Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widersprechen, vb.

widersprechen, vb.,
sich gegen etwas äuszern; im widerspruche stehen; ahd. widarsprechan; mhd. widersprechen; mnd. wedderspreken; mnl. wederspreken; als echtes kompositum ahd. nur bei Notker und als glosse: contraire uuidersprechan ahd. gl. 1, 492, 28 ff. (zu Esther 13, 5: iussionibus contraire; 10.—12. jh.) belegt. gelegentlich in unfester verbindung:
„des moetes du onsâlich sîn,“
sprac die frouwe weder
end viel an her bedde neder
Heinrich v. Veldeke Eneide 13 087 Behaghel.
neben üblichem part. prät. widersprochen findet sich vereinzeltes widergesprochen: durch widergesprochne ... recht Knebel chron. v. Kaisheim 283 lit. ver.; das yhm Johann Husz ... steetigs wider gesprochen habe Vogelgesang-Cochläus gespr. v. d. trag. J. Hussen 20 ndr. lexikalisch ist widersprechen seit dem 15. jh. reichlich bezeugt: contradicere weydersprechen Diefenbach gl. 147ᵇ; s. ferner ebda s. v. negare, obdicere, rebellisare, resultare; wiedersprechen oder einem sein rede verslahen contradicere, voc. theut. (Nürnberg 1482) oo 2ᵃ; widersprechen contradicere, abrenunctiare, voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 3ᵇ; contradico, reclamo, refello, renuncio, renuo, respuo ich red darwider, wiedersag, widdersprech Alberus nov. dict. genus (1540) G 2ᵇ; reclamo widersprächen Frisius dict. (1556) 1122ᵃ; ferner ebda s. v. refragari; obloquor; widersprechen contradire (mit akk. u. dativ) Kramer t.-ital. 2 (1702) 885ᵃ; widersprechen Adelung 5 (1786) 204; Campe 5 (1811) 702ᵇ. in den maa.-wbb. nur wenig bezeugt: widersprechen (zahlreiche hist. belege) schweiz. id. 10, 811; widersprecheⁿ (histor. belege) Fischer schwäb. 6, 795; wideršprⁱechen wb. d. luxemb. ma. 487ᵃ; widersprechen, widerstreiten mit akk. Müller-Fraureuth obersächs. 2, 663ᵃ; wederspreken wb. d. Elberf. ma. 173ᵃ; wedderspreg Schmidt-Petersen nordfries. 160ᵇ; wedderspreken ... 'widersprechen' Mensing schlesw.-holst. 5, 563; wederspreek Möller Sylt 295ᵇ. nur in glossaren des 15. jhs. begegnet auch die komposition mit wieder 'abermals, wiederum': renunciare wider sprechen Diefenbach nov. gl. 316ᵇ; reuocare widersagen vel -sprechen ders., gl. 497ᵇ; relatiuum widersprochen (md.) ebda 490ᶜ; redicere widersprechen, anderweyt sprechen (obd.) ebda 488ᶜ; redictus widder sprechen (md.) ebda 488ᶜ; unsicher: aber widersprechen o. widereffern replicare voc. theut. (Nürnberg 1483) a 3ᵃ. widersprechen wird ursprünglich nur transitiv gebraucht. die verbindung mit dem dativ, die in älterer zeit schon gelegentlich bezeugt ist, wird erst seit dem 16. jh., zunächst nur in eigentlichem sinne, häufiger und ist seit dem 18. jh. die eigentliche gebrauchsweise des wortes (über das mundartl. weiterleben der transitiven verwendung s. ob.). vereinzelt begegnet spätmhd. und im älteren nhd. wider sprechen mit pronominalem genitiv: diz ist wol guͦt, des enwiderspriche ich nút Tauler pred. 409, 29 Vetter;
satzt ein man sein trew zu phant,
man tetz gern umb puͤrg, umb lant,
daz sein nieman widersprach
Heinrich d. Teichner 191, 9 Niewöhner;
jedoch widersprich ich nit desz
Wickram w. 8, 171 Bolte.
