Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wieche, m., f.

wieche, m., f.,
faserbündel; docht, lunte; scharpie.
A.
herkunft und form.
1)
zwei formenstränge laufen im germ. nebeneinander her: spätahd., mhd. wieche; mnd. wêke, weike, m., f. [daraus entlehnt dän. væge, schwed. veke, norw. veik(e)]; mnl. wieke, f., 'scharpie, docht, flügel'; nnl. wiek, f. dass.; fries. wjuk(ke), wjûk, wjok 'flügel' (zur bedeutungsentwicklung vgl. Franck-v. Wijk etym. woordenb. ²792); ags. wēoce, f., 'docht' mit einem auf germ. eu zurückgehenden stammsilbenvokal und ahd. wicha, wich; mhd. wicke; engl. wick 'docht, scharpie'; norw. vik, f., vikk(e), f. 'garnfitze' mit i als stammsilbenvokal. beiden formenreihen liegt nach Lidén studien z. ai. u. vgl. sprachgesch. (1897) 26 ff. die idg. wurzel *u̯eg- 'weben, knüpfen; gewebe, gespinst' zugrunde, zu der sich auch aind. vāgurā͏́ 'fangstrick, netz, garn', lat. vēlum 'segel, hülle, tuch, vorhang', air. figim 'webe' u. a. stellen, wobei germ. *wik- aus *wek- deren hochstufe (zur erklärung dessoweit nicht j-bildungen vorliegenschwierigen i vermutet Walde-Pokorny 1, 247; Pokorny 1117 einmischung der idg. wurzel *u̯eik-, *u̯eig-) und germ. *weuk- wohl eine reduplikationsbildung * u̯e-u̯g- fortsetzt; als tiefstufe dazu vgl. wocken (teil 14, 2, sp. 964f.). aus praktischen gründen werden die beiden formenstränge, die streng genommen zu trennen wären, hier unter einem stichwort behandelt.
2)
die auf germ. *weuk- (˃ ahd. *weocha, as. *weoka) zurückgehende, im dt. nur im sinne von B 2 und B 3 verwendete form begegnet mit verschobener tenuis zufrühest in: licinia wieche (12. jh.) ahd. gl. 3, 409, 61 St.-S. (zu B 3), mit unverschobener zuerst bei dem Limburger Heinrich v. Veldeke (s. unter B 2). in frühnhd. zeit bis zum beginn des 17. jhs. ist wieche im sinne von B 2, 3 (s. dort die belege) die herrschende form in literarischen und lexikalischen quellen des westmd. und angrenzenden obd., insbesondere der Frankfurter und Straszburger drucke. in den Kölner drucken gilt frühnhd. ebenso wie im mnd. (s. Schiller-Lübben 5, 657) in beiden bedeutungen die unverschobene k-form: tenta wieke (Köln 1507) Diefenbach gl. 578ᵃ (zu B 3; s. unter B 2 die belege aus den städtechron.). dem verbreitungsgebiet der auf germ. *weuk- zurückgehenden form und der verteilung von verschobenem und unverschobenem k innerhalb dieses gebietes im frühnhd. entsprechen die verhältnisse in den heutigen maa.: im südlichen hessischen, im pfälzischen, lothringischen, elsässischen und westl. schwäbischen gilt verschobenes wieche (in der bedeutung B 2), dagegen im moselfränkischen, ripuarischen, niederfränkischen (ebenfalls in der bedeutung B 2) und westlichen hess. wie auch im nd. (in den bedeutungen B 2 und 3) die unverschobene form (zur erklärung der bei diesem wort weit südlich der maken/machen-linie verlaufenden verschiebungsgrenze vgl. Frings Germania Romana [1932] 211). die verbreitung der bedeutung B 3 nur in mundarten mit unverschobener tenuis erklärt die eigentümliche erscheinung, dasz diese bedeutung von der mitte des 17. jhs. an in hochsprachlichen quellen fast nur noch in der hd.-nd. mischform wieke erscheint.aus schematischer umsetzung von mnd. weike in hd. lautung ergaben sich wohl diphthongische formen wie: linamentum ein weiche Trochus prompt. (1517) N 5ᵇ; weiche 'scharpie' (Stralsund, mitte 18. jh.) pomm. jb. 11, 106, wobei die volksetymologische anlehnung an weich 'mollis' mitgespielt haben mag. im obd. entstand die gleiche form bei schematischer umsetzung von wieche aus einer mhd. î nicht diphthongierenden ma. in eine diphthongierende: licmen dochte o. weyche (15. jh., obd.) Diefenbach nov. gl. 234ᵃ; waichenn (pl. 'scharpie') Braunschweig chirurgia (Augsb. 1539) 19ᵇ (vorlage: wiechen Straszburg 1497).
3)
bei den fortsetzungen von germ. *wik- im dt. ist zwischen den auf eine wgerm. -k-form und den auf eine wgerm. -kk-form (gemination vor ja- oder jō-stamm) zurückgehenden belegen zu scheiden.
a)
die wgerm. -k-form, die zufrühest in: lvcvbrum wich (12. u. 13. jh.) ahd. gl. 3, 159, 31 St.-S.; licinus daht vel wicha (13. jh.) ebda 29 (aber -ch- kann in diesen hss. für -kk- stehen!) erscheint, tritt im dt. nur selten undwie A 2 — nur im sinne von B 2 und B 3 auf: wiht (anf. 16. jh.; -t nach docht) Augsburger rätselbuch in: zs. f. dt. altert. 3, 32 (zu B 2 a); wichen (Frankfurt 1493) bei K. Bücher berufe d. st. Frankfurt 23ᵃ (zu B 2 b); (Mainz 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 377 Franz (zu B 2 b); wiche Ryff thierb. Alberti Magni (1545) 32 (zu B 3); mundartl. vereinzelt im westmd.: viXən Lehnert stud. z. dialektgeogr. d. kr. Saarlouis 35; wiche, m. Askenasy Frankfurt 118 (zu B 2); wetterau. wiche, m. Weigand dt. wb. (1910) 2, 1259 (zu B 2, 3); mit unverschobener tenuis: we·k, f. Christa Trier 217 (zu B 2).
b)
die form mit geminiertem k erscheint als einzige in allen drei bedeutungszweigen. während für die bedeutung B 1 (wovon ²wickel abgeleitet ist, s. d.) frühnhd. belege selten sind und im sinne von B 2 ganz fehlen (s. jedoch unter wiechlein 2), ist B 3 bis ins 18. jh. reichlich bezeugt. mundartl. erscheint die form im sinne von B 1 z. b. im elsäss., schwäb., tirol., nordböhm., im sinne von B 2 nach dem material des DWA insbesondere im luxemb. und im westlichen hessischen, im sinne von B 3 im tirol., nordböhm. sowie bei Gieszen; sie ist landschaftlich also nicht so begrenzt wie A 2 und A 3 a.
