Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widerzähm, widerzähme, adj.

widerzähm(e), adj.,
gegenteil von mhd. zæme 'geziemend, passend, angenehm', teil 15, sp. 94 (unter zahm) und gleichbedeutendem gezähm(e) teil 4, 1, 4, sp. 6893; etwa so viel wie un(ge)zähm(e) teil 11, 3, sp. 941 u. 2270, doch als bildung mit wider- 'contra' den gegensatz zur bedeutung des einfachen zæme stärker hervorhebend. 'unangemessen, nicht entsprechend, entgegengesetzt; widerwärtig, miszfällig, unangenehm, zuwider; feindlich, widersetzlich'. zuerst frühmhd. (widerzame genesis 5100 Dollmayr, unter 2) nachzuweisen. mhd. widerzæm(e), -zêm(e), s. die belege im mhd. wb. 3, 891ᵃ, bei Lexer 3, 874 und Jelinek 955. die annahme einer form widerzëm durch Lexer a. a. o. 875 auf grund eines reimansatzes dem: widerzem bei Hugo v. Trimberg (in der ausg. von Ehrismann jedoch dem: widerzêm v. 7990) ist unbegründet, vgl. die übrigen reime bei Hugo v. Trimberg widerzême: (un)genême, nême (v. 1242, 2168, 4314, 7068, 8226, 15 389, 15 402, 15 932, 16 728, 17 298), die die vokalische länge erweisen; s. ferner das nebeneinander von dem: widerzæm 94 322 neben widerzæme: kæme 89 609 in Ottokars österr. reimchron. zu vergleichen ist das transitiv gebrauchte und schwach flektierte mhd. widerzæmen 'abominari': unrechtichait hab ich widerczaemt (hs. 1371) Heinrich v. Mügeln bei Khull beitr. z. mhd. wb. 23 (s. auch 39), wohin auch der beleg aus einer quelle v. j. 1427 bei Fischer schwäb. 6, 3416 zu ziehen sein wird. davon zu trennen ist das stark flektierte mhd. widerzëmen, prät. -zam (zu ¹ziemen teil 15, sp. 1101), das in der regel im sinne von 'widerstreben, zuwider sein, miszfallen' gebraucht wird, s. mhd. wb. 3, 889ᵇ. zu den dort angeführten belegen s. hier mit dativ d. person:
das mir alle poszhait
ye und ye wider zam (: nam)
(um 1300) Heinrich v. Neustadt Apollonius 15 676 Singer;
vgl. Scherz-Oberlin gloss. germ. (1781) 2026. mit dat. d. sache bei Oswald v. Wolkenstein ged. 65, 18 Schatz. mnd. weddertemen Schiller-Lübben 6, 316ᵃ.
1)
'unangemessen, nicht entsprechend, entgegengesetzt' (vgl. widerzahm 1):
colobium hiez ein gewant
daz man ê zer messe truoc,
daz dûhte in widerzæme gnuoc,
wand ez der arme dahte niht
(1258/74) Konrad v. Würzburg Silvester 622 Gereke;
daz er (gott) mentschlich natur an sich nam durch úns. daz ist vil war, mentschlich nature ist harte unedel und widerzäme götlicher nature, aber sin güti waz als grôz, daz si ungelichú ding zesamen fuͦgte (ende d. 13. jhs.) St. Georgener pred. 203, 15 Rieder;
es ist ein torhait ungenäm
und aller weishait widerzäm
(1411) Hans Vintler pluemen d. tugent 7431 Zingerle;
wer entlich darumb guts wolt thun,
das er von stundt hat grossen lon,
auch darin suchet eer vnd pracht:
der hat aus tuget schand gemacht,
wan solchs aus geitz vnd hoffart kem
vnd wer der tugent widerzem
(1502) J. v. Schwarzenberg trostspruch v. 910 ndr.;
er ordnet, das die gröszt eer nit den reichen vnnd mechtigen, sunder der alten vnd frummen sein solt, vnd wiewol solch stuck yren vorigen leichtfertigen sitten widerzäm vnd schwer schinen, noch liessen sy sich bereden S. Franck chron. zeytb. (1531) 16ᵇ. auch: widerzeme, wederzeme rede (15. jh., obd./md.) Diefenbach gl. 38ᵇ (s. v. antifrasis, neben glossierungen wie widersinnig, -wertige, contrarie rede).
2)
der mit widerzahm 2 zu vergleichende hauptgebrauch des wortes ist subjektiv, überhaupt 'widerwärtig, miszfällig, unangenehm, zuwider', wie auch im besonderen 'das sinnliche empfinden abstoszend, widerlich, ekelhaft'. er setzt immer empfindende, auf eindrücke reagierende wesen (oder eine persönlich gedachte sache, s. u. Tauler) voraus, die durch dativobjekt näher bezeichnet werden oder auch unerwähnt bleiben, wie beispielsweise unten in der 'hl. regel':
want in (den Ägyptern) widerzame sint
die des fihes huͦttent
genesis 5100 Dollmayr;
die schuszele, da si (die speise) inne ist, di ist also widerzeme und also gar unreine (um 1250) hl. regel f. e. vollk. leben 3, 4 Priebsch; das ist das sicherste, das der naturen aller widerst (var. widerzemest) ist, und do sú aller meist zuͦ geneiget ist, in demme sint ir aller unsicherst Tauler pred. 130, 24 Vetter;
sy assen natern und chrotten.
in was nichts wider zẽm (: genẽm)
(1352) Seifrit Alexa nder 4218 Gereke;
mein roter mund wil werden plaw,
darumb was ich der lieben widerzäm (: träm 'traum')
Oswald v. Wolkenstein ged. 93, 24 Schatz;
vnschmecklich vnd bitter vnd wyderzäme ist jn (den rechten christen) alles daz, das got nit ist (unecht) Tauler sermones (1508) 23ᵃ; die weltt scheint dir nun nit so widerzäm als sy vor thett Keisersberg pred. teütsch (1508) 35ᵇ;
ir vatter ernstlich haben wolt,
das sie den wilden haiden
zw einem mane haben solt.
das was ir wider zeme (:keme),
idoch gab sie iren willen darein
(1516) Hans Sachs fabeln 3, 5, 52 Götze-Drescher;
der krieg war jhnen angenem
vnd wie zuuor nicht wider zem
Spreng Ilias (1610) 21ᵇ.
3)
mit bedeutungsverlagerung vom ungünstigen eindruck auf feindseliges, widersetzliches verhalten (vgl. widerzahm 3). beide gebrauchssphären sind auch bei widerwärtig in älterer sprache nachzuweisen:
got si in (l. im) widerzeme (: keme)
der mich herzvo bræhte
und sin von erst gedæhte
daz ich tumber mine clage
muoz dulden alle tage
(1293) Hugo v. Langenstein Martina 131, 36 lit. ver.;
und als im (dem tyrannen) nun die stat Sichem
des mordtes halb was widerzem,
da stürmet er die stat mit gwalt
(1531) Hans Sachs 1, 223 lit. ver.;
Adrianus richt die welschen stätt all ab, macht sie dem kaiser abfellig vnd widerzem S. Franck Germ. chron. (1538) 161ᵇ;
die andre götter allbereit
erzeigen dir (Zeus) gehorsamkeit,
aber die göttin Palladem
(ob sie dir gleich ist widerzem)
thustu mit keinem wort nit straffen
Spreng Ilias (1610) 69ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1401, Z. 6.

