Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerstreit, m.

widerstreit, m.,
'gegenseitiger streit, gegenwehr, widersetzlichkeit, zwiespalt, widerspruch; wettstreit; gegner'. noch nicht ahd., dafür die fem. abstraktbildung zu widerstreitig: ih pin leidir sculdic ... in ungenozsami, in hohferti, in ungehorsami, in uuidirstritigi Wessobrunner beichte, in: kl. ahd. sprachdenkm. 142, 36 Steinm. mhd. widerstrît Lexer 3, 860; mnl. wederstrijt Verwijs-Verdam 9, 1990; mnd. wedderstrît Lübben-Walther hdwb. 565ᵃ. in älterer sprache vorwiegend das verhalten einer seite, in neuerer sprache überwiegend ein gegenseitiges verhältnis. einblick in die dt. synonymik gewähren ältere wbb.: aduersitas widerwertigkeit, feyndschafft, widerstreyt, vneinigkeit Frisius dict. (1556) 43ᵇ; rebellio widerstreyt, widerfächtung ebda 1119ᵃ; repugnantia miszhällen, widerstreyt, widerspan, widerfätz ebda 1148ᵃ; contrapositione widerstreit, widerstand, widerstrebung Hulsius dict. (1618) 2, 105ᵇ; s. auch ebda 327ᵇ s. v. repugnanza, contrarietà. auch Kramer verzeichnet das wort: widerstreit contradittione, contrarietà, ripugnanza, t.-ital. 2 (1702) 1010ᶜ. — üblich ist nur der singular, doch wird gelegentlich auch einmal ein plural gebildet: (als übersetzung von instantia) sint hi offenpar widerstreit dem vorgenanten redenstrikke ('argumentation') (hs. 2. h. d. 14. jhs.) Konrad v. Megenberg dt. sphaera 29, 9 Matthaei; es waren ganz kleine differenzen gegen die widerstreite, welche sich in den letzten kunstjahren hervorthaten (1818) Göthe IV 29, 186 W.;
der vier winde widerstreite
seh ich ausgeglichen
(1832) Rückert ges. ged. (1837) 5, 40.
1)
als verhalten (vorwiegend) einer seite.
a)
physischer, bewaffneter streit, widerstand gegen jmd. oder etwas:
(die krieger) kundin niht gewinnen
vluht noh wer noh widir strit
Rudolf v. Ems weltchronik 18 640 Ehrismann;
und die jüden mit widerstreit
thetten dem gross römischen heer
mechtig und küne widerwehr
(1563) Hans Sachs 16, 391 lit. ver.;
indessen bleiben wir allen aufgeregten wall- und kreuzfahrern zu dank verpflichtet, da wir ihrem religiösen enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen widerstreit gegen östliches zudringen doch eigentlich beschützung und erhaltung der gebildeten europäischen zustände schuldig geworden Göthe I 7, 184 W.;
der herold mit der kunde
fährt fort nach einer zeit:
'er sank mit mancher wunde
nach tapferm widerstreit'
M. Greif ged. ⁵181.
b)
überhaupt 'streit gegen jmd. oder etwas, gegenwehr, widerstand, widerspruch' ('ungewöhnlich ist der widerstreit für widerspruch' Adelung versuch e. wbs. 5 [1786] 205):
seit ich die wârheit alle zît,
sô vündich manegen widerstrît
(beendet nach 1229) Freidank bescheidenheit 74, 24 Grimm;
ist aber icht daz sie (die welt) geschuf,
wider deme touc diekein ruf
noch diekein wider strites muen
(vor 1312) Heinrich v. Hesler apokalypse 3053 Helm;
wer hass und neid mit widerstreit
vertriben hat in diser zeit
Oswald v. Wolkenstein gedichte 98, 28 Schatz;
gedenckt an den (sc. Christum), der eyn solchen widerstreyt von den böszen menschen erlyden hat (1519) Luther 2, 142 W.;
Rosa, der sasz ihm (dem general) an der seit',
der kunnt die red nicht schlinden;
er hielt ihm diesfalls widerstreit,
liesz ihm sein maul nicht binden
(schlacht bei Duttlingen u. Rottweil 1643)
bei Ditfurth volkslieder d. bayer. heeres (1871) 22;
ich (kann) ihnen nicht genug widerstreit gegen diejenigen (künstler) empfehlen, die ... mit einer unheilbaren einseitigkeit einen vorgezogenen ... theil der kunst zum ganzen machen wollen (1799) Göthe I 47, 152 W.;
und wenn ein volk in trotz'gem widerstreit
dem gottgesandten strahl das herz verschliesset
Geibel ges. w. (1888) 1, 155.
