Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerstosz, m.

widerstosz, m.,
'gegenstosz (-druck), um etw. (jmd.) zurückzustoszen, aufzuhalten oder um einen stosz zu erwidern'; dann auch 'anprall, anstosz' und 'zusammenstosz'; auch 'bewaffneter widerstand, ansturm'. von diesen verwendungen geht reichlich bezeugter bildlicher gebrauch aus; u. a. meint dann widerstosz — namentlich in nd. und md. belegenalles unerwünschte, was personen von auszen zustöszt (1 c δ). verbreitet begegnet das wort als volksname für pflanzen. entschieden bevorzugtes reimwort ist grosz. ahd. ist das wort nur vereinzelt und spät nachzuweisen, in einer Prudentius-glosse im sinne von 'gegendruck, gegenstosz', mit dem feste gegenstände eine einwirkende kraft aufhalten und zurückstoszen: ([die lanze] resilit duro loricae excussa) repulsu uuidirstozze (11. jh.) ahd. gl. 2, 545, 57 St.-S.; s. ebda 522, 24. im mhd. vgl. damit:
immer als er was getreten
vur etelichen apgot,
so blies er dran durch sinen spot.
zuhant als ouch daz geschach,
daz bilde man hinvallen sach,
ez were kleine oder groz.
so hete ez nicht widerstoz;
swen er ot geblies daran
ez muste vallen hin dan
(13. jh.) passional 96ᵃ Köpke.
seit dem mhd. (widers tôz) und mnd. (wedderstôt; mnl. wederstoot, weer-) ist das wort oft nachgewiesen; überwiegend gehört es der älteren sprache an.
1)
ein vorgang. wie im ahd. (s. o. den glossenbeleg) entspricht auch in jüngeren wbb. lat. repulsus: repulsus widerstossz, gegenstossz, widerschnall, gegenstreich Frisius dict. (1556) 1143ᵇ; wederstoot repulsus Kilian etym. (1605) 657ᵃ; widerstosz repulsus Dentzler clavis ling. lat. (1716) 352ᵃ. auch repulsa: repulsa ein wider stosz Diefenbach ml.-hd.-böhm. wb. 237; wiederstosz repulsa, voc. theut. (Nürnberg 1482) oo 2ᵇ; ebenso in anderen hd. vocab. des 15. jhs. Campe wb. 5 (1811) 703ᵃ bucht das wort als 'ein wider etwas gerichteter stosz, welcher einen stosz zurückweiset'. bei Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 412ᵃ begegnet eine andere bedeutungsschattierung, die man in wbb. später wiederfindet: widerstosz, da man sich an etwas stöst oder wider etwas laufft aheurtement, achoppement, vrtamento.
a)
im eigentlichen verstande sowohl 'gegenstosz (-druck), um etwas (jmd.) zurückzustoszen, aufzuhalten (vgl. die belege oben) oder um einen stosz zu erwidern (s. ob. Campe)', dann auch 'anprall, anstosz' (s. ob. Hulsius-Ravellus) und 'zusammenstosz':
diu lute namen diu chindelin
si brahten si an unseren trahtin.
du betragt es die alten,
si hiezen die uorderen gehalten.
uil harte sis bedroz,
in wart uil manich wider stoz
frau Ava in: dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 245, 20 Diemer;
der hamer unt der anebôz,
die hânt herten widerstôz,
(etwa 1220/30) Freidank bescheidenheit 130, 23 Grimm;
(der winde) sewsen was unmassen grosz,
si deten manigen widerstosz
(um 1300) Heinrich v. Neustadt Apollonius 6526 Singer;
wenn du mitt deiner flachen handt über den bruch streichest, dz oben noch vnden kain höhe oder widerstosz an der hendt empfindest H. Braunschweig chirurgia (1539) 94ᵃ; es mag kein stimm geben, es werde dann der lufft gebrochen durch ein widerstoss Ryff anatomi (1541) K 2ᵃ. vom gedränge:
dringen unde drucken
wart dâ sô grôz,
daz ein widerstôz
in der stat wart
(1308/18) Ottokar österr. reimchron. 50652 Seem.;
nû was daz gedranc sô grôz
von des volkes widerstôz,
daz man gerüeren niender mohte
(hs. d. 14. jhs.) bei Gerhard Eis legende u. mystik 298 (Alexiusleg. A).