A.
gegen etwas aussagen.
1)
transitiv in mannigfachen schattierungen.
a)
sich (mit worten) gegen etwas wenden, es für falsch oder ungültig erklären; verwerfen: quia exacuerunt eloquia dei. et consilium altissimi irritauerunt. ... vuanda sie ouh chomene ad agnitionem ueritatis. uuidersprâchen gotes uuort unde sînen uuillen Notker 2, 461, 5 P.; sprechen wir das man sie (die königin) töde, da sint ettlich under yn (den rittern), die es ungern sehent und mochten unser urteil wieddersprechen und felschen Lancelot 1, 524 Kluge; diz gloubete der keiser Nêrô, aber sente Pêter und sente Paulus di widersprâchen diz dt. mystiker d. 14. jhs. 148, 24 Pfeiffer; vnd ob mir die römischen bischof ire gedicht vnd fabeln ... sagen werden, wil ich die verschmähen, verwerffen vnd widersprechen (1520) Hutten opera 1 (1859) 402 Böcking; wenn eine schrift unter dem namen eines noch lebenden verfassers erscheint, so halten wir als beweis, dasz sie wirklich von ihm ist, in der regel für hinreichend, dasz diesz von keiner seite widersprochen wird D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 51. vom inneren bedenken, einwand: obgleich der mann mir immer innerlich widerstand, so gesteh' ich doch gern, dasz ich nie an den dachte, und da man gleich anfangs mir ihn nennte, widersprach ich den argwohn mit überzeügung schr. d. Goetheges. (1780) 16, 108; wenn das herz Ludwig's diesen gedanken widersprach, so muszte er sie sich doch machen, und sie thaten ihre wirkung M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 47; von personen: gewöhnen sie sich an, widersprochen, gescholten zu werden, verlangen sie weder zustimmung noch theilnahme, am wenigsten beyfall Göthe IV 35, 171 W. verbunden mit der vorstellung des handelns gegen etwas: was ie geschehen sol, das sol sich niemant widern. was alle leute leiden mussen, das sol einer nicht widersprechen ackermann a. Böhmen 20, 13 Bernt-Burdach;
wer do irkennit sine eigin gebrechin,
der tud keynerlei untogunt nicht
und lernit daz bose wedirsprechin
Rothe ritterspiegel 152 Neumann.
b)
eine aussage zurücknehmen, widerrufen: ich widersprich, ich widerrufe, und bekenne, dasz ich geirret hab (1518) Luther br. 1, 216 W.; alles was sie reden dz lob ich, wenn sie das widersprechen, so lob ichs widerumb Boltz Terenz deutsch (1539) 36ᵇ;
dein vorig urtheil widersprich!
Hans Sachs 7, 271 lit. ver.;
die Greffin erschrack, ... aber jhre wordt zuwiedersprechen düncket jhr nicht rümblich zu sein B. Krüger Clawerts werckl. hist. 13 ndr.; so die herrschaft ... was anders ... berueffen wolte, solle dasselbig inhalt abgangnen decretes widersprochen werden (Tirol um 1620) österr. weist. 5, 589; und wiewohl es (d. vorrecht d. Hussiten, d. abendmahl in beiderlei gestalt zu nehmen) nachher von den päbsten widersprochen ward Schiller 8, 33 G.; Solanio: nun, was giebt es neues auf dem Rialto? Salarino: ja, noch wird es nicht widersprochen, dass dem Antonio ein schiff von reicher ladung in der meerenge gestrandet ist Shakespeare 4 (1799) 72 (kaufm. v. Venedig 2, 9).