4)
für die wortbedeutung B 1 (s. dort die belege) geben Hulsius u. Schottel mask. genus an, die mundartwbb. dagegen meist fem.; im sinne von B 2 (s. dort die belege) schiebt sich südliches mask., wie es frühnhd. in den Straszburger drucken gilt, gegen nördl. fem. vor wie es bei Heinrich v. Veldeke und frühnhd. in den Frankfurter drucken erscheint, so dasz heute, wie das material des Deutschen wortatlas zeigt, in den maa. mit verschobener tenuis (s. A 2, A 3 a) mask. vorherrscht, während sich das fem. auf die maa. mit unverschobener tenuis zurückgezogen hat. im sinne von B 3 (s. dort die belege) gelten frühnhd. und noch im 18. jh. ebenso wie im mnd. mask. u. fem. nebeneinander; allerdings verzeichnen die wbb. von Faber (1587) bis zu Adelung stets nur das fem.; dieses herrscht neben vereinzeltem mask. vorwiegend auch in den maa.
5)
alle unter A 2, A 3 a, b verzeichneten wortformen flektieren frühnhd. sowohl im mask. wie im fem. im allgemeinen schwach; dabei ist, besonders im elsäss., das -en der obliquen casus häufiger in den nom. sg. übergetreten: tenta ein wyechen gemma gemm. (Straszburg 1508) C 1ᵇ (zu B 3). daneben musz ursprünglich auch st. flexion gegolten haben, wovon der nom. sg. mask. ahd. wich (s. A 3 a) zeugt, während in frühnhd. formen wie lychimen ein wiech gemma gemm. (Hagenau 1510) o 5ᵇ ein -e des schw. nom. sg. apokopiert sein könnte. notwendig ist die annahme ursprünglich st. flexion bei der form A 3 b (s. d.), die einen ja- oder jō-stamm voraussetzt; vgl. den st. akk. sg. fem. wicke Paullini philos. feierabend (1700) 795 (zu B 3).
B.
bedeutung.
1)
faserbündel, insbesondere die zum abspinnen um den rocken gewickelte fasermenge (vgl. ²wickel 1 und wiechlein 1). schon im frühesten beleg (wie später mundartl.) bildlich vom haarschopf:
von irm (der hure) flachs hab ich ain wick.
er zoch in für, sprach: secht in da!
do was der zopff vor allter graw
erz. a. altdt. hss. 327 lit. ver.
nhd. nur vereinzelt lexikalisch und mundartlich bezeugt; sonst durch die ableitung ²wickel 1 verdrängt: wicke, wecke, lock m., vn floccon Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 408ᵇ; wikk, m., floccus Schottel haubtspr. (1663) 1443; wicke, f., in der hechelabtheilung der spinnfabriken eine handvoll werg, auch frosch genannt; rolle zusammengewickelten werges (wicke werg) Knothe Nordböhmen 542; wick, f., ineinanderhängende masse eines gespinstes, bes. von werg e wick wërg; übertr. unordentliches, verwickeltes haar, dicke haarsträhnen Martin-Lienhart elsäss. 2, 809; Fischer schwäb. 6, 752; wik, m. flachsbündel, wollbündel am spinnrad Schatz Tirol 705; d· Rosel sitzt bî dər wicke und spinnt was gîst was haͦst (Vorarlberg) d. dt. maa. 6, 117 Frommann.
2)
in der bedeutung 'docht' (a), zu der seit ca. 1400 'zündschnur, lunte' (b) tritt, bleibt das wort auf den westmd. sowie den angrenzenden obd. und nd. raum beschränkt (s. A 2, 3 sowie die genauen angaben zur heutigen verbreitung in den maa. unter B 2 a). die geographische begrenzung, die zersplitterung in verschiedene lautformen sowie — nach ansicht v. Bahders z. wortwahl in d. frühnhd. schriftspr. (1925) 59 f.vor allem das nebeneinander zweier (haupt) bedeutungen (B 2, 3) haben wieche 'docht, lunte' den eingang in die nhd. schriftsprache verwehrt. es ist dort wie synonymes obd.-südmd. zache (teil 15, sp. 10), zoche 2 (teil 16, sp. 14) von den stärkeren docht (s. dacht teil 2, sp. 668) und lunte (teil 6, sp. 1307) verdrängt worden.
a)
lampen-, auch kerzendocht (vgl. wiechlein 2 a): ahd. belege s. unter A 3 a;
dâ (in die lampe) was balsâmum in gedân
sô dûre end sô hêre,
dat et wal iemer mêre
brande ende gaf liecht
end enminnert iedoch niecht:
solîch was die wieke
die meisterde (schuf) ein krieke
Heinrich v. Veldeke Eneide 9521 Behaghel.