streit und widerstreit: bei parlamentsversammlungen, ... ist es den damen erlaubt, den streit und widerstreit anzuhören Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 158;
doch lausch' ich näher, hinter all' den ton
von recht und unrecht, streit und widerstreit
Bierbaum musenkrieg (1907) 144.
c)
mehrfach ohne widerstreit 'ohne widerspruch, weigerung, widerstand':
welt ir, noch geschicht iu allez guot.
ich sag iu, frowe, mînen muot:
und ist daz ir sô wîse sît,
sô lât irz âne widerstrît:
ich wil iu kumbers schaffen rât
Hartmann v. Aue Erec 3782 Haupt;
geloube ân allen widerstrît
an Jêsum Krist der megde sun
Konrad v. Würzburg legenden 1 (Silvester) 1268 Gereke;
vil sänfter wort sy (die frau) jm (ihrem mann) offt geyt,
macht also frid on widerstreyt
J. v. Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 122;
nicht ohne widerstreit des adels ... ward zum befehlshaber Biagio Assereto ernannt (1832) Platen w. 3, 119 Hempel;
diese schönen gliedermassen
kolossaler weiblichkeit
sind jetzt, ohne widerstreit,
meinen wünschen überlassen
H. Heine s. w. 1, 235 Elster.
im besonderen 'unbestreitbar, fraglos':
ez ist reht ane widerstrit:
swer mit dem andern uf dem wege
var und der herberge pflege,
das man billich mit deme
teile und er den teil och neme
Rudolf v. Ems weltchronik 26 182 Ehrismann;
dor uz volget an widerstrit
daz di bosen noch diser zyt
werden gepineget sere
(1338, md.) Hiob 8733 Karsten;
sy ist gantz wol gestalt, schmales leibes, frölich vnd tugenthafftig; sy mag übertreffen ander frauwen alle on widerstreyt Albrecht v. Eyb dt. schr. 2, 154 Herrmann.
d)
von (personifiziert gedachten) dingen: bî des fleisches willen meinet er (der evangelist Johannes) allez, daz in dem menschen sînem willen undertênic ist und doch mit einem widerstrîte unde neigunge nâch des fleisches begerunge meister Eckhart in: dt. mystiker d. 14. jhs. 2, 420, 28 Pf.;
zu manger zeit kumpt dir mit neit
scherock (scirocco) mit grossem widerstreit
Oswald v. Wolkenstein ged. 17, 40 Schatz;
(das unglück) macht gar vil betrübter hertzen
zu aller zeyt mit großem leyd
tag und nacht mit widerstreyt,
dz menschlich gschlecht mit angst und not
gantz hefftig plaget biss in todt
(1559) Schumann nachtbüchlein 77 Bolte;
ein sieg derselben (kraft) über die letztere und gegen ihren widerstreit (1800) Fichte s. w. (1845) 2, 188;
von hohen meistern, alt' und jungen, ist uns in alt' und junger zeit
Tannhäusers wundersang gesungen und seines schicksals widerstreit
Felix Dahn ged. (1900) 181.
2)
als gegenseitiges verhältnis im allg. erst nhd. (doch s. u. die belege unter e). im (in) widerstreit (mit) tritt namentlich zu den verben geraten, treten, stehen, sein, sich befinden und liegen; zu den drei letzen vbb. vgl. Campe 5 (1811) 703ᵇ.
a)
streit mit waffen:
das geit der neid
zu solcher zeit,
im widerstreit
von solchen öden knaben,
dasz mancher niederleit
(1515/36) bei A. v. Arnim s. w. (1853) 21, 317;
denn schöne rüstung hilffet nicht,
wenn man sich mit dem feind bespricht (sc. mit ihm kämpft),
sondern ein vnerschrockner muth
im widerstreit das beste thut
Ringwaldt d. lauter warheit (1588) 90;
dann riskirte der mohr mehr noch von klippen und sturm, als von unserm gegenseitigen widerstreite maler Müller w. (1811) 3, 31. ringen um die oberhand mit bloszer körperkraft: der junge ochse ... zog sich immer bescheidener zurück, je unbescheidener Jakob ihn am horne vorwärts zog. es war ein ungleicher widerstreit, und der bescheidene ochse unbedenklich dem lahmen Jakob an kräften überlegen Holtei erz. schr. (1861) 16, 92.