der gegenstosz mit der waffe: (du sollst) seinen widerstoss ebener massen gewertig sein Sutorius fechtb. (1612) 68; vnserer sighafften lantzen treffen vnnd widerstoss (im turnier) theatrum amoris (1626) 390; widerstosz oder gegenstosz im fechten la risposte en l'exercice des armes, repercussio vel ictus reciprocus in digladiatione, repercussio adversarii eodem momento facta, quo alter percussit Duez dict. germ.-gall.-lat. (1664) 679ᵃ.
b)
'bewaffneter widerstand, ansturm':
nû was doch der heiden maht sô gar ân alle mâze
daz er doch het ze schaffen vil,
sint ez êrste næhet sich des ernstes zil,
wan vil der schar im quâmen ze widerstôze
(1276/90) Lohengrin 5520 Rückert;
unser macht ist hie sô grôz,
wir tûn dem here wol widerstôz
(1291/97) livl. reimchron. 10 536 Meyer;
invorchtit nicht ir (der feinde) menge grôz,
noch ûch irschrek ir widirstôz
(et impetum eorum ne formidetis)
(14. jh.) Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 2081 Strehlke.
auch überhaupt ein streit, der kriegerische auseinandersetzungen einschlieszt:
sich huͦb ein groszer widerstosz
vor etwa mengem jar
zwischen dien von Swiz und Zürich
hist. volkslieder 1, 398 Liliencron.
c)
in bildlicher verwendung.
α)
sie ist bereits mhd. stark ausgebildet: von hertem widerstôze snîdenter worte (beim streit) (13. jh.) David v. Augsburg in: dt. mystiker d. 14. jhs. 1, 443, 23 Pf.; hier abe (von dieser erkenntnis) erschrak er und gewan etlich zit einen widerstoz des inren ruͦfes in im selben Seuse dt. schr. 327, 4 Bihlm. — widerstosz haben:
nehein sünde wart sô grôz,
sine habe mit riuwe widerstôz
Freidank bescheidenheit 37, 21 Grimm;
keinen widerstosz haben als ausdruck des ausmaszes:
die reinischait ('rheinische mode') ist also gros
daz sy hat kainen widerstos.
sy wonet nu den pawrn pey
Heinrich d. Teichner ged. 726, 6 Niewöhner;
so wirt unser beyder frewd so gros
das sie hat keinen wider stos
(hs. spätes 15. jh.) mhd. minnereden II 6, 114 Thiele.
β)
formelhaft ist mhd. âne (sunder) widerstôz:
des vert sîn lop in hôhem zuge
in der werlde mit wîtem fluge
âne widerstôz
(1301) kreuzfahrt Ludwigs d. Frommen 7575 Naumann.
als formel der versicherung 'fraglos, gewisz':
vor dem jungsten tag geschen
etteliche czeichen groz
gar an allen wider stoz
(1331) Tilo v. Kulm siben ingesigel 5848 Kochend.;
under aller himele creys
got alle ding gar merlich weiz,
...
gemessen hat sins herzen grunt,
was der himel ie besloz
under im an wider stoz
(1338 beendet) Hiob 13 810 Karsten.
ebenso sunder widerstôz:
by der sunnen ich irkirne ('erkenne')
und alsam by dem gestirne
gar sunder allen wider stoz
dy gotliche wisheit groz
ebda 3125.
γ)
im sinne eines sich-messens und wettstreits; wohl nur mhd.:
dâ wirt ...
der banier sûsen alsô grôz
daz ez wol tuot widerstôz
dem doner von dem lufte
(1231—36) Reinbot v. Durne d. hl. Georg 4934 Kr.;
der stam von Kapadoze hiez Senabor, der riche,
daz im zewider stoze nicht enlebte kunic im geliche
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel str., 98 W.
