Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

widersinnig, adj.

widersinnig, adj.,
mhd.-frühnhd. zu widersinn gebildetes und von älterem widersinns, an dessen stelle es in adverbialer verwendung tritt, beeinflusztes wort. vgl. die vereinzelten belege für die adverbialform widersinnigs Heinrich v. Wittenwiler ring 7500 Wieszner; weddersinniges bei Schiller-Lübben 5, 634; widersinnig findet sich erst seit dem 16. jh., vgl. widersinnisch unten; lexikalisch seit dem 16. jh. vereinzelt, später durchgehend gebucht: antifrasis est sermo e contrario intelligendus ein widersynnig red, antilogus est sermo contrarius ein widersynnige rede gemma gemm. (1508) b 1ᶜ; Schottel haubtspr. (1663) 420; Stieler stammb. (1691) 2032; Kramer t.-ital. 2 (1702) 818ᵇ; Adelung 4 (1801) 1524. den maa. (vereinzelt fachsprachlich im obd., s. 1 c) kaum geläufig (histor. belege bei Fischer schwäb. 6, 793; schweiz. id. 7, 1074): widɛrsinnig Schatz wb. d. tirol. maa. 704; weddersănnəg Schmidt-Petersen nordfries. 160ᵇ; wëdersënnî Jensen nordfries. 683.
1)
räumlich und gegenständlich 'der gewöhnlichen richtung und anordnung entgegengesetzt' (vgl. widersinn[e]s 1); so noch fachsprachlich lebendig, dagegen
a)
nur selten und nur bis ins 19. jh. in allgemeiner verwendung: wenn nun derselbige zahn oder schiefer (im verletzten glied) schon also widersinnig steht, so weisz darum einer nicht wo er fehlt oder mangel hat Würtz wundartzney (1624) 410; die haare einer katze wiedersinnig streichen Heynatz antibarb. 2 (1797) 637; sollte ... (die) strömung bei Kaschna, vielleicht nur eine partielle, widersinnige wendung des stromlaufes seyn Ritter erdkde (1822) teil 1, 489.
b)
bergmannssprachlich: 'wiedersinnige gänge heiszen auf bergwercken diejenigen, die ihr streichen und fallen offt verändern, das ist, die bald das hangende zum liegenden, und das liegende zum hangenden machen' Hübner naturkunst-lex. (³1717) 1761; 'widersinnig fallen wird von gängen gesagt, wenn ihre in die erdkugel nieder zu gehende richtungslinie nach einem andern weltort gehet, als dergleichen gänge niedergehen, wenn sie recht fallen' bergmänn. wb. (1778) 604; widersinnig fallen Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 644ᵇ; widersinnige klüfte Korabinsky geogr.-hist. lex. (1786) 680; 'gegensatz von rechtfallend' Gätzschmann (1881) 118; s. u. widersinnisch 1.
c)
in der forst- und jägersprache: 'widersinniges gehörne ein hirsch-geweih, welches neben der groszen stange unten am kopff eine andere kleine herauswachsend oder einige ende widersinns hat' Zincke allg. öcon. lex. (1744) 3202; 'wann auch die enden gar krumm ein- oder auswaͤrts, oder kurtz ruͤckwaͤrts gebogen stehen, wird es ein widersinnig gehoͤrn genennet' Döbel neueroͤffn. jägerpractica (1754) 1, 6; Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 199; Hindenburg ... schosz einen vierzehnender und einen starken hirsch mit widersinnigem geweih Göttinger tagebl. (28. 11. 1914). als forstausdruck, s. widerborstig 1 b, sp. 925: 'nachsinnig (vom holz) zum spalten tauglich; dagegen: widersinnig, dazu untauglich, an dem drehen der holzfaser von west nach süd und ost erkennbar' bei Schmeller-Fr. 2, 295; 'windig, der natürlichen richtung entgegen' Stalder schweiz. id. 2, 449; 'mit der faserndrehung um die kernachse des stammes rechts ziehend' Unger-Khull steir. 632ᵃ; 'wîdasînig (Unterinntal) von nicht gerade wachsenden stämmen' Schatz wb. d. tirol. maa. 704.