b)
im weiteren sinne überhaupt 'zwiespalt, konflikt, streit'. der offen ausbrechendeauch unmittelbar im wortwechsel ausgetragene — (meinungs)streit, konflikt: dergleichen gesinnungen müssen doch nun einmal ins publicum ... der widerstreit wird erregt und die sichtung geschieht (1808) Göthe IV 20, 251 W.; sobald sich ein heftiger widerstreit in der zeit regt, so ist es ein zeichen, dasz etwas wirkliches in der mitte liegt, das den streit wohl verdient (1821) Tieck schr. (1828) 17, 29; das ende vom widerstreit (unter den versammelten dorfbewohnern) aber war, dasz man den fremden aufforderte, seinen namen, stand und früheren wohnsitz anzugeben (1864) W. Raabe s. w. I 6, 217; (geriet das parlament) mit dem militärischen institut, welchem die factische autorität zugefallen war, in offenen widerstreit Ranke s. w. (1867) 17, 132. in anderen fällen ist (auch oder mehr) an einen latentengern längere zeit andauerndenzustand von zwiespalt und (feindlichem) gegensatz zu denken: gehen wir in die geschichte zurück, so finden wir überall persönlichkeiten, mit denen wir uns vertrügen, andere, mit denen wir uns gewisz in widerstreit befänden Göthe II 6, 218 W.; da sie (zwei lehrer) nun aber diese (gegensätzlichen pädagogischen) grundsätze auf die spitze trieben, so sahen sie sich mit der welt, welche eigentlich beide zu einer bestimmten mitte verflacht wissen will, in beständigem widerstreite (1836) Immermann w. 5, 192 Hempel; bis zu einem so weitgehenden überblick aller beziehungen, dasz Armgart auch Bonaventura am widerstreit dieser beiden naturen aufs mächtigste betheiligt sah, reichte ihr auge nicht Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 6, 296; was bisher ein dumpfer widerstreit gewesen, zu einem kampfe mit ausgebildeten prinzipien ward H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 11. — vereinzelt 'konflikt in der tragödie': dieses ... ist der grund, warum in den (griechischen) tragikern die erhabenen und übernatürlichen gegenstände des widerstreits (die bei uns mit psychologischem schwunge auf ihre inneren gründe wieder zurückgeführt werden müssen) als gegenstände des äuszeren rechts debattirt werden (1809) Solger nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 163. 'rechtshandel': die sache kam vor den schultheisz, und Seb war mit seinem besten freunde im widerstreit B. Auerbach dorfgesch. 4 (1854) 227.
c)
beim widerstreit von personen mit dingen tritt leicht das moment des streites und der feindseligkeit zurück zugunsten der bedeutung 'sachlicher gegensatz, widerspruch': wie er (Hamann) in einer einheit empfand, imaginirte, dachte, so auch sprechen wollte, und das gleiche von andern verlangte, so trat er mit seinem eignen stil und mit allem was die andern hervorbringen konnten, in widerstreit Göthe I 28, 109 W.; es ist mir rechtlich garnicht zweifelhaft, dasz der könig in keinen widerstreit mit der verfassung tritt, wenn er die huldigung in herkömmlicher form annimmt Bismarck ged. u. erinn. 1, 268 volksausg.
