Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widerspiel, n.

widerspiel, n.,
seit dem 14. jh. bezeugt; s. Konrad v. Megenberg dt. sphaera 1 Matthaei und unter 4 den Göttweiger Trojanerkrieg. mhd. widerspil, mnd. wedderspil, mnl. wederspel. zu spiel 'ludus' und 'sache, affäre, angelegenheit' (teil 10, 1, sp. 2311 ff.).
bedeutung und gebrauch. die seit dem spätmhd. vorherrschende, erst im 19. jh. veraltende bedeutung des wortes ist 'gegenteil' (1). hierzu stellen sich entsprechende anwendungen auf personen (2: jmd. ist das widerspiel eines andern 'sein gegenteil') und eine sonderverwendung für 'widriges geschick' (3). gleichfalls seit dem spätmhd. tritt widerspiel als spielerausdruck auf (4: widerspiel sagen, das widerspiel karten). im sinne von 'gegenwirkung, widerstand' wird widerspiel seit dem 16. jh. gebraucht (5), gleichzeitig auch als nomen agentis in der bedeutung 'widersacher' (6). neben die seit dem frühnhd. belegte verwendung für 'sachl. gegensatz, kontrast, unterschied' (7) tritt seit beginn des 19. jhs. eine mehr dynamische auffassung 'antagonismus gegeneinanderwirkender kräfte' (8). ebenfalls jung sind die bedeutungen 'abbild, widerspiegelung' (9) und 'gegenstück' (10). unter 11 sind die zu festem phraseologischen gebrauch gelangten redewendungen des wortes behandelt: das widerspiel halten (ursprüngl. vielleicht spielerausdruck, vgl. 4, aber gewöhnlich im sinne von 'gegenwirkung' und 'gegenteil' gebraucht, vgl. 5 und 1) und im, zum, das (ein) widerspiel 'im gegenteil, im gegensatz dazu' usw. die erstere stellt die einzige im heutigen nd. gebräuchliche verwendung des wortes dar, die letzteren sind, wie z. t. auch die älteren schriftsprachl. verwendungen, noch in neuerer obd. mundart (schweiz.) geläufig.
1)
hauptsächlich und seit den frühesten zeugnissen 'gegenteil'. in der lexikographie steht es meist für contrarium (le contraire, il contrario), z. b.: in contrarium cadere ins widerspil fallen, sich vmbkeeren Frisius dict. (1556) 325ᵇ; widerspiel, n., le contraire, il contrario Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 411ᵇ; vgl. ferner Stieler stammb. (1691) 2088; Frisch nouv. dict. (1752) 2, 711.
a)
gern begegnet es neben tun: desciscere ab opinione alterius von eines anderen meinung abfallen oder abweychen vnd grad das widerspil thuͦn Frisius dict. (1556) 396ᵇ; anstatt des befohlenen das widerspiel thun Kramer t.-ital. 2 (1702) 866ᶜ;
was der pur vom adel sicht,
so luͦgt er, das es ouch geschicht
von sym wyb, von synen kinden
...
der adel thuͦt das widerspil,
so er den kittel tragen wil
(1512) Murner narrenbeschwörung 126 ndr.;
doch thäten sie (d. patrioten) auch wol nicht allezeit das, was sie sollten, sondern oft das widerspiel (1621) acta publica 4, 12 Palm; sondern thut vielmehr das wiederspiel Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 60; neben machen und tun noch in lebender schweizerdt. ma.: weⁿⁿ -meⁿ dier eppis seit, machschᵗ grat d's widerspil; du tuest grad d's widerspil vuⁿ dëm, was -iᶜʰ gëreⁿ hett schweiz. id. 10, 162. neben geschehen und sich ereignen: aber hie jnn Christi reich da geschicht das widderspiel (der äuszeren welt), wenn ich hie gleich sehr reich were und aller welt güter hette, so kondten sie mir dennoch meine sunde nicht vergeben (1545) Luther 51, 13 W.; es traff sich auch gleich: dasz zum ersten ... ein pferd einen wolf überwand; hernach sich aber meistentheils das widerspiel ereignete Lohenstein Arminius (1689) 2, 44ᵃ; wann vor dem fest st. Jacobi ein dreytägiges schönes wetter seyn wird, so wird das getraid gut bleiben; ereignet sich aber das widerspiel, so bekommt es einen schlimmen geschmack Hohberg georg. cur. 3, 1 (1715) 96ᵇ. neben verben der sinnlichen und geistigen wahrnehmung: antiphrasis ein letzuerständig red, do man dz widerspil verstohn soll Dasypodius dict. (1536) C 2 ᵇ; (der sterbende reiche sagt:) o wer ich arm gewesen ... es ist aber daz widerspil (der umgekehrte fall) nie gesehen worden J. Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 119ᵃ; auch kan man viel exempel anzeigen, das hundert christen haben zwey, drey oder vierhundert Türcken erlegt, da ich doch nie gehört das widerspiel Schweigger reyszbeschr. (1619) 161; so befande ich jedoch allerdings das widerspil (1669) Grimmelshausen Simpl. 179 Scholte; wie wohl ich vermeynet, deine unruhe über unsere abwesenheit würde zu linderung der meinigen dienen, so musz ich dennoch das widerspiel erfahren, und die quaal einer person, der ich auf der welt am allergünstigsten bin, kann mir nichts anders als neue marter verursachen Menantes allern. art höfl. u. galant zu schreiben (1718) 437. man glaubt, vermeint, vermutet, gedenkt das widerspiel: das widerspiel glauben credere ... il contrario Kramer t.-ital. 2 (1702) 1342ᵇ; so du nun so kluͦg bist, vnd vermeinst das widerspil Gebweiler beschirmung des lobs Marie (1523) 6ᵃ; ein derwisch sahe einmahls im traum, dasz ein könig im paradisz, und ein derwisch in der höllen sasz, über welches er sich nicht wenig verwunderte, indem er vielmehr das widerspiel ... vermuthete Olearius persian. rosenthal (1696) 31ᵇ;
sie schwören anders mit dem munde,
hingegen in des herzens grunde
gedenken sie das widerspiel
Triller poet. betracht. (1750) 1, 299.
