Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widerstreiten, vb.

widerstreiten, vb.
'streiten gegen jmd. (etw.) oder gegeneinander, sich wehren, sich widersetzen, widersprechen, (etw.) bestreiten, anfechten; nicht im einklang stehen, im widerspruch stehen mit (einander)'. ahd. uuidarstrîtan Graff 6, 747; mhd. widerstrîten Lexer 3, 861 u. 826; mnl. wederstriden Verwijs-Verdam 9, 1889; mnd. wedderstriden Lübben-Walther hdwb. 565ᵃ. widerstreiten begegnet vom 15. jh. an oft in wbb. in den von Diefenbach gesammelten frühnhd. finden sich folgende lat. entsprechungen: impugnare, oppugnare, rebellare, rebellisare, repugnare, gl. 290ᵇ, 398ᵇ, 486ᵃ, 493ᶜ; obniti, nov. gl. 267ᵇ; rebellare, mlat.-hd.-böhm. wb. 232. ferner: widerstreiten, widerfechten combattre contre aucun, ou le contrecarrer, le contrepointer, le contrarier, luy tenir le contrepied; adversari, repugnare, obluctari, oppugnare et resistere Duez dict. germ.-gall.-lat. (1664) 679ᵃ. Stieler stammb. (1691) 2210 verzeichnet an lat. gegenwerten: impugnare, reluctari, repugnare, adversari, rebellare, reniti; Aler dict. (1727) 2186ᵃ: oppugnare, resistere; lat. entsprechungen s. auch weiter unten. zur frage neusprachlicher gegenwerte in hist. wbb. vgl.: widerstreiten, widerfechten repugner, contrarier, oppugner; ripugnare, oppugnare Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 412ᵇ (ähnlich Rädlein t.-it.-frz. [1711] 1057ᵇ); combattere, contrariare, oppugnare, impugnare Kramer t.-ital. 2 (1702) 1010ᵇ; combattre, disputer, contester Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1045ᵃ; s. auch oben Duez.einen überblick über die dt. synonyme, unter denen bes. widerfechten und widerstreben hervortreten (s. auch das vorausgehende), geben folgende zusammenstellungen in hist. wbb.: wiederstryten, wiederstreben, wiederspenigen rebellare, voc. theut. (Nürnberg 1482) oo 3ᵃ; s. auch ebda oo 2ᵇ (s. v. wiedersteen); obtendere. i. litigare vel contendere widerstritten, entgegen halten, oder kriegen mit worten gemma gemm. (1508) r 4ᵇ; repugno widerstreyten, widerfächten, widerston, widersträben, widerreden, im widerspil vnd widergfätz ligen Frisius dict. (1556) 1147ᵇ; s. auch ebda 43ᵇ (s. v. aduersor) und 1119ᵃ (s. v. rebello); rebellare widerstreiten, widerstreben Faber thes. (1587) 107ᵃ. heute nur untrennbar, in älterer sprache auch trennbar zusammengesetzt: sô strîte eht dû wider (13. jh.) Berthold v. Regensburg dt. pred. 1, 343, 9 Pf.; vgl. auch ebda 2, 180, 2 Strobl; als er lang hat wider gestritten wider den stichel der anfechtunge erste dt. bibel 1, 194 lit. ver. neben der gebräuchlichen konstruktion mit dat. oder (namentlich in älterer sprache) mit akk. ist die mit folgender präpositionaler wendung selten (s. den vorausgehenden beleg): zewiderstreiten (repugnantes) wider di súnde (Hebräer 12, 4) ebda 2, 272.
A.
das verhalten (vorwiegend) éiner seite (vgl. im gegensatz dazu die belege unter B).
