Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerspiegeln, vb.

widerspiegeln, vb.
1)
a)
in eigentlicher, optischer verwendung. im frühesten beleg reflexiv gebraucht: während die andere (fels-)wand ... sich weit in der see wiederspiegelt (1784) Klinger w. (1809) 1, 309. für Göthe ist das wort wiederholt bezeugt, doch stets in eigentlicher, optischer, nie in übertragener verwendung; als part. präs.: die glanzfülle des oberflächlichen porzellans stand in wiederspiegelnder herrlichkeit hinter den wasserhellen wohlgeputzten fenstern I 33, 39 W.;
schwarzvertiefte finsternisse
wiederspiegelnd ruht der see
I 4, 113.
reflexiv: allerley lustfeuer stiegen hier auf und brachten, indem sie sich unvermuthet in der tiefe wiederspiegelten, einen stillen teich zur evidenz, der in der finsternisz verborgen gelegen III 8, 101; in einem ... thale, dessen eine felsige seite von wellen des klarsten sees leicht bespült sich widerspiegelte I 25, 1, 228. überhaupt ist gern das wasser die spiegelnde fläche:
(der bergsee) der in heil'ger stille
den himmel und die friedlichen gestade
getreuer wiederspiegelt als der bergstrom
W. Hauff s. w. (1890) 4, 343;
schwarze wasserlachen ... spiegelten die trübe natur noch trüber wieder Gerhart Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 18. dann auch andere dinge mit reflektierender oberfläche:
der estrich ist vom reinsten kristalle
und widerspiegelt die bäume alle
H. Heine s. w. 1, 332 Elster;
kreise ..., die in dem darunterliegenden durchsichtigen glase konkave vertiefungen bildeten und alles, was sich ringsum befand, unzähligemal in komischer verkleinerung widerspiegelten H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 48. mit anderer sicht: eine braun lackirte thüre, auf deren oberfläche sich die matten lichter des ... gassenlaternchens wiederspiegelten Holtei erz. schr. (1861) 8, 100.
b)
übertragener gebrauch findet sich wohl zufrühest bei Jean Paul: jeder will von ihr (der dichtkunst) nicht die menschheit, sondern seine, aber glänzend, widergespiegelt erhalten, und das kunstwerk soll nach Kunz ein verklärter Kunz sein, nach Hans ein verklärter Hans (1804) w. 49/51, 351 Hempel. vgl. dazu noch: ein werk wie 'Wilhelm Meisters lehrjahre', das ungescheut die leichten sitten jener zeit widerspiegelt Scherer kl. schr. (1893) 1, 47; die literatur spiegelt in der regel die gesinnungen der oberen schichten wieder Deissmann licht vom osten (1923) 242. von äuszerungen anderer art: wie die prahlereien dieser philosophischen ausleger nur die erbärmlichkeit der wirklichen deutschen zustände widerspiegeln (1845) Marx-Engels dt. ideol. (1953) 9 Dietz; berichte, welche nur die ministeriellen anschauungen wiederspiegeln Bismarck ged. u. erinn. 2, 18 volksausg. von personen: sogar die gedanken, die intentionen der natur vermag er (Goethe) uns widerzuspiegeln H. Heine s. w. 3, 265 Elster; die welt ist innerlich ruhig und still, und so muss es auch der mann sein, der sie verstehen und als ein wirkender teil von ihr sie widerspiegeln will G. Keller ges. w. (1889) 2, 13; (leute, die) ihr (der partei) den eindruck widerspiegeln, den ihr auftreten auszerhalb Deutschlands macht (1879) Engels bei Bebel aus meinem leben (1946) 3, 67; die kleine seherin von Massabielle (Bernadette) hat uns seligkeiten wiedergespiegelt, für die es in der sprache kein wort gibt Werfel Bernadette (1948) 337. von auge und antlitz: (die augen) konnten in einer und derselben minute ein tödtliches ermatten widerspiegeln und vor lebenslust sprühen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 231; weil sein rassiges gesicht schon seit wochen keinerlei empfindung mehr widerspiegelt qu. a. d. j. 1930. mannigfach sonst: (sie) raffte mit zitternden fingern die (gold)stücke auf, die nun nur noch ihre schande widerspiegeln sollten Immermann w. 3, 71 Hempel; der mensch dieses zustandes (des idealisierens) verwandelt die dinge, bis sie seine macht wiederspiegeln Nietzsche w. I 8, 123. sich widerspiegeln (meist in etwas): mir aber ist sie (die Sperlingsgasse) seit vielen jahren eine unschätzbare bühne des weltlebens, wo ... alle antinomien des daseins sich widerspiegeln W. Raabe s. w. I 1, 10; der reizende chor ..., in dem die glückliche stimmung der Electra so wie der eindruck des heiteren himmels und des ruhigen meers sich wiederspiegeln O. Jahn Mozart (1856) 2, 470; die menschen gewöhnten sich daran, ihr tun aus ihrem denken zu erklären statt aus ihren bedürfnissen (die dabei allerdings im kopf sich widerspiegeln, zum bewusztsein kommen) (1875—83) Engels dialektik d. natur (1952) 188 Dietz; die schwächen der heimatlichen verhältnisse spiegelten sich vielfach in den stimmungen wieder qu. a. d. j. 1920; welch eine seele spiegelt sich in den worten Jesu wieder Deissmann licht vom osten (1923) 247.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1232, Z. 37.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widerspiegeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerspiegeln>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)