Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widerton1, m.

¹widerton, m.,
name zahlreicher pflanzen, bes. polytrichum commune L., asplenium trichomanes L., drosera rotundifolia L., adiantum capillus veneris L. die bezeichnungen widertan (mhd., zufrühest wedertam 13. jh. ahd. gl. 3, 538, 39 St.-S., und noch mundartlich), widertat (seit dem 14. jh.; vgl. untertat für untertan teil 11, 3, sp. 1873) und die seit dem 15. jh. bezeugte volksetymologische umdeutung widertod erklären sich aus der verwendung der pflanzen im abwehr- und gegenzauber, vgl. dazu Adelung 5 (1786) 205, Campe 5 (1811) 703ᵇ; J. Grimm dt. mythol. 2, 1016, Weigand dt. wb. 2, 1157, Marzell in: hdwb. d. dt. abergl. 9, 559 und bes. ders.: d. widerton als zauberpflanze, in: zs. f. volkskde n. f. 3 (1931) 163—171. das seit dem 16. jh. stark aufkommende und seit dem 18. jh. häufiger als widertod bezeugte widerton ist wohl mundartliche variante zu widertan. gebucht vorwiegend für obd. maa.: widertod Unger-Khull steir. wortschatz 632ᵃ; widertod, -ton Fischer schwäb. 6, 799; widertod Martin-Lienhart elsäss. 2, 653ᵃ; widerton, wiederthan Müller-Fraureuth obersächs. 2, 663ᵃ; widertod, widerthon Frischbier pr. 2, 468.
1)
widerton (-tan, -tat, -tod) steht neben anderen volkstümlichen namen für
a)
adiantum capillus veneris L., frauenhaar, s. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 118 (hierher oder zum folg., vgl. ebda 491): capillus ueneris iuncfrowen har uel wedertam (13./14. jh.) ahd. gl. 3, 538, 39 St.-S.; widertan (14. jh.) ebda 527, 24; widertat (14. jh.) ebda 553, 27; capillus veneris widertot (15. jh. md.) Diefenbach gl. 97ᵃ; capillus veneris frawen har o. wider tat (15. jh. md.) ebda 639ᵃ; wiedertat, wiedertan oder frawenhar capillus ueneris voc. theut. (Nürnberg 1482) oo 4ᵇ; maurrauten ist im latin genant capillus veneris, daz ettliche zu teütsch nennen wydertan Petrus de Crescentiis von d. nutz d. ding (1518) 103ᵇ; adianthum, basicha, baticula, batis marina, harnkraut, widdertodt, jungfraw har, steynbrech Alberus dict. (1540) DD 4ᵃ; rother wiederthon, adianthum. diss wächset wi mooss an der erde Fleming vollk. teutscher jäger (1719) 8.
b)
asplenium trichomanes L., brauner milzfarn, s. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 490: widertodt, widerthun, abthun, rot steinbrech, steinfeder vnd steinfärlin: heisset griechisch trichomanes Wirsung artzneyb. (1588) reg.; trichomanes roter steinbrech, widertod, widerthun, abthun, steinfeder, steinfärlin Megiser pol. (1603) 2, 649ᵇ; widertot, trichomanes Calvisius (1666) 44; trichomanes oder widertod ist ein wasigtes stöcklein, ohngefähr einer spannen hoch Hohberg georg. cur. 3 (1715) 1, 415ᵃ; asplenium trichomanes L. aberthon ... wiederstosz, wiederthon, rother, wiedertod Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 367ᵃ.
c)
polytrichum commune L., haarmoos: güldin wyderdon Brunschwyg liber de arte dist. (1500) 120ᵃ; gulden widerthon Brunfels kreuterb. (1532) 243; trichomanes altera species capilli veneris widdertodt Cordus botanolog. (1534) N 5ᵃ; polytrichum jungfraw haar, widertodt Golius onomast. (1579) 392; unnd wie ichs zu anfang julij gesehen, haben sie schon beer getragen, wie erdbeer so grosz, an kleinen langen zaselen und stihlen wie polytrichon oder widerthon, so zart und schwach Roszlin Elsasz (1593) 109; polytrichon, herba trichomanes, steinbrech, wiederthon Corvinus fons lat. (1646) 156; widerthon, widertodt oder abthun, steinfeder, polytrichon trichomanes Marperger kaufmanns-magazin (1708) 1399; haarmoos, gemeines. polytrichum commune L. P. yuccae folium Ehrh. ..., wiederthon, güldener Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 141ᵇ; auf ihr (der zeichnung) sehen sie eine männliche blüte eines mooses, welches zur gattung der wiederthone, polytrichum, gehört Rossmässler d. mensch im spiegel d. natur (1853) 3, 58; als arznei- und zaubermittel stand das goldhaar, goldenes frauenhaar, widerthon (polytrichum commune) in grossem ansehen Fechner erkl. volksth. pflanzenn. (1871) 4.
d)