widerzähm, widerzähme, f.

widerzähm(e), f.,
abhominatio widerzem Diefenbach nov. gl. 2ᵃ. dieselbe lat. entsprechung in bibelübersetzungen: si habent mih in ze widerzæmei gesetzet (ps. 87, 9) bei Khull beitr. z. mhd. wb. 39 (vulg.: posuerunt me abominationem sibi; du hast mich jnen zum grewel gemacht Luther). ferner s. bei Frisch t.-lat. wb. (1741) 2, 476ᵇ aus einer handschriftl. bibelübers.: in widerzeme in abominationibus, deuteronomium 32, 16. die weitere bezeugung; 'widerwärtigkeit, abscheulichkeit':
(des drachens) czüng was ungenem,
da phiczet er ('verbreitet er hitze') mit vil widerczäm
(var. mit vngezäme)
(um 1320) märterbuch 12 024 Gierach.
'miszfallen, widerwille':
Catho spricht: 'widerste mit deiner güet
den pösen worten, wie du mügest,
und das du es alzeit also füegest,
und das seu dir nicht machen pein
noch widerzäm im herzen dein'
(1411) Hans Vintler pluemen d. tugent 8743 Zingerle
du hast ain widerzäme, ain traurigkait in der sinnlichait Keisersberg granatapfel (1510) aa 5ᵇ. damit zu vergleichen ist widerzæme mit näher bestimmendem objektiven (?) genitiv: diu vorhte unde diu widerzæme der sünde (mitte d. 13. jhs.) David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 348 Pf.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1402, Z. 59.

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Zitationshilfe
„widerzähme“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widerz%C3%A4hme>.

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