die wbb. des oben angegebenen sprachraums verzeichnen die wortbedeutung bis ins 18. jh.: licmen wiech (1440 md.) Diefenbach gl. 328ᵇ; cicindela zachen in der lampen vel wiech (15. jh.) ebda 117ᵇ; ellychnium ein dachte oder wiechen in der amplen Dasypodius dict. (1536) 59ᵇ; stupa ein wiech odder dacht, receptaculum, damit man die wiech herausz zeucht Alberus nov. dict. (1540) Kk 4ᵃ; dacht, wieche (Dortmund 1550) Schöpper synonyma 81ᵇ Schulte K.; papiro della candella, lucegnuolo wichen in der lampen oder kertzen Hulsius it.-t. (1618) 279; die wieche la mêche de chandelle, de lampe Schwan nouv. dict. 2 (1783) 1046ᵇ. auch die literarische bezeugung reicht vereinzelt bis ins 18. jh.: item scheitgin vur dat stuk in der amplen, da die weken in steent (1460/61, hospitalsrechn.) urkundl. beitr. z. gesch. d. st. Münstereifel 1, 147 Scheins; hie solt du machen siben wechen liehtes also lanc so du wellest. den ersten wechen solt du brennen in dez blickes ere, do unser frowe sant Maria sanctum Gabrielem ansach qu. v. 1461 bei Schmeller-Fr. bayer. 2, 835; (laterne, in der) die flamme also zu dem wiechen ist getemperiert ... das sie nit uszdrinkt das öle Straszb. quelle von 1505 bei Schmidt Straszburg 117; die flamm durch den wiechen das öl oder fette an sich zeücht Ryff anatomi (1541) J 1ᵇ; man soll ausz alten truckenen leininen lumpen wiechen machen, inn zerlassen vnschlitt teuchen ... vnd anzünden Sebiz feldbau (1579) 611; weyche die vorige seyl darinn vnd lasz sie darnach widerumb trucken werden, so hastu die wiechen oder dacht Wallhausen kriegss-manual (1616) 153; ich weisz, dasz die liebe, wie alles andre, der gewalt der zeit unterworfen ist, dasz sie in ihrer flamme selbst ein art von dacht oder wike hat, wovon sie endlich geschwächt und verdunkelt wird Wieland ges. schr. II 3, 476 akad.; eine selbstgemachte lampe ersezte das versehen. es war eine baumwollene wicke, die in einem trinkglase ... auf einem stücke kork in oel schwamm R. Chandler, reisen in Klein-Asien (1776) 33. seitdem lebt die bedeutung nur noch in den maa., von den maa.-wbb. vereinzelt als 'kerzendocht', häufiger als 'lampendocht' oder einfach 'docht' bestimmt: wieche, m. Autenrieth pfälz. 151; Follmann Lothr. 540; Schön Saarbrücken ²229; Meisinger Rappenau 231; Martin-Lienhart elsäss. 2, 784; Fischer schwäb. 6, 807; wîke, wicke (im westl. Hessen, während im östl. Hessen nur dâcht gebräuchlich ist) Vilmar Kurhessen 454; wiek, f. Schmitz Eifel 233; weick, wieck, f. Schmidt Westerwald 325; week, f. Hönig Köln 200ᵃ; vī:kə Hasenclever Wermelskirchen 52; wēke brem.-nieders. wb. 5, 222; Böning Oldenburg 130; waike, wêke, f. Woeste-Nörr. westf. 314; 319; wëck Rovenhagen Aachen 160; luxemb. ma. 482; wick 486. das mundartl. verbreitungsgebiet von wieche (einschl. der nebenformen) 'docht (der lampe)' lag 1939 nach dem material des Deutschen wortatlas innerhalb einer linie, die etwa von folgenden orten gebildet wird: Dalheim, Jülich, Euskirchen, Bonn, Krefeld, Rheinbach, Gelsenkirchen, Lüdenscheid, Drolshagen, Hilchenbach, Berleburg, Kirchhain, Grünberg, Butzbach, Nastätten, Kaub a. Rhein, bad Kreuznach, Darmstadt, Höchst, Eberbach, Brackenheim, Baden-Baden, Offenburg, Herbolzheim, Markirch. auf eine ehemals weitere verbreitung weisen streuformen, die in dem gebiet, das mit den städten Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Aschaffenburg, Steinau sackartig in den oben beschriebenen raum einschneidet, ferner östlich von Offenburg bis Freudenstadt sowie um Colmar besonders dicht liegen.
b)
zündschnur, lunte (vgl. wiechlein 2 b): (die brandstifter) wisten wiecken de si gelacht hadten (Köln, um 1400) städtechron. 13, 59; mach hinden ein wiechen darein als lang du wilt, demnach sich der (mit pulver gefüllte) pfeil baldt oder langsam anzinden soll Fronsperger kriegsb. 2 (1573) 217ᵇ; darnach musz man ein dünne wiechen machen, die an gemeldtes pulver stosse de Bry archelei (1614) 92. s. a. die mnd. belege bei Schiller-Lübben 5, 657 f. mundartl. kaum bezeugt: wick, f., zündschnur luxemb. ma. 486.
3)
spitzer, gedrehter pfropfen oder bausch zur wundbehandlung, in neuerer zeit meist aus scharpie (s. auch gleichbedeutendes meiszel 3, teil 6, sp. 1984 und weiszel teil 14, 1, 1, sp. 1205); mit dem fortschreiten der medizinischen wissenschaft im 19. jh. auszer gebrauch gekommen. die bereits in den ahd. gl. einmal belegte bedeutung (s. A 2) ist vom 14. jh. an durchgehend bezeugt (vgl. die mnd. belege bei Schiller-Lübben 5, 657 sowie wiechen, vb. und wiechlein 3): tenta wieke (14./15. jh.) Diefenbach gl. 578ᵃ; malagma wycke (15. jh., md.) 344ᵃ; epithema ein wiech in der wunden gemma gemm. (Straszb. 1508) i 1ᵇ; turunda ... die wicken, so man in eine wunden dreet vnd leget, si zu reinigen vnd heilen Faber thes. (1587) 896ᵃ; tasta ... ein wieche Hulsius it.-t. (1618) 407ᵇ; pannus ... eine wiecke Corvinus fons lat. (1646) 621; wiek, f., terunda Schottel haubtspr. (1663) 1443; wicke ... bey den balbieren turunda Steinbach dt. wb. (1734) 2, 991; die weiche, nieders. wieke Adelung 5 (1786) 125:
so sal he (der arzt) sine wikin
machin nach der smikin (wunde).
ist die wunde schibelecht (rund),
he macke ir ire wike recht
(hs. d. 14. jhs.) md. schachbuch in: zs. f. dt. altert. 17, 313;
szo du in der wunden alsso gesucht hast (nach fremdkörpern), szo mache ein wicken ader meisselnn von reinem flachs ader hanff (1460) Heinrich v. Pfolspeundt bündth-ertznei 60 Haeser-M.; (wenn) die wund eng were, von not gebürt sich die wund witer vff zuͦ sniden oder vff zuͦ thuͦn vnd daz geschicht in zwen weg. einer, das du machest meysseln oder wiechen von encian (1497) H. Braunschweig chirurgia 27ᵇ Klein; eyn wiechen oder zäpflin im safft genetzt vnd den weibern in jre scham gethon, bewegt vnd bringt den weibern jre blum Bock kreutterb. (1539) 115ᵇ; jst sie (die wunde) gehauwen oder gestochen, so musz das waffen herausser unnd alsdann wiechen darein drehen theatrum diab. 2 (1588) 288ᵃ; welches (umbringen) alsdenn leichtlich geschehen köndte, wenn er jm, als der sich des nichts besorget, einen vergifften wicken oder meissel in den schaden stecken ... köndte G. Klee berümter leut leben (1589) 2, 87; ein loth grünspan und ein ey, dieses zur salben gemacht und mit einer wicken in den schaden gesteckt M. Böhme roszartzney (1618) 85; mit der weile härteten sich die leftzen der wunde so aus, dasz der bauer das offene loch mit weichen läplin, die man wicken nennet, ausfüllete Chr. Richter spect. hist. (1661) 115; andere nehmen die blätter, nässen sie an, machen wicken davon Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 94; der chirurgus machte mir alle tage einen wicken hinein (in die wunde) Laukhard leben u. schicksale (1791) 4, 438; aus einem deiner kopftücher machst du zwei grosze handvoll wieken (zur wundbehandlung) Kinkel erz. (1883) 447. vorwiegend ältere maa.-wbb. verzeichnen die bedeutung für das nördl. Hessen einschl. einiger angrenzender mundartgebiete, daneben auch für das nd., sonst nur vereinzelt: wieke, f., leinene fasel, die man in eine wunde legt, damit sie nicht vor der zeit heile Reinwald Henneberg 1, 195; Hofmann niederhess. 264; wîke, wicke Vilmar Kurhessen 454; weick, wieck, f. Schmidt Westerwald 325; weikᵉ, f. Bauer-Collitz Waldeck 112ᵇ; weke, f. Dähnert plattdt. 544ᵇ; wicke, f. Knothe Nordböhmen 542.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1493, Z. 29.

