Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

widerwille, m.

widerwille, m.,
'widerwärtigkeit; verdrusz; uneinigkeit; widersetzlichkeit; abneigung, abscheu'. mhd. widerwille, mnl. wederwille, ndl. weerwil, mnd. wedderwille, schwed. vedervilja. im dt. ist das wort seit der zeit um 1300 nachzuweisen (s. unter 1). eigentlich ist widerwille ein singularetantum; doch kann gelegentlich auch ein plural gebildet werden: etliche widerwillen vnnd zwispalt Mathesius Martin Luther (1576) 173ᵇ; tausend widerwillen König ged. (1745) 586; die vielen ... widerwillen unterhaltungen am häusl. herd, n. f. 1 (1856) 329 Gutzkow.
1)
zufrühest im sinne von 'ungemach, unannehmlichkeit, widerwärtigkeit': was vyl na der stat wederwille unde grot moycheit untstan (um 1300) Lübecker chron. in nd. spr. (1829) 1, 422 Grautoff; yn dem wederwillen geduldigk unde senftmutigk J. Rothe düring. chron. 308 Liliencron; vele hebben Jhesum leff, de wile se nicht roret wedderwylle (adversa) (mnd., 15. jh.) imitatio Christi 15, 21 Hagen; nachdem die burger sich ouch beklagten, das inen vom slosz, so der furst daselbst hette, viel widderwillens geschehge Kantzow chron. v. Pommern 155 Gaebel; er möcht ... nit allain seins tails zuͤ unwiderbringlichem schaden und verderben geraichen, sonder seine gleubiger zu widerwillen und nachtail bringen (Augsburg 1562) städtechron. 33, 161 anm.; davon Adam und uns allen ein solch geschwuler und tölpischer leib wird in krankheit und stetem widerwillen J. Böhme s. w.3, 368 Schiebler;
wolan, du bist erhört! dein wiederwill und leyden
ist, wehrte seele, noch zuletzt von gott erkant,
er hat in seeligheit dein elend umbgewandt,
und deine qual vertauscht mit rhue und süssen freuden
(1641) Simon Dach 155 Österley.
2)
'unmut, verdrusz, ärger, miszfallen': do starf he van wedderwillen (hs. d. 15. jhs.) bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 641ᵃ; (hat er das) zuͦ grosem widerwillen auffgenomen (Augsburg) städtechron. 23, 144 var.; aus verdruss und wiederwillen Prätorius philos. colus (1662) 2; den ersten widerwillen ... unterdrücken, den eine widerlegte lieblingsmeynung natürlicher weise erregt Lessing 2, 56 L.-M.;
aber der vater stand mit widerwillen dagegen,
auf die weinende schauend, und sprach die verdrieszlichen worte
Göthe I 50, 263 W.;
'stehn sie auf', sagte Beate leise, aber das geschulte zofenohr hörte aus diesen worten doch strenge und widerwillen heraus Keyserling Beate u. Mareile (1903) 66. wie unmut und ärger, so kann auch widerwille mit über konstruiert werden:
und dennoch zeigest du hierüber widerwillen.
du schiltst, da man dich lobt, da man dich freundlich grüszt
Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 102.
als anlasz zum unmut und miszfallen:
dat was dem orse wederwille,
dat he (der esel) dar nicht ne redede weder
(1. jahrzehnt d. 15. jhs.) Gerhard v. Minden 59, 28 Seelmann;
ist es der welt ein dienst wann man jhr folgt, ... gott dem herrn ist es ein widerwill Albertinus zeitkürtzer (1603) 90.
3)
'feindliche gesinnung, groll, hasz': wellin wir allin wedirwillen und ungunst weder alle dy ... abstellen ... und keynir personen nymmer in arg und ungnad ... gedencken (1488) lehns- u. besitzurk. Schlesiens (1881) 1, 460; dasz er, Canisius, ainen widerwillen wider Christum und seine christen hab (Augsburg 1561) städtechron. 33, 124 anm.; was wiederwillen vnd feindschafft ihre eigne mit-eidgenossen lange jahr hero gegen ihnen getragen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 199;
o dasz in meinem busen nicht zuletzt
ein widerwille keime! der titanen
der alten götter tiefer hasz auf euch,
Olympier, nicht auch die zarte brust
mit geierklauen fasse!