δ)
verselbständigt im sinne von 'hindernis, miszgeschick, ungemach, widerwärtigkeit', überhaupt als bezeichnung alles dessen, was jemandem an widrigen erlebnissen zustöszt; lexikalisch: euentus contrarius wydderstosz vel wydderhacke (15. jh., md.) Diefenbach gl. 212ᵇ; obstaculum widerstos (anf. d. 15. jhs., obd.), widerszosz (!) vel slach (15. jh., md.) ebda 390ᵃ; infortunium vbel, vnfall, vngefäll, vnglück, vnheyl, vngemach, widerstosz, widerwertigkeit (1550) Schöpper synonyma 56ᵃ Schulte-K. literarische belege:
daz sie (die apostel) daz volc bekêrten
und den gelouben lêrten.
des wart in manich widerstôz
(1291/97) livl. reimchron. 65 Meyer;
iz machet dine bosheit groz
daz tu (Hiob) nu hast den widerstoz
(1338) Hiob 5904 Karsten;
gewinnt er denn kain widerstosz,
so gat in aber gelt darus (aus einer pfründe)
des teufels netz 3210 lit. ver.;
(dasz er die Engländer) frey laesse verkeren, uff das is den sendeboten, die syne gnade kegen Engelant gesant hat, keyn widderstos, hinderniss und innefelle in erer botschafft mache (1447) acten d. ständetage Preuszens 3, 22; se en vruchteden nijn liden noch wederstoit (wohl 1492) J. Veghe 3, 28 Jostes; isset dat eme (Benjamin) wat wedderstotes to queme (adversitas) Lübecker bibel (1494), 1. Mose 42, 38 (Luther: ein vnfall); was von gott kompt, müsz widderstosse haben, das es probirt werde ... bittet got, das er euch helffe, denn es müss mit gepett dem teuffel widderstand geschehen (1522) Luther br. 2, 522 W.; (das) pabstumb, das von den keisern ein zeitlang grossen widerstos gelitten Bünting braunschw. chron. (1584) 61ᵇ; als 'nachteil' (?): vnn vinden se des na nene vracht, de meister scal dar nene wedderstot aff hebben (seerecht v. Wisby 1505, art. 33) bei Pardessus coll. de lois maritimes (1828) 1, 484.
ε)
auch neuere sprache kennt uneigentlichen gebrauch. die vorstellung des körperlichen zusammenstoszes bzw. des mit muskelkraft gegen jmd. geführten stoszes liegt den folgenden belegen zugrunde: zerrüttung, eine natürliche folge des beständigen, gewaltsamen widerstoszes verschiedener, ungleichartiger mächte im staate J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 232; jemanden, ... der das metall der gesinnung in eine gefällige form zu schmelzen weisz. nicht ein haarbreit darf er aufgeben, aber den widerstössen soll er eine gewisse elasticität entgegensetzen Alexis ruhe (1852) 4, 227.
2)
volksname für pflanzen, namentlich für nelkengewächse (s. die zusammenstellungen bei Fischer schwäb. 6, 796 und im schweiz. id. 11, 1598). Marzell erklärt ihn aus dem gebrauch der pflanze beim gegenzauber, wb. d. dt. pflanzenn. 1, 491 f. eine ältere deutung: 'der name ... kommt von dem früheren gebrauche der pflanze als wundmittel' Fechner erklärung volksth. pflanzenn. (1871) 20; 'widerstosz ... war wundmittel; die pflanze machte den stosz mit der waffe unschädlich' Prahn pflanzenn. (1909) 150.
a)
die farnart asplenium trichomanes L.; s. Nemnich polygl.-lex. d. naturgesch. (1793) 1, 516.
b)
silene nutans L. weißer wiederstosz, wilder wiederstoß Mattuschka flora Silesiaca (1776) 1, 388; s. auch Nemnich a. a. o. 2, 1295; Holl pflanzenn. (1833) 345ᵇ (s. v. silene, hängende); Pritzel-Jessen volksnamen d. pflanzen (1882) 377ᵇ.
c)
lychnis viscaria L.; s. Holl a. a. o. 225ᵇ (s. v. lichtnelke, klebrige).
d)
saponaria officinalis L.; s. Ernsting nucleus medicinae quinquepartitus (1770) 2, 1193.