wiege, f.

wiege, f.,
cuna.
herkunft und form. spätahd. wîga (s. u.), wiega, mhd. wige (s. u.), wiege, mnd. wêge, mnl. wieghe, nnl. wieg, afrs. widze (s. u.). das wort ist seit dem 11.—12. jh. in spätahd. glossenhss. und seit der mitte des 12. jhs. in literarischen quellen zu belegen. vorher ist das verwandte gleichbed. ahd. waga, mhd. frühnhd. wage allein bezeugt (s. wage II teil 13, sp. 346), das aber landschaftlich begrenzt (vorwiegend alem.-schwäb.) auftritt und schriftsprachlich im nhd. durch wiege verdrängt wird. das lautliche verhältnis der formen wage (wozu an. vagga), wī͏̆ge und wiege, die mit dem st. vb. ahd. wëgan, mhd. wëgen 'bewegen' zu der idg. wurzel *u̯egh- 'bewegen' gehören, ist unklar, vgl. Kluge-Mitzka etym. wb. ¹⁷859; Falk-Torp norw.-dän. etym. wb. 1399 (vugge); Franck-van Wijk etym. wb. d. nl. taal 792ᵇ. es besteht jedoch die möglichkeit, dasz in wī͏̆ge kein ursprüngliches -i- vorliegt, so dasz etymologisch nur mit wiege und wage zu rechnen wäre. hierfür sprechen die folgenden umstände.
1)
wie Lexer mhd. wb. 3, 879 s. v. wige andeutet ('wiege, md. wige'), handelt es sich bei wige um die regulär monophthongierte mitteldeutsche form. die -i-belege der mhd. wörterbücher stammen auch sämtlich aus md. texten (vgl. ferner wige Daniel 3214 Hübner; in einer wigen passional 241, 22 Köpke), mit ausnahme der frühesten stelle aus der Vorauer sündenklage (in der wigen, mitte d. 12. jhs., bei Diemer 306, 17), wo aber mit rücksicht auf die vielerörterten md. spuren dieses denkmals gleichfalls md. herkunft der form zu vermuten ist. sonst findet sich -i- in oberdeutschem text nur sehr vereinzelt und sicher nur als graphische variante: in der wigen Heinrich von Neustadt gottes zukunft 7153 Singer (neben in der wiegen Apollonius 16 754); vgl. noch wigenpant 'wiegenband' Andreas von Regensburg 635, 23 Leidinger.
2)
die belege aus den ahd. glossen können für -i- nichts beweisen, da in drei von vier hss., die wîga, wiga haben, auch bei anderen wörtern -i- für -ie- vorkommt, vgl.: cuna uuîga ahd. gl. 3, 623, 32 St.-S. (11.—12. jh.) neben genuale chnilachan ebda 18 (Em 31); cuna wîga (hs. B), wîege (hs. A) 3, 232, 41 (12. jh.) neben conductus gemitet (hs. B), gemîettˢ (hs. A) ebda 52; cuna wiga 3, 324, 36 (14. jh.) neben priuignus stifsun 327, 17; übrig bleibt: cuna wiga (b = Mon. 2), vvi, ga (a, die korrektur v. anderer hand), wiega (c) 3, 331, 34 (12. jh.); vgl. aber ebda: pobles knierat (a b), knirada (c) 342, 27. lautlich nicht eindeutig ist cuna uuega (11. jh.) ahd. gl. 3, 624, 13.
3)
die formen der obd. und md. mundarten zeigen als stammvokal durchgängig einen laut, der regulär dem mhd. -ie- entspricht. die vertretung von altem -i- läszt sich, soweit sie nicht mit der von -ie- zusammengefallen ist, nirgends nachweisen: wiəgng, oberpfälz. wêigng Schmeller-Fr. bayer. wb. 2, 879; wiagn Jakob Wien 219; wiagə Bacher Lusern 228; biga (wie zigen 'ziehen' usw.) Schmeller cimbr. 173; wiega Bühler Davos 1, 259; wiəge Hotzenköcherle Mutten § 49; wîega Tobler Appenzell 448ᵃ; wīəg Fischer schwäb. 6, 808; wìək (nördl. Oberelsasz), monophthongiert wík, wej (nordöstl. u. nordwestl. Unterels.) Martin-Lienhart 2, 804; wei Schön Saarbrücken 226ᵃ; weⁱ wb. d. luxemb. ma. 479ᵃ (in ält. spr.: weige [Mainz] städtechron. 17, 397; cuna eyn weyge vocab. ex quo [Eltville 1477] E 8ᵇ); weech, jünger wech Wrede Köln 266 (vgl. md. wege im 15. jh. bei Diefenbach gl. 157ᵃ s. v. crepundium und 162ᵇ s. v. cuna, cunabulum); wiik Lenz Handschuhsheim 77ᵇ; wiigə Meisinger Rappenau 231; wije, wich Crecelius Oberhessen 914 (hier vor ch gekürzt wie zich, ziche = zieche 'bettüberzug'); wījə Hofmann Niederhessen 264ᵃ; wiic (westl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665ᵃ; wījə (Seifhennersdorf) PBB 15, 57; wieje Brendicke Berlin 193ᵃ. auch im gröszten teile des niederdeutschen macht die rückführung auf mnd. ê⁴ = mhd. ie keine schwierigkeiten: wī'əX Leihener Cronenberg 134ᵇ; weeg Elberf. ma. 173ᵃ; weege Strodtmann Osnabrück 90; Böning Oldenburg 130; wêge Doornkaat Koolman ostfries. 256ᵃ; weeg, weig Mensing schlesw.-holst. 5, 565; wêg Danneil altmärk. 245; wege Dähnert plattdt. 