Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widersinn, m.

widersinn, m.,
gegenteil; feindseligkeit; sinnwidrigkeit. erst spätmhd. bezeugt, vgl. das ältere, wohl aus präpositionaler fügung entstandene adv. widersinns; nicht in mnd. und mnl. wbb., aber nl. weerzin van Dale n. gr. wb. ⁷2090ᵇ. spät (nicht bei Stieler) gebucht: widersinn, gegen-sinn contrasenno, contrasenso Kramer t.-ital. 2 (1702) 817ᵇ; wiedersinn dissensio Steinbach dt. wb. (1734) 2, 609; Adelung 4 (1801) 1524. mundartlich nur im nordwestl. sprachgebiet verzeichnet: wersänne widersinn, abneigung Tonnar - Evers Eupen 228; wiersen widerwille, ekel Müller - Weitz Aachen 261; wearsin Dijkstra friesch wb. 3, 414ᵇ; wëdersën Jensen nordfries. 683. das wort tritt (zufrühest 2. hälfte 14. jhs.) häufiger erst im 16. jh. auf (s. bes. 1), ist in bed. 2 vom 17. bis mitte 19. jhs. ausreichend belegt und in neuester zeit nur noch in bed. 3 geläufig.
1)
nur in älterer zeit (oft im 16. jh.) bezeugt ist die bed. 'entgegengesetzter sinn, sachverhalt; gegenteil' (später dafür gegensinn, s. teil 4, 1, 2, sp. 2262): davon mit eime widersinne (a contrario sensu) ader gleichem sinne czu nemen, so ist das in dem rechten ein starke bewerunge, das wer um ein sache nicht weis, so ist sein geczeugnusse falsch Johannes v. Gelnhausen bei Jelinek mhd. wb. 952;
is ist nit lang daz ir hant gesagt mere
das uch nit ylende were,
aber ich sehen an uch den wiedersynne,
als mich duncket in myme synne
pilgerf. d. träum. mönchs 1530 Bömer;
das verbodt geschach, daz ist lange zyt,
aber is ist sere geandert syt
und uff den wiedersinne gestalt
ebda 5343 u. ö.;
das wort freyen als ich finde
wirt gesprochen mit widder synne
dann der ist nicht frey in seym leben
dem eyn weyb wirt zcu der ee gegeben
Joh. Faber de Werdea proverb. metrica (s. l. et a.) C 6ᵇ;
Christus redett aber gantz den widersinn, vnd spricht, auff den fels (vnd nit auf den felser) will ich pawen mein kirchen Schwarzenberg beschwerung d. alten teuf. schlangen (1525) D 3ᵃ;
dj welt werd ärger alle jar.
soͤchs hoͤrt ich von den alten offt,
den widersynn haͤt ich gehofft
ders., Cicero (1535) 157ᵃ;
das er demselbigen knecht sollt zugefugt haben, sagt, solt sich nymmer erfinden; aber der wiedersyn sey war (1538) staatspapiere z. gesch. Karls V. 256 Lanz;
seind also diese beyde reich (himmel u. hölle)
einander (so zu reden) gleich,
vorsteh, nach allem widersinn,
wie mans nennt, per antithesin
Ringwaldt christl. warnung (1588) E 8ᵃ.
vereinzelt jung im widersinn zu, beeinfluszt durch im widerspruch, gegensatz zu, vgl. auch die belege unter 3 mit dem nebensinn 'widerspruch': so sehen wir z. b. auf dem torbau ..., im widersinn zu der ursprünglichen bedeutung des motivs auf einem massiven unterbau ... einen leichten portikus Dvořák kunstgesch. als geistesgesch. (1928) 9.
2)
'der wider (jemanden oder) etwas gerichtete sinn, eine solche gesinnung, neigung, wie widerwille' Campe 5 (1811) 702ᵃ: sie murrete nicht wieder ihre eltern, liesz auch keinen schein des wiedersinnes mercken Riemer polit. stockfisch (1681) 282;
wird insgemein die lust zu sterben bey uns am kräftigsten gemehrt,
durch einen widersinn zum leben, als welches, durch die herbe pein,
uns immer mehr verbittert wird
Brockes ird. vergnügen 7 (1748) 717;
keiner war darunter (unter den männern, die Goethe während einer krankheit besuchten), ... den ich nicht durch krankhaften widersinn mehr als einmal verletzt ... hätte Göthe I 27, 187 W.; die Preuszen hatten in dem eroberten lande noch immer vielfachen widersinn zu bekämpfen, und besonders war ihnen die katholische geistlichkeit ... hartnäckig abgeneigt Varnhagen v. Ense biogr. denkm. ³2, 189. oft von der gesinnung liebender oder der eheleute zueinander im sinne 'widerspenstigkeit, zwieträchtig-trotziges wesen':