2)
auf inhalt und bedeutung von sachverhalten bezogen 'im gegenteiligen sinne'; 'unvereinbar'.
a)
entgegengesetzt; 'ein ding widersinnig verstehen, nehmen intendere, pigliare una cosa a (in) contrasenso' Kramer t.-ital. 2 (1702) 818ᵇ: also ... die leut ... die warhait vnd lugen widersinnig verstehn vnd annemen werden J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, vorr. a 3ᵃ; jszt ers gern klat, so macht sie es warm, ... sie gibt achtung was jhm fuͤr kleider wol anstehn, vnd jhne an jren geduncken schoͤn vnd thut die widersinnigen an Fischart Garg. 106 ndr.; hier will ich eine gantz widersinnige meinung beyfuͤgen Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, Gg 7ᵃ; (das wort hölle kommt) von dem teutschen worte helle, klar und liechte, aber in einem gantz widersinnigen verstande per antiphrasin Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 49;
allein es ist nun so ein handel,
es streitet (die unehel. vaterschaft) mit dem tugendwandel,
und kömmt gantz widersinnig raus
Henrici ged. (1727) 2, 424.
b)
attributiv und prädikativ bei (meist) pluralischem beziehungswort 'unvereinbar, einander widerstreitend': soll man dieselben schödlichen secten als ware glauben vnd auss vilen zerspaltenen vnd widersinnigen glauben einen zusamen schmeltzen J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 178ᵇ; wie das urtheil vieler menschen vngleich, widersinnig vnd betruͤglich ist, also hastu darumb dich deines ... ehrlichen namens nicht zuschaͤmen Moscherosch gesichte (1650) 1, 53; (der schwätzer) mischt im sprechen widersinniges essen durcheinander, iszt zugleich gurken und pflaumen portraits (1779) 130; der menschenscepter ist viel zu schwach und klein, dasz so widersinnige theile (verschiedene menschengattungen u. nationen) in ihn eingeimpft werden könnten Herder 13, 384 S.
3)
'feindlich gesinnt, trotzig, widersetzlich': er sey selbst so widersinnig und aigenwillig gewest, das ers nit haben wollen annemen, ... so hab er ime auch nit gesagt, was ine zu der waigerung bewegt (1527) verhandl. über Thomas v. Absberg 248 lit. ver.; Barsinan kame, vermeinende, dasz er solche auch wie das schlosz unversehens fahen mögen wurde. aber er fandt da mehr widersinnige, denn er nicht gedacht Amadis 373 Keller; mein g. h. wolte solche widersinnige leute im lande nicht leiden Hennenberger landtaffel (1595) 185; alsdann klagte er mit beweglichen worten an sein widersinniges gluͤkk S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 7; man lieset, dasz zu ... Salomon einst ein mann klagend kommen ... wie seinen sachen vorzustehen, dasz er sein widersinniges weib zu zwingen vermöchte d. wohlgeplagte priester (1695) 150; es ist gegen die wahrheit der geschichte, wenn man den bösartigen, widersinnigen character zusammengedrängter menschen, wetteifernder künstler, ... neidiger gelehrten zu allgemeinen eigenschaften des menschlichen geschlechts macht Herder 13, 321 S. widersinnig zu oder gegen im sinne 'abgeneigt':
grosz lobens werth ist dieser könig,
weil er zur raach gantz widersinnig
straflet solch lästerliche ding,
doch lindigkeit gemesz und ring
Kirchhof wendunmuth 2, 74 lit. ver.;
etliche seynd so widersinnig gegen die schönheit ..., dasz sie die verachten Lehmann floril. polit. (1662) 1, 169.
