Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

wied, wiede, m.

wied(e)(n)baum, m.
(vgl. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 5, 619). 1) viburnum lantana, dass. wie wiede 4 c: schlingbaum, wiedebaum viburnum Calvisius thes. lat. sermonis (1666) 35; viburnum lantana wiedbaum Reinwald Henneberg (1793) 1, 211; widenbam (Berner Oberland) schweiz. id. 4, 1249. 2) frangula alnus (in dieser bedtg. ist das 1. element = weide, s. Marzell 2, 483): wiede-baum wird an einigen orten der faulbaum genannt, weil sein holtz wegen seiner zähigkeit vor andern gut zu wieden zu gebrauchen ist Zincke allg. öcon. lex. (1744) 3202; von dem patscherpen, scherpken- oder haubeeren-holtze, theils orten auch pabst- und wiede-baum genannt Döbel neueröffn. jägerpract. (1754) 3, 17; der wiedebaum Adelung 4 (1801) 1530. 3) prunus padus, der traubenkirsch- oder vogelbeerbaum: wiedebaum Nemnich dt. wb. d. naturgesch. (1796) 645; Campe 5 (1811) 706. 4) weidenbaum, dass. wie wiede 4 a: wedenboom Richey id. Hamburg. (1755) 336; wiedebam Follmann Lothr. 541. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1499, Z. 7.

wiede, f.

wiede, f.,
binderute. ein alter -ti-stamm *wiþi (und wiđi-?), der auf das dt. beschränkt ist: ahd. uuithi pl., uuid, uuit, mhd. wid(e), wit, f.; as. with (dazu das kompositum stierwith 'ruderring'); mnl. wede, f., neben sich jedoch einen in der bedeutung z. t. abweichenden westgerm.-nordgerm. jô- oder jôn-stamm (wodurch im westgerm. geminata -þþ- bewirkt wird) hat (ahd. witta, f., 'haarband' ist aus lat. vitta entlehnt, s. Schatz § 195): mnl. wisse '(weiden)zweig, band, strang'; nnl. wisse, f., 'durch zweige zusammengebundene menge (brenn) holz'; afries. withthe, f., 'halsband'; ags. wiþþe, f., 'weidenzweig, riemen, strick'; nengl. with(e); anord. viđ (gen. viđjar), viđja, f., 'gedrehtes band'; norw. vidja, f., 'weide, gedrehter zweig'; dän. vidje 'rute, weide'; schwed. vidja 'weidengerte' (daraus entlehnt finn. vitja 'kette' Collinder d. urgerm. lehnwörter im finn. 1 [1932] 53) sowie einen got. ô- oder ôn-stamm im kompositum kunawida, f., 'fessel'; vgl. ahd. khunawithi 'catenae' und ags. cynewiđđe 'diadem'. wie ahd. wîda, nhd. weide, gr. ἰτέα 'weide', lat. vītis 'rebe', lit. vytìs 'rute, gerte' gehört das wort zur idg. wurzel *u̯ei- 'drehen, biegen', die vielfach auf biegsame zweige, flechtwerk usw. angewandt wird (Walde-Pokorny 1, 223 f.; Pokorny 1120 f.). das genus ist durchweg das fem.; frühnhd. und mundartlich begegnen gelegentlich das mask.: junger wid Sebiz feldbau (1580) 324; wit, m. Meisinger Rappenau 232 und das neutr.: die wede et das wied Stieler stammb. (1691) 2452; wed, wet, n. (neben dem fem. wede) Schambach Göttingen 290ᵃ. — die bei mhd. wide zu erwartende dehnung des stammsilbenvokals in offener silbe ist im hd. zufrühest aus dem 14. jh. bezeugt: bi der wied Tilo v. Kulm von siben ingesigeln 1146. daneben gilt jedoch auch weiterhin kürze, wie vereinzelte schreibungen mit doppelkonsonant zeigen: widde Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 26 807 Strehlke; widden Zimmer. chron. ²1, 428 Barack; witten Herberger hertzpostilla (1613) 1, 521; wedde V. Weber sagen d. vorzeit (1790) 2, 106. mundartl. ist die kürze heute im alem. u. westmd. meist bewahrt, während im bair.