gewalt nicht widersetzen sollen Schmid ges. schr. (1856) 11, 147; damen wie sie ... zeigen dem volke, dasz sie selbst diese höchste (die kaiserl.) autorität verachten, indem sie sich ihr widersetzen Werfel Bernadette (1948) 355.
c)
selten (besonders gegenüber widerstehen) bezeugt ist der gebrauch mit nichtpersönlichem subjekt: diu sêle sol sich gar vaste widersetzen in dem lîbe. als der lîp einer sünde begert, sô sol diu sêle gar vesteclîchen widerstrîten Berthold v. Regensburg 1, 241 Pfeiffer;
vertreib den bösen geist,
der dir (dem hl. geist) sich widersetzet
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 344ᵇ;
er vergleicht die eigenschaft der seele, die sich dem zusammenströmen mit andern wesen widersetzt, der kraft der trägheit in der materie Herder 15, 320 S.;
widersetzet sich
ein neues unheil unserm glück?
Göthe I 10, 68 W.;
in England war ich ausländer und im falle des krieges sofort feindlicher ausländer ... aber etwas unerklärbares widersetzte sich in mir, mich wegzuretten Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 489. subjekt ist ein konkreter gegenstand: staͤrckere mawren, so sich jhrem (der Sarazenen) wüten widersetzten theatrum amoris (1626) 76; ein schusz an ein maur, die sich widersetzt, bricht durch, aber wenn die kugel an ein wollsack gehet, so schnellt und prellt sie zuruck Dannhawer catech.-milch (1657) 2, 186; wann ein starcker sturm-wind sausset, so ist diser aichbaum so stuͤtzig vnd widersetzt sich dem wind Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 34;
der (fels), rüstig noch und unverletzet,
sich sturm und wellen widersetzet
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 281 Weichmann;
(die winde) kommen aus dem groszen eisrevier her, das sich bisher aller durchfahrt widersetzt hat Herder 13, 44 S. mit abstr. subjekt: schwierigkeiten, die sich der vorstellung widersetzen, dasz ... Peschel völkerkde (1874) 292; die phänomene als solche widersetzen sich der deutung nicht Nic. Hartmann ethik (²1935) 182. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1200, Z. 28.

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s t u v w x y z -
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Zitationshilfe
„widersetzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widersetzen>.

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