das widerspiel beweisen, erweisen, bezeugen, zeigen: zum andern sind leute, die solchs von dir zeugen, das du getaufft seyest, und niemand widdersprichets, noch beweiset das widderspiel (1528) Luther 26, 153 W.; nun hofften wir zwar in ganz kurzem allen getreuen ständen das widerspiel in der that zu erweisen (1646) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 4, 60 Erdm.; wegen dieser grossen unerträglichen hitze (in den glashütten) leben die leute, so damit umgehen, selten lang ..., wiewol herr Johann Kunckel das widerspiel bezeuget Hohberg georg. cur. (1682) 1, 60; man sollte denken, sie (die schüler) müszten den meister am besten verstehen, aber die erfahrung zeigt das widerspiel D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 5, 12. das widerspiel sagen, reden, behaupten 'das gegenteil sagen usw., widersprechen, widerrufen'; abnuere löugnen, das widerspyl sagen oder widersprechen, das haupt schütten Frisius dict. (1556) 7ᵇ; obloquor widersprächen, wider einen reden, widerbäfftzen, das widerspil sagen ebda 893ᵇ; cantare al contrario di prima das widerspiel sagen, einen widerruff thun Hulsius dict. (1618) 2, 72ᵇ:
ir sagt das widerspil
das uch vor nye gezam
(nicht vor 1451) Hermann v. Sachsenheim in: meister Altswert 187 lit. ver.;
das gott hie widder sich selbs redet ...; denn gott ... hat yhm zuvor verheissen von Isaak den samen zu geben, das wort muste Abraham gleuben, ... nu wird er (gott) wetterwendisch und redet das widderspiel und mus der son ytzt sterben (1524) Luther 24, 382 W.; das elende leben deüchte mich mein wolfahrt zu seyn, wiewol mir das gewissen offt das widerspiel in ein ohr sagte Moscherosch gesichte (1650) 2, 661; der ritter Dube leget solche (wahrsagungs-schrift) dem bestürtzten volcke aus. die eubagischen priester aber reden das widerspiel Lohenstein Arminius (1689) 2, 1093; er hätte gleich nach der reformation solche heilsame kirchen-disciplin (den bann) abschaffen wollen, ob er schon selbsten jetzund in einem besonderen tractat ... das widerspiel behauptet Gundling satyr. schr. (1739) 343; (Agnes Bernauer) ist jungfrau; wer das widerspiel behauptet, hebe den handschuh auf Törring Agnes Bernauerin, in: das drama der klass. periode 1, 35 Hauffen.
b)
speziell 'gegenteil vom rechten und wahren, unrechtes, unrichtiges':
lasztu dyn kynder vor dir spilen,
suffen, brassen, schlemmen, füllen,
dann sindt die kindt zuͦ spil bereit
so in der vatter würffel leit ('hinlegt').
nit lern dyn kindt das widerspil,
es ist mit dyner sündt zuͦ vil
(1512) Murner narrenbeschwörung 168 ndr.;
und ward dem kaiser sovil widerspil und ungruͦndtliches anzaigens gethan (Augsburg, nach 1530) städtechron. 25, 391.
c)
hervorhebung verdient noch, dasz widerspiel 'gegenteil'
α)
gern mit verstärkenden partikeln steht (s. auch unter β); mit gerade: so thuͦnd sy grad das widerspyl (1522) Zwingli von freiheit d. speisen 31 ndr.; (heuchler) beten ein anders mit dem mund, ein anders vnd grad das widerspiel begehrt jhr hertz Lehmann floril. polit. (1662) 1, 356; was wir von natur sehen, ist kraft, die kraft verschlingt, nichts gegenwärtig, alles vorübergehend, ... und die kunst ist gerade das widerspiel (1772) Göthe I 37, 210 W. — aber es volgte diszmal das gerade widerspihl F. A. v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 166. mundartlich: des ist 's gradᵉ widerspil Fischer schwäb. 6, 794. stracks: denn sie (die kath. geistlichen) halten und thun nirgent das, darumb sie gestifftet sind, sondern stracks das widerspiel (1530) Luther 30, 2, 314 W.; Ingviomer ... riet nur stracks das widerspiel Lohenstein Arminius (1689) 2, 521ᵃ. ganz:
wie wol solch ler (von der gnade) in schrift ist gründt,
iedoch so hat der mensch der sünd
solches und anders als umb kert
und ganz das widerspil gelert,
(1524/25) bei Schade satiren 2, 220;
denn er ... viel verspricht; hingegen aber entweder nichts hält oder gantz das widerspiel tuht Butschky Pathmos (1677) 209. eben: weil alhie (auf der welt) nichts scheinet noch gesehen wird, das solcher (Christi) gewalt gleich und gemes sey, ja eben das widderspiel scheinet (1535) Luther 41, 104 W.;
und ob sie gleich das selb thut nicht,
sunder eben das wiederspiel
(1557) Hans Sachs 5, 113 lit. ver.