-österr. und ostmd. wie auch im nd. fast durchweg dehnung eingetreten ist. orthographisch konkurrieren im frühnhd. wid(e) und wiede, bis letzteres sich im 18. jh. durchsetzt. während Kramer noch zwischen wid und wied t.-ital. 2 (1702) 1341ᵇ schwankt, haben sich die wbb. seit Hayme jur. lex. (1738) 1333 für wiede entschieden. senkung des i˃e begegnetauszer im nd.gelegentlich im md.: restis wet (15. jh., md.) Diefenbach gl. 495ᵇ. — inlautendes t für d tritt häufiger bei ostmd. schriftstellern auf: wiedte Herberger hertzpostilla (1613) 1, 145; wiete Lohenstein Arminius (1689) 2, 626ᵇ; wieten (pl.) G. W. v. Rheinbaben poet. übersetzungen (1711) 76. vgl. mundartl. wîde, wîte, f. Weinhold beitr. z. e. schles. wb. 105; wîte, f. Knothe Nordböhmen 544. die flexion ist ursprünglich die eines fem. kurzen i-stammes, also nom. sg.: flagrum vuid (10. jh.) ahd. gl. 2, 374, 16 St.-S.; retorta wit (11. jh.) ebda 3, 287, 33; torta with (13. jh.) ebda 371, 34; dat. sg. im kompositum: temone sub uno untar eineru languidi (11. jh.) ebda 2, 361, 6 (langwiede teil 6, sp. 185 gehört nur formal zu wiede, der bedeutung nach stellt es sich zu wit 3 teil 14, 2, sp. 811); nom. pl.: loconie uuithi (ende 8. jhs.) ebda 1, 204, 37; so auch im kompositum: catene khunauuithi (ende 8. jhs.) ebda 38; akk. pl.: umbi cuoniouuidi (1. Merseburg. zauberspr.) kl. ahd. sprachdenkm. 365 Steinm. nach dem gen., dat. sg. mhd. wide (belege s. unten) ist ein nom.-akk. sg. mit -e gebildet: ein starkiu wide Wirnt v. Gravenberc Wigalois 6277 Kapteyn; die wide (akk.) kaiserchron. 15 141 E. Schröder, der nach und nach die endungslose form verdrängt. unter mundartlichem einflusz steht diese bisweilen jedoch noch nhd.: wid Leoprechting a. d. Lechrain (1855) 21. umgekehrt ist die endungslose form des ursprüngl. nom. im mhd. und frühnhd. vielfach für den gen., dat. sg. eingetreten: bi der wid des teufels netz 8538 Barack; mit ainer wid Hans Sachs 22, 409 lit. ver. während wiede nhd. im sg. stets stark flektiert, begegnet mnd. und frühnhd. vereinzelt auch schwache flexion: mit der weden (var. wedde) Eike v. Repgow Sachsenspiegel, landr. II 28, 3 Eckhardt; mit einer wieden Lonicerus kreuterb. (1593) 23ᵇ. der plural flektiert frühnhd. z. t. noch stark: wydde (nom. pl.; 1495) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 161 Brucker. aber bereits im 16. jh. hat sich die schwache flexion durchgesetzt (s. die belege unten). wiede bezeichnet einen zähen, biegsamen zweig (insbes. von der weide, birke), der (z. t. gedreht) allein oder mit anderen zweigen zusammengeflochten, anstelle eines seils oder bandes verwendet wird (zur herstellung einer gedrehten wiede s. Fischer schwäb. 6, 3417 s. v. widstange und widstock). das in simplex und kompositum seit dem 8. jh. bezeugte wort (belege s. oben) ist im ganzen dt. sprachgebiet verbreitet, kommt aber mit der sache heute mehr und mehr auszer gebrauch. jedoch verzeichnen es die mundartwbb. noch regelmäszig.
