Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerspenstigkeit, f.

widerspenstigkeit, f.
1)
meist 'widersetzlichkeit, aufsässigkeit, hartnäckiges widerstreben'.
a)
überwiegend von personen: widderspenstickeyt (gegenüber gott) ist mühe vnd abgotterey (1523) Luther bibel 1, 62 W. (1. Sam. 15, 23);
mein eltern sindt durch falsche zungen
zu widerspenstigkeyt getrungen
und wöllen es schlecht nit zu-geben,
mit ewr tochter elich zu leben
(1552) Hans Sachs 14, 217 lit. ver.;
begunten ... die Preüssen des gehorsams vberdrüssig zu werden, kehreten sich mehlig zu widerspenstigkeit (dem ritterorden gegenüber) Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1. buch, F 3ᵇ; es fiel solches alles (heiratspläne) mit der fräulein widerspenstigkeit in brunnen Bucholtz Herkuliskus (1665) 680ᵃ; ich ... hielt ihr beweglich ein: wie ... der selbstmord ... eine wiederspenstigkeit gegen das verhängnis ... wäre Lohenstein Arminius (1689) 1, 1209ᵇ; aus solchen allzufreyen umgang (der unteroffiziere mit den gemeinen) nichts als verachtung ... wiederspenstigkeit und desordre entstehet Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 162, § 9; unsere widerspenstigkeit, seinen (Zachariäs) Milton zu lesen (1766) Gerstenberg schlesw. lit.-br. 95 lit.-denkm.; Marianel war klug genug ..., sich ohne eitle widerspenstigkeit in der nähe betrachten zu lassen Holtei erz. schr. (1861) 14, 141; die widerspenstigkeit eines sohnes, der sich plötzlich ... der väterlichen führung entreiszen will E. Strausz freund Hein (1921) 280. als wesenszug einer person: Rosalie beklaget sich, dasz sie genöthiget sey, wegen der widerspenstigkeit ihrer frau mutter (charakterl. eigensch., aus der heraus diese anderen stets widerstrebt), ... ihre natürliche aufrichtigkeit zu verläugnen (1749) bei Hafner ges. schr. (1812) 1, 84. als allgemeinmenschl. zug: so stark die (schöpfungsgewalt gottes) ist, so stark ist auch die menschlich widerspenstigkeit Bettine dies buch geh. d. könig (1852) 1, 180. — 'hartnäckiges festhalten an einer meinung, einem vorsatz': solche hartnäckigkeit unnd widerspenstigkeit (derer, die nicht an tritonen usw. glauben) wird auch dadurch umbgestossen, wenn die reisenden aus Indien berichten, dasz man ... beyderley geschlechter der meermenschen ... lebendig gefangen habe Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 2, 149; sie sich in den kopf gesetzt hatte, nur aufs land hinaus heiraten zu wollen. und darüber war sie dreiszig jahr alt geworden, alles bloss aus eigensinn und wiederspenstigkeit Fontane ges. w. (1905) I 6, 412. für rebellio: (ende d. 15. jhs.) Diefenbach gl. 486ᵃ; Zehner nomencl. (1645) 109; Widerhold dict. (1669) 418ᵃ; Stieler stammb. (1691) 2069; révolte, sédition, rébellion Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1044ᵇ; wo zu raten sie (Luther u. anhänger) denn nur zu widerspenstickeyt (rebelliones), tzwitracht, gütterberawbung (übersetzung eines papstbriefes 1523) Luther 11, 347 W. vgl. dazu: bey der türkischen ... unruh und noch wehrenden ungrischen widerspenstigkeit Butschky Pathmos (1677) 536; da sich nachhero die vornehmsten aufrührer gutwillig unter des Valboa gehorsam begaben, liesz er einen allgemeinen frieden und vergebung aller ... widerspenstigkeit halber ausruffen (1731) Schnabel Felsenburg 436 Ullr.
b)
von tieren: widerspänstigkeyt der thier Sebiz feldbau (1580) 640; der muth hat sich bey ihm (dem zahmen esel) in widerspenstigkeit verwandelt Oken allg. naturgesch. (1839) 5, 1231; an sich war es komisch, wie der arme ungeschickte reiter die erste widerspenstigkeit zu zügeln versuchte Gutzkow ges. w. (1872) 6, 177.
c)
übertragen:
die widerspenstigkeit der herzen wird er (Johannes d. täufer) schlichten,
um ein bereites volk dem herren zuzurichten
Rückert ges. poet. w. (1867) 11, 9.
in religiöser sicht vom fleisch, das dem geiste widerstrebt: es bleybt wol eyn widderspenstigkeyt des alten Adams, des fleyschs widder den geyst (1525) Luther 17, 1, 75 W. von der materie: man hat von je her, von der unvollkommenheit der materie, und von ihrer widerspenstigkeit gegen das gute gesprochen Nicolai literaturbr. (1759) 6, 237; (pater Jakobus hatte) es nicht nur mit ideen zu tun gehabt, sondern nicht minder mit der widerspenstigkeit der materie und der menschen H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 271. von der sprache:
(ich) sah ihn (Haller) mit seiner sprache ringen;
so widerspenstig sie auch schien,
die widerspenstigkeit bezwingen
J. A. Ebert episteln u. verm. ged. (1789) 168;
Wieland wollte in der hälfte des Messias nachweisen, ... wie der dichter die vorgefundene sprache auszuarbeiten, ... ihre widerspenstigkeit zu zähmen ... gewuszt hat Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 114.
2)
'feindlicher gegensatz, wechselseitige anfeindung': (es soll darauf geachtet werden) das sie (schwarze u. weisze trauben) nicht vnder einander gepflantzet werden, dann sie haben ein natürliche widerspenstigkeyt gegen einander M. Herr feldbau (1551) 81ᵇ; zwischen dem wolffe vnd schaffen ist eine ewige vnuorträgliche wiederspenstigkeit Mathesius Jesus Syrach (1586) 1, 82ᵇ; wie nu gott vnd Belial eine ewige wiederspenstigkeit vnnd feindschafft haben ebda 2, 65ᵇ.
3)
in neuerer zeit ist gelegentlich pluralgebrauch bezeugt, fälle von widerspenstigem verhalten bezeichnend: (ich) möchte meine verfassung weder in eine reine aristokratie noch demokratie, um des ungehorsams und der widerspenstigkeiten weniger gewahr zu werden, umgeschaffen sehen Jacobi w. 1 (1812) 255; es gab verdächtige anspielungen, tückische widerspänstigkeiten, noch tückischere äuszerungen über Erich (schwed. kg.) E. M. Arndt schr. (1845) 1, 202; (Oswalds schüler lieszen es) nicht an neckereien und widerspänstigkeiten aller art fehlen Spielhagen s. w. (1877) 2, 269; die kirchliche reform war das einzige mittel, die unordnungen und widerspenstigkeiten der geistlichkeit, mit der man schon so lange zu kämpfen gehabt, endlich zu beseitigen Ranke s. w. (1867) 2, 320. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1229, Z. 24.

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Zitationshilfe
„widerspenstigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerspenstigkeit>.

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