Göthe I 10, 74 W.;
(Varro) vermochte seinen widerwillen gegen Knops und Trebon nicht zu zähmen. früher hatte er die beiden zu sehr verachtet, um sie zu hassen. jetzt ... wuchs in ihm eine immer grimmigere feindseligkeit Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 331.
4)
'uneinigkeit, unfriede, zwist, streit' (s. Mathesius oben sp. 1390): ycheynne zcweytracht adir krig adir wedirwillen vnder den burgern (1470 abgeschlossen) d. gesetzsammlungen d. st. Nordhausen 66 Förstemann; (dasz) derselb scisma oder widerwill ob zweihundert jaren zwischen inen gewert (1507) Wilwolt v. Schaumburg 166 lit. ver.; als Hainrich von Rechberg ... in etwas widerwillen und missverstande stuende mit seinem schwager Zimmer. chron. ²2, 126 Barack; in Italien soll sich ein widerwillen zwischen etlichen cardinälen ereignet haben Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 105; da denn bey zuschleichender trunckenheit ... eine miszhelligkeit, widerwillen und allerhand schlägereyen entstehen Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 328; die Allemannen führten mit Chlodwig dem Franken einen krieg über strittige gränzen. ... widerwille zwischen ihnen (den Alemannen) und Franken ist in der geschichte aller jahrhunderte kenntlich J. v. Müller s. w. (1810) 2, 24. auch ein verhältnis im sachlich-dinglichen bereich, wie beispielsweise: sich auch solche unlust in allen kreaturen findet, dasz sich alles beiszet, schläget, stöszet, quetschet und feindet, und also ein widerwille in allen kreaturen ist, und also ein jeglicher körper mit ihm selbst uneins ist (1619) J. Böhme s. w. 3, 5 Schiebler.
5)
'widerstreben, widersetzlichkeit, auflehnung': also hab ich yn widerwillen meyner angenomenen geystlickeyt gestanden (1524) bericht d. nonne Florentina, bei: Luther 15, 90 W.; 1533 heft sick en wedderwille erhaven twischen den sulteknechten, also dat se nicht wolden liden ... (Lüneburg) städtechron. 36, 470;
Senec: der herscher grimm wird mehr durch wiederwilln erregt.
(anm.: contumaciâ inferiorum lenitatem imperitantis deminui, Tac.)
Natal.: die bürde wird gehäufft dem, der sie willig trägt
Lohenstein röm. trauersp. 176 lit. ver.;
es ist ein gemeiner irrthum, dass der widerwille eines frauenzimmers durch beständigkeit zu besiegen stehe Bode Thomas Jones (1780) 6, 182; er schüttete die ganze ladung, nicht ohne widerwillen der schönen und seines weibes ... in den flusz Göthe I 18, 261 W.; so groszen antheil nahm man bereits in der nation an seiner (Luthers) sache; so lebhaft war der widerwille, der sich überhaupt der wirksamkeit des römischen hofes entgegenstellte Ranke s. w. (1867) 1, 272; widerwillen, sein kleines mädchen ... jetzt schon hergeben zu sollen Ina Seidel d. unverwesl. erbe (1954) 242. mundartlich: 'wedderwill ... auch schelte für einen widerspenstigen' Mensing schlesw.-holst. 5, 564. — oft mit widerwillen, z. b.: mit widderwillen ym (gott) dienen (1525) Luther 18, 504 W.; (die schwimmkunst) wurde, jedoch mit einigem widerwillen des prinzen, erlernt Göthe I 7, 226 W. auch mit widerwillen einer anderen als der handelnden person, d. h. gegen deren willen: wie viel ich deyner kinder gesamlet habe, das habe ich than mit deynem (d. jüd. volkes) widderwillen (1522) Luther 10, 1, 1, 278 W.; (ein streit ist durch) einen französischen jesuiten, mit widerwillen der französischen bischöfe, aufs heftigste wieder erneuert worden v. Einem Mosheims vollst. kirchengesch. 5 (1773) 426; von meinem groszvater hatte ich ein freibillet erhalten, dessen ich mich, mit widerwillen meines vaters, unter dem beistand meiner mutter, täglich bediente Göthe I 26, 142 W.
