Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widersetzlichkeit, f.

widersetzlichkeit, f.,
widerstand; auflehnung; ungehorsam. spät zu widersetzlich gebildet, setzt sich das wort gegen widersässigkeit, -setzigkeit (s. d.) durch und ist besonders in neuester zeit häufig belegt. lexikalisch: hochfreventliche wiedersetzlichkeit Schottel haubtspr. (1663) 256; widersetzlichkeit resistibilità Kramer t.-ital. 2 (1702) 788ᵇ; wiedersetzlichkeit repugnantia, renitentia Steinbach dt. wb. (1734) 2, 360; Adelung 4 (1801) 1524.
1)
widerstand durch die tat; meist als ausdruck einer widersetzlichen haltung und einstellung, besonders gegenüber einer obrigkeit, ihren masznahmen, befehlen, gesetzen; fast immer mit dem nebensinn des unberechtigten, ungesetzlichen.
a)
auflehnung, (bewaffneter) widerstand gegen (gewaltsame) politische und militärische masznahmen: im fall der wiedersetzligkeit, mit scharffe gegen sie (die stadt Kempten) zuverfahren Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 40; keine widersetzlichkeit, keine empörung unter dem volke Weisse kinderfreund (1775) 2, 165; (Gustav Adolf), der mit einer furchtbaren armee schon gleichsam vor ihren (der stadt) thoren stand, und sie ... für ihre widersetzlichkeit züchtigen konnte Schiller 8, 211 G.; wir lesen jetzt ... von eingeäscherten dörfern und flecken, was eine folge der blutigen und hartnäckigen widersetzlichkeit derselben ist E. M. Arndt schr. (1845) 2, 225; es schien ihm besser, die übermacht des kaisers, als die widersetzlichkeit seiner rebellen zu dulden Ranke s. w. (1867) 37, 71.
b)
in geistiger auseinandersetzung 'ablehnende haltung, weigerung': die beschränkte, eigensinnige, oft unredliche widersetzlichkeit der gegner (der farbenlehre) möchte einen, wenigstens für augenblicke, in verzweiflung setzen Göthe IV 34, 159 W.; dreimal ... hat er (herzog Ludwig v. Württemberg) sich vergeblich bei der facultät für Frischlin verwendet und deren widersetzlichkeit hingenommen Scherer kl. schr. (1893) 2, 58.
c)
'ungehorsam', jedoch in dem verschärften sinne 'widerspenstigkeit, trotziges wesen'; häufig, bes. in neuester zeit, von der haltung zu erziehender: (dem gesinde musz) der gehorsam eingebunden und die wiedersaͤtzlichkeit bei straff eingehalten und verbotten werden Hohberg georg. cur. (1682) 1, 191; (präsident zu Ferdinand:) wenn ich die spur finden sollte, woher diese widersetzlichkeit stammt? Schiller 3, 386 G.; eine gewisse widersetzlichkeit in kleinen dingen, worin er sonst unbedingt folgsam gewesen war, beunruhigte mich mon. Germ. paed. 36 (1801) 102; immer war ungehorsam und widersetzlichkeit nach den geboten des ordens unerlaubt Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 6, 430;
drum wo uns widersetzlichkeit gedroht,
dort findet er gehorsam
Grillparzer s. w. 8, 200 Sauer;
Unrat haszte Lohmann beinahe mehr als die andern wegen seiner unnahbaren widersetzlichkeit H. Mann ausgew. w. 1, 412 Kant.; schön und schwungvoll war die grosze rede, die der herr ephorus auf diesen auszerordentlichen fall von widersetzlichkeit und entartung ... hielt H. Hesse unterm rad (1952) 117.
d)
rechtssprachlich, widersetzlichkeit als strafwürdiger verstosz gegen ordnung u. gesetz; nicht immer klar zu trennen von 2: lassen sie (die ausrufer) aber ihrer strafbaren widersezlichkeit dergestalt den ziegel schiessen, dass man sie auskundschaften muss, so werden sie als aufwiegler und meutmacher angesehn Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 287; haben die magistratspersonen für ihre widersetzlichkeit eine härtere strafe zu erwarten ..., wenn sie vor der gemeine sachfällig werden? Fichte s. w. (1845) 3, 172; er ... hat sich des zwiefachen verbrechens des schlafens auf dem posten und der thätlichen widersetzlichkeit gegen obere schuldig gemacht Gaudy s. w. (1844) 17, 168; einige verschärfungen der strafen wegen widersetzlichkeit wurden ... zugestanden Bennigsen nationallib. partei (1892) 99.
e)
sehr oft in der präpositionalen fügung widersetzlichkeit gegen (selten wider) mit näherer bezeichnung dessen, wogegen sich widerstand, ungehorsam, weigerung usw. richten: ie weniger widersetzlichkeit in dem menschen wieder gott ist, ie weniger mag er auch erkant werden, als einer, der dem satan ... dienet A. H. Francke sonn-, fest- u. aposteltagspred. (1746) 1, 578; grosse widersetzlichkeit gegen den kriegsdienst M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 501; Theresens muthige und entschlossene widersetzlichkeit gegen die parthey, welche ihr ihren bräutigam rauben will (1796) Schiller br. 5, 3 Jonas; (Lessings leben) ist die ewige widersetzlichkeit gegen den faulen schlendrian der deutschen kleinmeisterei und die armseligkeit des deutschen gelehrtenlebens Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 293; widersetzlichkeit gegen das gesetz Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 168; zuletzt hatte selbst unter der sicheren herrschaft des weichen stiles sich die widersetzlichkeit der Deutschen gegen schulbindungen nicht völlig unterdrücken lassen Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 231.
2)
widersetzliche tat, handlung (s. oben d). seltener, aber in allen verwendungen von 1 (oft pluralisch) bezeugt: (Heinrich d. Löwe ist) seiner widersetzlichheiten halber vom khaiser Fridrichen ... in die acht erclert ... worden J. A. v. Brandis landeshauptleute v. Tirol (1850) 16;
unerträglich bleibt es dem gebietenden,
wenn kühn sich stützend auf ein früheres verdienst
ein alter diener widersetzlichkeiten wagt
Göthe I 12, 302 W.;
seitdem war die macht der officiere gelähmt, unzählige widersetzlichkeiten erfolgten Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 338; (Schiller) machte sich mancher widersetzlichkeit schuldig und beschäftigte sich schon 1775 mit einem plane zur flucht Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 130; in Schweden regten sich bald ... geheime widersetzlichkeiten Alten hdb. f. heer u. fl. (1909) 9, 216; die panik des tyrannen, der einer widersetzlichkeit durch kopfloses wüten begegnet H. Mann ausgew. w. 1, 519 Kant.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1205, Z. 40.

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Zitationshilfe
„widersetzlichkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widersetzlichkeit>.

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