β)
selten in älterer, oft in neuerer sprache wird durch hinzutretendes attributmeist ein genitivangegeben, wovon etwas das gegenteil ist:
nein, werde fraw (Minne), der rat
mir nit gefallen will;
es ist das widerspil
fraw Druw und auch fraw Ern
(nicht vor 1451) Hermann v. Sachsenheim in: meister Altswert 195 lit. ver.;
was sie (die priester) gesagt und than haben, nemlich das widderspiel des glawbens (1521) Luther 8, 373 W.; solche ungekünstelte sitten, eine so grosze mäszigkeit (Friedrich Wilhelms I.), waren ein vollkommenes widerspiel des stolzes und der verschwendung Friedrichs des ersten anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 88 Gottsched; die gewissensfreiheit existirt wirklich in einigen staaten, deren verfassung das widerspiel der republikanischen ist J. G. Forster s. schr. (1843) 5, 201; (Spinozas) mathematische methode war das widerspiel meiner poetischen sinnes- und darstellungsweise Göthe I 28, 289 W.; allein dieser terrorismus der bloszen politischen und municipalexistenz der menschheit ist das widerspiel der humanität Gutzkow ges. w. (1872) 8, 353; fast als widerspiel des übrigen Deutschlands trat sie (die preusz. macht) schließlich hervor. inmitten dieses reichen und weichen und auseinanderstrebenden volkes ein staat der knappheit und der härte und des zusammengenommenen willens K. A. v. Müller dt. gesch. u. dt. char. (1926) 19. statt des genitivs steht mehrfach von mit dativ: es erfolgte aber das widerspiel von diesem wunsche A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 250; ausziehen wird anfänglich von kleidungen, als das widerspiel von anziehen ... gebraucht Gottsched beob. (1758) 55; von der gesetzgebung des Lykurgus in Sparta war die gesetzgebung Solons in Athen fast durchaus das widerspiel Schiller 9, 161 G.; die töne draussen waren just das widerspiel von dem, was hier drinnen vorging (drauszen herrschte freude, drinnen verdrusz) Alexis Roland (1840) 2, 29.
2)
konkret wird widerspiel — bes. seit dem 18. jh.gern auf personen angewandt, die in ihrer beschaffenheit oder ihrem verhalten von jmd. (etw.) das gegenteil sind: nun hat Christus an sinen iungern vil gelert, wie sy sein sollen, was sy thuͦn sollen, wo vor sy sich hüten sollen ... do ich by vnsern zyten sich vnser bäpst vnd bischoff, so sind sy gleich das wider sbil, nitt anders dan weren sy heyden (16. jh.) Karsthans 93, 21 Burckhardt;
doch seynd etlich das widerspiel
(derjenigen, die immer mit ihrer arbeit schnell fertig sind)
sitzen ob der arbeit lang vnd viel
(var. von 1629) Seb. Brant narrenschiff 50 (anm.) Z.;
so spielt man auf der welt getrost die heuchler-rolle,
inwendig klau' und zahn, von aussen sanfte wolle.
...
o wahres wiederspiel von solchen schwartzen seelen!
o Hoffmann, edler feind betünchter mörder-hölen!
(1731) Richey bei Chr. F. Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 336;
(Sophie zu Alcest über ihren gatten:)
muszt' ich nur dich so vollkommen finden,
um mit dem widerspiel von dir mich zu verbinden?
Göthe I 9, 71 W.;
als ein echtes widerspiel aller statthalter ... wandtest (du) dein auge auf nichts, als — auf das wohl deines volks (1802) Herder 23, 412 S.; Eduard Mörike ... recht eigentlich ein zeitloser dichter, in allem das widerspiel des jungen Deutschlands Treitschke dt. gesch. (1897) 4, 444; ich kann verstehen, herr rektor, ... warum sie dem groszen könig (Friedrich II.) sein widerspiel (Voltaire) entgegengestellt haben. hier der geistige mensch in seiner ganzen grösze, dort die intellektbestie in ihrer ganzen erbärmlichkeit Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 51. mundartlich: de(r) bueb ist (d')s widerspil voⁿ sīⁿᵉm vatter schweiz. id. 10, 161.