1)
das verhalten von personen.
a)
absolut; in verschiedener anwendung, 'dagegen streiten (auch mit worten), sich wehren, sich widersetzen': non contendit neque clamabit neque audiet aliquis in plateis uocem eius ni uui dar stritit noh ni hrofit noh ni gahorit einich in heimingum sina stimna (Matth. 12, 19) Monseer fragmente 5, 9 Hench (vgl.: er kriegt nit erste dt. bibel 1, 44, 11 lit. ver.; er wird nicht zancken Luther); die (untugend) sult ir ouch an iu selben überwinden und sult widerstrîten rehte mit allen iuwern sinnen, und diu selbe untugent heizet trâkeit an gotes dienste (13. jh.) Berthold v. Regensburg dt. pred. 2, 180, 9 Strobl; (er) huͦb vf der frǒwen klaider vnd tät die widerstritende frǒwen (die doch nit wolt gesigen) ǎne arbait überwinden (1478) Niclas v. Wyle translat. 53 Keller; ich hette wol fuͦg vnd recht gehebt, der ich mit gewalt angefochten werde, mit gewalt zuͦ widerstreyten (repugnare) (1520) U. v. Hutten opera 1, 380 Böcking;
du (Danckelmann) widerstreitest nicht (im rat), durch aufgeblehtes wissen;
ob meistens gleich dein spruch den ausschlag geben musz
(1694) Besser schr. (1732) 1, 76 König;
die maszregeln unserer gegenwärtigen regierung, indem sie das urteil des volkes miszachten, impfen ihm ungehorsam ein. das volk widerstreitet nicht, weil es will, sondern weil es musz Fontane ges. w. (1905) I 1, 369; 'sie (eine kuh) wird schon zu kräften kommen', widerstritt der Sixtel qu. v. j. 1923.
b)
gegen jemand streiten, etwas bestreiten, anfechten und dgl., mit akkusativobjekt.
α)
gegen jmd. streiten, sich jmd. widersetzen: dich widerstrîtet dîn hûsfrouwe lîhte zehenstunt ..., dâ sie dich zornic mite machet (13. jh.) Berthold v. Regensburg pred. 1, 326, 7 Pf.;
'so must du leiden den tot
du enhelfest mir von meiner not',
sprah der chunic ouz zorne,
'du pist der verlorne
wil du mich widerstreiten'
Gundacker v. Judenburg Christi hort 4261 Jaksche;
flücht er nicht allein die red vnd die gebot gottes, sunder er facht an vnd widerstreitet vnd hasset die, die in darzuͦ wöllent ziehen Keisersberg brösamlin (1517) 1, 53ᵇ. dazutretender gen. d. sache gibt an, worin man jemandem widerstand leistet und sich widersetzt (s. auch die unter β folgenden belege):
wiltu michs widerstrîten
Wolfram v. Eschenbach Parzival 267, 30 L.;
si treipz (d. pferd) von ir mit slegen dô;
des wart der rîter vil unvrô,
wand er sis alles widerstreit
(1205/10) Wirnt v. Gravenberg Wigalois 3252 Kapt.
β)
jemandem etwas 'zu verwehren suchen', mit dat. der person und akk. der sache:
mein Pura, nun geh eylendt ausz
in meim gewandt ausz dem schandhausz ('bordell')!
wann es ist warlich grosse zeit,
eh dir der weg werdt widerstreit
von den trabanten, die dein hüten,
die auch nach deiner liebe wüten
(1559) Hans Sachs 11, 351 lit. ver.;
da wolte Vologeses, als der erstgebohrne, sich des throns bemächtigen: welches aber Pacorus ihm widerstritte A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 102; oder 'bestreiten': die liebe ist der krieg, der die eroberung, die siege, den ruhm derselben ausmacht. ihnen solches zu widerstreiten, kann man billig das laster des beleidigten schönen geschlechts nennen, welches auch nimmermehr vergeben wird Petrasch s. lustsp. (1765) 2, 608; wer ein solches versprechen (auf einem balle nicht zu tanzen) vergessen könne, den müsse man wieder vergessen können; die gräfin widerstritt ihm das, nannte dies vergessen eine kleinigkeit A. v. Arnim s. w. (1839) 7, 232.
γ)
durch die art des verhaltens etwas anfechten, mit akk. der sache (vgl. auch unten Montanus unter c β): (quod verbis praedicant, moribus) inpugnant uvidarstritent, vuidarstritaͤnt (10./11. jh.) ahd. gl. 2, 178, 20 St.-S.;
Adam laid den ungewin
daz er die ordnung wider strait
Heinrich d. Teichner ged. 405, 45 Niewöhner;
wie kompts, das Erasmus seine büchlein, die er zur erhebung des götlichen worts ... gschriben hat, numals mit der tat so freuenlich widerstreittet (1524) bei O. Clemen reform. flugschr. 1, 325; wollen wir nun seine (des verstorbenen) selige hinfahrt, seine ewige glückseligkeit, die endschafft seines mühseligen lebens beneiden oder widerstreiten? wir schwache und blöde menschen erkühnen uns gottes willen zu rechtfertigen ('über ihn zu richten'), wir wollen mit unsren threnen den grabstein erweichen und die toden erwecken; aber alles vergeblich Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 57.