1)
im eigentlichen sinne:
nû sach er ûf dem wazzer sâ
vliezen einen kleinen vlôz,
den ein starkiu wide slôz
bî einem stecken zuo dem stade
Wirnt v. Gravenberc Wigalois 6277 Kapteyn;
do kunde er in kurtzer stund
bruchen sinen laitt hund
ze ainer wider (lies: wide er) geband
Göttweiger Trojanerkrieg 1543 Koppitz;
wir söllen in den wald gan und usz grünen gerten starke widen klenken (flechten) Steinhöwel Äsop 204 lit. ver.; djse reben werden bei vns nit vil inn der artznei genützet, ir brauch ist zu binden gleich den andern widen vnd seylern Bock new kreutterb. (1539) 2, 69ᵇ; ausz mitleiden schneid, drähet und machet er so viel wid aneinander ... dasz er ... mit dessen hülff den priester herauff zohe (aus der wolfsgrube) Kirchhof wendunmuth 4, 289 Öst.; nachdem das widschneiden ... ein grosse verwüstung der wäld ist, und man aber die wid auch wol ohn schaden bekommen, und davon zu einbringung der früchten nit empören mag Würtemb. ernew. vorstordn. (1651) 63; die besten (schilde d. Germanen) sind nichts anders, als aus weidenen wieten gemachte flechten Lohenstein Arminius (1689) 2, 1186ᵇ; (beim fischfang in einem eisloch wird) der pfahl durch die wieden durchgeschlagen, dasz die reusen an dem pfahle halten müssen Döbel neueröffn. jägerpract. (1754) 4, 98; wenn man die wiede zu viel umdreht, so bricht der knebel Kirchhofer schweiz. sprüchw. (1824) 153; (der korbmacher) hob bedächtig eine wiede vom boden auf Aurbacher ein volksbüchl. 2 (1839) 172. verwendungsarten:
a)
als strang zur hinrichtung. mhd. reich (s. Lexer 3, 947), frühnhd. noch vereinzelt bezeugt:
im (dem mörder) wære alze senfte ein eichîn wit umb sînen kragen
Walther v. d. Vogelweide ged. 85, 13 Kraus;
ûf den strâzen und ûf den wegen
was diu wagenvart gelegen:
die varent alle nû mit fride,
sît Helmbrecht ist an der wide
Wernher d. Gartenaere Meier Helmbrecht 1922 Panzer;
den dieb henkt man an ain wid,
damit so gewint die welt ain frid
vor den bœsen lüten
(14./15. jh.) des teufels netz 12 730 Barack;
also liesz er sie füeren auf den Eyberg an einander gebunden, da würget man sie mit widen und stricken an hohen galgen und baumen (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 151; er hett nit einn heller darumb er ein widt kauffet, daran er sich hencket S. Franck sprüchw. (1541) 1, 37ᵃ; wer desz nachts korn stilet, ... man soll uber jhn richten mit der wide S. Meichszner land- u. lehenrecht (1566) 46ᵃ. nhd. nur noch in archaisierender sprache: dann zog er eine flechte von weidenzweigen aus dem rockärmel und gab sie dem frohnboten ... die bauern murmelten und einer fragte: die wyd sehen wir, wo ist das schwert? Immermann Münchhausen (²1841) 4, 64. mundartl. noch der kommt an de widd wird gestraft Autenrieth pfälz. 151; Crecelius oberhess. 913. zur übertragenen bedeutung s. 3 a.