544ᵃ; wö͏̂j Fischer Samland 98; waig ter Laan Groningen 1159ᵃ; weig Tonnar-Evers Eupen 227; waige Woeste-N. westfäl. 314ᵃ; weigᵉ (wie weikᵉ = wieche 'docht') Bauer-Collitz Waldeck 112ᵇ; dafür wēγə Martin Rhoden 283; weige Fromme Hohenbostel 91; weig (-e-) Mi Mecklenburg 106ᵃ. dagegen finden sich in verschiedenen südnd. mundarten abweichende laute. weⁱʒe in der ma. B (Ostbevern nordöstl. Münster i. Westf.) bei Grimme plattdt. maa. 150 stimmt nur mit mnd. ê² (= wg. ai ohne umlautfaktor) überein. derselbe laut kann ganz regulär auch in den folgenden formen vorliegen: wegen Frederking Hahlen 34; weege Flemes Kalenberg 378; wēʒə Bierwirth Meinersen § 138; vēᵉ Block Eilsdorf 100ᵇ; wêje Damköhler Nordharz 224ᵇ; wëge (neben weige) Schambach Göttingen 291ᵃ; weige Deiter Hastenbeck 156. zum teil ist in diesen vokalen u. a. auch altes i (nicht aber mnd. ê⁴) aufgegangen, weshalb Sarauw nd. forsch. 1, 185 zusammenhang mit mhd. wige in betracht zieht. wie bei Grimme läszt sich aber bei Frederking und Deiter altes i ausschlieszen, und übrigens hat wiege in den angeführten mundartdarstellungen (auszer Grimme) stets denselben vokal wie miete, mieten, das gleichfalls die entsprechung von ê⁴ zeigen müszte. es scheint sich bei diesen wörtern um eine ähnliche unregelmäszigkeit zu handeln, wie bei spiegel und ziegel, wo ê³ statt ê⁴ vorkommt (vgl. Dahlberg ma. v. Dorste 116). dagegen läszt sich altes i in wījə bei E. Hoffmann voc. d. lippischen ma. 51 (vgl. Sarauw 1, 423) nicht ausschlieszen, sondern stellt neben e (aus i oder umgelaut. a) den einzigen laut dar, auf den die form organisch zurückgehen könnte. dieser einzelfall kann aber kaum als beweisend angesehen werden (übrigens gibt es -ī- im nd. auch sonst unter hd. einflusz: wieg [vīīx] 'wiegemesser des schlachters' Mensing schlesw.-holst. 5, 625 neben weegmess 566).
4)
eine scheinbare stütze erhält der ansatz von i durch die friesische form widze (vgl. Franck-van Wijk etym. wb., suppl. 194ᵇ); sie kann aber ohne schwierigkeit (als -jô-stamm neben wage) auf *wagjô- zurückgeführt werden (so Th. Siebs in: grdr. d. germ. phil. ²1, 1299). wo sie im fries. auftritt, zeigt auch legen und sagen -i- für umlaut-e (vgl. Siebs 1186 f.): ief da ieldera wrhlit (überführt) werdeth, dat hiare kyndt bi hemmen op hiara bedde ief in da widze ... treesmet (erdrosselt) habbeth (Bolswarder sendrecht von 1404) Richthofen fries. rechtsquellen 487, 1 (lidza ebda 484, 18; dies ist der einzige afries. beleg; an den andern von Richthofen im wb. 1148 f. verzeichneten stellen liegt wigg 'pferd' vor, s. Kern taalk. bijdr. 2, 184; van Helten z. lexicol. d. aofrs. 379); neuwfrs. widze Dijkstra friesch woordenb. 3, 437ᵇ (lizze 2, 126ᵃ; sizze 3, 82ᵇ); im ostfries.: widze (harlingerländ. um 1690) Cadovius mem. ling. Fris. 54 König (lidsen ebda 58); widz (wangeroog.) Stürenburg ostfries. 330; Siebs a. a. o. (lidz ebda). — die nordfriesischen mundarten haben waag (-o-). unter den dargelegten verhältnissen besteht für den ansatz der form wī͏̆ga, wige keine genügend sichere grundlage. sieht man von ihr ab, so bleiben wage, als o-stufige bildung zu *u̯egh- 'bewegen' (dazu *wagjô- in afries. widze) und wiege, das am ehesten als reduplizierende bildung (vielleicht iterativen charakters) vom typus κύκλος aufgefaszt werden kann: idg. *u̯e-u̯gh-, germ. *weug-, woraus mhd. wiege, wie wieche 'docht', ags. wēoce, aus idg. *u̯e-u̯g- 'weben, knüpfen' und ähnlich wie nl. wiel 'rad' (s. u. ³wiel), ags. hwēol, an. hiól aus idg. *kᵘ̯ekᵘ̯lo- (vgl. Franck-van Wijk etym. wb. 792ᵇ und Falk-Torp norw.-dän. etym. wb. 1399). kaum zu wiege gehört preusz. wischle berceau Schrader dt.-frz. 2 (1784) 1642; wische wiege Hennig pr. (1785) 303; wiśche, wischke Frischbier pr. 2, 475, hier mit wišchen 'einschläfern' zu der beschwichtigenden interjektion wisch wisch und schwed. vyssja 'einlullen, einschläfern', vyss (interj.) gestellt. vgl. aber noch wischeln 'schaukeln' Mensing schlesw.-holst. 5, 667, das möglicherweise zu wiegeln (s. d.), wiggeln, wigelwageln 'schaukeln schwanken' gehört (vgl. wischelwaschel name der gans im rätsel Mensing a. a. o.).
bedeutung und gebrauch.