3)
'das widrige geschick, der böse zufall' Lemke volksthüml. in Ostpreuszen 3 (1899) 103. hierzu wird man aus der literatur stellen können: so wundre ich mich itzt, so dasz ich kaum begreife, warum das wiederspiel mein wünschen stets verkehrt und wenn ich schwode zu die deichsel südwerts lenke, mein schicksal nordwerts eilt vnd mit mir hotte fährt Stoppe Parnasz (1735) 340; auch die gründlichsten widersprüche der günstigen gegeneinander agiren um einen mann (Napoleon) herum, der überall zu hause ist ...; unberührbar wie ein element, und recht behält gegen widerspiel, ungeschick und was sonst (1830) Zelter in: briefw. zw. Goethe u. Zelter 373 Riemer. diese verwendung wird aus fällen entstanden sein, in denen widerspiel 'gegenteil' sichtbar auf glück bezogen wurde; so in der wendung: des glückes widerspiel 'des glückes gegenteil', d. i. 'unglück, widriges geschick':
es geht mir hier und dort nichts nach behagen,
was mir verdrieszlich ist, das kömt herbei,
des glükes widerspiel ist mir geschworen
J. Grob dichter. versuchgabe (1678) 117,
oder wenn widerspiel als gleicher satzteil glück gegenübergestellt wird:
in meinem leiden will ich hoffen,
kompt mirs glück so hab ichs troffen:
kompt mir dann das widerspiel,
so g'scheh doch was gott haben will
Moscherosch gesichte (1650) 2, 44;
zum glücke für die erde und zum widerspiel für diejenigen, die vermittelst einer solchen hypothese (das salz des meeres stamme aus dem fluszwasser) die salzigkeit des meeres ... begreiflich zu machen gedenken, findet man bei genauer prüfung diese vermuthung ungegründet (1754) Kant w. (1838) 9, 12.
4)
die vollere bedeutung von spiel bestimmt den sinngehalt von widerspiel (vgl. gegenspiel 2 teil 4, 1, 2, sp. 2263): 'ein wider etwas gerichtetes spiel' Campe wb. 5 (1811) 702ᵇ. diese in älterer sprache nur vereinzelt deutlich faszbare verwendung ist nicht die ursprüngliche, ältere, 'gegenteil' nicht die abgeleitete, jüngere; beide treten vielmehr gleichzeitig (im 14. jh.) auf.als spielerausdruck im sinne von 'ich nehme es auf, contra'; hier bildlich gebraucht:
die vil riche veste (eine burg)
ich des wol hoche geste ('rühme'):
richer husse ward nie.
den velssen ain grabe umbe gie
die völle fünff hunder füsse witt.
wer och an der selben zitt
der in mit ogen hett gesechen,
were dem ze vallen geschechen,
er hette uff rechten ayd
seltten 'widerspill' gesaitt
(14. jh.) Göttweiger Trojanerkrieg 6316 Koppitz.
in bildlichem gebrauch ist auch die wendung das widerspiel karten belegt:
doch mag nit werden ye zertrendt
von meiner (gottes) leer das minste wort
...
so haben seydthar bäpste vil
gekartet gantz das widerspil,
vnd machen new gesätz on zal,
das euangelium würt schmal
(1520) Hutten opera 3, 516 Böcking.
auch Seb. Franck kennt diese wendung und diesen gebrauch; s. unter karten 2 a, teil 5, sp. 239, wo auch die geläufigere wendung das spiel karten verzeichnet ist. in anderen belegen ist die gewöhnliche verwendung 'gegenteil' unverkennbar, nur erinnert die sprachliche umgebung an spiel 'ludus'; so namentlich in der etymologischen wendung das widerspiel spielen: spricht ein poet (parce subiectis debellare superbos) streit für die guͦten vnd hand ob inen halten, als Judas Machabeus thet, der sich strusset wider die bösen feind. aber es gat widersins ietz vnd das widerspil spilt man ietz, dem schalck vbersicht man vnd dem frummen ist man tratzlich vnd geferd Keisersberg brösamlin (1517) 50ᵃ; wyr predigen, das gotte alleyne die ehre zu gehöret, und spielen selber mit allen, die wyr leren, das widder spiel (1525) Bugenhagen bei Luther 18, 123 W.;
und weil ich mich verwirre,
so macht er selbsten (der geist) sich in seinem wesen irre,
spielt oft das widerspiel, und da er weinen soll,
so läuft, so springet er und jauchzet lachens voll
(1636) Paul Fleming dt. ged. 177 lit. ver.
ferner in der wendung das widerspil singen (zahlreiche andere wendungen mit singen s. teil 10, 1, sp. 1077): doctor Eck, der wol weysz, das sie (einige artikel) unrechtlich vordampt sein, doch, in das widerfechten kummen, sich schemet das widerspiel zusingen (1520) Luther 6, 588 W.; (ich) wolt nit liebersz, dan solches meynes frevells und boszheyt das widderspiel singen, und meyn strefflich wort widderuffen (1520) ebda 7, 4. vgl. noch: ihr (einer schauspielerin) leben sollte nicht das widerspiel, sondern das wiederspiel ihres spieles sein Jean Paul w. 45/47, 190 Hempel.
5)
'gegenwirkung, widerstand':
der nar ist nimmer wol besunnen
der wasser traget in ein brunnen
vnd mit gwalt ein wyb bewart,
die mit willen übel fart.