b)
als fessel:
in dirre bet (gebet) sô lôste sich
diu starke wide, dâ er mit
gebunden was nâch diebes sit
Wirnt v. Gravenberc Wigalois 6506 Kapteyn;
welich das (d. landfrieden) prechen,
das schol man also an in rechen:
mit ainer aichein wid
pint man in all ir glidt
Seifrit Alexander 3914 Gereke;
als in das der nachrichter (henker) heissen was, hat er ... alszpald die seul umbfangen, an die er ward gepunden mit einer wid und mit geiseln offenb. d. hl. Birgitte (1502) 4, 70; (die unholdin) bande jhm hände vnnd füsz mit einer starcken wied zusammen buch d. liebe (1587) 390ᵃ;
die sohlen aber glühten mittlerweile,
und die gelenke zuckten in der pein
dasz sie zerrissen hätten wied und seile
Gildemeister Dantes göttl. kom. (1929) 128.
c)
zum garbenbinden und bündeln von holz:
von dörrem holtz ein schwere last,
an eine wyd zu samen gfaszt
Burkard Waldis Esopus 1, 342 Kurz;
wann du nit schaub oder widen gnug hettest, die garben zubinden, so knüpff je zwei bande zusammen und mach grosse garben J. Kepler opera omnia (1858) 5, 556; ruten, die eines fingers dicke sind und wieden genannt werden, wenn sie gedrehet sind, kan man holz zusammen binden so feste als wie mit einem stricke qu. v. 1711 bei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 664; die anordnung, dass ... zum binden des getreides statt wieden strohseile verwendet werden sollten Schwappach hdb. d. forst- u. jagdgesch. (1886) 1, 364; die mädchen sammelten den männern die ähren in die wieden Auerbach Schwarzw. dorfgesch. 4 (1854) 330; vgl. Schmoeckel-Blesken Soest 333; Hofmann niederhess. 263; Autenrieth pfälz. 151; Kleemann Nordthür. 25ᵇ; Hentrich Eichsfeld 88; Fischer schwäb. 6, 755; Wanner Schaffhausen 25. 'auch nennt man wol die zum garbenbinden gebrauchten strohseile widden, doch sagt man dann meist strohwidden' (Niederhessen) Vilmar Kurhessen 452. zur übertragung s. 3 b.
d)
'die spannkette, wodurch der hinterpflug mit dem vordergestell verbunden wird (= plaugwed, plaugwêe), Schambach Göttingen 290ᵃ. so schon seit alters her:
ain yeglich pfluͦg
muͦsz haben genuͦg
nagel vnd wid,
vnd auch darmit
ain sech vnd ye ain schare
liederbuch d. Hätzlerin 105 Haltaus;
an etlichen orthen, da es gar leichte ecker, brauchet man darzu (als verbindungsglied zw. vorder- u. hinterpflug) nur geflochtene starcke weidene oder eichene wiedten M. Grosser kurtze anleitg. z. d. landtwirtschafft (1590) N 4ᵃ. vgl. das komp. grindelwiede teil 4, 1, 6, sp. 374.
e)
'daher heiszt auch an den ernte- und andern wägen der breite eiserne bügel mit zwey ringen, in deren einem die leiste und in dem andern die runge steckt, die leiter daran zu hängen, die wiede, weil sie an den gemeinen bauerwägen eine wahre wiede ist. sonst wird sie auch der leistbügel genannt' Adelung 4 (1801) 1530: der leiterwagen hat wieden (die leuchsenringe) J. Blau Böhmerwälder hausind. (1917) 1, 219. mecklenb. gilt das komp. lünswäd' Wossidlo-Teuchert meckl. wb. 1, 505. hierzu wohl schon: ez sol auch nieman umbe kaine wit noch umbe kainen spanraitel schuldig kainer ainunge sin (Reutlingen 1310) qu. bei Fischer schwäb. 6, 757.
f)
'die joch-wid, ring (von eisen), der die deichsel ans ochsenjoch hält. bey dem ärmeren wäldler ist die go'wid aus dicken birkenzweigen gedreht, bey den vermöglichen ist sie riemerarbeit' Schmeller-Frommann bayer. 2, 859: drei ochssen joch sambt riemen und wietten (inventar v. 1763) J. Blau Böhmerwälder hausind. (1917) 1, 219. vgl. das komp. jochwiede teil 4, 2, sp. 2332.