δ)
'widerstreiten mit worten wider etwas streiten, demselben widersprechen; ein im hochdeutschen ungewöhnliches wort. eine meinung widerstreiten sowohl ihr widersprechen, als auch sie bestreiten. eben so ungewöhnlich ist der widerstreit für widerspruch' Adelung versuch 5 (1786) 205; vgl. damit: 'wiederstreiten ist kein gutes wort. er wiederstreitet es soll heiszen, er will es nicht zugeben' Heynatz antibarb. 2 (1797) 638. weitere lexikalische belege: eine meinung widerstreiten combattere, oppugnare, contradire l'opinione, opporre all' opinione ò al senlimento di uno Kramer t.-ital. 2 (1702) 1010ᶜ; s. oben Adelung; bei Campe wb. 5 (1811) 703ᵇ daneben einer meinung widerstreiten. literarische bezeugung:
sun, si (gute frauen) sint wunne ein berndez lieht
an êren und an werdekeit,
der werlte an vreuden zuoversiht:
nie wîser man daz widerstreit
Winsbeke 12 in: kl. mhd. lehrged. 22 Leitzmann;
daʒ wider stritent vngelerte livte vnd mvͦʒ eʒ doch war sin (um 1275) Schwabenspiegel, landrecht kap. 3 Lassberg; (ich musz) noch weitter disen spruch handeln, und so viel mir muglich ist, widderstreitten, das sie uns nit mit sehenden augen blind machen (1521) Luther 8, 344 W.; vil haben sagen wellen, die künigin (Catharina v. Medici) hab dise kinder umb got mit iren walfarten erworben. das will ich auch nit widerstreiten Zimmer. chron. ²4, 47 Barack; gleichsam als wan ich der zweite Karneades were, der niemahls nichts vertreten, das er nicht bewiesen, nichts widerstritten, das er nicht solte ümgestoszen haben Zesen rosenmând (1651) A 9ᵇ;
die grosze schmach zu Jeremiae zeiten
hat er (Jeremias) gewolt mit worten widerstreiten.
doch alls umbsonst: der Jüden böse rotten
pflegten des theuren manns nur zu spotten
Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 900;
die falsche histori ... kompt von ... ihrer fraw mutter her ... ich habe es kein augenblick geglaubt, ... ich habe es auch hart widerstritten (1714) Elisabeth Charlotte v. Orleans br. 458 Holland;
(die mutter) spricht ihr (der tochter) zu; doch mütterliche macht
ward nie so schön von töchtern widerstritten
Hagedorn s. poet. w. (1771) 2, 165.
örtlich ist die akkusativkonstruktion noch in jüngerer sprache vorhanden: 'widerstreiten (wird) gern mit dem accusativ verbunden. das will ich nicht widerstreiten (wie bestreiten, widerlegen), sagte ein landtagsabgeordneter' Albrecht Leipzig 63.
c)
'sich widersetzen, widerstand leisten', 'widersprechen', mit dativ.
α)
sich jemandem widersetzen, ihm (mit waffen) widerstand leisten: (ne inveniatur [der prediger] ei [gott] cui servire per officium cernitur, occulta cogitationis tyrannide) resultare uvidarstritan, vuidarstritan, uuidirstritan (10./12. jh.) ahd. gl. 2, 184, 3 u. 4 St.-S.;
und die meister der e
wider striten im (dem antichrist) nicht me
(vor 1312) Heinrich v. Hesler apokalypse 19 260 Helm;
durch den glauben wird den geistern widerstritten Paracelsus opera (1616) 1, 88ᴮ;
gesetzt, dasz die natur dich etwan fallen liesz,
so will ich, wenn mir gott nicht selbst wird widerstreiten,
mein vater, allemahl, dein lebensbaum bedeuten
(1724) Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 92;
schon seh' ich todt dich auf der wiese liegen.
denn nach dem ersten (ritter) kommt der zweite dann,
der dritte, vierte wird zum kampfe schreiten;
so vielen kannst du nimmer widerstreiten
Gries Bojardos verl. Roland (1835) 2, 169.
sich selbst innerlich widerstreiten:
da gernder lust im hertzen lit
und sie ir selb doch wider strit
das ir kein unstät angesig
mhd. minnereden 2, 21, 20 Thiele.
