Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerwärtigkeit, f.

widerwärtigkeit, f.,
adjektivabstraktum zu widerwärtig, seit dem mhd. (widerwerticheit, -warticheit) bezeugt, löst ahd. widarwartigî, f. 'contrarietas, adversa' (vgl. Graff ahd. sprachschatz 1, 1007) ab. mnl. wederwerdicheit, ndl. wederwaardigheid, mnd. wedderwerdicheit; ins nordische entlehnt: dän. vider-, vedervaerdighet, schwed. vedervärdighet.
1)
von einem subjektiven, feindlichen gegensatz.
a)
'streitigkeit, zwist':
daz nezze vihtet wider trücken,
dâ geschicht dem eime gelücke,
wan swelher dâ sterker ist,
der ander wîchet zuo der vrist
...
der strît wirt alle tage getân (unterhalb des mondes).
ob dem mân ist stætekeit,
dâ ist niht widerwertikeit
Thomasin v. Zirclaria d. wälsche gast 2422 Rückert;
der eyde ist ein ende zuͦ der vestenkeit aller irer (der leute) widerwertigkeit (controversiae) erste dt. bibel 2, 253 lit. ver.; tzwytracht und allerley widerwerttickeyt (1522) Luther 10, 2, 165 W.; daruss (aus einer bischofswahl) entstand ain grosse widerwertigkait Zimmer. chron. ²1, 47 Barack; man des glaubens halber keine widerwärtigkeit vernimt (zwischen Lutheranern und Calvinisten) Olearius persian. reisebeschr. (1696) 167ᵇ; stürme öffentlicher streitigkeiten und widerwärtigkeiten Göthe I 22, 325 W.; erst widerwärtigkeit und zwist, darauf ein entschiedener bruch (zwischen Flavio und der schönen witwe in den 'wanderjahren') ebda 24, 337; der kaiser erklärte ..., er werde die ungehorsamen ... in ihren widerwärtigkeiten nicht vertheidigen Ranke s. w. (1867) 1, 59.
b)
'gegnerisches, feindseliges verhalten jemandem gegenüber':
an dirre zît wart hin geleit
des tiuvels widerwertekeit
der gotes opfer swachte
und im ze smâcheit machte
Konrad v. Würzburg Silvester 4482 Gereke;
so het er (gott) alle dinge gesat in widerwertekeit wider den menschen Tauler pred. 18, 19 Vetter; du hǎst enpfunden des gelückes laidsamen fale vnd des boshait vnd widerwertikait (1478) Niclas v. Wyle translat. 104 Keller; kein vffhorens an dir ist, mir und meinen gutten freunden vnd gündern widerwirtikeit zw erzeygen, sonder du deines uncristlichen hasz vnd das deuffelisch gifft ... teglich je mer vnd meher scherffest (1522) Hutten opera 2, 116 Böcking; darneben ward dess Crannij widerwertigkeit vnd vngehorsame so grosz vnd mit so vil vndanckbaren thaaten verhasset Stumpf Schweizerchron. (1606) 207ᵇ; widerwärtigkeiten gegen die regierungen (1830) Göthe IV 47, 260 W.; hundertmal war sie in der eigenen galle vor ihm erstickt: alle gehässige widerwärtigkeit Kolbenheyer Paracelsus (1922) 2, 450. feindseligkeit, zorn als heilmittel:
daz man an widerwarticheit
sumelicher suchte buzen sal
(ende d. 13. jhs.) d. alte passional 273, 63 Hahn; vgl. 273, 12—20; 274, 16—19.
c)
'halsstarrigkeit, widersetzlichkeit': das aber alles die egenanten munttater nicht haben tun wollen. dorümb wir sy fur unser künglich maiestat durch dieselben doctores laden liessen, ... sich von sulcher wideruertikeit wegen zu verantwurten (1431) chron. d. st. Bamberg 1, 68 Chroust; frawe, wie wol dein widerbertikeit (rittrosia) gen mir so grosz gewesen ist, das ich nye guten tag mit dir habe mügen haben (sagt der ehemann) Arigo decameron 573, 33 Keller; ob nun wohl der kirchen halben auf vnser oberambts auszschreiben güttliche tractation albereit gepflogen, aber wegen des abts wiederwärtigkeit nichts verrichtet worden (1620) acta publica 3, 80 Palm; Cotys hielt diese widerwertigkeit (eines jungen mannes, der sich weigert zu heiraten) lange für einen wahn Lohenstein Arminius (1689) 2, 41ᵃ.