6)
heute hauptsächlich 'unangenehme empfindung, abneigung, abscheu'. das mhd. kennt diese verwendung noch nicht; bei Luther bahnt sie sich an: eyn widder willen ertzeygen ym hertzen auff die menschen lere und eyn begird zu gottis worttenn (1521) 8, 186 W. seit dem 18. jh. festigt sie sich: dasz ein ehrliches gemüthe, welches solche lästerungen gezwungen anhören musz, den ärgsten wiederwillen empfindet vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 45 G.; warum dinge, die wir in der natur mit widerwillen erblicken, auch in der getreuesten abbildung vergnügen gewähren Lessing 9, 144 L.-M.; dächte man sie (d. röm. einrichtungen) sich so in der wirklichkeit, so seelenlos, so ausdruckslos, so todt: gewisz, unser widerwille wäre völlig begründet Jhering geist d. röm. rechts (1852) 2, 1, 145; (es) gehörte ... ein ausgesuchtes raffinement im genusz des hörens (von kastraten) dazu, um den natürlichen und sittlichen widerwillen zu überwinden O. Jahn Mozart (1856) 1, 256; angewiesen einer auf den zum überdrusz, ja, bis zum widerwillen wohlbekannten anderen Ina Seidel d. labyrinth (1922) 127; den widerwillen, der sich offen und jäh in ihm (dem gesicht) spiegelte El. Langgässer märk. Argonautenfahrt (1950) 137. bes. erwähnt sei die wiederholt begegnende paarformel ekel und widerwille (oder umgekehrt): die ergetzligkeit ... in grossen widerwillen vnd eckel verwandelt wurde Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 103; s. auch unten Lavater. ekel als das stärkere: denn 'an jungen und kräftigern gemütern' ... war sichtbar 'innerer widerwille, ja ekel, vor aller bisherigen faden aufklärerei' bei J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 361. so auch bei Adelung, dem widerwille 'mehr ist, als abneigung, und weniger, als abscheu und ekel', wb. (1793) 4, 1526; ebenso bei Campe wb. 5 (1811) 704ᵃ. andererseits hebt Stosch gleichbed. wörter 2 (1772) 432 einen qualitativen unterschied hervor: 'der widerwille ... rühret mehr das gemüth, der ekel mehr die äusserlichen sinnen'; doch s. ekel, m. 2, teil 3, sp. 395 und die belege unter 7. gern wird das objekt durch gegen angeknüpft; das erste glied von widerwille erhält auf diese weise besonderen nachdruck: wenn sie meinen widerwillen gegen das recitativ im singgedicht mit der tändelhaften abneigung einiger dilettanti verwechselten Gerstenberg schlesw. lit.-br. 343 lit.-denkm.; zeigte sich ihre (der drosselrohrsänger) grosse vorliebe für das rohr ... und ihr widerwille gegen andre wasserpflanzen Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 2, 2, 603; männlichen widerwillen gegen alles kleinliche und unklare Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 197; unser widerwille gegen die affen Brehm tierl. 1, 35 P.-L.; von diesem tag an war in ihr kein widerwille mehr gegen ihn Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 171. wie bei abneigung, abscheu, ekel kann auch bei widerwille das objekt mit der präp. vor angeknüpft werden: ekel und widerwillen vor allem schlechten und unvollkommenen Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 42; widerwillen vor allem fleischlichen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 142; s. ob. Voss. auch bisweilen widerwille an: (mir schien) deine treulosigkeit mit Julien entschieden — widerwillen an dir wollte eben beginnen Iffland dram. w. (1798) 10, 190 (der mann von wort); (diese stilmaximen) sind aus dem widerwillen an diesem wässerigen, characterlosen stil hervorgegangen Justi Winckelmann (1866) 1, 429.
