Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerständig, adj., adv.

widerständig, adj., adv.,
seit dem mhd. bezeugt; fürs ahd. vorauszusetzen, das uuidarstendigî, f. 'repugnatio' (Graff 6, 609) kennt. mhd. widerstendic, mnd. wedderstendich, mnl. wederstandich, -stendich.
1)
seltener gebrauch. räumlich 'entgegengesetzt': wenn derhalben die sonne, wider die zarte materi der flecken ... solche macht auslässet, dasz sie den grössesten theil derselben, nach der widerständigen gegend zu, fürwerts stossen und forttreiben kan: wie viel leichter wird sie denn diese weit subtilere planeten-dämpffe ... auf die abgewandte seiten zu kehren und treiben Francisci d. eröffn. lusthaus (1676) 1168. sachlich entgegengesetzt, widersprechend: eyn christen mensch ist eyn freyer herr ... eyn christen mensch ist eyn dienstpar knecht ... disze zwo widderstendige rede der freyheyt und dienstparkeyt zu vornehmen, sollen wir gedencken, das eyn yglich christen mensch ist zweyerley natur, geystlicher und leyplicher (1520) Luther 7, 21, 11 W.; das christenliche lere gerecht sey, vnd alle menschliche widerstendige lere sey falsch (1523) Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 161 ndr. substantiviert, 'das entgegengesetzte, das gegenteil': wie die liebe, barmhertzigkeit und das mitleiden dem gekröhnten granat-appel an den christlichen tugendbaume, also gleichen deren widerständige einen Sodomsappel an dem schädlichen laster-baume Butschky Pathmos (1677) 225.
2)
des öfteren 'widerstand leistend': rebellis widerstendig, kleffigk (1462) anzeiger 7 (1838) 165 Mone. in literarischer bezeugung, ein verhalten von lebewesen:
do begundin abir strebin
Israhelis kint von gote
und waren sinim gebote
widirstendig
(hs. um 1300) Rudolf v. Ems weltchron. 18 978 Ehrism.;
was er (der ochse) so tracz und widerstendig (recalcitrantem) (um 1460) Johann Hartlieb Caesarius v. Heisterbach 83, 9 Drescher; nach dem ... die bepstissche priesterschafft mechtig vnd dem euangelio gottis widderstendig viel mal dem armen volck das heylsame wortt gottis zu predigen erweret (1523) Luther br. 3, 141 W.; knecht ..., der seine zeit versäumete und widerstendig oder mutwillig dienete (1614/38) bei Krumbholtz d. gewerbe d. st. Münster (1898) 418. von sachlich-dinglichem: (die tugend) müsz doch ausz der not di ding, so jr widerwärtig senn, mit sorgfältigkait hassen vnd verachten. wi dann ... die männlich groszmütigkait der vnkindigen faulkait alweg widerständig Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 72ᵇ; was mag solchen gebrechen vnnd kranckheyten widerstendiger sein, wann so durch leibliche übung vnd bewegung ... solche überflüssigkeyten ... verzert werden Ryff spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 15ᵇ. im hinblick auf die mechanische festigkeit der dinge: Spee vergleicht die sünde des menschen mit einer spinnwebe und gottes barmherzigkeit mit der wucht eines mühlsteins; dann sagt er: kein laster ist so grosz, kein spinnweb so widerstendig, dasz seine (gottes) barmhertzigkeit ... auffhalten könne güld. tvgend-bvch (1649) 185. so auch in der sprache der gegenwart gelegentlich: das dichte widerständige unterholz, ... hart und elastisch Werfel Musa Dagh (1955) 550; dochwie es scheintnamentlich im fachsprachlichen bereich: wenn das fertige werk (aus ton) widerständig ist, so hat dies der künstler bei seiner arbeit nicht erfahren, sondern erst der nachfolgende brand hat es erzeugt Pinder d. kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 156; widerständige gesteinspartien wiss. u. fortschr. 9 (1956) 259. in bildlicher anwendung: auch als Domenico Pascarella die augen aufschlug, brauchte die schmerzhafte wirklichkeit (von seines sohnes tod) eine ganze minute, um in diese widerständige natur einzudringen Werfel geschw. v. Neapel (1931) 367.
3)
widerständig dégoûtant Schrader dt.-frz. wb. 2 (1781) 1625 (vgl. widerstehen B und Tabernämontanus sp. 1263): (menschenfleisch) wære ein widerstendic dinc dem menschen ze niezenne (2. hälfte d. 13. jhs.) Berthold v. Regensburg pred. 1, 163, 33 Pf.; mir sint nút widerzem die bleichen leftzen dines (Christi) mundes noch widerstendig die bluͦtigen arme dins libes (14. jh.) Seuse dt. schr. 550 Bihlm.; die gemächt oder geylen der thier ... haben ein starcken, üblen vnd widerstendigen geruch Ryff spiegel u. regim. d. gesundth. (1544) 50ᵃ; ob gleichwol die weinrauth von wegen jhres starcken widerständigen geruchs vnnd bitteren starcken geschmacks allein der artzeney dienstlich zu seyn geachtet wirdt Tabernämontanus kreuterb. (1588) 482ᵇ. hierher noch aus neuerer sprache: ist die (beschränkte) handwerkerische geistes- und bildungssphäre eine dem ländlich erwachsenen bewusztsein widerständige und vice versa; denn die ... scheinbar träge ruhe und schwerfälligkeit, das stets rege misztrauen eines ländlich aufwachsenden erscheint dem städtischen wesen so beschwerlich als verächtlich Heinrich Leo meine jugendzeit (1880) 39. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1270, Z. 51.

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Zitationshilfe
„widerständig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerst%C3%A4ndig>.

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