g)
als felgen: (die kalesche) hatt 4 röder, yedes nun von einem gleich gemacht, das ist eine starcke wüd von einem zechen holz, das sich in düe ronde büegen lest (1585) Kiechel reisen 101. ähnlich zur radreparatur:
(wenn das rad am wagen entzwei ist)
so beslechtz denn der schmid,
man bunds als wol mit ainr wid
des teufels netz 10 798 Barack.
h)
zum zusammenbinden eines floszes: ob einem flötzer eine wyde oder flotze anbreche, wo in dann ... der schade begrifft, da mag er am nechsten wyede oder bande hauwen und sin flotz wider heften (Heilbronn 1469) qu. bei Fischer schwäb. 6, 757; die tännin widen zugebrauchen und zuhawen (soll) gäntzlich verbotten seyn. es wäre dann an einem orth, da man die floszwid auszerhalb der tännin nicht füglich bekommen möchte Würtemb. ernew. vorstordn. (1651) 43. s. auch Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 931 sowie Schambach Göttingen 290ᵃ; Kisch vgl. wb. 248ᵃ.
i)
bei türen zum anhängen (anstatt türangeln) oder zum verschlieszen (anstatt des riegels):
do kamend wir gen Mowenhan,
da henkt man türen mit widen an
(bezieht sich auf ein ereignis von 1468)
schweiz. volkslieder 2, 47 Tobler;
dann dem Mitioni ist ein wol vszgebutzte vnd verschloszne (tür), aber dem Demea ein zerbrochne vnnd mit wyden gebunden Terenz deutsch (1499) 96ᵃ; wär aber einer vorhanden, der das thor muetwillig ader die widen abhacket, ist fällig dem ambtman 72 D ... auch ein eiserne ketten schuldig an das thar zu kaufen, weil im die widen zu schlecht soll sein (Steiermark 1570) österr. weist. 6, 156; smiəd hängt sine dör anne wiəd Woeste-Nörrenberg westfäl. 322ᵇ.
k)
'weidenrute oder -strick zum binden des rohres und strohes auf dem dache' Schumann Lübeck 23. vgl. dachwiden (rechn. v. 1770) Lexer Kärnten 257 (von Lexer als 'latten, stangen' gedeutet).
l)
als faszreifen: item springent aber reyfe oder wydde an den bütten oder stendelin abe, die alters oder fulheit halb brechent, darumb sol man sie (d. böttcher) strafen und nit dofür geben (1495) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 161 Brucker.
m)
'weidenrute; der länge nach geteilt und ausgeschalt zum binden von besen' Blumer Nordwestböhmen 2, 93: 25 000 besn zu binden in einem tag, dasz war eine unerträgliche plag, die dicke widn haben mir die händ alle zerschnitten Stranitzky lust. reyszbeschr. 20 Wien. ndr.
n)
zum schuhbinden:
es muͦss noch einer bezalen, der nit dran sint,
etwan ein armer pur, der die schuͦ mit widen bindt
(1524) Niclas Manuel 86 Bächtold;
bei reichen und armen, der seine schuch mit widen bindt, kümmerlich und mühlich sich nehret qu. v. 1609 bei Fischer schwäb. 6, 756.
o)
zum anbinden von pflanzen: stroppa wide, damit man die weinreben vnd andere ding binden kan Hulsius t.-ital. (1618) 2, 400ᵃ; so werden z. b. die bäume in den gärten mit wieden an die pfähle oder spalliere gebunden Adelung 4 (1801) 1530. vgl. auch Albrecht Lpz. ma. 237ᵃ; Danneil altmärk. 242.
p)
'wide, dim. widle zarte bindweidenrütlein zum zusammenkoppeln erlegter vögel, frösche usw.' Birlinger schwäb.-augsb. 432. zum übertragenen gebrauch s. 3 c.