1)
cuna, das zum schaukelnden schwingen eingerichtete kinderbett. zur sache vgl. Müller-Mothes archäol. wb. (1877) 986ᵃ; H. Plosz das kind in brauch und sitte der völker (³1911) 1, 251 ff. Renz. die bauarten sind verschieden; in erster linie kommt die bekannte form mit querkufen in betracht, die auf bildlichen darstellungen für Deutschland seit dem frühen 13. jh. nachzuweisen ist, doch waren noch in der zweiten hälfte des 19. jhs. in verschiedenen landschaften hängewiegen in gebrauch (hierzu wohl: fascium eyn wyege [15. jh., md.] Diefenbach gl. 226ᶜ; vgl. unten Kramer). in längsrichtung schwingende standwiegen, wie in Schweden, scheinen in Deutschland nicht festgestellt zu sein. ob die doppelheit der bezeichnungen wiege — wage (von anderen synonymen abgesehen) in älterer zeit mit sachunterschieden zusammenhängt, ist nicht zu ermitteln. Kramer verzeichnet hang- ò hangende wiege cuna pendente ò a cinghi, roll- ò wagen-wiege cuna a carriuola, schlingen-wiege cuna pendente ò a fascie, waltzen-wiege cuna da curli, cioè ordinaria, t.-ital. 2 (1702) 1347ᵃ:
do ich in der wigen lach
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 306, 17 Diemer;
daz ein wiege
vor an dînem fuoze iht stê
Neidhart 7, 28 H.-W.;
und ain wiegen mit ainem kind, die schwam ob dem waszer (bei e. überschwemmung) (Augsburg, mitte d. 15. jhs.) städtechron. 5, 68;
id rock dar vaste na der wegen,
ik hadde vyl na den doet ghekregen
Reinke de vos 5969 Leitzmann;
der wiegen und des wagbanckes hab acht,
der wagschnür, stroseke vnd ouch der windel
Straszburger ged. vom hausrat c 4ᵃ Hampe;
von ersten wickelt man sy (die neugeborenen kinder) in windel vnd in fätschen vnd legt sy gebunden in die wiegen Keisersberg granatapfel (1510) C 5ᵃ; wie herr Gotfridt Wernher zu seinem gemahl geen Oberbaden raiset ..., fand er ain jungs dechterle in ainer wiegen ligen Zimmer. chron. (²1881) 2, 519 Barack; dasz die klocken von sich selbst angeschlagen vnd die wiegen in häusern vngerüret gangen sind (vom erdbeben) Daniel Schaller theol. heroldt (1604) 78; andere sonderbahre säl hatten nichts anders in sich, als viel wiegen mit säuglingen Grimmelshausen Simpl. 440 Scholte;
aber zu allem ein nest rothbäckiger wähliger kinder,
wie aus dem teige gewälzt; und immer noch eins in die wiege!
J. H. Voss ged. (1802) 1, 171;
hier hatte Selinde manchen tag ... zugebracht, indem sie ... mit dem einen fusze das spinnrad und mit dem andern die wiege in bewegung erhalten ... hatte J. Möser s. w. (1842) 1, 128; die tante Amalie schickte die wiege, in der ihr vater gelegen hatte und dann sein sohn A. Seghers d. toten bl. jung (1950) 175.
2)
vielfach in sinnbildlichem gebrauch.
a)
als symbol des frühesten kindesalters; allgemein: dan sol die christenheit in yr krafft kommen, so musz man warlich an kindern an heben ... ich möchts wol leyden, das man in der wigen an hüb (1519) Luther 9, 218 W.; die sprache, so du in der wiegen aus dem süssen vorgeschwätze und gesäusel deiner mutter samt der milch eingesogen hast Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) zuschr. 10; man weihte dem mönchsstande kinder in der wiege Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 132. vgl. mnd. wêgenprêster und -ridder 'priester und ritter, der es schon in der wiege wird' Schiller-Lübben 5, 652ᵃ. oft in der verbindung noch oder schon in der wiege, wobei noch im älternhd. und schon etwa seit dem 18. jh. bevorzugt wird: der starb ... noch in der wiegen Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 106ᵇ; wie mancher stirbt schon in der wiege Drollinger ged. (1743) 115. — den krönten die vngarischen landtsherren noch in der wiegen zu jrem könig Stumpf Schweizerchron. (1606) 23ᵇ; Christina, die in der wiege schon zu seiner (Gustav Adolfs) nachfolgerin erklärt war Schiller 8, 153 G. — ward Margaretha ... noch also jung in der wiegen ligend dem jungen Carlen ... vermehlet S. Münster cosmogr. (1550) 164; sie sind schon in der wiege von beyderseits ältern an einander versprochen worden Gottsched beob. (1758) 407. sonst aber auch:
der kinder mund, die an den brüsten liegen,
redt schon von dir ohn reden in der wiegen
Opitz bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 1, 244;
ihr lagt noch in der wieg', als euer vater,
graf Ulrich, starb
Bauernfeld ges. schr. (1871) 5, 38.
α)
gern in wendungen wie das kind in der wiege nicht verschonen non perdonare il bambino nella cuna Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347ᵃ:
dô sluoc man dar inne   man unde wîp
der kindel in den wiegen   verlôs dâ manegez sînen lîp
Kudrun 1501, 4 S.;
laist uns bizide in wederstain,
of si soilen dat kint in der weigen slain
(Köln, 2. hälfte d. 13. jhs.) städtechron. 12, 184;
da würgt man ... jung und alt ..., ja auch die kinder in der wiegen 2. Makk. 5, 13; solts kinds in der wieg nicht verschonen Rollenhagen froschmeuseler (1595) Ss 7ᵃ; das kriegsvolk hat da weder alt noch jung verschonet ..., nicht der kinder in der wiegen Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 22.
β)
von der wiege an, auf o. ä., von frühester kindheit an, vielfach hyperbolisch:
wan ir minne gap sie mir
in der ersten stunde,
dô sie reden begunde;
...
unz her von der wiegen
sô pflac ich ir immer sît
Heinrich v. d. Türlin krône 4955 Scholl;
Cymon Miliciades sun von Athen was so tumb und so dol von der wiegen seiner mueter, daz er geacht ward fuer einen offenwaren narren (Heinr. v. Mügeln 1369) in: mitt. d. hist. ver. f. Steiermark 46 (1898) 20; (der weg des herrn) den wir von der wiegen vnd jugend vff gelernet hand S. Hätzer acta oder geschicht (1523) c 2ᵃ;
sein aufgeweckter sinn,
der stund von wiegen an schon allbereit dahin,
wo mehr von künsten ist
Fleming dt. ged. 1, 52 lit. ver.
wären sie (Goethe) als ein Grieche ... gebohren worden, und hätte schon von der wiege an eine auserlesene natur und eine idealisierende kunst sie umgeben, so wäre ihr weg unendlich verkürzt (1794) Schiller br. 3, 473 Jonas; von diesen ... sei er von seiner wiege an verfolgt worden Ranke s. w. 15 (1875) 37. als kuriosität sei vermerkt:
die musen wiegen-auf um dich gewesen sind
S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 317.
γ)
kaum der wiege entwachsen und ähnliche verbale umschreibungen für eine frühe kindliche altersstufe:
die gwonheyt ist zuͦ disser frist,
das man die kinder zeücht uff kriegen.
sobald sie dann gondt ausz der wiegen,
so muͤssens degen an in han
Wickram w. 5, 7 lit. ver.;
und als es kaum aus der wiegen kommen, hat man es den schulmeistern befohlen S. Feyerabendt ungar. chron. (1581) 95ᵇ; ein vater lacht über die empfindlichkeit, den ehrgeitz, die habsucht eines kindes, das kaum der wiege entwachsen ist Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 114.