4)
dem gesunden menschenverstand, der vernunft widersprechend; verkehrt, absurd, irrsinnig; in dieser bed. ist das wort vereinzelt seit dem 16. jh. ( Luther), mit zunehmender häufigkeit und in den verschiedensten verwendungen seit dem 18. jh. bezeugt. in den älteren belegen, bes. im adverbialen gebrauch, ist die bed. des wortes nicht immer klar von der unter 2 oder 3 zu trennen; deutlicher in prädikativer verwendung, vor allem in dem häufigen aussagesatz das (es) ist widersinnig (vgl. in dieser bed. im frühnhd. eindeutiger zu fassendes widersinnisch 4): darumb tzangke ich mit yhn (den päpstlichen), das sie an der hirten stadt reyssende wolffe sind, tzu brechen und zu reyssen mit yhrer lahr und widdersinnigen gesetzen nicht alleyn die kleinsten gebott, ... szondern auch die groͤsten gar miteynander Luther 8, 546 W.; wenn man nicht augenscheinlich saͤhe, dasz alles mit fleisz so widersinnig (in einer schmähschrift) eingerichtet, und die absicht der spötter keine andere sey, als ... zu beschimpfen Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 301; zu wessen verehrung tanzte ihn (den tanz) die Diana? zu ihrer eignen? oder zur verehrung einer andern gottheit? beydes ist widersinnig (var. widersinnisch) Lessing 9, 135 L.-M.; die unthätigkeit und die widersinnige politik des englischen hofes hatte den eifer Gustav Adolphs erkältet Schiller 8, 215 G.; weit gegründeter ist der vorwurf, ... dasz er (Rameau) die absicht des poeten übel gefaszt ... vieles widersinnig ausgedrückt Göthe I 45, 203 W.; war's nicht ganz widersinnig (von ihr), wegen seiner (eines mannes) ein ganzes lebensglück aufzuopfern? M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 235; Nero ist tot? dieses faktum ist dumm, widersinnig, stört die vernünftige ordnung Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 123. mit dem nebensinn 'wechselvoll':
(knabe Lenker zu Plutus:)
wo du verweilst ist fülle, wo ich bin
fühlt jeder sich im herrlichsten gewinn;
auch schwankt er oft im widersinnigen leben:
soll er sich dir? soll er sich mir ergeben?
Göthe I 15, 1, 47 W.
vom denkvorgang und dessen ergebnis: ein naturalist, der nicht widersinnig denkt, musz eine offenbarung gottes wünschen Basedow method. unterr. d. jugend (1764) 263;
was doch der vogel Phönix wäre?
die widersinnigste schimäre,
die je der wahnwitz ausgeheckt
Ramler fabellese (1783) 1, 243;
genug von ... den widersinnigen und schwülstigen gedänkchen Gerstenberg recensionen 120 lit.-denkm.; mit scharfsinn wurde das widersinnige ausgesonnen Justi Winckelmann (1866) 1, 270. häufig widersinnige ansicht, verdacht, idee: nicht immer ist eigennutz die quelle dieser widersinnigen ansicht Müllner dram. w. (1828) 8, 94; es war der widersinnigste verdacht, der je auf ihn geworfen werden konnte Mörike w. 3, 142 Göschen; da ... in ihnen die widersinnige idee aufstieg, einen jungen schauspieler zum geheimschreiber ... zu machen ..., warnte ich da nicht abermals? Holtei erz. schr. (1861) 35, 283. sehr oft in verbindung mit vorkommen, (er)scheinen, halten für: es kommt mir eben so ungereimt und widersinnig vor, dasz ein mensch befugt seyn soll, über einen andern menschen ... zu spotten Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 94; einige widersinnig scheinende säze habe ich zum beweise nöthig Winckelmann s. w. (1825) 10, 209; Livius berichtet, dieser habe die Etrusker bis nahe vor Nomentum getrieben, ... das erscheint ganz widersinnig Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 175; Scheler hält es für widersinnig, eine einzige konkrete welt als wirklich zu setzen, ohne die idee eines konkreten geistes mitzusetzen Nic. Hartmann ethik (²1935) 217; für die bewaffneten ist der wochenlange nachtdienst, dessen ursache ihnen so empörend widersinnig erscheint, keine kleinigkeit Werfel Bernadette (1948) 306. neben unfaszbar, unbegreiflich stehend, kann widersinnig die nebenbedeutung 'der vernunft nicht zugänglich' annehmen: nicht blosz die widersinnigen dogmen, sondern auch die begreiflichen Schopenhauer w. 2, 192 Gr.; durch den leeren raum in die ferne wirkende kräfte sind an sich unbegreiflich, ja widersinnig du Bois-Raymond grenzen d. naturerkennens (1873) 14; alles, was man unfaszbar und widersinnig nennt M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 130.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1210, Z. 31.

widersinnisch, adj.

