Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerwillig, adj., adv.

widerwillig, adj., adv.,
'unwillig, ärgerlich; feindlich entzweit; widerstrebend'. mnl. wederwillich, mnd. wedderwillich. die früheste hd. bezeugung führt Diefenbach an, unter 3; doch ist das wort mit widerwilligkeit ins 14. jh. zurückzudatieren.ganz vereinzelt steht widerwilliger magen (s. widerwille 7 und widerwillen): demselben, nachdem er ... auch einen schwachen wiederwilligen magen ... gehabt, ... hab ich ... von diesem stein bezoar fünff gerstenkörner schweer in wein zertrieben eingegeben Joh. Wittichius ber. v. d. wunderb. bezoard. steinen (1589) 14.
1)
'unwillig, ärgerlich' (s. widerwille 2): hirtenlied, in welchem er seine erzörnte und ohne ursache wiederwillige Dorinde zu versehnen suchet Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 376; (ein krieger) bei dem jede senne ... dahin arbeitet, die kleider mit gewalt über die träufelnden glieder zu ziehen, indem er zürnend widerwillig mit dem einen fusz durch die verkehrte öffnung hindurch fährt Göthe I 44, 309 W. auch 'unmuterregend': auf das also die neue hochzeiterin, so sie gleich erstmals der schwiger stiefmuterherz erfüre, nachgehender zeit es des gedultiger trüge, wann es etwas rauher vnd widerwilliger zuginge (1578) Fischart w. 3, 168 Hauffen; wenn man so alt geworden ist als ich, und in einem so würdigen werthen unternehmen von den verworrenen mitlebenden nur widerwillige hindernisse erfahren hat (1821) Göthe IV 34, 172 W.
2)
'feindlich entzweit': ein altter pfarherr zu Münchberg, so mit den Sparneckern widerwillig worden (1523) Thomas v. Absberg 58 lit. ver.; wa zwen oder trei oder mer mit ainander stessig und widerwillig wurden, solen sie es nit mit krieg, hader und fechten ausrichten (Augsburg 16. jh.) städtechron. 23, 296; (der kaiser, der) eine einigung zwischen den widerwilligen zwillingen (d. i. eine stadt u. d. benachbarte burg) zustandebrachte, die erste versöhnung von den vielen, die sich folgten, um immer wieder durch den unausrottbaren zwiespalt gebrochen zu werden Ric. Huch im alten reich (1927) 37. 'feindselig, unfreundlich (gegen jmd.)': was er (d. soldat) vom schlaf hat ..., wird ihn wenig erquicken, da man in den von ihm besetzten häusern ihm widerwillig gesonnen ist Fontane ges. w. (1920) II 2, 407. vgl. widerwille 3 und 4.
3)
'widerstrebend, sich auflehnend', vgl. widerwille 5; contumax hd. widderwillig, -spennig (wohl 15. jh.) Diefenbach gl. 148ᵃ; inuitus vngern, widerwillig, vnwillig Frisius dict. (1556) 731ᵃ; widerwillig, widerspenstig, vngehorsamb inobedient, disubidiente Hulsius - Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413ᵃ. dieser gebrauch begegnet auch weiterhin in den wörterbüchern (wie er ja auch literarisch aus älterer und neuerer sprache belegt werden kann). auch Adelung kennt die bed. 'widerspänstig', doch nennt er widerwillig 'ein im hochdeutschen seltenes wort', wb. (1793) 4, 1526. in der tat kommt der in moderner sprache herrschende gebrauch erst seit dem 19. jh. zur vollen entfaltung (s. u.b), wie überhaupt der gröszte teil der belege für widerwillig texten des 19. und 20. jhs. entstammt.
a)
adjektivische verwendung, 'widersetzlich, widerstrebend'; von personen und sachlich-dinglichem: das werck ..., das aus einem vnlustigen vnd widerwilligen hertzen gehet (vorr.) Luther bibel 7, 434 Bindseil; wiederwillige unterthanen Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 444; (jemand) starr und gegen jede veränderung widerwillig machen Göthe I 25, 217 W.; die leute schienen verstockt und widerwillig Polenz Grabenhäger (1898) 1, 103; wie sie schnell ausschreitend dem widerwilligen boden dort die spuren aufdrückte qu. v. j. 1921. auch 'unfreiwillig', mit nom. agentis: unterdes waren dem widerwilligen eindringling mehrere gefolgt O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 112.
b)
in adverbiellem gebrauch 'widerstrebend, ungern'. diese verwendung kommt erst seit dem 19. jh. zur vollen entfaltung, überwiegt dann aber alle andern:
wir legten widerwillig
in Rothas busen an
Kretschmann s. w. (1784) 1, 238;
(ein ofen) in welchem einige feuchte späne widerwillig brannten Chézy erz. u. nov. (1822) 2, 175; erfolg dieser widerwillig unternommenen wallfahrt Holtei erz. schr. (1861) 14, 237; (sie) folgte widerwillig den anordnungen des arztes Fontane ges. w. (1905) I 4, 450; knirschend drehte sich der rostige bart im schlosz; widerwillig gab es nach Cl. Viebig weiberdorf (1905) 145; die herrschaft des lehrers nur widerwillig ertragend H. Mann ausgew. w. 1, 549 Kant.; funktionäre, die ihr (der republik) nur widerwillig dienen A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 468. auch 'wider willen':
auf solchen drachen fällt ja widerwillig
der blick in einem fort
Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 1, 9
4)
als attribut von wörtern, die ein verhalten bezeichnen, zu dem man sich ungern herbeiläszt; dieser gebrauch schlieszt an den unter 3 b belegten an: (mein geschick) das mich für die widerwillige artigkeit des tages noch schön am abend belohnt hatte (1787) Göthe I 31, 276 W.; einen widerwilligen gruss G. Keller ges. w. (1889) 6, 75; widerwillige bewunderung (1890) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 550; in widerwilligem müsziggang Feuchtwanger Simone (1950) 206.
5)
substantiviert, der (die) widerwillige 'widersetzliche, widerstrebende' (s. ob. 3 a): all vernüfftig creatur sol nachuolgen gotlichem willen, sonst ist der will pös vnd die widerwilligen straffmäszig (1528) Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 262 Reithm.; (das schicksal) das willige führet und wiederwillige fortreiszt Kästner verm. schr. (1755) 1, 16; (sie hatten) die widerwilligen (mägde) geküszt G. Freytag ges. w. 8 (1887) 88. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1393, Z. 46.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„widerwillig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerwillig>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)