q)
als allgemeines befestigungsmittel in haus und hof in der formel wiede und nagel: prunnenketten, aymer ... schluch, ligerlig mitt samptt allem dem, das wid und nagel höbbt (Tübingen 1493) qu. bei Fischer schwäb. 6, 757; (der vertriebene lehnsmann soll) nichs nit mit im ausz dem hausz fieren, wasz nagel und wid hielt (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 100 lit. ver. mundartlich: das gᵉschieht, und wenn wid und nagel bricht Fischer schwäb. 6, 758.
r)
weidenrute als setzling: ferner schall Lentze Kraberg, sine hawesfrow, ihre erben, oder wer den hoff in brukender where hadt, denselbigen hoff und acker in weren halten mit dem gebawete, thuenen, graffen, paten und wieden zu setzende (1524) Brandenb. schöppenstuhlsakten 1, 96 Stölzel.
2)
in vergleichen.
a)
(sich) drehen, winden wie eine wiede:
er (Gahmuret) want sich dicke als ein wit (auf d. nächtl.
lager vor liebesbegehren)
daz im kracheten diu lit
Wolfram v. Eschenbach Parzival 35, 23 Lachmann;
etliche (bäume) wie ein wied gedrehet, das sie uber der wurtzel spalten und brechen müssen C. Spangenberg Mansfeld. chron. (1592) 498ᵇ; einem den hals umdrehen wie einer wid Kramer t.-ital. 2 (1702) 1341ᵇ; (ein) gespenst, das einen weiszdornstock wie eine wiede zu drehen im stande ist Laistner nebelsagen (1879) 344. übertragen 'sich herauszureden suchen': er hat sich (wie man pflegt zu sagen) gewunden wie ein wid und ... vermeint sich ausszureden qu. v. 1605 bei Fischer schwäb. 6, 756.
b)
zäh wie eine wiede:
an im (dem widder) was anders niht wan horn
unde ein hût zæh als ein wide
Konrad v. Würzburg d. trojan. krieg 11 015 lit. ver.;
ohnlang hernach war ein anderer thumherr zimlichen alters und der jaren, doch nit allhie wonhafftig, sehr reich, der kärger und zäher denn ein eichen wid Kirchhof wendunmuth 3, 224 Öst.; so zäh wie eine widen Loritza Wien 143; Heinzerling-Reuter Siegerl. 324.
c)
'die redensart sur wi-n e wïd meint ganz bestimmt den herben geschmack der salix vitellina' Hunziker Aargau 296; s. u. wiedsauer.
3)
übertragen.
a)
von 1 a her metonymisch für 'hinrichtung durch den strang'. kaum über das mhd. hinaus belegt:
er sprach: mîn geleite   unde mînen vride
den wil ich in enbieten.   er büezet mit der wide,
der an iht beswæret   die unkunden herren
Kudrun 296 Martin;
hêr keiser, swenne ir Tiuschen fride
gemachet stæte bî der wide,
sô bietent iu die fremeden zungen êre
Walther v. d. Vogelweide ged. 12, 19 Lachm.-Kr.;
dô sprâchen sie umme einen vride
und lobeten den bie der wide
livländ. reimchron. 178 Meyer;
ez wær sun, tochter oder knecht,
dem künge kam ez allez recht,
ez wære urlig oder vride,
si muosten dienen bî der wide,
und muosten iemer eigen sîn
Boner edelstein 24, 38 Pfeiffer;
dann seine gebot dorst niemant brechen bei der wid des haubts V. Arnpeck s. chron. 503 Leidinger. insbes. in den formeln bî dem halse und bî der wide, bî dem swerte und bî der wide:
unz iz (d. kriegsvorbereitungen) diu chunigîn verbôt
bî dem halse und bî der wide.
si swuor, swer bræche ir fride,
si hiez in in dem sende houbten
kaiserchron. 10 068 E. Schröder;
sust wart geboten yn der fride,
bey dem swerte vnd bie der wyde
herzog Ernst 1434 in: dt. ged. d. mittelalters 1 v. d. Hagen-Büsching.