c)
einspruch erheben, sich gegen etwas verwahren: der perkmaister widersprach die masse (legte gegen die vermessung eines neuen berges verwahrung ein) (Iglau 15. jh.) bei Jelinek mhd. wb. 953; (will ein fremder sich ansiedeln, soll er zum schultheiszen gehen, um mit ihm) einen herren von Neustatt zu bitten, ihme das guet zu leihen. wiedersprech das ein herr zue Neustatt, so soll er ... (1494, Unterfranken) weist. 6, 51; ob jendert ... ützit sins guts ... an diss gottshuss geben welt, es sig ... one erloubnuss sins herren oder andrer die es widersprechen weltind, der soll ... fryen gwalt haben ze tunde Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 10; noch ist in solcher vnmenschlicher tyranney (d. kindermord Herodes') nit ein einiger Jud gefunden, der solchs widersprochen Schmeltzl Samuel u. Saul 5 Wiener ndr.; Arpus und Jubil lassen durch herolde die opfferung des Thumelichs beim Apronius widersprechen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1087.
d)
etwas abstreiten, bestreiten:
(klage des Petrus:)
ich gelopte niemir gelassen dich:
nu bist du beliben ǎne mich
und hangest laider vor mir tot,
und bin ich hie an alle not.
das saitest du vor alles mir:
do widersprach ich es gen dir
mit ruͦme vil fúr ander lút
schweizer Wernher Marienleben 11 184 Päpke-H.;
vnd die ding so klärlich vor augen waren, das sie niemant widersprechen, so gar vnbillich, dz sie keines wegs entschuldiget, noch vertedingt werden möchten (1520) Hutten opera 1, 406 Böcking; das widerspreche ich auch nicht, seine (Adams) nachkömling haben gar vil dings gebessert Mathesius Sarepta (1571) 8ᵃ; (wenn mädchen schwanger sind) und ob das etwan von den hauszvättern ... gemercket wil werden ... so können sie es mit schnell erdachter lügen verneynen vnd widersprechen Ruoff hebammenb. (1580) 40; ich widersprech es nicht, dass nicht auch gewissenlose advokaten zu finden seien Abr. a s. Clara w. 2, 132 Strigl;
das will ich dir nicht widersprechen:
oft schickt man einen schöps voran,
dem klugen kopf die bahn zu brechen
Ramler fabellese (1783) 3, 148;
man hat ... den guten mann der betrügerei beschuldigt, aber dieses letztere widerspreche ich laut Jung-Stilling s. schr. (1835) 6, 423. mit abhängigem satz: herr richter, min gegenteil widerspricht nit, das Clitemnestra minen vatter ermört hat Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) c 2ᵇ; ich widerspreche nicht, er habe der Erato gesagt, er liebe sie mehr als mich Lohenstein Arminius (1689) 2, 458ᵇ.
e)
etwas oder jemanden widerlegen, das gegenteil erweisen:
worer zeugnus zu glauben
bestim ich nemlich funff persan,
die gancz nimant mag dauben
und kein geschrifft nit wider sprechen mage
Hans Folz meisterlieder 31, 36 Mayer;
so hab ich ouch noch nit gesechen ainch geschriffte besunder geloupwirdiger mannen, die das wider sprechen tüg Niclas v. Wyle translat. 181 Keller; dieweil die warheit mit keynem christlichen grunde widersprochen werden mag (1523) Hugo v. Cronberg schr. 146 ndr.; man kan aber diese meynung widersprechen, damit, dass das meer ein gesalznes, die flüsse aber süsses wasser führen S. v. Birken ostl. lorbeerhayn (1657) 55; magst du so sonnenklare zeugnüsse widersprechen? Lohenstein Arminius (1689) 2, 121ᵇ; ich kann dir das (diese ansicht) nicht widersprechen Lessing 13, 346 L.-M.; überdem, wenn man über den kreis der erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch erfahrung nicht widersprochen (1781; ausg. v. 1784: widerlegt) zu werden Kant kritik d. reinen vernunft 37 Kehrbach.
2)
intransitiv.
a)
einer person widersprechen.