7)
bis in die gegenwart auch von starker unlust und abneigung, speisen (getränke) zu sich zu nehmen: (der bisem) machet lustig zuͦ essen wo yemants widerwillen hat Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 30ᵇ; ohne widerwillen ... essen (1716) Elisabeth Charlotte v. Orleans br. 32 Holland; nachdem ich ... den wein nur mit widerwillen getrunken (1804) Schiller br. 7, 197 Jonas; der widerwillen gegen das essen G. Keller ges. w. (1889) 3, 216; (der magen) der die aufnahme von speise mit widerwillen verweigert Th. Mann Buddenbrooks (1928) 2, 467. auch durch arznei hervorgerufener widerwille: ein kranker mensch giebt oft die köstlichste arzneymittel mit eckel und widerwillen wieder von sich Moser beherzigungen (³1763) 70; eine arzenei ..., die man mit widerwillen zu sich nimmt Göthe I 23, 65 W. in älterer sprache auch 'übelkeit, brechreiz'. diese bedeutung mag nicht ohne einflusz von ²willen teil 14, 2 sp. 170, wüllen ebda sp. 1754 oder wülle, m., 'ekel zum erbrechen' Lexer mhd. wb. 3, 889 entstanden sein; vgl. auch unter widerwillen, vb.: dem verstand vnd kopff ists eben wie dem magen, wann manns überfült, überschütt vnd übertreibt, so kompt vndäwung, widerwille, grawe vnd öckel darausz Petrarcha von hülf u. rath (1551) 40ᵇ; inn dem wir fort fahren, kam unser vilen ein solcher widerwill, das wir gleich darauff mit gewalt muͦsten von uns geben ..., was wir in langer zeit gesamlet Rauwolf raisz (1582) 11; wider den widerwillen desz magens vnd das erbrechen Tabernämontanus kreuterb. (1588) 691ᵃ. aus neuerer sprache vielleicht hierher: die speisen machten ihr widerwillen, sie befand sich hin und wieder sehr übel Immermann Münchhausen (1841) 1, 67. vgl. noch oben Moser.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1390, Z. 9.

widerwillen, vb.

widerwillen, vb.,
'nauseare' (mnl. wederwillen Verwijs-Verdam 9, 2004), ist wohl ableitung von widerwille; vgl. bedeutungsverwandtes unwillen, vb., 'nauseare', teil 11, 3, sp. 2219: 'für die bildung kommt weniger ²willen mit un IV CD in betracht als unwille, m., 2'. zugrunde liegt im folgenden in den ersten zwei belegen widerwille 7; doch musz mit einflusz der verben ²willen, teil 14, 2, sp. 170 und wüllen, ebda sp. 1754 gerechnet werden. in unpers. konstruktion mit dat. d. person: wann ein junge fraw mit dem ersten kind schwanger gehet, es eckelt und widerwillet ihr Moscherosch gesichte (1650) 2, 462. widerwillender magen (vgl. widerwilliger magen unter widerwillig): faule müssige tag, überflusz in essen und trincken ... hetten einen abt ... unlüstig und im einen widerwillenden magen gemachet (1563) Kirchhof wendunmuth 1, 96 Öst. der substantivierte inf. begegnet vereinzelt im sinne von 'unmut, verdrusz' (vgl. widerwille 2): so musz ich bey antritt mündlich abgeredten und beschlossnen briefewechsels, verzeihung und sicherung alles widerwillens ausbitten, welches aus meinem verdrüszlichen stillschweigen erwachsen seyn möchte Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, Dd 8ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1393, Z. 24.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widerwillen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerwillen>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)