fest sind auch die verbalen verbindungen bannen bî der wide 'bei strafe des hängens für unverletzlich erklären':
der rât dûhte si alle guot.
si gewunnen slechtes einen muot
und gebuten einen vride:
der wart gebannen bî der wide
Dietrichs flucht 6948 in: dt. heldenb. 2, 164 Martin;
swern bî der wide 'beim tod durch den strang schwören' d. h. auf sich im falle eines meineids den tod durch den strang herabwünschen:
gedenkâ, tohter, daz ich dich truok,
und gewinne mir einen vride:
ich wil dir sweren bî der wide,
daz ich wil gerne wesen guot,
und lobe, swaz iuch dunket guot
frauenzucht 588 in: gesammtabenteuer 1 56 v. d. Hagen;
die wolfe kâmen über ein,
daz si gern wolten haben vride
(daz swuorens alle bî der wide
den hirten und dem vihe)
Boner edelstein 93, 10 Pfeiffer.
von hier aus wird bî der wide gelegentlich zur bloszen beteuerungsformel 'wahrhaftig':
wil man, als uns sayt di schrifft,
an sehn di do han gestift
den gelouben, so iz der lied
di man sal halden bi der wied,
nwer czwelve gar uber al
nach der czwelf apostel czal
Tilo v. Kulm von siben ingesigeln 1146 Kochend.
b)
von 1 c her: eene wye holt eine parthey holz von etwa drei fudern Strodtmann Osnabrück (1756) 285.
c)
von 1 p her 'die menge, die durch die rute zusammengehalten wird': wid vögel fasciculus avium Aler dict. (1727) 2, 2186ᵃ. in diesem sinne insbes. bair.-schwäb. in der form des diminutivs verbreitet (s. 6 b β).
4)
als pflanzenbezeichnung.
a)
weidenbaum: wiede salix viminalis, vitellina Frege botan. hdwb. (1808) 2, 140. diese wohl von 'weidenrute' (s. 1) übertragene bedeutung ist sonst nur mundartl. bezeugt. s. Mensing schlesw.-holst. 5, 553 ('vereinzelt'); Woeste-Nörrenberg westf. 322ᵇ; Leihener Cronenberg 134; Dähnert plattdt. (1781) 543; Frischbier pr. 2, 461; Spiess Henneberg 282; Fischer schwäb. 6, 758. von Campe 5 (1811) 706 als landschaftliche bedeutung gebucht.
b)
färberwau, gelbkraut: reseda luteola ... wiede Nemnich polygl.-lex. d. naturgesch. (1793) 2, 1141; Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 5, 619. vielleicht eine volksetymologische umdeutung von waude (teil 13, sp. 2607).
c)
schneeball: wide viburnum lantana Marzell a. a. o. 5, 619. die biegsamen zweige dieser pflanze werden als faszreifen sowie als flecht- und bindematerial verwendet, s. d. gr. Brockhaus 16 (1933) 740.
d)
zur vereinzelten anwendung auf weitere pflanzen s. Campe 5 (1811) 706; Marzell a. a. o. 5, 619.
5)
sonderbedeutungen.
a)
haarband als kopfputz unverheirateter frauen: welliche junckfrow zu tenntzen unnd hochzeytenn eynen kranntz, harbanndt vnnd gefrenns tragen will, die soll nachfolgend zu eynichen tanntz oder hochzeyt kayn perlene wyd oder pennttel nit tragen oder gebrawchen. weliche junckfrow aber wyde, harbanndt, pennttel und gefrenns tragen wollte, die mag das auch thun, doch der mass, das solliche wyde harbanndt, pennttel unnd gefrenns mitsambt allem hawbtgeschmuck ... den vermelten werdt der viertzig guldin nyt ubertreffe (15. jh.) Nürnberger polizeiverordn. 101 lit. ver.; (den töchtern der nicht vornehmen werden) die zum theil von gold gezierten widen, die doppeltaffetene zöpf und die seiden nestel ins haar (verboten) kleiderordn. v. 1626 bei Schmeller-Fr. bayer. 2, 859. dagegen ist ahd. witta 'haarband' aus lat. vitta entlehnt, s. Schatz ahd. gr. § 195.
b)
die wiede ein an beyden enden ausgezacktes holz an dem weberstuhle, und besonders an dem kammblatte und den tritten Adelung 4 (1801) 1530.