2)
'natürliche abneigung oder feindschaft, antipathie'; antipathia widerwertigkeit zweyer naturen oder complexionen so wider einander sind Frisius dict. (1556) 102ᵃ; antipathia ... ein natürliche widerwertigkeit Calepinus XI ling. (1605) 98ᵃ; antipathia ... widerwärtigkeit gegen ein ding Blancard lex. medic. (1748) 66: die wiederwertigkeit des lewens vnd des hasens, die nicht zusammen gehören, noch einig sein können, denn eines frisset das andere auf Mathesius Jesus Syrach (1586) 83ᵃ; beyde die haselstaud vnd die frucht haben dermassen eyne angeborene widerwertigkeyt mit den gifftigen thieren, dasz wo man eyn büschlin von haselstauden im hause auffhenck, soll weder scorpion noch sonst andere gifftige thier darein kommen Sebiz feldbau (1580) 347; aber so hat die liebe ihren ursprung vom verhängnüsse, welches ... denen seelen ... gewisse zu- oder abneigungen einflösset: dasz sie entweder durch einen geheimen zug wie eisen und magnet einander lieben oder vermöge einer gewissen widerwärtigkeit wie wolff und schaff einander hassen müsten Lohenstein Arminius (1689) 2, 1106ᵇ; (überschrift:) von widerwärtigkeit und liebe, so etliche gewächse gegen einander tragen und solches aus natürlichen ursachen Hohberg georg. cur. 3, 1 (1715) 536; die mäuse, wo sich eine uncke aufhält, der natürlichen widerwärtigkeit halber nicht bleiben allg. haush.-lex. (1749) 3, 605.
3)
gegensätzlichkeit, widerspruch, mangelnde übereinstimmung; contrarietas widerwertickeit (1470) Diefenbach ml.-hd.-böhm. wb. 78; antinomia widerwertigkeit vnd stosz zweyer gesatzten Frisius dict. (1556) 102ᵃ; repvgnantia ... vngleichheit, wiederwertigkeit Faber thes. (1587) 660ᵇ; wiederwärtigkeit contrarietas Stieler stammb. (1691) 2516: das were not (nötig) zu leren, das weil Christüs ym hÿmel ist, so konne sein leib nicht ym abendmal sein, diese widder wertickeit solten sie (Zwingli und andere) beweisen, so wolten wir darnach selbs wol wissen, das diese sprüche widder vnsern verstand weren (1528) Luther 26, 300 W.; wöllen wir aber ansehen der gelerten meinung von dem anfang aller ding, hilff got wie ist daselbst so ein grosse widerwertigkeit J. Brenz pred. Salomo (1528) 6ᵃ; weib, mann, jungfrawen, gesellen, eines macht kinder, das ander gebierts, eines gibt, das ander empfängt. diese widerwertigkeit, so sie in dieser harmoney bestehet, zerstöret nichts, sondern erhält alles Lehmann floril. polit. (1662) 2, 912; man ... berede einen ... musikverständigen einmal ..., die gleichförmigkeit oder widerwärtigkeit der tone hätte nur die einbildung zur mutter Gottsched crit. dichtkunst (1751) 132; so ist ferner höchst merkwürdig, was an farbigen bildern auf hellem, dunklem oder farbigem grunde beobachtet wird. hier entsteht ein zusammentritt der farbe des nebenbildes mit der realen farbe des hauptbildes, und es erscheint daher eine zusammengesetzte, entweder durch übereinstimmung begünstigte oder durch widerwärtigkeit verkümmerte farbe (1808) Göthe II 1, 98 W. von personen, in widerwärtigkeit stehen mit etw.: die jahre meines lebens, die ich, der naturwissenschaft ergeben, einsam zubringen muszte, weil ich mit dem augenblick in widerwärtigkeit stand, kommen mir nun hochlich zu gute, da ich mich jetzt mit der gegenwart in einstimmung fühle (1818) Göthe IV 29, 99 W. insbes. nichtübereinstimmung mit dem rechtmäszigen, 'ungehörigkeit': die viechtrift die von Liechtenwart hinausz geht, an das holz, davon soll man den bemelten herrn von Liechtenstain jährlichen dienen ain marderne kürschen. und wan darin widerwertigkeit ist, das soll man verpieszen unsern gnedigen herrn von Liechtenstain (1523) österr. weist. 11, 214. von personen, 'untugend, verderbtheit':
(Jesus war) ǎne aukunst, ǎne loshait,
ǎne alle widerwærtekait
mit aller tugende güte
(14. jh.) schweizer Wernher Marienleben 5690 Päpke-Hübner;
wer den part abscher, der thue es in übermut und in hoffart, wann er zir sich gegen der welt und domit versmach er das geschepff gottes; ... das thun die cristen und dynen iren frauen domitt und ist ein grosse widerwärtigkaitt an den cristen, das sie die gestalt vercheren, da sie gott inn beschaffen hat (15. jh.) Schiltberger reisebuch 91 lit. ver.; wenn anbei wirklicher krieg, schlachten und blutvergieszen mit unterlaufen (in glaubenssachen, wo nur mit geistigen waffen gekämpft werden sollte), so geschieht das durch die widerwärtigkeit der menschen, aus den folgen ihres verderbens und ihrer abscheulichen plane, die sie sich immer nach der drachenpolitik entwerfen und auszuführen suchen Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 357.