d)
ein gegenseitiges verhältnis von dingen. mit den gegenbegriffen übereinstimmung, harmonie, einklang: die punkte der übereinstimmung und des widerstreits dieser beiden lehrgebäude M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 1, 71; (bei den Spaniern standen) wahrheit und poesie nie in störendem widerstreit, sondern in der schönsten harmonie Fr. Schlegel s. w. (1846) 2, 125; durch drei dichtungsweisen ... erschöpft sich die sentimentale dichtungsart, durch die satirische, idyllische und elegische, je nachdem sich nämlich das gemüth im widerstreit mit einer gekünstelten wirklichkeit oder im einklang mit einer natürlichen oder schwankend zwischen beiden erkennt Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 15. mehrfach meint widerstreit ein aktives gegeneinanderwirken: diese (kräfte der welt) sind unter sich oft im widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie die natur zusammen Göthe I 23, 216 W.; man kann sich ja das zusammenspiel dieser drei kraftpunkte (des kegels) auch als einen widerstreit denken, meinetwegen als einen kampf um übermacht (1887) Hildebrand ged. über gott (1910) 443; (bestimmte werke Bachs) erstehen aus dem dramatischen widerstreit verschiedener themen A. Schweitzer Bach (1948) 255; vielspältigkeit der forderungen und gebote aber ist der innere widerstreit, die gegenseitige vernichtung eben dieser forderungen und gebote Nic. Hartmann ethik (1926) 33. in anderen fällen ist widerstreit mehr zuständlich aufzufassen, als 'gegensatz, widerspruch': von denen (den ländlichen tribus) durch die älteren zahlen angegeben wurden, deren widerstreit mit den angaben aus der zeit der republik ... ihm (Livius) unauflöslich geschienen haben muss Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 254; hält man dieses recht fest im auge, so erscheint auch der widerstreit zwischen alter und neuer kunst, zwischen christlicher und hellenischer keineswegs so schreiend als er manchmal ausgesprochen wird Göthe I 49, 53 W.; die cella ..., die ... im widerstreit mit der sonst gebräuchlichen construction nicht von mauern, sondern von viereckigen ... pfeilern getragen wird Gaudy s. w. (1844) 5, 139; in den thatsachen würden sie (zwei quellen einer dichtung) sich gewis einigemal widersprochen und der behutsame dichter ... würde gewis nicht versäumt haben, diesen widerstreit ausdrücklich anzumerken W. Grimm dt. heldensage (1867) 121; der widerstreit ..., der zwischen seiner beweglichen, elastischen aktivität und der matten blässe seines gesichtes bestand Th. Mann Buddenbrooks (1922) 2, 101; diese antinomie ist so unlösbar wie alle früheren. menschliche einsicht kann hier nur ein unversöhnliches entweder-oder sehen. aber nicht die ethik hat den widerstreit zu lösen Nic. Hartmann ethik (1926) 746. wiederholt im (in) widerstreit stehen mit: dasz meine lage ... mit meiner natur so sehr im widerstreite steht (1799) Göthe IV 14, 32 W.; dasz die alten, freien, herrlichen einrichtungen mit den neuen in widerstreit stehen (1809) J. Grimm in: briefw. 77 Schoof; so würden diese ... grundzüge ... mit der wahrheit ... wohl nicht im widerstreite stehen Fr. Schlegel s. w. (1846) 13, 200. im besonderen s. noch: widerstreit gegensätzlicher begriffe (s. oben Fr. Schlegel 2, 125): widerstreit zwischen dem unendlichen und dem endlichen Creuzer symbolik (1810) 1, 74; widerstreit des freien und nothwendigen (1851) J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 294; abschlusz des widerstreites zwischen offenbarung und erfahrung Dvořák kunstgesch. als geistesgesch. (1928) 256. widerstreit der gesinnungen, standpunkte, interessen, meinungen: ein ... procesz regte den widerstreit der gesinnungen noch mehr auf (1795) Göthe I 35, 52 W.; um die hinrichtung Jesu herbeizuführen, bedurfte es so wenig des anstoszes durch ein wunder, als bei Sokrates, da der natürlichen ursachen in dem widerstreit der standpunkte und interessen übergenug vorhanden waren D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 4, 199 Zeller; das oberhaupt, mehr geistreich als stark, wird durch den widerstreit der meinungen geirrt und weiss nicht seine entwürfe durchzusetzen Ranke s. w. (1867) 7, 94; kein widerstreit der interessen, der sie von einander entfernen könnte Scherer litt.-gesch. ⁷553. gern innerer widerstreit im menschen: grausamen widerstreit in sich fühlen sentire in se grandissima ripugnanza, contradittione Kramer t.-ital. 2 (1702) 1010ᶜ; widerstreit der vernunft mit sich selbst Kant 3, 13 akad.; dasz er (Eduard) vom schmerzlichen widerstreit überwältigt in thränen ausbrach Göthe I 20, 189 W.;
du kennst das unbegriff'ne bange sehnen,
den widerstreit in der bewegten brust?