6)
diminutiva.
a)
im eigentlichen sinne.
α)
zu 1 allgemein: resticulus wydichin (anf. d. 15. jhs., obd.) Diefenbach gl. 495ᵇ; das selbig nest henken sie mit einem reinen widlein zu vorderst an ein estlin eines datelbaums, disz thuͦn sie darum, das innen das gewürm die iungen nit essen L. Friesz cartha marina (1530) B 4ᵇ.
β)
zu 1 o: die wein-bögen (werden) über dem pfal ... mit einem kleinen wiedgen angehefftet Rohr hauszhaltungsbibl. (1716) 163.
γ)
zu 5 b: die spinnerin hat auf der spule ihres rades ein spitzes holz, das wie'l, stecken J. Blau Böhmerwälder hausindustrie 1, 219.
b)
übertragen.
α)
wohl von 1 c aus 'bürde, bündel' (vgl. 3 b): wer der wär der nach sant Jorgen tag graset in dem sweren trait und begriffen wiert, der allewegen von ainem wittel (andere hss. korb oder färtl) 12 D zu wandl verfallen ist (anf. d. 16. jhs.) österr. weist. 7, 296 (zugehörigkeit zu wiede ist jedoch nicht sicher).
β)
zu 3 c: anno dni 1522 ... da waren die lerchen teur; man gab 1 widlin, daran 4 lerchen waren, umb 10 pfening (Augsburg) städtechron. 25, 178; ein wiedel vögl (gewöhnlich vier vögel), ein wiedel frösche zu fünf und zwanzig Westenrieder (1816) 673; (die 7 Schwaben) trugen zusammen, mann für mann, den spiesz, und sahen schier aus, wie ein widle gespieszter lerchen Aurbacher ein volksbüchl. (1835) 197; ein widlein rueben rüben am kräuterich zusammengebunden Schmeller-Fr. bayer. 2, 858.
γ)
unterabteilung des garns auf der spule; vielleicht so genannt, weil die fäden früher mit einer kleinen wiede abgebunden wurden. besonders in Österreich verbreitet: in Wienn und Graͤz wird der leinerne stren in widel abgetheilt, welche nach gutdünken unterbunden werden ohne die fäden zu zählen Popowitsch versuch (1780) 566; das widel garn eine gewisse anhäufung der gesponnenen fäden an der spule Höfer österr. (1815) 3, 290; dabei besteht jeder schneller aus 560 umwindungen des ... haspels oder, da davon immer 80 solcher windungen oder weifen unterbunden werden, aus 7 gebinden oder wiedeln Prechtl technol. encycl. (1830) 20, 125; Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 10, 699.
δ)
'wiedel oder wietel käsequirl, bestehend entweder a) in einer geschälten jungen fichte oder tanne, deren untere wirbel-äste nach dem stamm bogenförmig zurückgeführt sind, oder b) in einem stab, welcher mit ähnlichen sich kreuzenden bogen aus spanischrohr versehen ist, oder c) in einem stab, welcher kreuzweis mit geraden holzstiften durchsteckt ist. Steiermark' Martiny wb. d. milchwirtsch. (²1907) 138.
c)
als pflanzenbezeichnung. zu 4 c: viburnum wedeken (Köln 1507) Diefenbach gl. 617ᶜ; wydlin (15. jh. u. Augsburg 1512) ebda; wiedel viburnum lantana Nemnich dt. wb. d. naturgesch. (1796) 645; als genus gibt Campe 5 (1811) 706 mask. und neutr. an.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1499, Z. 36.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„wiede“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiede>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)