drosera rotundifolia L., sonnentau Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 2, 171 und hdwb. d. dt. abergl. 8, 74: edler widerthon, eine art sonnenthau mit runden blättern Campe 5 (1811) 703ᵇ; sonnenthau, wiederthan, edler, wiederthon Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 350ᵃ.
e)
botrychium lunaria Sw. mondraute: rechter widerthon, weiszer widerthon (1600) Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 633; widerthon, ein kraut, lunaria, thora salutifera, gall. taure, monkraut, abthon, widertod Frisch t.-lat. (1741) 2, 446ᵇ.
f)
bryonia alba L. weiszer widerton Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 690; weiszweinrebe, wiederthon, weiszer Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 350ᵇ.
g)
anthericum liliago L. grosze graslilie Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 327, und anthericum ramosum L. kleine graslilie ebda.
h)
filipendula hexapetala Gilib. widertod Fischart onomastica duo (1574) 313; Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 2, 438.
i)
thalictrum aquilegifolium von den einwohnern groszer wiederthan genannt Th. Haenke in: beobachtungen auf reis. nach d. Riesengebirge (1791) 140.
k)
saxifraga aizoides L. widrithat Jirasek Baiern (1806) 59.
2)
liter. belege ohne nähere botanische bestimmung. in der verwendung als zaubermittel:
etleich (leute) nemen das chraut widertat.
das selb sol sein für zauberei
Vintler pluemen d. tugent 8239 Zingerle;
das schön golt farb jungfraw hor darmit etlich zauberei treiben, nent man widderdot Bock kreutterb. (1539) 1, 157ᵃ; es haben die alte weiber vil fantasei mit disen kreüttern vnd sprechen also, das rot steynbrechlin mit den lynsen bletlin sol man nennen abthon, vnd das nacket jungfraw hor sol man nennen widderthon, dann mit disen kreüttern können sie bede sachen, nemlich abthon vnd widderthon jhrs gefallen ebda 158ᵇ;
viel wunders treiben hie die leut
mit diesem kräutlein allezeit,
den alten weibern wolbekandt:
drumb widerthon habens genannt
Rosbach paradeiszgärtlein (1588) 150;
dasz das viehe nicht mag bezaubert werden ... etliche nehmen beer-wurtzel und widerthon (1705) in: Germania 22, 261; was aber theils hartnäckige, alte abergläubische weiber ... mir vor einen ehrenkrantz zu lohne auffsetzen werden, fuͤrchte ich schon, dasz sie weder johanniskraut, ... widerthon noch gundermann ..., sondern vielmehr distelkoͤpffe, dornen vnd alte besen mit darein binden werden J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 1, (a) 5;
ehrenpreis und widertat
hab'n mich um mein' schatz gebra't
bayer. wochenschr. f. pflege v. heimat u. volkst. 6 (1928) 151.
als arzneimittel: mag man eine stirnkülung machen, ... von ... rotem steinprech oder widertod Sebiz feldbau (1579) 69; gehet aber der schaden auff, so pulverisire wiederthon J. Agricola chirurgia (1643) 664; der widertodt hat alle diese tugenden sonderlich wider den stein Hohberg georg. cur. 1 (1682) 537. zur erzeugung eines rauches für das anlocken von fasanen: nimm ... campfer, anis, wiederthon, weidenholtz, gedörrtes maltz, und rosz-kugeln Döbel neueröffn. jägerpractica (1754) 1, 139ᵇ; während bei der einen widerthon ... malz ... genügend erschienen, mussten bei einem andern weihrauch, fenchel angewendet werden Brehm tierl. 5, 585 P.-L.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1339, Z. 41.

widertan1, m.

¹widertan, m.,
s. ¹widerton.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1331, Z. 11.

widertan2, m.

²widertan, m.,
feind, gegner; nur vereinzelt: hat uns wolt hindern, dasz nicht allein unsere widertane in Behem ... sondern auch in Hungern etliche boͤse leute wider uns erweckende, gar schwerlich alle unsere sachen betruͤbet hat Eschenloer gesch. d. st. Breslau 2, 255; vgl. mhd. widertât: wie stets umb dich und deinen widertate Lorengel 141, 6 Steinmeyer.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1331, Z. 12.

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widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widertan“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widertan>.

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