Chamisso w. (1836) 3, 41;
da meine gedanken und gefühle in einen nimmer auszugleichenden widerstreit gerathen sind Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 395; die logik der vorsehung ..., welche mich zuerst in den schwankenden widerstreit aller gefühle warf W. Raabe s. w. I 6, 68; nervosität und begeisterung, die bei unserem kapellmeister ständig in etwas komischer konkurrenz im widerstreit lagen Mühsam namen u. menschen (1949) 120; ein herz, das ... zerrissen ist vom widerstreit heiliger pflichten Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 143.
e)
'wettstreit' von lebewesen und dingen (vgl. streit E teil 10, 3, sp. 1325): (die aufgabe) den friedlichen widerstreit der einzelnen staatsbürger-classen, ... auch bey den täglichen lebensfunctionen aller interessenten aufrecht zu erhalten Ad. Müller verm. schr. (1812) 1, 187. vom wettgesang der vögel; im mhd.:
der vogele widerstrît
den sî uopten ze aller zît
Hartmann v. Aue Erec 8731 Haupt;
und dann wieder bei Rückert:
und die vögel im gehege
singen hellen widerstreit
w. (1867) 2, 405; vgl. auch ges. ged. (1837) 3, 385.
in der namentlich im mhd. vorhandenen wendung (in wette und) in widerstreit 'um die wette':
ir (Tristans u. Isoldes) dienest was der vogele schal:
diu cleine reine nahtegal,
diu troschel unde daz merlin ('amsel')
und ander waltvogelin;
diu zise und der galander ('haubenlerche')
die dienden wider ein ander
inwette unde inwiderstrit
Gottfried v. Straszburg Tristan 16 893 Ranke; vgl. 18 746;
Rüele wolte enwiderstrît
an dem reien springen
Neidhart v. Reuenthal lieder 36, 4 Haupt-W.;
menig ritterliches claid
ward durch prisse angelaitt.
sy gasten ('schmückten') sich on (l. en) wider stritt
(14. jh.) Göttweiger Trojanerkrieg 7035 Koppitz;
do fiengen die prusuner an prusunen in widerstrit und die pfifer (1420/30) Ulrich v. Richental Constanzer concil 105 lit. ver.;
der (doppelprachtbau) war im widerstreit gebaut
von jenen werbern um die braut,
die zu verschiednen thüren
sie dachten drein zu führen
Rückert ges. ged. (1837) 3, 374.
freierer gebrauch der formel liegt vor, wenn der partner zu einem wettkampf fehlt; die wendung besagt dann soviel wie 'eifrig, geflissentlich, ohne unterlasz':
sîn herze stæteclîche vaht
nâch gottes rîche zaller zît,
tac und naht, enwiderstrît
Rudolf v. Ems Barlaam u. Josaphat 188, 6 Pf.;
des wart von ir enwette
geweinet unde enwiderstrît.
si viel dâ nider an der zît
ûf den tôten jungelinc (ihren sohn)
Konrad v. Würzburg legenden 2 (Alexius) 1125 Gereke;
der prun bedewt die zeyt
die stet hin rint in widerstreyt;
was man singt, saget oder schreyt,
streycht sie doch ymer fur und fur
Hans Folz meisterlieder 6, 146 Mayer.
vgl. damit: von wegen seines kürisz vnd Clodorici, eines hertzhafften vnder der jungen mannschafft, so sich in widerstreit ('unverzüglich'?) für jn leget, (ist der könig) vnverletzt diser gefahr entgangen Wurstisen Paulj Aemilij hist. (1572) 1, 19. gern steht das wort auch in der formel zu widerstreit 'um die wette':
paide slahen und stechen
taten sy ze wider streyt
(um 1300) Heinrich v. Neustadt Apollonius 9345 Singer;
die (teilnehmer am sängerkrieg auf der Wartburg) songen zu widderstryd unde machten nuwe lyder widder eynander (1493 begonnen) Wigand Gerstenberg chronik 150 Diemar;
die held sauffen zu wider streit,
der eyn der scheysst, der ander speyt
das ihm der hals thut krachen
(16. jh.) bergreihen 78 ndr.
3)
mhd. wiederholt auch konkret auf den widerstreiter, widersacher, gegner angewandt:
owê dirre sumerzît,
owê bluomen unde klê,
owê maneger wunne der wir âne müezen sîn!
unser freuden widerstrît (der winter)
bringet rîfen unde snê
Neidhart v. Reuenthal lieder 64, 24 Haupt-W.;
und lat mich Mahmet niht gesigen,
so wil ich von im keren
und got gerne eren,
an den glaubet min wider strit
(1246/47 beendet) Ulrich v. Türheim Rennewart 17 185 Hübner;
dez mvͦz im der herre vnd sin wider strit (im rechtshandel) gestatten (um 1275) Schwabenspiegel, lehenrecht kap. 73 Lassberg.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1315, Z. 42.

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Zitationshilfe
„widerstreit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerstreit>.

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