...
wann ein frow nit selber wil,
so hilfft vff erdt kein wider spil
(1512) Murner narrenbeschwörung 227 ndr.;
als auch Paulus den babst nennet zun Thessalonichern 'antikimenos', 'adversarius', 'der nur widerstand und eitel widderspiel thut' (1527) Luther 24, 465 W.;
er (ein eremit) thät aufs widerspiel verzicht,
trieb nicht durch scheele mien' und wort,
durch's heil'ge kreuz den satan fort
Kind ged. (1817) 3, 103;
(zwei männer) erwogen ..., wie sie helfen könnten, die gunst werdener zeiten günstiger zu machen und dem widerspiel kommender mächte zu begegnen. beide waren für den fortschritt P. Dörfler um d. komm. geschlecht (1932) 83.
6)
wie gegentheil 1—4 teil 4, 1, 2, sp. 2271 ff. (vgl. auch gegenspiel 3 ebda sp. 2263) kann auch widerspiel ein agens bezeichnen, den gegner, widerpart, gegenspieler: (ein wachhund entläuft seinem herrn und hält mit einem wolf freundschaft. einmal) ersahe des hunds her den hund vnd riefft im, da kart sich der hund wider den wolff vnd zerreisz in. also ist die früntschafft viler menschen die scheinen sie seien gerecht, aber so bald das widerspil kumpt, so ist es vsz (1522) Pauli schimpf u. ernst 258 Öst.;
das fleisch ist allweg swider spill;
das laszt nit thuͦn, was der geist will
(1551) schweiz. schausp. d. 16. jhs. 2, 142 Bächtold.
im politischen bereich: ich nahms als seines (sc. gottes) zorns verhängnisz, als die fürsten mich des reichs entsetzten und jenen Günther, gott habe ihn seelig, mir zum widerspiel wählten Alexis d. falsche Woldemar (1842) 3, 183. mundartlich. obd.: 'jmd., der stets das gegenteil von dem will oder tut, was andere wollen oder tun, widerspenstiger, widersacher, gegenpart, gegner', s. schweiz. id. 10, 164; 'gegner' Fischer schwäb. 6, 795; 'gegenwärtig absterbend, person, die gerne widerspricht oder das gegenteil von dem tut, was man wünscht' Martin-Lienhart elsäss. 2, 539ᵃ. nd.: 'als schelte für einen widerströmigen menschen' (insel Pellworm) Mensing schlesw.-holst. 5, 563. hierher mit genuswechsel (?) wedderspöll der widerspiel Danneil altmärk. 245ᵇ.
7)
seit dem frühnhd. bezeichnet widerspiel auch den sachlichen gegensatz, kontrast, unterschied: das ist das widderspiel: die gerechten bleiben, und gehet yhn wol, die abtrünnigen gehen unter und gehet yhn übel (1526) Luther 19, 570 W.; ich finde ein widerspiel bei denselben (einigen mitschülern), welches ich noch bei keinem angetroffen habe ... gewisz würden sie (die einen) auf wege sinnen, dieselben (ihre freunde) in unglück zu stürzen ..., diese aber (die anderen) sind die zuflucht ihrer freunde (1774) Schiller 1, 17 G.; in der bemerkung, dasz nicht blosz ähnlichkeit, sondern auch widerspiel und kontrast der begriffe ihre gemeinschaftliche hervorbringung und verknüpfung in unsrer seele veranlaszt, ... hat die ironie ihren grund Eschenburg entwurf (1783) 226 § 21; zwei rollen ..., die das schneidendste wiederspiel zu bilden scheinen und die doch mit gleicher kraft und wahrheit von einem und demselben wahrhaft genialen schauspieler dargestellt werden könnten. ich meine Shakespeares Othello und Molières geizigen E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 49 Gr.; das augenblickliche widerspiel unserer wege ... du (Clara Rilke) gehst jetzt so gerade auf das göttliche zu ..., und ich bin dort gewesen ... und komm gehend davon her Rilke br. (1950) 1, 249. (mit etwas) im widerspiel (stehen) 'im gegensatz' (vgl. unten 11 b α):
so steht mein sinn und sein
immer im widerspiel
Stelzhamer ausgew. dicht. (1884) 3, 268;
stand der rückzug im grellsten widerspiel mit der pracht des hinzugs A. v. Arnim s. w. (1853) 3, 427; zu hause schien ihm, ganz im widerspiel mit seinem sonstigen rufe, jede anhaltende beschäftigung lästig A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 279; so wurde er denn, im widerspiel mit so vielen anderen jünglingen in ähnlicher lage, ... wohl ausgestattet und empfohlen, zur reise nach den berühmtesten kunstschulen entlassen G. Keller ges. w. (1889) 2, 140.