α)
sich gegenteilig äuszern, eine vorgetragene ansicht für falsch erklären: a uoce exprobantis et obloquentis fone dero stimmo iteuuiz tuôntis unde uuidersprechentis Notker 2, 163, 24 P.; mit dem hân ich weder Aristotilî widersprochen noch Ptolomêô Konrad v. Megenberg buch d. natur 78, 27 Pf.; und alle, die hie wider sprechent, dien ist zemâle widersprochen dt. mystiker d. 14. jhs. 74, 16 Pf.; (es) vordreust sie nicht (die Pariser theologen), das den vetern unnd conciliis widdersprochen wirt (1521) Luther 8, 305 W.;
wir dir ein wenig widerspricht,
dem wilt du gleich das seinig nemen
Spreng Ilias (1610) 1, 6ᵃ;
wenn ich ihnen (den superklugen weibern) wie in andern puncten wiederspräche, müste ich gegenwärtig seyn, dasz sie mich zur versicherung der sache, mit patrolliren zu gehen, provocirten J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 1, 28; ihr müszt euch alle beredt haben, mir zu widersprechen Gellert s. schr. (1839) 3, 22; widersprich mir doch, Waitwell! Lessing 2, 303 L.-M.; man sagt, er (Wieland) soll ihr (der herzogin Anna Amalia), schon auf das heftigste widersprochen und einmal das buch an den kopf geworfen haben (1787) Schiller br. 1, 400 Jonas; ich weisz, dasz du unrecht hast, und kann dir doch nicht widersprechen Göthe I 38, 85 W.; widersprach ihm jemand, so schrieb er jeden widerspruch dem neide zu G. Keller ges. w. (1889) 1, 342; Afra, die doch das opfer dieses leicht erkennbaren irrtums war, widersprach ihr nicht Carossa tag d. j. arztes (1955) 171. auch: Eduard begnügte sich also, schweigend zu widersprechen, indem er den kopf höher trug und sich um eine viertel-elle länger machte Holtei erz. schr. (1861) 21, 16. reflexiv: er nimmt materien vor, die er nicht abhandelt, oft widerspricht er sich selbst Gottschedin br. 1, 45 Runkel; ja, nur dieses ist mir freundschaft. nur dieses? sie widersprechen sich also selbst Lessing 2, 55 L.-M.;
erkenne dich! — was soll das heiszen?
es heiszt: sei nur! und sei auch nicht!
es ist eben ein spruch der lieben weisen,
der sich in der kürze widerspricht
Göthe I 2, 248 W.;
wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen,
so seltsam widerspricht sich Karlos nicht
Schiller 5, 1, 11 G.;
und von nacht umschrecket
neckt sich erkühlend, was am tag sich widerspricht
Brentano ges. schr. (1852) 2, 531;
die Heiterethei hatte sich eben so seltsam widersprochen, da sie gegen die unwahrheit der Annemari geeifert O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 199; „aber — da fallen eher die berge ein“, widersprach er sich selbst E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 271.
β)
abgeschwächt 'entgegnen, einwenden'; meist absolut gebraucht:
Gâwân der ellens rîche
sprach: herre, ich enwart nie koufman.
ir meget mich zolles wol erlân.
des schiffes herre wider sprach:
herre, sô manec vrouwe sach
daz iu der prîs ist hie geschehen
Parzival 544, 25 Leitzmann;
ich weiss der frau baasen ... nichts zu widersprechen Grimmelshausen Simpl. 2, 538 lit. ver.;
das alles ging noch hin, möcht jemand wiedersprechen,
nur eine sorge wil mir haupt und hertz zerbrechen
J. Rachel satyr. ged. 34 ndr.;
„wenn — wenn? ewig dieses wenn!“ widersprach der Ludwig O. M. Graf unruhe (1948) 197.
