Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widervereinigung, wiedervereinigung, f.

wi(e)dervereinigung, f.,
abstraktbildung zu wiedervereinigen; seit dem 17. jh., häufiger erst seit der 2. hälfte des 18. jhs. bezeugt; gebuch von Stieler in dem literarisch kaum (vielleicht Anton U. v. Braunschweig s. u.) belegten sinne 'erneute verständigung': wiedervereinbarung idem qvod wiedervereinigung reconciliatio stammb. (1691) 370; (nicht bei Kramer und Adelung) reunion wiedervereinigung Spanutius dt. lex. (1720) 419; reunion wiedervereinigung Kinderling reinigk. d. dt. sprache (1795) 327; reunion die wiedervereinigung Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 368; Campe 5 (1811) 712ᵇ.
1)
wiederherstellung einer staatlichen und völkischen einheit: die wieder-vereinigung des Arsacischen hauses verlangen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 5, 366; die wiedervereinigung von ganz Savoyen mit dem sardinischen staate (1816) Gentz schr. 2, 407 Schlesier; das reich zerfiel in drei gleiche antheile, nicht ohne hoffnung der wiedervereinigung Eichhorn dt. staats- u. rechtsgesch. (³1821) 1, 327; die wiedervereinigung des deutschen volks Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 495; nach wiedervereinigung der hessischen lande Schwappach forstgesch. (1886) 2, 545 anm. 22; auf dem weg zur friedlichen wiedervereinigung Deutschlands neues Deutschland (8. 1. 1959) 3.
2)
zusammenschlusz der verschiedenen zweige einer ursprünglich einheitlichen glaubens- und religionsgemeinschaft: (bücher,) die auf die wiedervereinigung der christlichen religion dringen Lessing 5, 348 L.-M.; das einzige rettungsmittel für diesen staat (Frankreich) schien eine wiedervereinigung beider kirchen zu seyn Schiller 7, 152 G.; (er) liebte es, von einer wiedervereinigung der getrennten glieder der gesammten kirche zu sprechen Ranke s. w. 15 (1875) 258.
3)
wiederherstellung menschlicher gemeinschaft: möchtest du dich so innig auf unsre wiedervereinigung freuen als ich (an Ferdinand Huber 1785) Schiller br. 1, 271 Jonas; und vom augenblik der wiedervereinigung mit meiner familie begann eine gewisse ruhe und stille meines herzens Schubart leben 2 (1793) 71; die zwei ziehgeschwister weinten bei diesem glückverheissenden abschiede so sehr, als ob er ... lange nicht, oder vielleicht nie mehr eine wiedervereinigung hoffen liesse Stifter s. w. 3 (1911) 394. bes. von braut- und eheleuten: arien, die die wiedervereinigung zweyer liebenden zum inhalt hatten Miller Siegwart (1777) 3, 729; Oberon und Titania ... gestehen wie sie ihre wiedervereinigung diesem schönen tage verdanken (1818) Göthe I 16, 237 W.; die wiedervereinigung Noltens mit der braut Mörike schr. 3, 145 Göschen; er wollte nicht, dass die frau am ersten morgen der wiedervereinigung in thränen am herde stehen sollte G. Keller ges. w. (1889) 8, 53; die wiedervereinigung mit Bärbe A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 283.
4)
in religiöser vorstellung das wiederfinden und vereinigtsein (im tode oder nach dem tode) mit gott oder mit nahestehenden menschen: das, was zu dem ende geschahe, heiszt, wiefern die möglichkeit der wiedervereinigung mit gott dadurch erlangt wird, ohne unterschied bald die versöhnung, bald die heiligung Crusius kurzer begriff d. moraltheol. 1 (1772) 699; seine seele erglühte, ... wenn er ihm von der wiedervereinigung in jenem leben sprach Klinger w. 4 (1815) 46; wer auf wiedervereinigung mit ihm (gott) hofft, der muss ohne zweifel etwas von der göttlichen realität in sich haben Herbart w. 3, 280 Hart.; (das haus) worin ich ... anitz als alter mann noch lebe und der wiedervereinigung mit den vorangegangenen lieben in demuth entgegenharre Storm s. w. (1900) 3, 262; (der sterbenskranke) beharrte verzweifelt auf seinem recht zum ewigen leben und zur wiedervereinigung mit eltern und geschwistern Carossa führung u. geleit (1933) 32.
5)
in der chemie verbindung getrennter stoffe: (die versuche) betreffen die ... wiedervereinigung der bestandtheile des wassers allg. dt. bibl. (1765) 103, 156; zerlegung und wiedervereinigung des wassers Sprengel chemie f. landwirthe (1831) 1, 191; (der niederschlag) nur entstanden war durch wiedervereinigung der theilchen Muspratt chemie 8 (1905) 1285. elektromagnetisch: die heftigkeit, mit welcher die pole der elektricität zur wiedervereinigung streben Schopenhauer w. 1, 172 Gr.
6)
auf abstraktes bezogen: ist aber einmal die trennung geschehen, ist jahrhunderte durch jede kunst auf ihrem einsamen gange fortgeschritten ..., so ist die wiedervereinigung schwer und auf einmal unmöglich (1783) Herder 12, 178 S.; verfolgt wurden daher solche männer, die an eine wiedervereinigung des getrennten (geist u. körper, seele u. leib, gott u. welt) dachten (1810) Göthe II 3, 314 W.; und so wären wir denn durch ... trennung und wiedervereinigung entgegengesetzter eigenschaften im feuer auf die höchste synthesis gekommen Schelling w. (1856) I 2, 561; die materiale wertethik ist die geschichtliche wiedervereinigung des der sache nach von anbeginn zusammengehörigen Nic. Hartmann ethik (²1935) vi.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1355, Z. 36.

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Zitationshilfe
„widervereinigung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widervereinigung>.

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