Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widrigkeit, f.

widrigkeit, f.,
zufrühest im 15. jh. bezeugt: contrarietas wedericheit vel wedermode (nd., 15. jh.) Diefenbach gl. 147ᶜ; und darumbe so musz der heisz eine masze haben der vernunft, dasz er werde getemperiret und gebrauchet nach der zeit, nach der stelle, nach den personen und nach allerlei witterikeit (widrigkeit?) der dinger P. Eschenloer gesch. d. st. Breslau 1, 136.
1)
'gegensatz, verschiedenheit': diuersité Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 410ᵃ; widrigkeit der meinungen contrarietà delle opinioni Kramer t.-ital. 2 (1702) 1343ᵇ;
(zwei brunnen) die solche widrigkeit an wirckung an sich haben
beyd' im Ardenner wald, vnd seynd nicht weit von ein,
der einer fült das hertz mit brunst vnd liebespein,
wer aus dem andern trinckt, gantz ohne liebe bleibet
Dietrich v. d. Werder ras. Roland (1636) 25 (1. ges.);
die hollunder- ... wurtzel, über sich auszgerissen, ... purgiret über sich, so starck, als hätte man vitrum antimonii eingenommen; wann aber ein loch in die erde gemacht, und die wurtzel unter sich heraus gezogen wird, so purgiret sie unter sich, ohne alles erbrechen. die ursachen solcher widrigkeiten wird der, so diese magiam nicht verstehet, schwerlich geben können Butschky Pathmos (1677) 167; (der hauptzweck eines dichters) ist durch eine seltsame widerwärtige zusammenfügung der farben zu blenden, und durch die widrigkeit und ungleichheit der bilder in verwunderung zu bringen. dergestalt vereinigt er vögel und schlangen, tyger und schafe (1754) Schönaich ganze ästhetik i. e. nusz 127 Köster. 'miszklang, disharmonie' (vgl. widrig A 1 d): so wie die harmonie ... aus einer solchen übereinstimmung zweyer töne entsteht, die sie in einem klang vereiniget, in dem man die verschiedenheit der töne ohne widrigkeit fühlt Sulzer theorie d. schönen künste (1792) 1, 687.
2)
der persönliche gegensatz wird ausgedrückt, 'widersetzlichkeit, feindseligkeit, animosität'; repugnantia, inimicitia Duez t.-frz.-lat. (1664) 676ᵃ; odium, inimicitia, repugnantia Stieler stammb. (1691) 2517: so wollten e. ch. d. sie gewarnet, ihnen auch gnädigst befohlen haben, dass sie ... sich aller widrigkeit und verleitung zumal enthalten (1650) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 5, 454 Erdm.; hasz oder widrigkeit auf ihn (einen menschen) werfen Francke idea studiosi theol. (1717) 17; man messe mir hier nicht zu viele wiedrigkeit gegen diesen mann bey (1776) Lenz verteid. d. hrn Wieland 16 ndr.; es ist zu wetten, dasz er (d. erzherzog) weit eher mit der Frankfurter versammlung, als mit den regierungen in widrigkeiten kommt Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 5, 108. 'argwohn': möchte die sache (seine philosophie) bey einigen (da die menschen ohnehin zu ... suspicionibus und widrigkeiten geneigt sind) also aufgenommen werden, gleich als ob ich eine eitele ehre mit neuen philosophischen grillen hiebey suchen wollte (1699) Leibniz dt. schr. (1838) 2, 91.
3)
was unserem wohlergehen entgegen ist, 'miszgeschick, unglück, ungemach':
in deinem (Christi) tode wir erhöhen hertz vnd sinnen,
die alle wiedrigkeit getrost verachten können
(1624) Opitz teutsche poemata 198 ndr.;
in solcher wiedrigkeit
sitz ich hier tag auf tag und brenn in angst und schmertzen
Gryphius ged. 553 Palm;
tisch- und genieszfreunde sind wie schwalben im sommer, bey gutem glück bleiben sie; im winter der wiedrigkeit fliegen sie davon Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 566;
das glück, das dich und uns, nach tausend widrigkeit,
nach wunden voll gefahr, nach vieler jahre streit,
land, kinder, haus, gemahl und was uns liebt, umfangen,
kömmt uns zu hoch zu stehn
J. E. Schlegel w. (1761) 1, 180;
vollkommen unabhängig von widrigkeiten des lebens (1852) Stifter briefw. 2 (1918) 95; bei schlechtem wetter und sonstigen vielfachen widrigkeiten Pfleiderer erlebn. e. feldgeistl. (1890) 164; (Defoe) der sich ... trotz politischer grundsätze wegen äuszerer widrigkeiten nie zum politischen märtyrer aufwarf Berliner ztg. vom 27. 4. 1956.
4)
'was dem gefühl und empfinden entgegen ist, was es abstöszt': eine plattgedrückte nase und eine geschwollene oberlippe ... gaben seinem anblick eine widrigkeit Schiller 4, 65 G.; auch die folgen der gar zu ungleichen vertheilung der güter, armuth und bettelei, muszten in ihrer ganzen widrigkeit sichtbar bleiben J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 212;
die ungeschlachte weise, diese sprache,
wie messer schneiden sie durch mark und bein.
...
nicht zu ertragen ist's, ich geh, um nicht
die widrigkeit zu hören und zu sehen
(1816) Tieck schr. (1828) 3, 367;
an einem gemählde Franz des ersten, von Titian, hat das auge kaum noch empfänglichkeit für die spuren des meisters, so sehr verdrängt die unerträgliche widrigkeit einer solchen gesichtsbildung jeden andern eindruck Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 227.
5)
widrigkeit bezeichnet die reaktionauch die natürliche, angeboreneauf jmd. oder etw., 'abscheu, widerwille, antipathie': fastidium, dict. seu nomencl. quat. ling. (1566) N 2ᵇ; antipathie, aversion Duez t.-frz.-lat. (1664) 676ᵃ; natürliche wiedrigkeit antipathia, wiedrigkeit vor dem ehestande taedium thalami Stieler stammb. (1691) 2517; natürliche, angeborne widrigkeit antipatia naturale Kramer t.-ital. 1 (1700) 1343ᵇ; taedium, horror Frisch t.-lat. (1741) 2, 446ᵇ; was wir ... besitzen, gebieret endlich einen ekel ... ausgenommen die wissenschaft, welche alles verdrusses und wiedrigkeit entohnet ist zeitungs lust u. nutz d. Spaten (1697) 2; die widrigkeit des hünerhundes vor dem gekochten oder gebratenen federwildpreth Göchhausen notab. venat. (1741) 278; ich empfand ... eine solche widrigkeit gegen jede art der untersuchung der religion Hermes Sophiens reise (1769) 5, 221; so sind das aussehen, der geruch der pflanzen für den menschen anzeichen von ihrer schädlichkeit, ihrer giftigkeit, er empfindet eine widrigkeit Hegel w. (1832) 15, 197.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1447, Z. 1.

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Zitationshilfe
„widrigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/widrigkeit>.

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