δ)
von der wiegen bis in das grab Eyering proverb. copia (1601) 2, 347; von der wiege an bis ins grab Wieland Agathon (1766) vorbericht. jünger: von der wiege bis zum grabe ... ist die physiognomie der grund von allem, was wir thun und lassen Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 49; E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 244; Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 11. auch von der wiege biss zur baare Günther ged. (1735) 288; Körner w. 2, 216 Hempel.
b)
als sinnbild für geburtsort und stätte der kindheit.
α)
öfters in umschreibungen wie wo meine wiege stand:
himmlische auen,
wo meines daseins wiege stand
E. M. Arndt s. w. 5, 9 R.-M.;
Gustav Wasa gehört nach Rundhof in Angeln, denn seiner urgroszmutter ... wiege stand dort Dahlmann gesch. v. Dännemark 3 (1843) 98; (die urgroszeltern) liegen in dem boden, aus welchem wir aufgewachsen sind; wo ihre wiege stand, das weisz niemand mehr zu sagen (1866) Raabe s. w. I 6, 486; zu Hanau ... hat einst ihre (der brüder Grimm) wiege gestanden Scherer kl. schr. (1893) 1, 4.
β)
schon früh, doch unhäufig, in direkter anwendung: die weil Bethleem geweyet was tzu seyner wigen ader kindheit M. Risch paraphrasis Erasmi (1524) E 4ᵃ; die wiege meiner mutter war die schöne, vom bande des Neckars umschlungene felseninsel Laufen Kerner bilderb. (1849) 35.
c)
als metapher für den ursprung einer sache, die stätte ihres aufkommens, erstarkens, gehegtwerdens usw.:
o augen braun und klar,
schwartzlecht und hell, wie plitz und dunder,
der schönheit und lieb wieg und bahr
Weckherlin ged. 1, 479 lit. ver.;
schöne wiege meiner leiden,
schönes grabmal meiner ruh,
schöne stadt, wir müssen scheiden
Heine s. w. 1, 31 Elster.
zufrühest in der wendung etwas liegt noch in der wiege: da die kirch noch in jhrer kindheit war vnnd lag noch inn der wiegen Fischart binenkorb (1588) 18ᵃ; die electricität ist gleichsam noch in der wiege Titius betrachtung üb. d. natur (1783) 1, 204; der griechische kunstsinn war schon völlig entartet, als die theorie noch in der wiege lag Fr. Schlegel s. w. (1846) 5, 147. sonst seit dem ende des 17. jhs. allgemein gebräuchlich: disteln sind der tugend wiegen Lohenstein Arminius (1689) 1, 65ᵇ; daher sie (die poesie) auch der unvergleichliche Lohenstein die erste wiege der weiszheit genennet Neukirch anfangsgründe z. teut. poesie (1724) 2; der staat, die wiege der menschlichkeit, ist ihr sarg geworden Börne ges. schr. (1829) 7, 38; die phantasie ist immer ihre (der theorie) wiege Boltzmanm popul. schr. (1905) 77. meist wird diese ausdrucksweise auf ganz bestimmte gegenstände angewendet, nämlich
α)
die künste und andere güter der geistigen und materiellen kultur: die Ägypter, deren vaterland doch die wiege der schönen künste gewesen anmuth. gelehrsamk. 5, 541 Gottsched; so wird Wien ganz gewisz unsern nachkömmlingen als die wiege des guten deutschen theaters bekannt werden Ayrenhoff w. (1814) 5, 228; dasz Creta die wiege der griechischen bergbaukunde und metallurgie gewesen ist Böttiger kl. schr. (1837) 1, 67 anm.; die wiege des christenthums ist Syrien Mommsen röm. gesch. (1894) 5, 586. auch wie unter b α: hier (in Heidelberg) ... stand die wiege der neuen romantischen schule Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 309; dasz die wiege unseres entriticum-stammes in Zentralasien gestanden habe Hoops waldbäume u. kulturpfl. (1905) 315.
β)
die menschheit: die wiege des menschlichen geschlechtes zu entdecken J. v. Müller s. w. (1810) 1, 25; Asien ..., weil es für ... die wiege des ganzen menschengeschlechtes ... bestimmt ward Ritter erdkde (1822) 2, 58; dass in Nordamerika die wiege der menschheit gestanden haben könnte Peschel völkerkunde (1874) 33; wiege der menschheit Hermann Jettchen Gebert (1954) 110. so auch: die universalgeschichte des ganzen menschlichen geschlechts — von seiner wiege an bis zu seinem männlichen alter Schiller 1, 155 G.; ihre (der völker) geschichten, von ihrer wiege bis auf unsere zeit Ritter erdkde (1822) 1, 4.
γ)
städte und siedlungen: hier ist keiner, dessen ahnen nicht um Genuas wiege standen Schiller 3, 114 G.; die berglehnen sind bis oben bebaut und ihre thäler die wiege freundlicher dörfer Gaudy s. w. (1844) 5, 38; einige kleine inseln, dazu bestimmt, die wiege Venedigs zu werden J. Schlosser präludien (1927) 103.
δ)
flüsse und bäche: da alle hauptströme ... in Asien und in Afrika ... ein hochland zur wiege haben Ritter erdkde (1822) 1, 341; das thal, ... das die wiege des ihnen begegnenden baches war Stifter s. w. 1 (1904) 238; in einem öden, wohnungsleeren thale, an der wiege des Isarflusses Barth Kalkalpen (1874) 284.
ε)
ferner:
bis zu des sturmes wiege,
zum hahnenbalken hoch
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 382;
berge, die er seinem himmel
als die letzten säulen gab,
wiege seiner wetterwolken,
seiner adler einsam grab
Herwegh ged. e. lebendigen (1843) 2, 42.
d)
sonst noch in verschiedenen redewendungen.
α)
jemanden aus der wiege werfen 'ihn brüskieren': gecken lassen sich bald entrüsten, narren wirfft man bald ausz der wiegen S. Franck sprüchw. (1541) 2, 174ᵃ; ich hab in (den andersgläubigen schwäher), yetzt am freytag acht tag, gar ausz der wiegen geworffen Hans Sachs 22, 69 lit. ver.; solchen löblichen ... herrn ... dergestalt zu tractiren, und, wie man zu sagen pflegt, sogar aus der wiege zu werfen (1650) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 5, 423 Erdm.; den Römern einen dienst zu thun oder zum minsten selbte nicht gar aus der wiege zu werffen Lohenstein Arminius (1689) 1, 71ᵇ; man läszt jedermann seine weise ..., um niemanden aus der wiege zu werfen Schwabe belust. (1741) 2, 7.