8)
in einer mehr dynamischen auffassung meint widerspiel in neuerer sprache das wechselspiel, den antagonismus gegeneinanderwirkender kräfte und mächte: der unzusammenhalt des ganzen, das widerspiel der theile (des hl. röm. reichs) kam fortwährend zum vorschein Göthe I 28, 146 W.; es kam der augenblick, dasz die südstaaten über die bedingungen des eintrittes in die reichsgemeinschaft mit dem norden sich einigen sollten. hier war ... ein widerspiel unerfreulichster art zu entwirren Bennigsen d. nationalliberale partei (1892) 58; politische und geistliche gewalten eines jeden zeitalters werden beschrieben und aus ihnen und dem widerspiel der mächte die begebenheiten abgeleitet E. Marcks Bismarck (1909) 1, 100; dieses verhältnismäszig friedliche widerspiel (der bestrebungen um die berufswahl eines knaben) wäre sicher noch eine ziemliche zeit so weitergegangen O. M. Graf unruhe (1948) 213. im seelischen: strenge, altväterliche zucht daheim ... neben einem freien, wohl wilden naturwuchs unter ländlichen ... umgebungen erzeugen und fördern in dem knaben ein widerspiel und eine spannung der elemente, ohne welche keine selbständige, tüchtige natur gedeihen kann Ad. Wagner vorw. zu Seume s. w. (1835) I; das widerspiel von einsehenmüssen und nichteinsehenwollen in ihm gab sich so lebhaft kund, dasz es sein gesicht verzerrte Ponten im Wolgaland (o. j. 1933) 359. von unbelebtem: nur indem jeder theil (eines bauwerks) soviel trägt, als er füglich kann, und jeder gestützt ist gerade da und gerade so sehr, als er musz, entfaltet sich jenes widerspiel, jener kampf zwischen starrheit und schwere, welche das leben, die willensäuszerungen des steines ausmachen, zur vollkommensten sichtbarkeit Schopenhauer s. w. 1, 288 Gr.; vom widerspiel zwischen körper und gewand (in d. plastik) Pinder d. kunst d. dt. kaiserzeit (1948) 277.
9)
nur neuerer und gegenwärtiger sprache gehört die verwendung 'abbild, spiegelbild, widerspiegelung' zu. optisch: guirlanden von lampen schmückten die wände, unzählige spiegel dazwischen spielten das leben ins unendliche, so dasz man die gestalt mit ihrem widerspiele verwechselte und das auge verwirrt in der grenzenlosen ferne dieser aussicht sich verlor Eichendorff w. (o. j. 1891) 2, 119 Dietze; (sie) erfreute sich am widerspiel der himmelsfarben im wasser E. Graeser Lemkes sel. wwe. (o. j.) 98. 'abbild, widerspiegelung' von geistig-seelischem:
die lieder, die ich stammelnd hören lasse,
ew' ger gefühle schwaches widerspiel
(gedr. 1826) Eichendorff s. w. (1864) 1, 336;
wichtiger ist, wie hier (in einem Äschylusfragment) tun und leiden (der Niobe) als widerspiel eines göttlichen wollens gesehen werden, das den menschen unfaszbar und doch zwingend umgibt in: forsch. u. fortschr. 9 (1933) 140.
10)
ähnlich 'das gegenstück': einer herberge ..., die man ... ein demokratisches widerspiel des 'Heidekruges' nennen konnte Gutzkow ritter v. geiste (1850) 2, 280; es gab gerade (in Brüssel) einen groszen politischen procesz, zu welchem ich natürlich eilte. solch öffentliches widerspiel zu den geheimen processen Tzschoppe's und Dambach's war ja für mich eine erwünschte speise H. Laube ges. schr. (1875) 1, 366; es gibt keine menschliche einrichtung, die nicht im tierreich ihr widerspiel, wenn auch oft in seltsamen äuszerungen, fände Weigand die gärten gottes (1930) 299; die teilnahme der Römer an der heerfahrt (im Langobardenreich) ... entspricht dem vorgang der volklichen angleichung und findet ein widerspiel darin, dasz nun auch den Romanen das germanische recht der eigenmächtigen pfändung zugestanden wird Mitteis d. staat d. hohen mittelalters (1948) 31.
11)
vergleiche noch folgende wendungen und verbindungen.
a)
das widerspiel halten, ursprünglich möglicherweise als spielerausdruck ('als gegner das spiel mit jemandem aufnehmen') zu dem gebrauch unter 4 zu stellen (vgl. in diesem sinne das gegenspiel halten teil 4, 1, 2, sp. 2263 und das spiel halten teil 4, 2, sp. 289). jedoch fehlen belege für diese verwendung; stattdessen wird die redensart gewöhnlich im sinne von 'widerpart halten' usw. (vgl. oben 5, 'gegenwirkung, widerstand') gebraucht (α) oder stellt sich zur bedeutung 1 'gegenteil' (β, γ). die wendung ist seit dem 16. jh. lexikalisch gut bezeugt; s. z. b. Frisius dict. (1556) 1297ᵃ; Hulsius-Ravellus teutsch-frz.-it. (1616) 411ᵇ; Campe 5 (1811) 702ᵇ. in nd. maa. lebt widerspiel hauptsächlich in dieser wendung: wedderspill holen 'widersprechen' (in streitsüchtiger absicht), daneben synonym: wedderpart holen, vgl. Mensing schlesw.-holst. 5, 563; Böning Oldenburg 130ᵃ; hai häld em ᵉt wiədᵉrspiəl 'er streitet sich mit ihm aus necklust' Woeste-N. Westf. 322ᵇ; eck hole üöne dat weerspell, eck laote mi nich ünderkrigen Frederking Hahlen 171ᵇ; Schambach Göttingen 290ᵇ; Damköhler Nordharz 224ᵃ. md.: sich das wederšbél halten 'entgegengesetzt sein' Hertel Thür. 258.