e)
lychnis dioica L., die die rotblühende l. diurna Sibth. und die weiszblühende l. alba Mill. umfaszt: die andern II wilden Margen röszlin nennen etlich lydweich ... zuͦ Weissenburg hab ich sie widerstosz hören nennen Bock new kreutterb. (1539) 1, 32ᵃ; lychnis siluestris, λυχνὶς ἀγρία widerstosz, lijdwerck Junius omnium rer. propria nomina (1567) 150ᵃ; s. auch Tabernämontanus neuw kreuterb. (1591) 15; Schwenckfelt stirpium et fossilium Silesiae catalogus (1600) 127; Hohberg georgica cur. aucta 3, 1 (1715) 487ᵇ; Oeder nomenclator botanicus (1769) 73; Schkuhr botan. hdb. (²1808) 1, 402; Nemnich a. a. o. 2, 468; Holl a. a. o. 226ᵃ (s. v. lichtnelke, zweihäusige); Pritzel-Jessen a. a. o. 223ᵇ (s. v. lychnis alba) und 224ᵇ (s. v. lychnis dioeca).
f)
centaurea behen L. und statice limonium L.: behen album et rubrum weis und roth behen, und wiederstos, seelavendel Frank v. Frankenau kräuterlexikon (⁶1766) 101; 'behen album officinarum, weisser wiederstosz, weisser behen, centaurea behen Lin. wächst in Kleinasien, wovon die wurzel unter dem namen behen album bekannt, aber nicht mehr im gebrauche ist, da man jetzt bessere herzstärkende mittel hat. eben so ist auch der rothe wiederstosz, behen rubrum, welcher zu einem ganz andern geschlechte gehöret, und des Linn. statice limonium ist, nicht mehr gebräuchlich' Hübner lett. (1776) 238; s. auch Holl a. a. o. 323ᵇ (s. v. scharte, arabische) und 358ᵃ (s. v. statice). statice limonium: widerstosz Reuss dict. botanicum (1781) 1, 342; 'widerstosz, rother meerbehen, seelavendel ... wächst besonders am ufer des meeres, im Friaul, in der grafschaft Oldenburg und anderwärts in Europa' Schkuhr a. a. o. 1, 252; s. auch Löw flora d. Juden (1926) 1, 406; Meigen d. dt. pflanzenn. (1898) 82.
g)
cucubalus behen L. (silene inflata Sm.); s. Ruppius flora Jenensis (1726) 100; Boehmer flora Lipsiae indigena (1750) 165; Oeder a. a. o.; Mattuschka a. a. o. 1, 385; Schkuhr a. a. o. 1, 384; Nemnich a. a. o. 1, 1296; Holl a. a. o. 345ᵇ (s. v. silene, gemeine); Pritzel-Jessen a. a. o. 377ᵇ. — in der älteren bezeugung noch stets mit anderen als den oben genannten fremdsprl. entsprechungen. 'papauer nigrum' im folgenden beleg ist eine falsche angabe, es musz 'papauer spumeum' heiszen, was soviel wie 'cucubalus behen' ist; vgl. Bauhin pinax theatri botanici (1671) 205: papauer nigrum Marien röszlin, raden, widderstosz, glidweych Alberus dict. (1540) FF 1ᵇ. 'been oder behen seind zwo wurtzeln, weisz vnd rot, werden selten ohn einander gebraucht. die weisz ist den kräutlern wolbekannt, heisset cardianthemon vnd bey dem Dioscor. ocymastrum, zu teutsch widerstosz vnd hertzblümlenwurtz' Wirsung artzneyb. (1588) reg. mehrfach für polemonia (-ium), philetaeria (πολεμώνιον, φιλεταίριον): nd. weder stud, weder stot polemonia Diefenbach-Wülcker hoch- u. nd. wb. 902; polemonia, uel polemonium herba: uulgo ben album ... daubenkropf, sind weisz bluͤmen ausz eim holen blöszlin oder säcklin wachsende: lidweich, widerstosz, splyspettel Gesner erdgewächse (1542) 92; s. auch ebda 88; philetaeria, herba Plin. lydweich, widerstosz, daubenkropff Frisius dict. (1556) 1002ᵃ; s. auch ebda 1016ᵃ (s. v. polemonia). vgl. ferner: Frischlin nomencl. (1586) 47ᵇ (s. v. πολεμώνιον); Calepinus undec. ling. (1598) 1086ᵇ (s. v. philetaeria); Decimator thes. (1608) 975ᵃ (s. v. philetaeria); Dentzler clavis ling. lat. (1686) 1, 570ᵇ (s. v. philetaeria) u. 588ᵃ (s. v. polemonia).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1292, Z. 26.

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Zitationshilfe
„widerstosz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerstosz>.

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