wolt ir mein lieb auch erkennen,
ir mügt sie gern hören nennen.
si ist widersins und selten fro
und oben gro und unten plo
fastnachtspiele 634 lit. ver.;
Hassana (gab) ... als des Tulemons vierdte ehefrau durch steten widersinn ihrem alten eheherrn die allgemeine lehre ...: es sey nichts gefährlicher, als eine offt wiederholte ehe Ziegler asiat. Banise (1689) 24;
mein wollen ist dein wille,
mein wiedersinn dein schmerz
Stieler geharnschte Venus 49 ndr.;
Titania, die elfenkönigin,
sie hatte seit dem tag, da trotz und widersinn
so unvermuthet sie um Oberons herz betrogen,
sich in diesz nehmliche gebirg zurückgezogen
Wieland s. w. (1794) 23, 103.
3)
vernünftigem denken, der vernunft (selten sitte und brauch) zuwiderlaufender sinn; gegenüber unsinn 4 (teil 11, 3, sp. 1394) nicht so sehr die negation, sondern zuvörderst die verkehrtheit des sinnes bezeichnend. vereinzelt seit dem 16. jh. bezeugt, ist diese bed. in neuerer zeit allgemein geläufig: wenn sichs also in ein widersinn und unsinn verkeret, dasz man ehre für schande und schande für ehre achtet F. Rhot Jesus Sirach (1587) 1, 213ᵃ;
das gluͤck hingegen hatte ganz voll widersinn
dem junker groszes gut, dem mädchen nichts verliehn
bei Eschenburg beispielslg. (1788) 1, 228;
mein dürftig Smyrna kleidete sich in die farben meiner begeisterung und stand, wie eine braut, da. die geselligen städter zogen mich an. der widersinn in ihren sitten vergnügte mich, wie eine kinderposse Hölderlin ges. dicht. 2, 80 Litzm.; in allen seinen werken diesz wunderliche nebeneinander von vernunft und widersinn Gervinus gesch. d. 19. jhs. (1855) 4, 19. mit dem nebensinn 'widerspruch': zu beobachten wäre (bei der ausgabe der werke), ... dasz da, wo sich etwa ein dunkel- oder widersinn ergibt, die stelle bemerkt würde und deshalb anfrage geschähe (1825) Göthe IV 39, 76 W.; die logik würde ihnen sagen, dasz es ein widersinn sey, einen organismus zu organisiren Riehl d. dt. arbeit (1861) 264; es ist widersinn in sich, den könig konservativ oder liberal zu denken de Lagarde dt. schr. (1886) 456; nur scheinbar ist es ein widersinn, wenn der steigerung der religiösen denkweise eine sehr augenfällige vermehrung der weltlichen bildgegenstände zur seite ging Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 7. häufig in verbindung mit verstärkenden adjektiven (bes. bar, vollendet, vollkommen):
wer warten lässt, übt baaren widersinn,
zu späte gab' ist schon zur hälfte hin
Gries Bojardos verl. Roland (1835) 3, 260;
Rossi findet gut (beim abschreiben eines buches), das herablassen des fallgitters in ein aufziehn einer zugbrücke zu verwandeln, woraus denn ein vollkommener widersinn entsteht Ranke s. w. (1867) 2, 356; wenn wir nicht an ... grundstimmungen und antriebe des nationalen politischen lebens glauben, so sind unsere heutigen staatsformen ein vollendeter widersinn (1912) K. A. v. Müller dt. gesch. u. dt. char. (1926) 121. weniger ausgeprägt ist eine bedeutungsnuance, die wahnsinn als 'torheit, verblendung' (s. teil 13, sp. 678) nahekommt: an den widersinn eines krieges, wie er bevorstand, glaubte ich durchaus nicht, bis er eintrat (1866) Stifter briefw. (1928) 5, 311; widersinn und lüge war, was die machthaber dieses reiches taten und was sie liessen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 288. als wirkend gedachte gewalt im sinne 'ungeist': (Romain Rolland erklärte dem verfasser:) wir müszten jetzt jeder wirken, jeder von seiner stelle aus, jeder von seinem lande, jeder in seiner sprache ... der widersinn sei sichtbar am werke und kampf gegen ihn wichtiger sogar als unsere kunst Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 237.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1208, Z. 28.