β)
sich einer sache widersetzen, einer entwicklung entgegentreten:
o christen mensch, widerstreyt
allweg des teüffels listigkeit
Montanus schwankbücher 85 lit. ver. (oder zu b γ?);
auch würde es ehen befördern, wenn wir von gottes gnaden dem luxus nicht durch gesetz und zwang, sondern durch beispiel kräftiglich widerstritten Hippel über d. ehe (1792) 68;
da wär' es zeit gewesen, als ich noch ...
dem guten fördernd meine hände reichte,
dem bösen, wie dem übel widerstritt
Göthe I 10, 304 W.
im bes. einer vorschrift oder bitte sich widersetzen: (eorum se consortio fatetur indignum, quorum praeceptionibus) resultarit vuidarstritit, wider stritet, resultat vuidarstritit, vvidarstritit (10./12. jh.) ahd. gl. 2, 133, 7 u. 8 St.-S.;
(eine frau sagt nicht:)
'geselle, wan minnest dû mich?'
wan daz diuhtes unbillich.
sô muoz sî ze allen zîten
der bete (des mannes) widerstrîten
büchlein 748 in: Hartmann v. Aue 2 Bech.
der wahrheit oder einer behauptung widersprechen, sie anfechten, bestreiten: widderstrydunge das ist usz boszheyt widderstryten und widdersprechen der erkanten warheyt (vor 1468) J. Wolff beichtbüchlein 30 Battenberg;
du narr, ich hab ja gelehrt dich,
das du sollest zu allen zeiten
allein der warheit widerstreiten
(1613) Fröreisen bei Dähnhardt griech. dramen 2, 236 lit. ver.;
einbildung! einbildung! rief ich. und ob er dem gleich aus aller macht widerstritt ... J. J. Engel schr. (1801) 1, 291; der kleinknecht widerstritt diesem vorgeben und behauptete vielmehr: ... Rank erinn. (1896) 10; 'mich hält es noch aus'. dem widerstritt der Ägid qu. v. j. 1923. einem inneren bestreben widerstand leisten: nû seht, ob ir der untugende (zorn) widerstrîten und widerstên welt (13. jh.) Berthold v. Regensburg dt. pred. 2, 179, 33 Strobl; man setze sein gemüthe in einen solchen stand, in welchem so wenig begierden als möglich widerstritten werden kann Crusius kurzer begriff d. moraltheol. 2 (1773) 1099; ich widerstritt dem dunkeln wunsch in mir qu. v. j. 1930.
2)
gern das verhalten oder verhältnis von sachlichdinglichem zu anderen dingen oder zu personen.
a)
ein aktives verhalten von (personifizierten) dingen, 'streiten gegen, sich widersetzen, widersprechen': reluctantem uviderstritent̄, resultantem, resultatē vuidarstrit̄ (animum vincimus) (10./11. jh.) ahd. gl. 2, 302, 9 St.-S.; (dimittamus ergo quod debetur nobis, ut dimittatur quod debetur a nobis. sed ad haec mens) renititur uvidarstritit, vuidarstritit (10./11. jh.) ebda 2, 302, 11; wann ich sich ein ander ee in meinen gelidern: wider streiten (repugnantem) der ee meins hertzen: vnd fuͦrt mich geuangen in der ee der sunden (Römer 7, 23) erste dt. bibel 2, 32 Kurr.; ähnlich bei Luther;
mein geyst der ist gantz willigklich,
das fleysch ist sich
und widerstreyttet deim (gottes) gebot
(1524) Hans Sachs 22, 108 lit. ver.;
die ehr-furcht hat mir zwar schon damals widerstritten,
die dinte schicke sich für deinen purpur nicht
(1721) Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 7, 211;
weil der hoffnung ... das gemüth sich ganz überläszt ...; dagegen dem immer fürchtenden gram doch natürlicher weise vom gemüthe auch immer noch widerstritten wird und er also nur langsam tödtend ist (1798) Kant w. (1838) 10, 281; sein innerstes widerstritt. nein — nicht wandern! P. Dörfler Peter Farde (1929) 372.