widersinnisch, adj.,
in ähnlichen bedeutungen und verwendungen wie widersinnig (s. d.) vom frühnhd. bis anfang 19. jhs. durchgehend und etwa in gleicher dichte bezeugt. Luther, der es zuerst gebraucht, bevorzugt das wort (40 zu 3 bel.), wie auch noch das 16. u. 17. jh. mehr belege für die -isch- als für die -ig-ableitung liefern. erst in der 2. hälfte d. 18. jhs. wird widersinnisch im selben masze seltener wie widersinnig häufiger. Adelungs bemerkung 'in den gemeinen sprecharten widersinnisch' 5 (1786) 204 (ebenso Campe 5 [1811] 702ᵃ) trifft für diese zeit nicht voll zu (noch bei Lessing, oft bei Wieland, Herder, Kant). lexikalisch nur selten: hypallage ... eine weise zu reden so man wiedersinnisch verstehen musz Faber thes. (1587) 394ᵇ; contra, al contrario widersinnisch Güntzel haubtschlüssel (1648) 873 (nicht bei Stieler und Kramer); widersinnisch, morosus Steinbach dt. wb. (1734) 2, 610.
1)
in der sprache des bergbaues vom streichen und fallen der (erz-)gänge, vgl. widersinnig 1 b: wiedersinnische gaͤnge Junghans gräublein ertz (1680) F 3ᵇ; Schönberg berginformation (1693) 2, 109; wiedersinnisch oder wiedersinnige gänge, sind diejenigen, die ihr streichen und fallen oft verändern, das ist, die bald das hangende zum liegenden, bald das liegende zum hangenden machen Minerophilus bergwercks-lex. (1730) 717; diese (gänge) stuͤrtzen sich offtermahls, das ist, sie fallen widersinnisch Herttwig neues u. vollk. bergb. (1734) 128ᵇ; Zappe miner. hdlex. (1817) 3, 229.
2)
entgegengesetzt, gegenteilig, -sätzlich. häufig belegt (bes. bei Luther) im 16. jh., vereinzelt noch ende des 18. jhs.: das er diesen orden umbkere und eynen widdersynnischen auffrichte (1525) Luther 18, 136 W.; seine (gottes) werck sind nicht wie menschen werck, sondern gar widdersynnisch (1527) ebda 24, 296; der heylig geyst aber soll euch andere unnd widersinnische gedancken eingeben, das werden gedancken sein von mir (Christus) (1544) bei Luther 52, 309 W.; werden nicht schon auf die ordentliche weise zu heyrathen, personen genug zusammen gekoppelt, die am gemüthe ungleich, an sitten widersinnisch ... sind? Gottsched vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 305; trotz alles abstandes und widersinnischen zwischen unsern und seinen sitten Kretschmann s. w. (1784) 1, 26. mit dat. 'im gegensatz zu': syntemal ich myr furgenommem meynes geblutts lands herrn disz buch zuzuschreyben, nit seltzam wurd angesehen, das ich widersynnisch der welt nit an den eltisten, m. g. herrnn, szondern an dem iungsten beydes stammisz anfahe (1522) Luther 10, 1, 1, 4 W.; der papisten und geystlichen leben ... strack mit dem kopff an dissen felsz (Christus) leufft und szo widdersynnisch dem christlichen leben wandelt ebda 397; wer wolte aber darausz nicht schliessen, das diese Maria, weniger nichts als die h. jungfraw Maria sei? als die alles widerwertig unnd widersinnisch dem herren Christo unnd seinen heiligen aposteln handelt J. Marbach v. mirackeln u. wunderzeichen (1571) q 1ᵃ. in häufigeren verbalverbindungen: widersinnisch tun 'das gegenteil tun, im entgegengesetzten sinne handeln': weil er (gott) der aller hohist ... ist, mag er nit uber sich sehen ... aber die welt und menschen augen thun widdersinnisch, die sehen nur uber sich (1521) Luther 7, 547 W.; aber vnser schwermer thun widder synnisch ebda 23, 224 u. ö. widersinnisch lehren: aufftzihen und still stehen ist tzu ruck gehen ynn gottis wege, unnd schweygen ist szo viel alsz widersinnisch leren (1521) Luther 8, 193 W.; (die papisten) sehen aber nicht, wie S. Paulus gerade widersynnisch leret (1539) ebda 50, 474 u. ö. widersinnisch (zu-)gehen 'den entgegengesetzten verlauf nehmen', z. t. in bed. 4 'absurd, unsinnig' übergehend: die vernunfft kan sich jnn diesen wunderlichen sieg der gleubigen nicht richten, denn es gehet hie alles widdersynnisch zu Luther 51, 290 W.;
ach dort (im himmel) in der vollkommen ruh,
geht alles widersinnisch zu
Ringwaldt christl. warnung (1588) E 2ᵇ;
ein mal wolte das gesinde in den stal gehen, werden (statt dessen) in die meelkamer geführet, und gieng also widersinnisch zu Hennenberger ercl. d. pr. landtaffel (1595) 47;
verwundern wir uns noch, wenn wir den zepter sehen,
der unterm mond die herrschaft führt,
dasz alle dinge dort so widersinnisch gehen?