γ)
im religiösen sprachgebrauch 'abschwören' (vgl. widersagen 4); nur selten bezeugt: zu dem fünften mal sol der mensch gedencken, das er got gehailget ist in dem tauff, vnd wider sprochen hatt dem böszen veind vnd allen seinen listen Keisersberg granatapfel (1510) C 6ᵃ; so bald ... durch die gnad gottes, von jhrem betrug ... vnd versprechung des teuffels abgewiesen vnd dem teuffel widersprochen vnnd abgesagt, hat er jhr ... kein ruhe gelassen Ruoff hebammenbuch (1580) 147;
lasz aus deinem (des täuflings) hertzen nicht,
wem du jetzt (in der taufe) hast widersprochen,
folge nicht dem bösewicht,
sonsten wird der bund gebrochen
Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 232.
b)
einer meinung oder aussage widersprechen: ich sagt, mein meinung wer kürtzlich, dasz vns inn demselbigen (abendmahl) der leib vnd blut Christi warhafftig vnd gegenwertig mitgetheilt würde vnter oder mit dem brod vnd wein, welcher meinung er (der Arianer) widersprach Schweigger reyszbeschr. (1619) 17; von diesen sag ich, behüt mich gott, dasz ich mich in ihre händel legen, geschweige sie verlachen oder ihren meinungen ... widersprechen solte Grimmelshausen Simpliciana 186 Scholte; gleichwohl widersprach er seiner eignen meinung schnell Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 146; der irrigen meinung ... widersprach Winckelmann mit überzeugenden gründen Göthe I 46, 75 W.; ausdrücklich widersprechen musz ich jedoch dem gerüchte, als hätten mich meine rückschritte bis zur schwelle irgend einer kirche ... geführt H. Heine s. w. 1, 487 Elster; wir hielten ihn alle für einen hagestolz, und er widersprach dem nicht E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 35 Gr.; machte doch der römische papst den anspruch, dem auch niemand widersprach, die länder, die gefunden worden ... unter die beiden ... staaten zu vertheilen Ranke s. w. (1867) 1, 156; weder Eugen III., noch Bernhard hat solchen gedanken widersprochen Nitzsch dt. studien (1879) 17; könnten sie es heute überleben, dass die gutgesinnten den abscheulichen verleumdungen nicht mehr widersprechen? H. Mann d. untertan (1949) 291.
c)
sich mit worten gegen eine einrichtung, handlung oder ein verhalten wenden: ich widersprech nicht euwer hülffe vnd dienste buch d. liebe (1587) 336ᵇ;
(gesandter:) wie, dass er dann sein wort, ja sein gebet gebrochen?
(Cromwel:) weil gottes geist in mir dem beten widersprochen
Gryphius trauersp. 427 lit. ver.;
da giebts nur ein vergehn und verbrechen:
der ordre fürwitzig widersprechen!
Schiller 12, 27 G.;
als schwester Sophie dem jungen mann ein ei hinschob, widersprach der A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 132. im sinne von 'einspruch erheben': widerspricht jedoch ein anderer geschäftsführender gesellschafter der vornahme einer handlung, so musz diese unterbleiben handelsgesetzb. (1861) § 115. namentlich in älterer sprache mit dem begriff des zuwiderhandelns verbunden, so auf religiös-ethischem gebiete: ich han widersprochen siner lieplichen gotlichen ordenung; ich byn ungeduldig gewest widder sin liebe (vor 1468) J. Wolff beichtbüchl. 9 Battenberg; (der teufel hat) hin und wider viel secten erreget, die gottes ordnung widersprochen B. Krüger spiel v. d. bäur. richtern 3 B. vom inneren widerstehen: (es) ist billich vnnd recht, dasz ein junger herr ... den bösen lüsten und begierden des fleisches widerspreche Lorichius paedag. principium (1595) 145. substantivisch im sinne von 'unruhe, empörung': wil er nu mit frieden sein, vnd nit ewig krieg vnd widersprechen in Italia haben, so muͦsz er mit dem bapst seins gefallens theylen vnd jm die oberzelt übergebirg zuͦ stellen S. Franck Germ. chron. (1538) 80ᵇ. dieser gebrauch reicht, allmählich abklingend, bis in die neueste zeit:
noch gleichwol will der hoff zum grossen hertzleid haben,
viel lieber einen mann von solchen edlen gaben,
als einen wahren freund, der saget was gebricht,
dem übel klüglich wehrt, dem unheil widerspricht
Rachel satyr. ged. 99 ndr.;
es widerspricht mit macht dein treues königreich
dem abgedrungenen unbilligen vergleich
König ged. (1745) 20;
wie klug handeln sie, wenn sie der natur nicht widersprechen Hippel über d. ehe (1774) 93; sie müssen anfangen, seinen grillen zu widersprechen Lessing 2, 13 L.-M.;
kein weib gab recht dem manne je im leben,
ja all ihr wesen ist ein widersprechen
Brentano ges. schr. (1852) 6, 152.