b)
in neuerer sprache weniger eine aktive gegenwirkung, als ein zustand, 'nicht im einklang stehen, im widerspruch stehen mit'. so wohl schon bei Luther: es ist ein grosser glaub geweszt in dem jungen meidlen Marien, das es alle sichtbarliche widerstreyttende ding überwunden hat. disz ist die erst art und natur des glaubens (1523) 12, 458 W.; ganz ähnlich ebda 17, 2, 401. seit der wende zum 18. jh. flieszen belege zahlreich und kontinuierlich: dass die christlichen fürsten ... etwas, das denen reguln der staatsklugheit wiederstritte, begangen haben solten (1714) Thomasius kl. dt. schr. (1894) 176; dasz das tanzen sünde sey und selbst dem gesetze der natur widerstreite J. E. Schlegel w. (1761) 3, 431; dasz eine solche einrichtung an und für sich schon dem charakter dieser nation widerstreitet J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 101;
das dürft ihr nicht, das darf der kaiser nicht,
das widerstreitet unsern freiheitsbriefen
Schiller 14, 366 G.;
brachte man nun nachher den Newtonianern einen solchen umstand als der lehre widerstreitend vor Göthe II 2, 127 W.; von allem diesem (sc. den polit. anspielungen im 'Figaro' von Beaumarchais) ist in der oper jede spur verwischt ... in der richtigen meinung, dasz es elemente sind, welche dem wesen der musik völlig widerstreiten O. Jahn Mozart (1856) 4, 204; ein solches verhältnis (zwischen kaiser und papst) widerstreitet zu sehr der natur ... der menschlichen dinge, als dass es ... nur hätte wahr sein sollen Ranke s. w. (1867) 2, 255; da sie (die universale skepsis) der natürlichen auffassung widerstreitet, so ist sie es, die ihr recht erst zu beweisen hätte Nic. Hartmann ethik (1926) 139. mit dativ der person in einigen fällen deutlich den sinn von 'zuwider sein, unangenehm sein' annehmend (vgl. widerstreben 4 d): ich hasse jede neugier, die den schleier von dem uns gnädig verborgenen wegreiszen will; aber am meisten widerstreitet mir doch die neugier, die nicht einmal ernsthaft gemeint ist Fontane ges. w. (1905) I 4, 58; kein fürst ist sparsamer gewesen in dem aufwand für seine person und seinen hofhalt als Friedrich (II.). keinem widerstritt es mehr, sich als träger der krone in formen verehrt zu sehen, die ihn als über den übrigen menschen stehend erscheinen lieszen Prutz preusz. gesch. (1900) 3, 238.
B.
oft ein gegenseitiges verhältnis, wohl nur von dingen. deren unvereinbarkeit, widersprüchlichkeit, gegensätzlichkeit wird als streit gegeneinander aufgefaszt. lexikalisch seit dem 16. jh.: confligunt leges inter se et colliduntur widerstreytend einandren Cholinus-Frisius dict. lat.-germ. (1541) 198ᵇ; pugnantes sententiae widereinandern widerstreytende ebda 716ᵇ; widerstreitende worte parole contradittorie Kramer t.-ital. 2 (1702) 1010ᶜ. in literarischer bezeugung seit dem 18. jh.: dinge, die widerstreiten, dienen die unmöglichkeit einer that zu erweisen. du klagst den Peter an, er habe den Paul umgebracht. allein ... er war weit von ihm entfernt; es ist widersprechend, dasz er der urheber dieses mordes seyn solte Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 4, 39; bey so sehr widerstreitenden foderungen (der protestanten u. katholiken) Schiller 8, 24 G.; da leidenschaften nur von menschen auf menschen gerichtete neigungen sein können, sofern diese auf mit einander zusammenstimmende oder einander widerstreitende zwecke gerichtet, d. i. liebe oder hasz sind (1798) Kant w. (1838) 10, 300; (Sudan) über welchem die sonne gleichmäszig ... hinschwebt, ... ohne mit der ... sich einander widerstreitenden mannichfaltigkeit der jahreswechsel vom frühling zum winter ... die natur zu erfüllen Ritter erdkde (1822) teil 1, 11; dieser vereinbarung zweier in der wirklichkeit widerstreitender elemente (nämlich des menschlichen