widersinnes, adv.

widersinnes, adv.,
s. widersinns.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1210, Z. 30.

widersinns, widersinnes, adv.

widersinn(e)s, adv.,
der normalen richtung, auffassung entgegen; (von) rückwärts, verkehrt. mhd. widersinnes, mnd. weddersinnes, mnl. wedersins. das wort (zufrühest bei Konrad v. Würzburg und Heinrich v. Freiberg) ist präpositionale verbindung (von wider 'gegen' und mhd. sin 'weg, richtung'), die in analogie zu den zahlreichen genitivadverbien adverbiales s annimmt (vgl. wider baches, wider abents u. weitere beispiele bei Wilmanns dt. gramm. ²2, 629). widersinns ist häufiger nur im 15. u. 16. jh. bezeugt; es fehlt der schriftsprache nach 1700 und den maa.; histor. belege bei Fischer schwäb. 6, 793; 'auch noch 1618', schweiz. id. 7, 1076. das wort wird durchweg adverbial verwendet, ganz vereinzelt als adjektiv: einen widersinssen oder hinder sich gerichten gang Thurneisser beschr. aller erdgewächse (1578) 122. lexikalisch vom 15. bis 17. jh. fast regelmäszig gebucht: wider sins gen, vulgariter hinder sich remeare, id est, retrorsum ire, retrogredi, voc. incip. teut. (Speyer um 1485) oo 3ᵃ; preposterare verkeren oder verhynderen, wydersyns keren gemma gemm. (1508) t 7ᵇ; retrorsum hinderrucks, hinderwertig, widersinns Schöpper synonyma (1550) d 2ᵇ; contrarius entgegen, lätz, widersins, widerspilisch ebda g 1ᶜ. noch bei Kramer: etwas im widersinn ò widersinns verstehen intendere qualche à contrasenso, prenderlo a contrapelo, t.-ital. 2 (1702) 817ᵇ. widersinns wird fast nur in gegenständlich-sachlichem bereich gebraucht; ganz vereinzelt im sinne 'verdrieszlich, widersetzlich': er ... sich gar wiedersins, abschleglich, ja feindselig geberet Pomarius gr. postilla (1590) 1, 336ᵃ.
1)
in räumlich-sinnlichem bereich 'in entgegengesetzter richtung', 'von hinten':
Isôt die küneginne kluoc
den namen (Peilnetosî) widersinnes las;
und waz dar inne verborgen was,
daz wart ir schiere bekant:
Isôtenliep sie drinne vant
Heinrich v. Freiberg Tristan 5333 Bernt;
da sant Remigius von der mulin gieng, da lieffen die reder alle widersins an die mulin d. heiligen leben, winterteil (1471) 14ᵃ; des wassers weiszt man kein vrsach, dann das ein grausam wind vom moͤr in der Tiber widersinns vnnd auffwartz hat getriben S. Franck chron. zeytb. (1531) 248ᵃ; solche (unterhändler) hat Annibal freundlich angenommen, vnd als sein heer vber daz wasser kommen, mit denselben dem wasser nach herab widersins seins vorigen zugs geruckt, begeret auff beldest zu den feinden zukommen Xylander Polybius (1574) 161. vereinzelt noch im 18. jh.: (ketten aus hanf sind) die besten, wenn sie eines halben kleinen fingers dicke vom seiler wiedersinns gedrehet oder also von gutem zwirn bereitet sind allg. haush.-lex. (1749) 2, 318ᵇ.
2)