β)
ich bin in der wiege auch gewiegt Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 38; mit die wieje bin ik schon jewiejt damit betrügt man mich nicht mehr Brendicke Berlin 193ᵃ:
ich bin zuvor auch schon mit dieser wieg gewigen,
es halten nicht den stich sich die unverschemten lügen
Reinicke fuchs (1650) 284.
γ)
in der wiege ersticken, gewöhnlich transitiv, im 17. und 18. jh. für wohl jüngeres im keime ersticken (s. ³keim 5 c, teil 5, sp. 453 und vgl. den ersten beleg): muste der h. reichskantzler ... dahin ... trachten, das ..., wo der sahme einiger dissidentz vnd mistrawens sich ereugte ..., derselbe bey zeiten vnterdrucket, ja in der wiegen gleichsamb ersticket ... würde Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 95; dasz ein solch rühmliches ... fürhaben ... gleichsam in der wiege erstikken und zu grunde gehen solte Neumark neuspross. teutsch. palmbaum (1668) 324; Heinrich, um das übel noch in der wiege zu ersticken, gieng nach Sachsen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 349; im anfang der unruhen, ... wo ein rascher entschlusz und männliche stetigkeit die rebellion noch in der wiege erdrücken konnten Schiller 7, 18 G.
δ)
es ist ihm nicht in der wiege gesungen worden 'schien ihm nicht bestimmt zu sein': es ist ihm, spricht er, in der wiege nicht vorgesungen, dasz es ihm so gehen werde Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 601;
auch mir wards vor der wiege nicht gesungen,
dasz ich nur darum meinem ehgemahl
nach Palästina folgen würd, um da
ein Judenmädchen zu erziehn
Lessing 3, 37 L.-M.;
diese verwandtschaften ... machen ordentlich eine person aus ihr; so was ist ihr nicht an der wiege gesungen (1839) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 335 Schulte-K.; es ist dem protestantismus nicht an der wiege gesungen worden, dasz er einst wieder kraftlos hinter dem katholizismus einherschleichen sollte F. J. Schmidt d. niedergang d. protestantism. (1904) 26; der glückspilz! ... es ist ihm nicht an der wiege gesungen worden Th. Mann s. w. (1955) 4, 562.
ε)
es ist ihm in die wiege gelegt, gebunden 'eignet ihm von hause aus': wohlgefälligkeit, diese gabe des himmels, war ihr nicht in die wiege gelegt worden Laube in: Westerm. monatsh. 49 (1881) 555 (Louison); der gedanke der deutschen einheit ... war diesem stolzen reichsfreien herrn in die wiege gebunden Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 271; es war damit der mittelalterlichen grabplastik schon in die wiege ein zwiespalt gelegt, der nie ganz zum austrag kam: gelegte standfigur? oder wirkliche liegefigur? Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 184; der blick nach dem süden ist der Augustusstadt (Augsburg) fast in die wiege gelegt Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 301.
ζ)
nur hin und wieder knüpft die auffassung an die bewegung der wiege an: dasz es uns nicht anders in solchen sturme war, als wenn wir in einer wiege geboyet würden wie die kleinen kinder Chr. Reuter Schelmuffsky (vollst. ausg.) 36 ndr.; etliche (advokaten) seynd wie ein wiegen, die allezeit da bald hin, bald her wanckt A. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 63;
wehe dem fahrzeug, das jezt unterwegs
in dieser furchtbarn wiege wird gewiegt
Schiller 14, 370 G.;
dasz (in Florenz) die breiten platten das pflaster ganz verdrängt haben. da fährt sich's wie in einer wiege Gaudy s. w. (1844) 2, 72; du bist ein leidlicher reiter, trotz deinem hohen alter, ... freilich, die mähre geht wie eine wiege A. Sperl d. söhne d. h. Budiwoj (1927) 417.
3)
wiege in übertragenen verwendungen als sachbezeichnung, meist für geräte und technische vorrichtungen, die, in tätigkeit gesetzt, eine schaukelnde bewegung ausführen.
a)
vereinzelte belege aus dem spätmhd. und frühnhd.
α)
der erst sturm. primo zu der grossen pühssen 12 pfert, item zu der wigen 16 pfert (Nürnberg 1388) städtechron. 1, 177 ('name einer büchse oder theil einer geschützausrüstung?' glossar 500ᵇ).
β)
von einem folterinstrument, statt des sonstigen wage (s. d. III 7 n, teil 13, sp. 366 und vgl. ¹wiegen B 2 d 'foltern', statt wägen): der zuchtiger (scharfrichter) sei ewer richter vnd binde euch sprechende vor mir in sein wigen! (la.: in sine wagen) ackermann a. Böhmen 11, 21 B.-B. (nebst anm. s. 217f.).
γ)
'senke': (ein unwetter hat) im Winzerer perg in einer wiegen ... ein guten tail eins weingarten ..., stöck und erd, herab tragen (Regensburg, mitte d. 16. jhs.) städtechron. 15, 15. vgl.: wiege bedeutet in den oberschwäb. flurnamen in der wiege, obere, untere wiege 'senkung im gelände' Miedel oberschwäb. orts- und flurnamen (1906) 12.
b)
granierstahl, gründungseisen, ein bei der sog. schabmanier verwendetes, etwa petschaftförmiges gerät der kupferstecher mit einer länglich-rechteckigen, gebogenen und scharf gezähnten arbeitsfläche. die kupfer- oder stahlplatte wird hiermit vorbereitend körnig aufgerauht, so dasz sie völlig schwarz druckt; danach werden die 'lichter' der zeichnung durch stufenweises glätten mit dem schabeisen herausgearbeitet.gebucht u. a. bei Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 646ᵃ; Voigtel wb. (1793) 3, 638ᵃ; Soltau beitr. (1806) 79ᵇ; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932ᵃ.
c)
soviel wie wiegemesser (s. d.), eine bogenförmige, an beiden enden mit griffen versehene klinge oder doppelklinge zum zerkleinern von fleisch, küchenkräutern usw.; gebucht u. a. bei Soltau beitr. (1806) 79ᵇ; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932ᵃ.
d)
eine vorrichtung beim stapellauf, bestehend in einem drehbar gelagerten abschnitt der stapelung, dessen fläche beim aufschwimmen des hinterschiffes mit dem schiffskörper kontakt hält; vgl. Hoyer u. Kreuter technol. wb. (1902) 1, 849; Eichler vom bug zum heck (1954) 465.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1517, Z. 23.

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Zitationshilfe
„wieche“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wieche>.

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