B.
bezogen auf das gegensätzliche verhältnis bei aussagen, begriffen und sachen.
1)
nicht übereinstimmen, sich entgegenstehen: dass aber ein fabeldichter schribt die vesti hab von einem habich den namen habichsburg empfangen, widerspricht des ... stiffters ... eigen urkundt Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 7; diesem vorgeben widersprechen alle historien Micraelius altes Pommerland (1640) 2, 169; wenn die schlechten thaten und verrichtungen den exorbitanten lobeserhebungen des poeten wiedersprechen Neukirch anfangsgründe z. teutschen poesie (1724) 384; ich möchte wohl wissen, was dieses für erfahrungen und empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle welt erfährt und empfindt Wieland Agathon (1766) 1, 124; begebenheiten, welche den ewigen unveränderlichen gesetzen der natur widersprechen Göthe I 43, 5 W.; für eine tragödie ist in der Iphigenie ein zu ruhiger gang, ein zu groszer aufenthalt, die katastrophe nicht einmal zu rechnen, welche der tragödie widerspricht (1797) Schiller br. 5, 311 Jonas; wie sehr dieser schritt (einer klage) meinen gefühlen widerspricht, gegen meinen wohlthäter als kläger zu erscheinen, kann nur der entscheiden, der meine hochachtung gegen den hochseligen herrn fürsten von Kinsky kennt (1814) Beethoven sämtl. br. 2, 218 Kal.; und jede philosophische meinung, welche dem angenommenen religionsbegriff widerspricht ..., muss unterdrückt werden W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 53; unmöglich ist gar nichts, als was den urgesetzen der schöpfung widerspricht Holtei erz. schr. (1861) 2, 153; dem grundgedanken der englischen politik widersprach es nicht Ranke s. w. 14 (1875) 108; was aber geschäftliche dinge betrifft, so kann ich dir immer nur als chef der ehrwürdigen firma gegenüberstehen, deren alleiniger inhaber ich heute geworden bin. du kannst nichts von mir gewärtigen, was den verpflichtungen widerspricht, die mir diese eigenschaft auferlegt Th. Mann Buddenbrooks (1901) 1, 91; diese sich durchsetzende kelchform (des kapitäls) widerspricht schon dem romanischen gefühl, das im kapitäl nur die schmuckbereite geballte masse sah Pinder d. Naumburger dom (1925) 9. gelegentlich: denn die unkenntnisz meines übels und der genusz der einen oder andern ihm (einem magenkatarrh) widersprechenden speise muszte meine rückfälle veranlaszt haben (1865) Stifter briefw. (1925) 4, 304. in unpersönlichem gebrauch: widerspricht es allen gesetzen der zeit, des raumes und der physischen wirkungen, dasz ein so gewandter kopf ... so viel zu stand bringen könnte? Schiller 4, 253 G.; es widerspricht nicht dem begriffe der sprache W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 4, 16; es widerspricht auch keineswegs den von mir vorangestellten begriffen der ehre und arbeit, wenn ich von höheren und niederen stufen beider rede W. Riehl d. dt. arbeit (1861) 30; es widerspricht ohne zweifel ihren eigenen principien, diesen ... gefühlen gewalt anzuthun (1866) Bismarck polit. reden 3, 20 Kohl. häufig reziprok: weil viereckigt seyn und rundt werden einander nicht widerspricht, sondern beydes gar wohl neben einander bestehen kan Chr. v. Wolff vernünft. ged. v. gott (1720) 7;
wenn glauben und vernunft einander widersprechen,
so ist der glaube falsch
Eschenburg beispielslg. (1788) 2, 399;
diese beyden — instinkte unsrer natur ... dürfen einander nie widersprechen A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 161; ja, in hohem grade wunderbar erscheint uns alles beim ersten hinabschauen vom Brocken, alle seiten unseres geistes empfangen neue eindrücke, und diese, meistens verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer seele zu einem groszen, noch unentworrenen, unverstandenen gefühl (1824) H. Heine s. w. 3, 54 Elster; wie sehr sich die hier aufgestellten sachen (im stil) untereinander widersprachen Fontane ges. w. (1905) I 5, 19; frau und schwiegermutter hielten ihn (den bürgermeister) von beiden seiten fest und gaben ihm hastig forderungen mit, die einander widersprechen muszten H. Mann d. untertan (1949) 238.