α)
überwiegend 'widerpart halten, opponieren, widersprechen' (meist mit dativ): sollen wir nit billich dem bapst nur das widder spiel halten ynn allen seynen tollen geseczenn (1521) Luther 8, 143 W.; der Rolim wolte iedennoch sein geistliches anschen behaupten und hielt ihm ungescheut das widerspiel (in heftiger rede) Ziegler asiat. Banise (1689) 435;
Vulkanus war des dinges müde,
und als sie (seine gattin Eris) ihm das wiederspiel
einst allzuheftig hielt, nahm er den hammerstiel,
und jagte sie aus seiner schmiede
(1748) Lichtwer schr. (1828) 74;
da wir in den rothquästen (einer polit. partei) eine macht gewonnen haben, die jenen (der anderen partei) das widerspiel hält Gutzkow ges. w. (1872) I 6, 395. '(in scherz oder spiel) widerpart halten': frau von Goethe aber hielt immerwährend ein heiteres widerspiel, indem sie nicht zugeben wollte, dasz die frauen so wären als das 'garstige' gedicht ('kriegsglück') sie schildere Eckermann in: Goethes gespr. (1889) 4, 329 Bied.; 'aber so etwas von augen!' hörte ich Grethe bei meinem eintritt sagen. ihr mann schien ihr im scherz das widerspiel zu halten, denn er erwiderte: 'du findest diese wilden augen doch nicht schön?' Storm s. w. (1898) 1, 277. auf unsinnliches übertragen: wo sie (mode und schlendrian) aber demjenigen, was mir besser scheint, das widerspiel halten, da folge ich herzhaft meinem mir angeborenen freiheitssinne (1778) Bürger s. w. 326ᵇ Bohtz; endlich hat der verstand gesiegt und die triebe, neigungen, gedanken, die ihm das widerspiel hielten, in den sack gesteckt Immermann w. 18, 122 Hempel.
β)
'das gegenteil einhalten, beobachten' (s. halten II 6, teil 4, 2, sp. 293): vorzeiten gelobt man wenig vnd hielt viel, jetzt helt man das widerspiel Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Xx 7ᵃ; dasz die völcker in Aphrica, die Machlies, das haupt vorderwertz bescheeren vnd das haar am gnick lassen wachsen ..., (andere) völcker aber ... halten das widerspiel, bescheren das gnick vnd am vordern theil lassen sie das haar wachsen Schweigger reyszbeschr. (1619) 116;
der isset schlecht, vnd allzu schlecht,
dasz er kaum satt wird, dasz ist auch nicht recht,
ein anderer trinckt zu viel,
mancher schlefft auch die nacht mit ruh,
nimpt wol hernach den halben tag darzu,
so helt man das wiederspiel
Voigtländer oden u. lieder (1642) 9.
γ)
'das gegenteil für zutreffend halten, glauben' (s. halten II 11, teil 4, 2, sp. 296): das kan die wellt nicht leiden, das man sol sagen und gleuben, das alle jr ding nichts und verloren sey ... (sie) sprechen den glauben mit uns mit dem munde, aber im hertzen verleugnen sie es und halten das widder spiel, denn sie sagen, der mensch sey nicht so gar verloren, sondern habe einen freyen willen (1533) Luther 37, 46 W.; gedunckt Philinum, seine Carthaginenser haben alles weiszlich, wol vnd mannlich gehandelt vnd die Römer das gegentheil. Fabius aber helt das widerspil Xylander Polybius (1574) 9; grosse herrn meynen, die höll sey nur vor die bawern gemacht, vnd diese halten das widerspiel Lehmann floril. polit. (1662) 2, 766; ich halte das wiederspiel id contra puto Steinbach dt. wb. (1734) 2, 627.
b)
die wendungen im, zum oder das (ein) widerspiel 'im gegenteil, im gegensatz dazu, hingegen'.
α)
am häufigsten im widerspiel; al contrario Güntzel haubtschlüssel (1648) 873; au contraire Sperander handlex. (1728) 155ᵃ; Adelung wb. 4 (1801) 1524; schweiz. id. 10, 163: das Christus vnsere gerechtigkeyt nicht sei, noch daz wir vnsere eygene gerechtigkeyt müssen verleugnen, ... sonder im widerspil müssen wir ... vnsere eygene gerechtigkeyt auffrichten Fischart binenkorb (1581) 102ᵇ; wir legen nicht allein keinen fleisz darauff, sie (die dt. sprache) auffzuzieren vnd zu schmücken, sondern beschmeissen sie im widerspiel mit frembder wörter zierat Schill teutscher sprach ehrenkranz (1644) 123;
(der mensch) lebt nach seinem tod, und sieht das erste leben
als einen traum nur an, den ihm die welt gegeben.
da in dem widerspiel das laster zwey mahl stirbt,
hier unsre knochen friszt und dort die seel verdirbt
Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 119.