u. d. tierischen) kann die thierfabel nicht entrathen J. Grimm Reinhart fuchs (1834) vorr. viii; labyrinth der verworrenen und widerstreitenden rechte des reichs Justi Winckelmann (1866) 1, 208; fürsten mit widerstreitenden interessen H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 338; bei widerstreitenden zeugenaussagen H. Mann d. untertan (1949) 232; ein mensch kann sich gleichzeitig verschiedenen aufgaben gegenübersehen, die sein eigenes wertbewusztsein ihm setzt. und diese können einander widerstreiten Nic. Hartmann ethik (1926) 192. innerlich-seelisches widerstreitet einander: ach! was musz man bei solchen einander wiederstreitenden affecten nicht für grausame hertzensangst ausstehen! Wendt ein roman ohne roman (1730) 152; ich hatte, im sturm widerstreitender gedanken, leider verabsäumt, dem arzt ... einen wink zu geben Holtei erz. schr. (1861) 2, 59; Brion ... von widerstreitenden gefühlen hin und her geworfen H. Laube ges. schr. (1875) 3, 207; (ihn) nehmen widerstreitende empfindungen ... gefangen A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 357.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1321, Z. 1.

widerstreiten, n.

widerstreiten, n.,
von lebewesen (namentlich personen) und dingen in verschiedener weise als 'streit dagegen (auch mit worten), anfechtung, widerstand, widersetzlichkeit' gebraucht: daz sie (die märtyrer) von der werlte stricke got selbe hât erlœset, wan sie sich dâ vor gerne behuoten mit maniger grôzen arbeit unde mit manigem grôzen widerstrîten (13. jh.) Berthold v. Regensburg pred. 1, 30, 10 Pf.; widerstreiten (repugnare) ist gleich als ein súnd der zaubernusz (um 1475) erste dt. bibel 5, 65 Kurr., var. zu z. 56—58 (vgl. vngehorsam ist ein zeuberey sunde Luther); widersteen söllichem künfftigen widerstreiten (sc. irdischer anfechtung) Keisersberg granatapfel (1510) D 6ᵇ; Augustinus durch der ketzer widderstreytten yhe gelerter und besser wart (1521) Luther 8, 176 W.; heben an vnter jhnen die drey (stoffe in der luft) contrarieren also, dasz sich der nitrum (salpeter) auffbäumbt im sulphure. ... so offt er ein auffbleen thut, so erschütt er die massam in ein erdbidmen ... solch widerstreitten geschicht etlich mahl Paracelsus opera (1616) 2, 90ᴮ;
wie ein lämmlein sich dahin
läszt zur schlachtbanck leiten
vnd hat in dem frommen sinn
gar kein widerstreiten
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 337ᵃ;
wie kömmt es dann, dasz du in dir
bey der verrichtung böser thaten,
ein unablässig gegenrathen
und widerstreiten spürst
Triller poet. betracht. (1750) 1, 82;
alles widerstreitens ungeachtet geschah es dennoch Campe wb. 5 (1811) 703ᵇ;
geändert haben sich die zeiten
und die gemüter wurden kalt und hart,
doch kennen sie kein widerstreiten
gen meister (Ferdinand) Raimunds anmutsvolle art,
es schlägt sie sein naives schildern
noch heut wie jugendtraum in süszen bann
(1884) Anzengruber ges. w. (1890) 5, 315;
magst den tadel noch so fein,
noch so zart bereiten,
weckt er widerstreiten
M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 203. —
ohne widerstreiten (vgl. widerstreit 1 c), 'ohne weigerung, ohne widerspruch':
willeclichen so wil ich
ane widerstriten
der genade biten
Rudolf v. Ems Willehalm v. Orlens 3033 Junk;
gib dar dein hercz
willig an wider streyten
Hans Folz meisterlieder 8, 178 Mayer.
auch 'ohne dasz man dem widersprechen könnte, unbestreitbar, fraglos':
daz cluger vogel nie enwart.
edel, clug, hubsch und zart
waz er an wider striten
(um 1340) minneburg 5177 Pyritz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1326, Z. 7.

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„widerstreiten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerstreiten>.

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