4)
'gegenteil':
die torhait ist ain widerwärtichait
der weishait
Hans Vintler pluemen d. tugent 2760 Zingerle;
gratitudo, das ist dankung, ... besunder zeloben vnd ir widerwertigkeit (il contrario) zescheltenn sey Arigo decameron 2 Keller; ist aber die entrichtigung (der wunde, discrasia) drucken oder feücht, so werd das gestrafft durch sein widerwertigkeit H. Braunschweig chirurgia (1539) 35ᵇ.
5)
meist in der noch heute üblichen bedeutung 'was jemandem entgegensteht, unglück, miszgeschick, was leid und verdrusz hervorruft' (wobei subjektiver sinn 'miszbehagen, leid, kummer', vgl. 7, mitgemeint sein kann). widerwärtigkeit steht in älterer sprache gern neben synonymen und begegnet seit dem 18. jh. überwiegend im plural; casus aduersi vnglück, vnfäl, widerwertigkeit Frisius dict. (1556) 43ᵃ; l'adversité, accident fâcheux, infortune Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1045ᵃ: iu schadet widerwertikeit niht, ob iu die sünde niht an gesigent (13. jh.) Berthold v. Regensburg 2, 202, 13 Strobl; swaz er (gott) lîdens unde widerwertikeit über in verhenget meister Eckhart in: dt. mystiker d. 14. jhs. 2, 342 Pfeiffer; o die totliche menscheit ist stete ... in kumer vnd in mancherlei widerwertigkeit und ie mer ein man irdisches gutes hat, ie mer im widerwertikeit begegent ackermann aus Böhmen 82 Bernt-Burdach; Job hat gesündet, vnd ist doch vast redlich gesein in allen seinen anfechtungen vnd widerwertikeiten Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 113 ndr.; aber vierhundertt jhar werden sie in trubszall und widerwertigkeit sein, und werden ubel gehandelt werden (die Juden) Luther 14, 244 W.;
darmit er (Christus) uns stercket und tröst
in creutz und widerwertigkeit
(1558) Hans Sachs 6, 243 lit. ver.;
erfillet bin ich zwar mit pein und bitterkeit
mich aber füllet nicht die widerwertigkeit
mit murren oder widerwillen
(1648) Weckherlin ged. 2, 127 lit. ver.;
wir sollen die trübsal und widerwärtigkeit dieser welt mit ... gedult ertragen Abr. a s. Clara etwas f. alle (1699) 2, 258; ungeachtet so vieler widerwärtigkeiten, die sich vereinigten, seinen (Agathons) muth niederzuschlagen Wieland Agathon (1766) 1, 4; jetzt kommen die widerwärtigkeiten, die er erduldet (Anno von Köln im 'Annolied') (1793) Herder 16, 208 S.; man sagt daher ganz richtig, dasz die ächte moralität sich nur in der schule der widerwärtigkeit bewähre, und eine anhaltende glückseligkeit leicht eine klippe der tugend werde (1795) Schiller 10, 413 G.; in allen widerwärtigkeiten des lebens habe (ich) in den mancherlei eszwaaren von jeher einen zuverlässigen trost angetroffen (1798) Tieck schr. (1828) 9, 291; ich ... muszte bei mancherlei widerwärtigkeiten, die ich mir und andern ... zugezogen hatte, von wohlwollenden die bemerkung hören, dasz es mir an erfahrung fehle (1812) Göthe I 27, 145 W.; verdrieszlichkeit über die täglichen widerwärtigkeiten Schopenhauer w. 1, 508 Gr.; manche insel stehe unter der geheimen herrschaft ganz besonderer hexen, und dem bösen willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden schiffen allerlei widerwärtigkeiten begegnen (1826) H. Heine s. w. 3, 100 E.; wie es (das