'umgekehrt, gegenteilig, im entgegengesetzten sinne' (auf den verlauf von vorgängen, handlungen oder den sinn von äuszerungen bezogen): wenn ein sach den weg nit hinausz will, so muss man widersins anfahen (contraria attemptanda est) (1488) städtechron. 3, 97; was fleischliche liebe thuͦt in dem menschen widersins vnd ettwann dasselbig auch machet goͤtliche liebe in dem menschen Keisersberg brösamlin (1517) 2, 25ᵇ; der teuffel aber verkert diese ordenung gottes und machts gleich widdersynns (1525) Luther 16, 446 W.; hie würt ein jagen von dem künig angericht, auff welchem Gabriotto von dem narren umbracht solt werden, welchs als widersinns auszgieng Wickram w. 1, 339 Bolte; das aber alles widersins gerhaten ist: gott musz desz geklagt sein ebda 2, 26 u. ö.
statthalter, was beduncket euch?
die sach will nit zutreffen gleich.
der procesz der geht widersins
Ayrer dramen 2043 lit. ver.;
damit nach anleitung der natur selbst die rede von dem niedrigen in die höhe, und denn wieder herunter gezogen, nicht aber widersinnes damit gebahnet werde Buchner anl. z. d. poeterey (1665) 109; ich weisz nicht, herr schwehrvatter, warumb er alles so widersinns anstellet Grimmelshausen Simpl. 276 Scholte. häufig bei verben wie verstehen, interpretieren: (die frommen leute) sindt alle gewarnet worden, aber sie haben alles widersinnes verstanden Luther br. 47, 599 W.; so verstond sy es so widersins Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 59 ndr.; vnd legens alles nach der frembden weiszheit ausz, vnd interpretirens widersinns Paracelsus opera 2, 371ᴮ Huser; (der landschultheisz) des fürsten meinung widersins verstunde Zinkgref apophthegm. (1628) 297.
3)
vereinzelt als präposition im sinne 'gegenüber': dass etliche sternen seind, dieselbigen sind widersinns der sonnen Paracelsus opera 2, 86c Huser. oft als adversatives adverb im sinne 'hingegen, umgekehrt': so der regenpog erscheint mit dem wintterlichen lufft in septendrion, bedeüt auch schon wetter vnnd clar, vnd widersynns so er ... erscheint mit dem sumerlichen lufft in occident oder mittag, regen Reynmann wetterbüchl. (1510) 7 Hellmann; so lasset sie (die hl. schrift) sich nit biegen ... nach menschlicher verendrung vnd gesatzen, sonder widersynsz die menschen müssen sich verendren J. Nazarei vom alten u. neuen gott 60 ndr.; szonder gerad widdersyns, do er (Christus) auff erden war, war er uns tzu ferren (1523) Luther 12, 562 W.; wie auch widersins zum offtern mal geschehen ist, das ausz eim ongeschlachten erdtrich ein fruchtbar boden worden ist S. Münster cosmogr. (1550) 292. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1216, Z. 17.

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Zitationshilfe
„widersinnes“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widersinnes>.

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