Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widertreiben, wiedertreiben, vb.

wi(e)dertreiben, vb.,
zurücktreiben; verhindern, hintertreiben; widerlegen. ahd. widertrîban, mhd. widertrîben, mnd. wedderdriven, mnl. wederdriven Verwijs-Verdam 9, 1915. spätahd. bis frühnhd. in verschiedenen verwendungen bezeugt, zufrühest (11. jh.) im sinne 'zurückstoszen': vectibus cadit revulsis (uuidertribenon) cardo indissolubilis ahd. gl. 2, 488, 57 St.-S. und Williram s. u. in den wbb. vom 15. bis 18. jh. häufig gebucht: refellere widerdriben (15. jh.) Diefenbach gl. 489ᵇ (s. auch s. v. rebellare, repercutere, retorquere, retundere, reverberare); wider trijben repellere voc. incip. teut. (Speyer um 1485) oo 3ᵇ; rebellisare wider triben voc. pred. (1482) Y 6ᵃ; propulsare widerachten, widersprechen, widertreiben Schöpper synonyma (1550) g 4ᶜ; ablenen, verthedigen, widertreiben, hindertreiben Sattler phraseologey (1658) 78; wiedertreiben id est qvod hindertreiben Stieler stammb. (1691) 2322; kaum mundartlich; als veraltet (belege vom 13.—16. jh., 'mod. nur wieder treiben') bei Fischer schwäb. 6, 799.
1)
jemanden oder etwas zurücktreiben, zur umkehr zwingen: dîe aduersarias potestates muge (man) uuider trîban uone mînero burg Williram hohes lied 58, 18 Seemüller;
do er geructe sin swert
und den slac gegen im erbot,
do wider treib in michel not,
wand im der arm durre wart
passional 246ᵃ Köpke;
... her der Israhelen kint
vorvluchte, doch er nicht becleib,
wen in der engel wider treib
Heinrich v. Hesler apokalypse 2910 Helm;
wer auz des paums holz taveln macht und haeht die an diu häuser, die widertreibent die flammen von den häusern, ob ain feur auz kœm nâhent dâ pei Konrad v. Megenberg buch d. natur 328 Pf.; on alleyn du habst dann überig ritter oder volcks genuͦg, die den feindt enthalten und widertreiben Frontinus v. d. guͦten raͤthen (1532) 43ᵇ.
2)
hintertreiben, verhindern, zurückweisen.
a)
rechtssprachlich noch bis ende 16. jhs. gut bezeugt. eine rechtliche vereinbarung (das recht selbst) rückgängig machen, annullieren; jemanden hindern: den armen solt (man) geben riechtere und schirmer, die sie zu recht solten halten vor allen den, die yn gewalt deten, und solten sie irs unrechten wieddertriben und hinderwert stoszen Lancelot 1, 120 Kluge;
wo der richter das versait
und verczeucht durch geittichait,
das ist nicht fur recht czeschreiben;
es ist des rechts ein wider treiben
Heinrich d. Teichner 605, 56 Niewöhner;
damit wir oder iemand von unsern wegen disen staͤten kouf ummer widertriben, geirren, geschwechern oder bekrenken koͤnden (1457) württemb. geschichtsqu. 13, 222; (die bauern sollen geloben) yhre zins, guͤld, zehende ... zu thun und zu leysten, bis lang sie solchs alles ... mit recht widdertriben haben (1525) Luther 18, 338 W.; (die kinder) mügen ... das testament ... nit genzlich umbstossen oder widertreiben B. Walther privatrechtl. trakt. 171 Rintelen; (der könig) vermanet deszhalb graff Robert seines vorhabens, ein auszgesprochne sach zu widertreiben, abzuͦstehn Wurstisen Paulj Ämilij hist. (1572) 1, 460;
nun kompt rein in die cantzeley!
da wöl wir dise ding beschreiben,
das sie hinfürter ewig bleiben
vnd sie niemand mög wider treiben
(um 1600) Ayrer dramen 1, 640 lit. ver.;
(wie mit kauf u. verkauf) ist es auch mit den bestaͤndnuͤssen beschaffen, dasz derselbe um des willen, dass sie in ringern bestand-geld erlanget worden, keines weeges wiedertrieben werden können Hohberg georg. cur. 3 (1715) 1, 18ᵇ.
b)
in allgem. verwendung, bes. ein vorhaben, eine absicht verhindern, etwas abwehren oder zurückweisen, jemanden an etw. hindern: so duncket mich vil beszer, das ir uwers bösen willen werdent wieddertriben Lancelot 1, 31 Kluge; dez wil euer vorweser und euer pfleger kayne schult dar an haben. wan an allen sachen wyder treybt her mich und czayet mir gewalt czu (14. jh.) in: mitt. d. ver. f. gesch. d. Deutschen in Böhmen 40, 151; seid doch nie kein weib ward, die lieb vnd mynn gab vngebeten; wann jr weipliche scham das widertreibt J. Hartlieb buch Ovidij v. d. liebe (1482) 66ᵃ; er würt auch geistlichen dingen feind vnd widertrybet dieselben, das heisset (malicia) boszheit Keisersberg brösamlin (1517) 53ᵇ; der ... götter fürnemen, willen vnnd beschluss würde schwerlich widertriben vnnd geendert Schaidenreiszer Odyssea (1537) 10ᵇ; und kamen von dannen nit bis der rat abgieng, auf das wann sich etwas zutruͤg, si bevartet soͤlchs zu widertreiben verhanden weren Kilian res publica Venetum (1557) K 1ᵇ.
3)
geschriebenes oder gesprochenes als falsch erweisen; seltener als synonymes und seit dem 17. jh. allein herrschendes widerlegen; gegenüber diesem verbindet sich mit widertreiben stärker die vorstellung schroffen zurückweisens:
(falsche zeugen über Stephanus:)
er hat gesprochen ouch alsus
mit bosen dutungen
an siner valschen zungen,
swaz Moyses uns hat geschriben,
daz sule werden widertriben
von Jesu unde gar verkart
passional 38ᵇ Köpke;
doch ettliche red wil ich widertreiben mit synnen vnnd vernunfft J. Hartlieb buch Ovidij v. d. liebe (1482) 19ᵃ;
wer kan nun die wort widertriben?
sie werdend ewig war bliben
N. Manuel 191 Bächtold;
doch wil ich dir das heymlich schreiben,
ob du das alls möchst wider-treiben
(1559) Hans Sachs 16, 76 lit. ver.;
du hast verstanden kurtz vnd rund,
der Griechen meinung in den grund.
darbey lasz ich es auch beleiben,
kan jhre wort nicht widertreiben
Spreng Ilias (1610) 91ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1344, Z. 6.

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Zitationshilfe
„widertreiben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widertreiben>.

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