heimweh) im innern herumtötete, zeigte sich bald an allerlei körperlichen und geistigen widerwärtigkeiten, vor allem an gewissen unwillkürlichen gesichtszuckungen, die meinen mitschülern eine zeit lang viel vergnügen bereiteten Carossa eine kindheit (1947) 165. im medizinischen sprachgebrauch: überflusz vnd zuͦzuck, es sey von kalter oder hitziger feüchtigkait, da von entspringen manig widerwertigkait von geschwulst oder apostemen H. Braunschweig chirurgia (1539) 12ᵃ; schmertzen, geschwulst, widerwertigkait, febres, gerindt, krampff, paralisis vnd omacht ebda 35ᵃ. von personen:
sy baide (menschenfressende riesen) by den tagen
waren ain widerwerttekaitt
gottes creatüre so man saitt
(14. jh.) Göttweiger Trojanerkrieg 6829 Koppitz.
6)
in neuerer sprache 'was das gefühl abstöszt, was unbehagen hervorruft'. vereinzelt ganz konkret, synonym mit unflat: da sie hingegen von solchen unnützen bestien (nicht stubenreine tiere) ... unflat und widerwertigkeit aufflesen (1673) Chr. Weise erznarren 168 ndr. — da (weil i. d. orient. poesie ein bild aufs andre folgt) sich denn unsre kühlere phantasie bald an der widerwärtigkeit, bald am übermaas der bilder stöszt (1792) Herder 16, 19 S.; gewann er (ein knabe) bei aller häszlichkeit, aller widerwärtigkeit seines äuszern ... unser aller vertrauen Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 387; dasz dieses kindes schönheit sich neben ihr glänzend entfalten werde, nur um ihre eigene miszgestalt und widerwärtigkeit desto greller zu beleuchten Holtei erz. schr. (1861) 6, 89; sie musterte Tubal mit jenem blicke, ... in dem, je nachdem, der reiz und die widerwärtigkeit frau Griepens lag Fontane ges. w. (1905) I 1, 240.
7)
im anschlusz an 5 von der empfindung des menschen, dem miszgeschick widerfährt, der in ungünstiger lage ist, 'verdrusz, kummer'; odium widerwertigkeit, verdrusz, vnlust, überlast, vnmuͦt Frisius dict. (1556) 909ᵃ; ambascia, noia, tormento angst, bekümmernusz, widerwertigkeit, truͦbsal Hulsius dict. (1618) 2, 23ᵇ:
sines kindes kele er abe sneit
mit grozer widerwertikeit
und mit jamerhaftem muot
(14. jh.) Kistener Jakobsbrüder 966 Euling;
(mein vater) der in groszer widerwertikeit war, wie er morgen so ein grosze zal leuthen, so geladen waren, spysen und tractieren wolt F. Platter tageb. 316 Boos. im anschlusz an 6 von der empfindung dessen, der durch etw. unangenehm berührt ist, 'miszbehagen, widerwillen': der miszton, die widerwärtige erscheinung, die wir häszlich nennen, wirkt auch in meinem nervengebäude miszton, widerwärtigkeit (1769) Herder 3, 179 S.; der junge Rheinländer gereichte mir wegen seiner ansichten zu unausstehlicher widerwärtigkeit, dagegen gefiel er meiner mutter recht wohl R. Huch Ludolf Ursleu (1908) 84. ferner wohl von einer länger andauernden gemütsverfassung: vornemlich junger mensch, hüte dich für bitterkeit und widerwärtigkeit des gemüths (1775) Klinger Otto 57 ndr.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1373, Z. 68.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widerwärtigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerw%C3%A4rtigkeit>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)