2)
das part. präs. ist zum adjektiv in der bedeutung 'widersprüchlich, unvereinbar' geworden und kann als solches auch gesteigert werden: die natur kan nichts widersprechendes hervorbringen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 63; von der wahrheit der erkenntnisz der materie nach läszt sich kein allgemeines kennzeichen verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist Kant 3, 79 akad.; das lächerliche, welches aus dem widersprechenden und abentheuerlichen entsteht, und das scherzhafte ... sind die hauptquellen des komischepischen stofs Eschenburg entwurf (1783) 136; indessen findet man in seinem (Philipps II.) leben eine menge widersprechender züge, die den mahler niederschlagen Schiller 4, 104 G.; sie (gelb u. blau) haben aber eine neigung gegen einander als zwar entgegengesetzte aber nicht widersprechende wesen Göthe II 5, 1 W.; diejenigen, die für ihr land den höchsten preis haben wollen, fordern etwas widersprechendes Möser s. w. (1842) 1, 186; er war ... von der natur widersprechend ausgestattet. während er nämlich ... einen sehr wohlgebildeten kopf hatte, war der übrige körper zu klein geblieben Stifter s. w. 5, 1 (1908) 348; gar mancherlei widersprechende bewegungen mag dieser antrag in Pescara angeregt haben Ranke s. w. (1867) 2, 233; der begriff: leben Jesu ist nicht blos ein moderner, sondern ein sich selbst widersprechender begriff D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 5; aber dann kamen die allerletzten kritischen julitage (1914) und jede stunde eine andere widersprechende nachricht Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 256. komparativ (nur vereinzelt): kann etwas widersprechender sein? Schiller in: Thalia 11, 49. superlativ: eine composition von den widersprechendesten eigenschaften, welche ein volk nur immer haben kann Wieland Agathon (1766) 2, 285; die widersprechendsten gedanken durchkreuzen sich Thümmel reise (1791) 1, 100; und man nimmt die widersprechendsten repräsentanten gerne für die abgeschiedne majestät Göthe I 51, 152 W.; während der markese diese worte mit warmem gefühl deklamierte ..., schnitt Hyazinth die widersprechendsten gesichter H. Heine s. w. 3, 341 Elster; um mit Renaten über die wunderlich widersprechendsten themata ... zu plaudern Fontane ges. w. (1905) I 1, 319; die widersprechendsten empfindungen lieferten sich eine schlacht in Nathanaels ... seele M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 90; der geist ..., der in jedem augenblick sich bewuszt ist, über dem leben zu stehen und die widersprechendsten gefühle ... immer in derselben überlegenen grundstimmung erlebt Schweitzer Bach (1948) 313.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1245, Z. 23.

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Zitationshilfe
„widersprechen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widersprechen>.

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