Wieland s. w. (1794) 5, 173.
in wenigen zeugnissen zeigt widersinnisch eine abwertende bedeutung im sinne 'verkehrt, verdreht', die sich mit der unter 4 berührt: die vorkerung ist yhr (der päpstlichen) schuld, seyntemal sie gar und gantz widdersynnisch und vorkeret sind Luther 8, 153 W.; vnd wiewol solche ... ordnung ... so gar veraltet, das sie beynahe verloschen, ja gantz widersinnisch vnnd zu allem argen (gott erbarm es) gerathen ist Herr feldbau (1551) 3ᵃ. wohl hierher: jhr werden euch noch mehr verwunderen, wann ich euch jetzt des Plinij capitel auszleget, inn welchem er von den frembden widersinnischen miszgeburten handelt Fischart Garg. 160 ndr.
3)
trotzig, widersetzlich; seltener bezeugt als gleichbedeutendes widersinnig 3: die erste vnwilligkaiten, zänklin vnd widersinnische weisen der jungfrauen Fischart w. 3, 128 Hauffen;
wer ist, der uͤberwind die welt,
die sich so widersinnisch stelt,
die gleubigen mit list anfelt?
Widmann hortulus (1627) 1, 61;
wenn das widersinnische geluͤkke mir fort für fort alle mittel ... benimt? Butschky kanzelley (1659) 36; solte es möglich seyn, dasz sich iemand erfreuete, wenn ihm eine wiedersinnische gemahlin beygeleget würde? Chr. Weise dramen 159 Unwerth; ihre wiedersinnische natur ebda 161; ich weisz wie weit darinnen unsere schwachheit gehet, wie man ... durch verdrieszlichen und widersinnischen ernst und veraͤchtlichkeit die gegen die seine anbefohlene decenz verlaͤsset Zinzendorf christl. bedencken (1735) 31; dieses unerklärbare, launische, widersinnische ding, unsre seele Wieland Agathon (1766) 2, 289; ein unterschied zwischen dem menschenfreundlichen, liebreichen, sanftmüthigen, und zwischen dem störrischen, widersinnischen, hämischen menschen Garve Cicero, anm. (1783) 2, 28.
4)
der vernunft zuwider; unsinnig, absurd. vom 16. bis ende 18. jhs. gut belegt (vgl. widersinnig 4): ists doch alles widdersynnisch, strebt widder alle vernunfft der menschen, ja widder sein eygene synn (1527) Luther 24, 173 W.; den plumpen Holländern (lautet es) so widersinnisch, dasz einer soll Diebold Angelgert oder Lentz Ochsenfusz heissen Fischart Garg. 163 ndr.; vnd ist zumalen widersinnisch, dasz man ausz dem ort vnd wort erzwingen will, Petrus sey vom herrn ein fels genennet worden, vnd jhme zugestellet voͤllige macht, die gantze christliche kirche zu regieren M. Walther erläut. d. proph. Daniel (1645) 3, 141; anstatt nicht wissen, unwissen zu sagen, das würde lächerlich und widersinnisch seyn Gottsched beob. (1758) 223; allerdings ist es widersinnisch, bei einem groszen schmerzen sich geschwätzig zu zeigen Herder 1, 478 S.; es (ist) doch ganz widersinnisch, dasz einige von uns uͤbermaͤszig reich sind Wieland Lucian (1788) 3, 25; das ideal aber in einem beispiele d. i. in der erscheinung realisieren zu wollen, wie etwa den weisen in einem roman, ist unthunlich und hat uͤber dem etwas widersinnisches ... an sich Kant w. (1838) 2, 442; nur dasz einem alles äuszerst verunstaltet, widersinnisch und kauderwelsch vorkommen musz ebda 3, 173 u. ö.; natuͤrlich wird keiner in der bibel etwas unvernuͤnftiges, d. h. seiner vernunft widersinnisch scheinendes finden Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 2, 60. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1213, Z. 67.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widersinnig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widersinnig>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)