prägnant 'umgekehrt': ein einige so beschaffene schönheit als diese (Venus) ist, in dem sie von vielen personen gesehen wird, nothwendig viel vnderschiedlicher lieb verursachet: dahingegen im widerspiel ein einige liebe sich nit gegen vnderschiedlichen schönheiten erstrecken kan theatrum amoris (1626) 144; die obrigkeiten regieren die unterthanen, vnnd nicht im widerspiel Lehmann floril. polit. (1662) 2, 861. im widerspiel gehen, stehen, sein und dgl., 'entgegengesetzt verlaufen, sich verhalten': dis opffer (kreuzigen des fleisches) aber ist fur den menschen das aller feyndseligst und ungenemist ding auff erden. denn es tödtet und verdammet und gehet ym widderspiel alles, das der wellt und dem menschen wolgefellet und recht dunckt (1525) Luther 17, 2, 10 W.; (mit dativ) damit wyr der wellt ia ymer ungleich und ym widderspiel faren ebda 13; ich aber wann nichts geschehen ist, ... sonder die sachen stehn bey den Griechen wie vormals ..., bekenne daz wir ... vergebne red füren würden. so aber die sach im widerspiel steht, ... achte ich mir hoch von nöthen sein gegen euch zuͦ reden Xylander Polybius (1574) 394; alle thiere auf dem felde sollten ihm (dem menschen) unterthänig sein. welches nun wohl im wiederspiel ist (nach dem sündenfall) (1619) J. Böhme s. w. 3, 213 Schiebler.
β)
zu(m) widerspiel 'im gegenteil, im gegensatz dazu': (der zwerg) sagt zum hertzogen, g. fürst vnd herr, sehet die, so e. f. g. palast entunehrt. ja verrähter, sagt die jungfraw, du thust mir gewalt vnd vnrecht. denn zum widerspiel, on dessen (des ritters Galaor) hilff, so mich erret, hettestu mich selbs entunehrt (1569) Amadis 1, 135 Keller; in neuerer sprache:
oft wenn ich taglang mich versenkte
in dunkler forschung öden schacht,
stieg Phantasie zu schiff und lenkte
durch phosphormeerglanz in der nacht.
und wieder wenn zum höchsten ziele
von früh- zum spätroth dichtermacht
gerungen, trieb zum widerspiele
das hirn philologie bei nacht
Rückert ges. ged. (1837) 5, 394.
etw. zu widerspiel nehmen 'es verkehrt aufnehmen': hatte doch der präsident ... es nicht böse gemeint, er wollte sich dadurch mit seinem freunde versöhnen und dieser nahm es z'widerspiel, so kann man sich miszverstehn! J. Gotthelf schr. (1856) 19, 25. mundartlich: neiⁿ, z' widerspil! 'im gegenteil, die sache verhält sich anders', schweiz. id. 10, 164.
γ)
das (ein) widerspiel adverbiell 'umgekehrt, rückwärts': das kürtzer (gerinne) bringt das wasser, welchs die schauffeln schlahet, die das rad gegen der wasserkunst vmbtreibendt, das lenger dises wasser welchs die schauffel triffet, die das rad das widerspill vmbtreibendt Bech Agricolas zwölf bücher v. bergkwerck (1557) 162. öfter konjunktional, 'im gegenteil, im gegensatz dazu': so die Griechen ... nach auszteilung ihrer hauptleühten befelch thätend. und das widerspil on alle masz und ordnung die barbarier herein platschende J. Herold Dictys (1554) 30. der ausdruck des gegensatzes wird durch sondern verstärkt: weil man ... ynn der blindheit gehet on rew und kein gnade begeren kan, sondern das widderspiel hoffet, gott sol es belohnen (1528/29) Luther 28, 13 W. mit unbestimmtem artikel: dasz nie kein weib von melancholey ... gestorben sey, sondern ein widerspiel, viel weiber vor unmässiger freude offt sterben Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 134. im schweizerdt. wird das widerspiel 'im gegenteil' noch gebraucht; vgl.: iᶜʰ han im nüt g'chostet, d's widerspil, er het noᶜʰ profit g'haⁿ aⁿ mer; s.(auch für weitere belege) schweiz. id. 10, 164. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1234, Z. 35.

widerspielen, vb.

widerspielen, vb.,
'widerstrahlen':
meit sunder schranc ('ganz und gar') ein widerspilnde exempel,
ein hôch begin der hôhsten minne brende
Heinrich v. Meissen leiche, sprüche 28 Ettmüller.
in diesem sinne wiederholt bei meister Eckhart: daz widerspilen des spiegels in: dt. mystiker d. 14. jhs. 2, 180, 37 Pf.; s. auch ebda z. 40; ein widerspilnder glanz ebda 591, 33. aus neuerer sprache vgl. damit: die wirklichkeit kann nur spiegel der idee seyn, aus allem kann daher für das bewusztseyn die idee hervorgehen, denn es ist immer die idee in diesen unendlich vielen tropfen, die die idee wiederspielen Hegel w. (1832) 12, 262 (vgl. widerspiel 9, sp. 1240). — wie das widerspiel halten 'widersprechen, widerpart halten' (s. sp. 1241): noli esse magister et widerspillen (s. oblatrant et remurmurant) (1526) Luther 20, 90 W. wohl 'sich spielend gegen- und durcheinander bewegen': dort die andern unten am bache waschend ... ein reizend gewimmel von farben ..., fröhlichem gelächter und widerspielenden schatten Hehn Italien (²1906) 96. auffällig ist widerspiln als schallwort: Philomenus so baldt er zum thor ist kommen, und sich seinem brauch nach mit widerspiln (gleichbedeutend steht wispeln 374, z. 41) zukennen geben hat, ist von stundtan der wechter zum einlasz thörlin herab gangen Xylander Polybius (1574) 376. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1243, Z. 45.

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Zitationshilfe
„widerspielen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerspielen>.

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